18. nach Trinitatis, 23. Oktober 2011

Monday, October 24, 2011 1:09:00 AM Categories: in Arsten Sonntage nach Trinitatis

Predigt am 18. n. Trinitatis, 23.10. 2011 in Arsten über Markus 10, 17ff

Es „lief einer herbei, kniete vor Jesus nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben erbe?“

Wer ganz und gar beschäftigt ist mit den großen und kleinen Attraktionen dieser Welt, wer zwischen Freimarkt und den neuesten Apps für’s I-Phone sein Genügen findet, wird sich Jesus wohl nicht zu Füssen werfen. Ihm fehlt nämlich diese Unruhe, die ihm Gott ins Herz gesäät hat, diese kreative Unzufriedenheit mit der Welt, wie sie nun einmal ist. Nicht so dieser Mann hier, den die Tradition immer den „reichen Jüngling“ nennt, obwohl über sein Alter gar nichts gesagt wird. Er liegt Jesus zu Füssen – und er fängt sich erst mal eine ziemliche Abfuhr ein:

„Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut, als Gott allein.“

Wenn das doch nur in unseren Kopf ginge! „Niemand ist gut, als Gott allein“. Viele Menschen wollen gut sein. Quälen sich und andere dafür. Durch Erziehung, durch Lernen, durch lebenslange Bildung. Durch Anstrengung, durch gute Taten. Ja klar: Den Allermeisten ist das egal. Die wollen ihr bisschen Spass im Leben, und das wars denn auch schon. Aber hier liegt einer zu Jesu Füssen, der will ein guter Mensch sein. Der will durch’s Ziel kommen. Der will am Ende, wenn Jesus wiederkommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten, nicht bei den Böcken stehen, sondern bei den Schafen. Der will sich den Himmel verdienen mit seinem Leben und nicht die Hölle.

Kann ich verstehen. Geht aber nicht: „Niemand ist gut, als Gott allein“. Dass er zu Jesu Füssen liegt, ist gut. Dass er diese innere Unruhe hat, die so viele nicht haben, ist gut. Aber was er will von Jesus, da ist irgendwie der Wurm drin. Er will nämlich von Jesus lernen, er nennt ihn „Meister“, wie ein Jünger, wie ein Schüler, er will von Jesus lernen, ein guter Mensch zu werden. Und Jesus soll irgendwie so etwas sein, wie sein Guru. Der „gute Meister“, dem er nachfolgen kann. Und da blafft ihn Jesus nun ziemlich an.

Die Menschen und ihre Sonderwünsche: Die meisten interessieren sich überhaupt nicht für religiöse Fragen. Leben gedankenlos, wie die Tiere dahin und sterben auch wie die Tiere. Und dann gibt’s so’n paar unruhige Geister, denen genügt das nicht. Die haben so eine Sehnsucht. Und diese Sehnsucht richtet sich zunächst einmal auf Vorbilder. Dieser Mann hier zu Jesu Füssen ist absolut bereit, sich unter zu ordnen. Der erwartet Befehle. Und irgendwie sucht der auch persönliche Nähe. Wie oft hören wir das, wenn wir uns mit Sekten beschäftigen oder mit gewissen Freikirchen, die viel Zulauf haben: Diese Bereitschaft, sich Menschen unter zu ordnen, diese Bereitschaft, Befehle entgegen zu nehmen und dafür dann aber auch persönliche Nähe zu erfahren, genauer noch: exklusive Nähe zum Meister.

Aber Jesus ist kein Guru. Er ist spröde und weist von sich weg auf Gott:

Du kennst die Gebote. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden. Du sollst niemanden berauben. Ehre Vater und Mutter.

Es gibt keine besonderen Gebote. Es gibt nur diese altbekannten Gebote. Das mag ja langweilig sein. Da mag er sich ja vielleicht was anderes versprochen haben. Aber vor Gott sind wir alle gleich. Da gibt’s keine exklusiven Verhältnisse. Wir sind alle Sünder. Kennen die Gebote – und halten sie nicht. An den Geboten erkennen wir, wie wahr das ist:

Niemand ist gut, als Gott allein.“

Oder willst du heute morgen hier mit verschränkten Armen Jesus ins Gesicht widersprechen und sagen, du hättest keine Gebote gebrochen? Vielleicht hast du niemanden getötet, da vermute ich mal, bist du aus dem Schneider. Aber der Teufel findet immer eine schwache Stelle mindestens an dir, eine Tür, durch die er hineinkommt in dein Leben, durch die er deine Seele piesackt, ein Gebot, durch das er dich beschämt. Das ist bei Jedem von uns anders, aber dass wir diesen Stachel des Fleisches und der Sünde spüren durch die Gebote und dass wir uns schämen müssen vor uns selbst und unseren Idealen, das willst du doch heute morgen nicht Jesus ins Angesicht widersprechen?

Und warum darf der Teufel das, warum darf die Sünde das, die zwar mächtig ist, aber Gott ist noch viel mächtiger, wenn nicht alleine deshalb, damit wir demütig werden und uns nicht falsch einschätzen, und uns nicht schon für vollkommen halten und darüber die Sehnsucht nach der Erlösung verlieren?

Warum lässt Gott uns in dem Kampf gegen das Fleisch immer wieder schwach sein, warum hilft uns sein Heiliger Geist nicht, schon hier auf Erden, schon in der Kirche, doch immerhin im Vertrauen auf seinen Namen und unter Berufung auf das Kreuz, an dem Jesus doch den Sieg über die Sünde schon erkämpft hat, schon zu siegen und schon jetzt perfekte, gute und überzeugende Christen zu sein? Warum ist die Sünde immer noch so stark und wir immer noch so jämmerlich schwach, wo doch die Sehnsucht in der Welt so gross ist nach starken, nach überzeugenden Alternativen zu dieser großen Belanglosigkeit des Lebens, und wo doch wir Christen eine solche Alternative sein könnten? Wie groß ist die Sehnsucht nach Vorbildern, nach Heiligen Menschen, nach Erfahrungen des Heiligen Geistes! Da möchte man doch glatt, zusammen mit diesem Jüngling auf die Knie fallen vor Jesus und ihn bitten:Sag mir, wie ich das kriegen kann!

Statt dessen reibt er uns die 10 Gebote unter die Nase, an denen wir immer wieder peinlich und schmerzhaft unsere Sünde erkennen und die ja letztlich auch so etwas sind wie ein gnädiger Zaun, den Gott um unsere Sünden zieht, um das Chaos wenigstens halbwegs einzudämmen…

Weshalb darf der Teufel uns versuchen, weshalb darf die Sünde uns piesacken, weshalb darf das Fleisch uns in peinliche Nöte stürzen, weshalb kommt der Heilige Geist nie über einen immer neuen Anfang hinaus, weshalb hält Gott sich so zurück damit, uns Triumphe des Glaubens und der Heiligung erleben zu lassen, wenn nicht deshalb, damit wir die Dinge realistisch sehen: Wir sind Sünder und wir können nichts Besseres tun, als uns voll Vertrauen auf seine unermessliche Gnade in die Arme Gottes zu werfen.

Von IHM allein sollen wir alles erwarten. Denn ER IST gut. So werden wir nicht hochnäsig. Und so werden wir nicht herabsehen auf die anderen, denen es auch nicht anders geht, als uns. „Gott hat sie alle unter die Sünde getan, damit er sich aller erbarme“.

So spielen der Teufel und die Sünde und das Fleisch, und die Gebote, an denen ihre Kraft deutlich wird, in Gottes Pädagogik eine Rolle, mit der er uns zur Demut und zum Glauben führt.

Bei diesem Mann hier allerdings zu Jesu Füssen geht auch der Hinweis auf die Gebote nach hinten los:

„Er aber sprach zu ihm: Meister, das hab ich alles gehalten von meiner Jugend auf.“

Also: Wenn ihr nicht Jesus widersprechen wollt heute morgen, der sagt: Gott alleine ist gut, der Mann hier tut’s. Ein schönes Beispiel für misslingende Kommunikation. Es kommt nicht bei ihm an, was Jesus sagt, weil er im Kopf seine eigenen Vorstellungen hat. Und seine eigene Vorstellung von sich ist: Ich bin auch gut. Denn ich hab alles getan, was Gott geboten hat. Das ist das Vertrackte bei Menschen, die einen Guru suchen, dass sie im Guru doch letztlich nur sich selbst bestätigen wollen.

Aber Jesus lächelt darüber. Und in seinem Herzen spiegelt sich die große Barmherzigkeit Gottes:

„Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb.“

Ja, mein Gott, zu unserer menschlichen Sünde gehören eben auch ganz wesentlich unsere Irrtümer und unser Hochmut. Und Jesus hat die Sünder lieb. Aber er kennt natürlich diesen Typen, der da vor ihm im Staub liegt. Er ist ja der Sohn Gottes, er kennt seinen genetischen Code und durchschaut ihn und weiss, wo bei ihm die Tür ist, durch die der Teufel kommt:

„Er sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach. Er aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon, denn er hatte viele Güter.“

Der Schluss der Geschichte ist schnell erzählt: Jesus betont, wie schwer es für die Reichen ist, in das Reich Gottes zu kommen und die Jünger entsetzen sich darüber, dass er das so sagt. Deshalb betont er das noch extra, indem er das Beispiel mit dem Kamel und dem Nadelöhr bringt. Worauf die Jünger sich noch viel mehr entsetzen und fragen:

„Wer kann dann selig werden?“

Da sind wir beim Kern der Geschichte. Es kann niemand selig werden durch sein Verhalten und Tun. Nicht die Reichen hier, denn sie gehorchen Jesu Wort nicht. Aber auch nicht die Armen, denn sie sündigen an anderer Stelle. Und auch nicht wir, die wir irgendwie in der Mitte dazwischen stehen, wegen unserer Sünde. Es bleibt wahr, was Jesus ganz zu Beginn gesagt hatte:

„Niemand ist gut, als Gott allein.“

Deshalb sind die Jünger ja nun erschrocken, weil sie’s anscheinend nach dieser Geschichte mit dem Reichen zum ersten Mal begriffen haben. Jesus meint das wirklich so, wie er sagt:

„Niemand ist gut, als Gott allein.“

Und deshalb ist ihre Frage ganz echt, ganz notvoll und ganz dringend:

„Wer kann dann selig werden?“

Es besteht gar kein Zweifel, dass dieser reiche Mann gesündigt hat, weil er das Gebot Jesu nicht befolgt hat. Aber es soll jetzt uns nicht mit dieser Geschichte gesagt werden, dass wir unsern Reichtum oder unsern Besitz verschenken sollen. Wir sind nicht dieser reiche Mann. Aber uns wird in ihm ein Spiegel vorgehalten. Ja, wir liegen auch Jesus zu Füssen. Sonst wären wir nicht hier. Ja, wir haben auch unsere Erwartungen an ihn. Und wir wünschen uns Bestätigung und kleine Triumphe. Ja, wir verweigern ihm ebenso den Gehorsam. Da, wo’s UNS wehtut, jeder an seiner Stelle. Ja, auch wir sind Sünder.

Und nun kommt für uns Sünder der wichtigste Satz. Wir wollen ja gleich schon wieder loslaufen und mit eigener Kraft es besser machen, zukünftig. Wir stellen ja tatsächlich, wie vollkommen taubstumme Leute, die gleiche Frage, wie am Anfang:

„Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben kriege?“

Wir sollen gar nichts tun. Außer Hören. Denn, das ist wohl skandalös, aber es ist doch wahr: Was uns rettet, sind nicht unsere Taten. Sondern, was uns rettet ist, was wir Hören. Und dies Rettende, was wir hören, sind diese Worte:

„Jesus aber sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott. Denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“

Nicht in uns, sondern in ihm liegt unsere Rettung und unsere Hoffnung. Amen.

 

Pastor Jens Lohse

  

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