Kirchenfenster

Theologische Deutung

Eine Deutung kann nur versucht werden unter dem Vorbehalt, dass jede BetrachterIn selber die Fenster am besten deuten kann. Was der oder die sehen, die vor der Kunst stehen, was ihnen dazu einfällt, ist ohne Zweifel richtig. Gerade darum geht es bei Kunst: Selber zu sehen, sich selber ernst zu nehmen, nicht nur als Rezipienten, sondern auch als Ausleger der Kunst.

Predigen diese Fenster, wie früher die Fenster alter Kirchen gepredigt haben? Erzählen sie vom Trost des Glaubens? Wecken sie Hoffnung?

Ja, aber anders, als früher. Sie erzählen keine Geschichten. Malen keine Comic-Strips des Glaubens, wie die berühmte biblia pauperum des Mittelalters. Sie beleuchten und erhellen allerdings den Kern aller Geschichten. Sie zeigen nicht weniger, als das Ganze, und den Betrachter mitten darin. Sie offenbaren, was los ist. Sie lassen durchscheinen, wie die Dinge sich verhalten und wo des Menschen Platz in der ganzen Sache ist.

Wer die Fenster vor sich hat, sollte einmal ganz nahe herangehen. Seine Nase beinahe darauf drücken. Aber Vorsicht! Es sind auch von Außen Steine darauf geklebt!

Von Nahem gewinnt man den Eindruck außerordentlicher, verwirrender Vielfalt. Alles ist unübersichtlich. Schichten unterschiedlichster Materialien liegen hintereinander. Lavagestein. Holz. Glasperlen und -scheiben. Muschelschalen, ein Strohhalm, Krebsscheren. Alles ineinander und übereinander. Vieles in Vielem. Scheinbar ganz ohne Ordnung. Darin nicht unähnlich dem menschlichen Leben. Aus der Nähe der eigenen Existenz betrachtet, ist es scheinbar ohne Zusammenhang, ohne Ordnung, verwirrend und vielleicht sinnlos. Alle religiösen Ideen versuchen, in dieser Situation eine Struktur zu finden, das Leben einzuordnen in ein höheres Ganzes. Das könnte die BetrachterIn meditieren.

Und dann sollte man einige Schritte zurücktreten. Sich distanzieren. Raum lassen zwischen sich und die Fenster. Dabei nimmt man wahr, wie sich mit zunehmender Distanz das Ganze ordnet. Einzelheiten treten zurück und werden einzeln nicht mehr wahrgenommen. Das Ganze jedoch gewinnt seine Struktur in der Distanz. Die BetrachterIn spielt Gott und betrachtet die Schöpfung „from a distance“, und dabei rundet sich alles und ordnet sich zu einem großen Kreis, einem bergenden Rund, einer Vielfaltscheibe, in die sich das einzelne Element einfügt, so dass es so sein muss, wie es ist – und gar nicht anders sein kann. Das Kunstwerk predigt. Es verkündet den Kern der Dinge. „Wer Augen hat, zu sehen, der sehe!“

Umgeben ist dieses geordnete Rund vom Blau des Himmels und vom Weiß des Lichts und vom umschwebenden Wort des Evangeliums. Ferner von geheimnisvollen Zeichen und Zeichnungen, die wir nicht entschlüsseln müssen. Von denen wir aber vermuten dürfen, sie hätten etwas mit dem Evangelium, also mit dem HERRN, mit Gott, also mit seiner uns und unsere verwirrend-geordnete Existenz fraglos umschließenden Liebe und Gnade zu tun.

„Wir sind eingefügt in eine höhere Ordnung. Uns aus der Nähe nur schwer erkennbar. Und wir sind umschlossen mitsamt aller Welt vom Licht. Vom Himmel. Von Gott.“

So, oder ähnlich, könnten die Fenster predigen. Aber es gibt keine einzig mögliche Interpretation. Keine einzige Wahrheit. Das ist das Schöne und das Risiko an moderner Kunst: Die BetrachterIn selber und ihre Augen und ihre Empfindungen sind nötig, damit aus ihr, der Kunst, etwas Ganzes wird.

Jens Lohse

 
   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   
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