02.11.2008 in Habenhausen Predigt am 24. So. nach Trinitatis, 2. November 2008, SP

Sunday, November 2, 2008 10:29:00 AM Categories: Archiv '06 - '08 in Habenhausen

„Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären, wie ich, aber jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so.“

Über diesen Satz habe ich schon herzlich gelacht. Vor allem über seine erste Hälfte.

„Ich wollte...lieber, alle Menschen wären, wie ich“.

Im ersten Impuls habe ich dem Apostel zugestimmt. Na klar. Das wär’s. Ich bräuchte mich nicht mehr zu ärgern, nicht mehr aufzuregen, nicht mehr fassungslos mich zu fragen: Wie kommt das bloß, daß die das ganz anders sehen oder machen, als ich? Herrlich. Ich würde alle verstehen und noch besser: Alle würden mich verstehen! Und nicht nur verstehen, sondern auch schätzen und toll finden.

„Ich wollte lieber, alle Menschen wären, wie ich“

Wir wären einig. Wir würden uns über die gleichen Dinge freuen, über die gleichen Dinge ärgern. Wir hätten die gleichen Bedürfnisse und Bedürftigkeiten. Da, wo sie stark sind, die andern, ihr, da wäre auch ich stark und umgekehrt. Herrlich.

Man bräuchte nicht mehr viele Worte zu machen, keine langen Predigten zu halten, keine ewigen Sitzungen, es gäbe keinen Streit mehr: Ihr wärt ja alle, wie ich und ich, wie ihr.

Aber haltet mich nicht für unsensibel. Während ich gerade mich begeistern kann, für diese Idee, merke ich natürlich, daß es einigen von euch schaudert: SOO sollte ich sein, wie der? Um Gottes Willen!

Na, ja, nun ist der Satz nicht von mir, sondern vom Apostel Paulus. Und der hat ihn gar nicht so als grundsätzlichen Satz hingeschrieben, sondern man hat ihn etwas gefragt. Der Satz gehört in die Antwort auf eine Frage. Der Apostel Paulus war auch so etwas, wie ein Ratgeber, wie eine Kummerkastentante. Wenn die Christen nicht genau Bescheid wußten, wenn es Streit gab in der Gemeinde, wenn die einen dies gesagt haben, die anderen das Gegenteil und alle beharrten auf ihrem Recht: Dann haben sie einen Brief geschrieben. Ok. Wir brauchen einen Schiedrichter. Paulus schall dat maken. Und sie haben ihn also wegen folgender Sache gefragt:

Wie ist das mit dem Sex? Wir warten auf Jesus. Daß der vom Himmel kommt. Wie ein König auf den Wolken. Wir denken, das dauert nicht mehr lange. Und dann wird alles, was hier auf der Erde ist, verwandelt in das Paradies. Aber vorher wird abgerechnet. Das werden schwierige Zeiten sein. Wie lange wird das noch dauern? Und wie müssen wir uns vorbereiten? Was heißt also ein christliches Leben führen?

Können wir alles so weitermachen, wie bisher? Sollen wir unsern Beruf haben? Karriere machen? Familien gründen? Sollen wir uns verlieben und Schmetterlinge im Bauch haben? Und wenn wir Lust haben, sollen wir dann Sex haben, als ob alles so wäre, wie immer? Es ist aber doch die Zeit, kurz bevor der König Jesus vom Himmel kommt! Müssen wir nicht vielmehr fasten, Buße tun, beten? Sagt jetzt nicht: Das sind aber komische Fragen! Ihr wißt ja, daß die katholischen Priester und Mönche nicht heiraten dürfen. Das hängt genau mit diesen Fragen zusammen.

Es gab damals, wie heute, sehr verschiedene Meinungen dazu und also gab es auch Streit darüber.
In der Gemeinde gab es nämlich einige Strenge. Die kuckten nicht nach rechts und links. Die gingen den geraden Weg. Den Weg des HERRN, wie sie meinten. Die legten keinen Wert mehr auf die Erde. Die hatten Haus und Hof aufgegeben, ihre Familien verlassen. Die fasteten und beteten und machten sich die Hände nicht mehr schmutzig mit den Dingen dieser Welt. Und Sex und Drugs und Rock  n Roll ging gar nicht. Und die stritten nun mit den anderen in der Gemeinde. Sie stritten um den rechten Weg. Und im Grunde dachten sie und sagten das wohl auch:

„Wir wollen, daß alle so sind, wie wir!“

Und da lachte niemand drüber. Denn das war ernst gemeint. Und diese strengen Männer und Frauen des geraden Wegs hatten gar nichts dagegen, den Apostel Paulus um Rat zu fragen. Denn sie wußten: Der geht auch den geraden Weg. Der hat auch keine Frau, der lebt auch ganz für den Herrn Jesus. Der wird uns bestimmt echt geben. Und  sie schreiben also einen Brief mit der Frage: Hochverehrter Apostel. Wie ist das eigentlich mit Männern und Frauen? Dürfen die sich berühren? Dürfen die Spaß miteinander haben? Antworte uns bitte.

Und Paulus antwortet:

„Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären so, wie ich..., aber jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so.“

Da ist der wirklich über seinen Schatten gesprungen. Und das heißt für uns, daß wir das auch tun sollen. Über unseren Schatten springen. Uns einlassen mit Ideen, Gedanken, Haltungen, die vollkommen anders sind, als unsere eigenen. Mit Menschen zu tun haben und sie annehmen, obwohl sie das Gegenteil von dem wissen, schätzen, können und tun, was wir für richtig halten.

Phantastischer Satz:

„Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären so, wie ich..., aber jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so.“

Wie oft passiert mir das, daß ich mich über Leute aufrege. Weil die einfach bestimmte Dinge, die mir vollkommen selbstverständlich sind, nicht machen! Weil die da lax und großzügig sind, wo ich streng bin. Wie kann man nur so sein! Ich kann mich manchmal aufregen! Aber dass die Leute sich oft genug über mich aufregen, das kann ich denn wieder gar nicht verstehen...

Zur Frage mit Mann und Frau sagt Paulus: „Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren“. Paulus glaubt, das ist eine Gabe, wenn man das nicht braucht. Er nennt das ein „Charisma“. Eine Gabe, die Gott gibt. Die Gabe, auf Sex verzichten zu können. Heute, in dieser total übersexualisierten Medienwelt, wo einem sexuelle Anreize überall entgegentreten, ob’ s paßt, oder nicht, kann man das, glaube ich, wieder besser verstehen. Daß es auch gut ist, wenn man da unempfindlich ist. Wenn man das nicht braucht. Paulus hat diese Gabe.
Andere nicht. Viele Männer und Frauen sind dafür nicht gemacht. Die können das nicht und die können also nicht sein, meint Paulus, wie ich bin. Soll ich deswegen auf die herabschauen? Soll ich sie deswegen verdammen, weil sie nicht können, was ich kann? Ich muß Regeln finden, wie es trotzdem funktioniert. Für das Thema Mann und Frau sagt Paulus: Wenn ihr nicht enthaltsam leben könnt oder wollt- dann heiratet, und dann könnt ihr richtig mit Leib und Seele füreinander da sein. Da dürft ihr Sex haben, den dürft ihr auch genießen.

„Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären so, wie ich..., aber jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so.“

Ich hab eben gesagt, Paulus springt über seinen Schatten. Ja, ja. Das tut er. Aber nicht, weil er so tolerant ist. Toleranz ist hier nicht das Thema. Also: Auszuhalten, daß die andern anders sind. Paulus sieht das viel positiver. Der bringt das Anderssein der Andern zum Leuchten. Die sind anders, als ich, über die ich mich immer geärgert habe. Aber die leuchten. Gerade darin! Und strahlen! Die stehen im Gotteslicht. Gott hat sie so gemacht, wie sie sind! Gott hat ihnen ihre Gaben gegeben. Nicht meine Gaben. Sondern Gottes Gaben. Nicht nach meinem Bild sollen die anderen Menschen geschaffen sein, sondern nach Gottes Bild!

„Ein jeder hat seine Gabe von Gott, der eine so, der andere so.“

Kannst du nicht loben, was Gott getan hat? Tu du dein Bestes, lebe du nach deinen Gaben, die Gott dir gegeben hat. Aber lerne, daß die Gaben, die die andern haben, auch Gottes Gaben sind.


Wir sehen hier eine wunderbare Paradies-Ausstellung vom Martinshof. Das ist ein Bild vom Paradies, wenn wir bei den andern Menschen uns nicht aufregen, über das, was er nicht hat, sondern wenn wir uns freuen an den Gaben, die Gott ihm gegeben hat.

„Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären so, wie ich..., aber jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so.“

Die Gaben der Anderen erkennen. Und sie leuchten lassen. Und sie schätzen lernen. Das ist ein biblisches Bild vom Paradies. Es soll Wirklichkeit werden in der gemeinde. Wo denn sonst. Amen.


Jens Lohse

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