12. Sonntag nach Trinitatis, mit Begrüßung der neuen Glocken.

Monday, September 12, 2011 1:37:00 AM Categories: Besondere Festgottesdienste in Habenhausen Sonntage nach Trinitatis

Predigt am 11. September 2011 über Jesaja 29, 17-24, zur Begrüssung der neuen Glocken in Habenhausen

 

Ehe man diesen Text so leichtfertig verliest und darüber achselzuckend zur Tagesordnung übergeht, muss man zunächst hören, was der Profet unmittelbar vorher zu uns sagt. Erst wenn man das gehört und verstanden hat, dann versteht man die ungeheure Wende, die hier quasi aus dem Nichts sich vollzieht und die keinen anderen Grund hat, als den unbedingten Willen Gottes, seinem Volk gnädig zu sein.

Also hört, wie der Profet aus einer Entfernung von etwa 2.700 Jahren doch so treffsicher auf uns zielt. Er sieht’s nüchtern, wenn er uns betrachtet, wie wie heute morgen hierher gekommen sind, und findet Anlass, dies zu sagen

„Der HErr hat über euch einen Geist des tiefen Schlafs ausgegossen und eure Augen – die Profeten- zugetan, und eure Häupter, die Seher, hat er verhüllt. Darum sind euch alle Offenbarungen wie die Worte eines versiegelten Buches, das man einem gibt, der lesen kann, und spricht: Lies doch das!, und er spricht: Ich kann nicht, denn es ist versiegelt; oder das man einem gibt, der nicht lesen kann, und spricht: Lies doch das!, und er spricht: Ich kann nicht lesen.

Und der HErr sprach: Weil dieses Volk mir naht mit seinem Munde und mit seinen Lippen mich ehrt, aber ihr Herz fern von mir ist…darum will ich auch hinfort mit diesem Volk wunderlich umgehen, aufs wunderlichste und seltsamste, dass die Weisheit seiner Weisen vergehe und der Verstand seiner Klugen sich verbergen müsse.“

Da wollen wir uns mal nicht künstlich aufregen. Das ist schon eine gute und recht nüchterne Beschreibung des Volkes Gottes, der Kirche insgesamt und unserer Gemeinde im Besonderen, ihre Funktionsträger und jedenfalls diesen Pastor hier eingeschlossen.

Der Geist tiefen Schlafs, der über uns liegt, wie jeder sofort erkennt, der die Radikalität Jesu und seiner Worte mit unserm Leben vergleicht. Wer von uns hat denn gelernt, in den Tag hinein zu leben und sich nicht abzusichern, weil Gott seine Sicherung und sein Schirm und sein Schutz ist?

Wo wird denn in dieser Gemeinde sichtbar, dass die Gemeinschaft der Schwestern und Brüder darin besteht, dass man seine Zeit mit den Armen und Elenden und Anstrengenden und Gescheiterten teilt? Wir rennen dem Geld nach, wie alle Welt, versklaven uns dem Mammon, wie alle Welt, sind in der Hand all dieser Götzen und Herren, die das Leben auf Erden so schwer machen, wenn nicht der Glaube uns frei macht.

Warum soll mein Leben einer Tretmühle gleichen, in der ich lebenslang falschen Versprechungen hinterherhechel, bis der Burnout auch mich gepackt hat? Welche ungeheure Macht hat der Götze Geld unter uns, dass in nahezu allen Bereichen des Lebens zunächst einmal gefragt wird, ob eine Sache sich rentiert, als ob es ganz in Ordnung wäre, nur Dinge zu tun, die sich finanziell rentieren. Liebe zum Beispiel muss sich nicht finanziell rentieren.

„Alles muss ein Profitcenter sein“: Wer so redet, der gehört schon dem Götzen!

Ich möchte mit euch darüber ins Gespräch kommen, wie wir das hinbekommen, diesem Götzen nicht zu folgen. Jesus sagt:

„Ihr könnt nicht zwei Herren dienen: Entweder werdet ihr den einen hassen und den anderen lieben, oder ihr werdet an dem einen hängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“

Und wenn das nun ein Wort der Freiheit wäre? Glaubt denen nicht, die das menschliche Miteinander vom Geld her und durch das Geld definieren. Glaubt denen nicht, die ihre Projekte durchziehen und wortreich als Wohltaten für die Stadt verkaufen und es doch ausschliesslich tun, um sich persönlich zu bereichern.

Was rege ich mich auf? Der Zeitgeist hat die gute alte soziale Marktwirtschaft weggefegt, mit der die meisten von uns groß geworden sind, und findet es ganz in Ordnung, wenn ein Hafenarbeiter zwei oder drei Jobs annehmen muss, um seine Familie zu ernähren, aber der Vorstand z.B. der Bremer Lagerhausgesellschaft sich jedes Jahr satte Gehaltserhöhungen genehmigen lässt.

Es ist nur so: Das Geld ist kein Gott und soll auch keiner werden. Der Gott Israels weist uns mehr oder weniger laut darauf hin, dass wir unser Leben auf dieses Fundament besser nicht aufbauen sollten. Wer nach mehreren Jahren Finanzkrise immer noch nicht begriffen hat, dass Geld und Gold keine Sicherheit bieten und wir, wenn wir darauf bauen, dem Mann gleichen, der sein Haus auf Sand baut, dem ist wohl nicht zu helfen. Warum trauen wir dem Geld denn so sehr? Es hat doch vor aller Augen, öffentlich, weltweit die Hosen runterlassen müssen und zeigen, wie unverläßlich es ist.

„Der HErr hat über euch einen Geist des tiefen Schlafs ausgegossen und eure Augen – die Profeten- zugetan, und eure Häupter, die Seher, hat er verhüllt.“

Es ist ja nun aber so, dass die Götzen dieser Welt so ungeheuer plausibel sind. Im Grunde kann man da eigentlich nichts gegen sagen. Tunnel durch intakte Dörfer, Flugschneisen durch Wohngebiete, die Ruhe des Sonntags unterbrochen durch Party, Handel und Verkauf, am besten alles gleichzeitig: Was soll man denn im Ernst dagegen einwenden? Das ist ja alles so wichtig. Und doch macht es unser Leben nicht froh, sondern kaputt.

„Der HErr hat über euch einen Geist des tiefen Schlafs ausgegossen und eure Augen – die Profeten- zugetan, und eure Häupter, die Seher, hat er verhüllt.“

Ist das wirklich so, dass man Privateigentum braucht? Heißt es nicht in der Apostelgeschichte:

„Aber alle, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.“

Warum glauben wir den Profeten des Kapitalismus mehr, als dem Wort Gottes? Und wenn man schon Eigentum braucht, dann ist doch klar, dass dieses Eigentum verpflichtet zum Dienst an denen, die weniger haben, als man selbst.

Jesaja lässt uns einen Blick ins Herz Gottes tun:

„Darum will ich auch hinfort mit diesem Volk wunderlich umgehen, aufs wunderlichste und seltsamste, dass die Weisheit seiner Weisen vergehe und der Verstand seiner Klugen sich verbergen müsse.“

Und jetzt kommt das vollkommen Irre, absolut Unerwartete, Großartige und Verheißungsvolle. Dieser wunderliche Umgang, dieses seltsame Handeln Gottes ist wirklich wunderlich und seltsam. Er haut uns nämlich nicht auf die Mütze. Er macht uns nicht zur Schnecke. Er straft uns nicht in seinem Zorn. Sondern Er selbst will kommen und eine große Wandlung herbeiführen! Er will unsere Ohren öffnen, wie er sie in Jesus zeichenhaft an diesem Taubstummen aus dem Evangelium schon geöffnet hat und wie er sie selbst dem hartnäckigen Christenfeind Saulus geöffnet hat für sein Wort!

„Nur eine kurze Weile“ müssen wir uns noch gedulden, vielleicht ist es die kurze Weile, bis wir unseren Glauben an die Götzen verloren haben, vielleicht ist es die kurze Weile, bis wir dem Evangelium den Gehorsam entgegen bringen, den es fordert und verdient. Dann, erst dann, nicht durch unsere schönsten Gottesdienste, nicht durch das wohlklingendste Glockenspiel, auch nicht durch die festlichsten Schaffermahlzeiten, sondern dann, wenn wir anfangen dem Evangelium zu gehorchen, wird diese Welt sich verwandeln. Darauf allerdings mag der Ton unserer Glocken immerhin einen Hinweis geben und eine Vorfreude stiften und eine Hoffnung wecken.

Lasst uns aufhören, den Einflüsterungen des Zweifels mehr zu glauben, als dem Wort der Profeten und Apostel! Diese Welt wird sich ändern, wenn wir anfangen, dem Teufel zu widerstehen und als die, die selber schwach sind, in Christus stark zu sein.

Jesaja beschreibt diesen Wandel mit unglaublich schönen Bildern:

„Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkelheit und Finsternis sehen. Und die Elenden werden wieder Freude haben am HErrn, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem heiligen Israels.

Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil an zu richten. …Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen und die, welche murren, werden sich belehren lassen.“ Amen. 

© Kirchengemeinde Arsten - Habenhausen

Site Map | Printable View | © 2008 - 2018 Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen | Impressum