Osternacht 2007

Saturday, April 7, 2007 11:15:00 AM Categories: Archiv '06 - '08 Ostern

„Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle“

Christus spricht. Dabei ist er doch tot. Gestorben am Kreuz. Gestern am Karfreitag hingerichtet. Der König der Juden, dem ganz Jerusalem eine Woche zuvor zugejubelt hatte am Palmsonntag, ist zum Schweigen gebracht worden. Schwarz, wie die Nacht hier draußen war jener Tag. Das „Hosianna!“ ist verstummt...

Aber Christus spricht. Diese zwei Wörter sind ein Wunder. Wieso redet er, der er doch tot ist? Wieso spricht er, wo wir ihm doch das Maul gestopft hatten?

„Ich war tot“. Wer die Bibel hört, muß auf Kleinigkeiten achten. Ich war tot. Hier wird gegen jede menschliche Erfahrung an geredet. Wer tot ist, der ist tot und der bleibt tot. Hier aber spricht einer gegen unsere Erfahrung an. Ich war tot. Ich bin es nicht mehr. Vollkommen unmöglich. In dieser Nacht begegnet uns das Unmögliche. Wir begegnen dem, was wir nicht kennen. Und genau darin begegnet uns Gott.

Wir machen uns über vieles unsere Gedanken. Wir beurteilen die Welt und wir beurteilen Gott auch nach dem Maßstab unseres Verstehens. Nach unseren Maßstäben halten wir die Welt für gut oder für schlecht und Gott für gerecht oder für ungerecht.

In dieser Nacht aber hören wir von Dingen, die unsere Maßstäbe sprengen und den Horizont unserer Erfahrungen überschreiten.

Ich war tot. Das ist wohl so gemeint. Genau so tot, wie wir alle einmal tot sein werden. Wie unsere Väter und Mütter gestorben sind. Wirklich tot. Kalt. Ohne Atem, ohne Seele. Ohne Hirnströme. Ich war tot. Die Nacht, in der wir uns heute hier versammeln, ist ein Symbol für diesen Tod. Jesus war tot. Aus. Und vorbei. Nichts war mehr in ihm und mit ihm.

„Christus spricht: Ich war tot.“

„Und siehe: Ich bin lebendig“. Auch hier wieder kleine, unscheinbare Worte. „Und siehe“. Wir sollen es sehen. Wir sollen es begreifen. Wir sollen es wissen, was wir von uns aus und von Natur aus gar nicht sehen, nicht begreifen und nicht verstehen können. Das Unmögliche soll geschehen: Und siehe. So, wie wir in dieser Nacht das Osterfeuer gesehen haben und die Kerzenflammen sehen können, so sollen wir Christus, der tot war und lebendig ist, sehen, begreifen, verstehen.
Heute Nacht begegnet uns Gott im Unmöglichen.

„Ich bin lebendig“. Ich kann eigentlich nicht mehr machen, als euch diese Worte vorzulesen. Erklären kann ich sie nicht. Denn sie handeln von einem Ereignis, daß für uns unerklärlich ist. Wenn ihr die biblischen Berichte von der Auferweckung Jesu lest, merkt ihr, wie uneinheitlich, wie stockend, wie verwundert, wie ratlos auch, davon erzählt wird. Daß Christus tot war und lebendig ist und nun zu seiner Gemeinde redet, ist ohne Beispiel. Unser Verstand kann auf nichts zurückgreifen, wenn er das verstehen will, er muß Beispiele und Gleichnisse suchen. Er redet vom leeren Grab, von den zusammengelegten Tüchern, von Maria Magdalena, die ihn trifft und ihn nicht anrühren darf, von Thomas natürlich, dem zweifelnden Jünger, der erst glauben will, wenn er seine Wunden angefaßt hat. Wie sollten die Apostel anders von der Auferstehung reden, als in solchen versuchsweisen Geschichten, die das Unbegreifliche und Beispiellose in ein Bild bringen?

„Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig“. Der Rahmen unserer Erfahrung wird gesprengt, deshalb kommen wir notwendigerweise ins Stottern, wenn wir von diesem Geschehen reden sollen. Es ist ein Wunder, und vor unsern Augen ist es geschehen, aber wir reiben uns die Augen, weil wir nicht wissen, ob wir träumen.

„Ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit“

Wir wissen nicht, was Ewigkeit ist. Denn wir leben in der Zeit. Wir haben unsere Zeit, wir beobachten und kennen das, wie alles älter wird und vergeht. Wir wissen das und lernen das zeitlebens, daß wir nichts festhalten können, kein Leben, keine Liebe, kein Glück. Wir sind wie Blumen auf dem Felde. Wir blühen auf- und vergehen. Christus aber ist lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit. Auch das können wir nur anhören und ansatzweise begreifen, was damit gemeint ist. Aber nicht verstehen. Ob die Ewigkeit, aus der Christus kommt und in die er wieder hineingeht, ewige Zeit ist, Unendlichkeit der Tage, oder ewiger Raum, eine Dimension neben den uns bekannten Dimensionen, das können wir nur spekulieren, davon können wir aber nichts wissen. Was wir wissen dürfen, sagt uns Christus: daß er lebendig ist von Ewigkeit zu Ewigkeit.

In den Unmöglichen Worten und Bildern der Osternacht begegnen wir Gott. Nicht unsern Phantasien von Gott. Nicht unsern Wünschen. Er stellt sich auch nicht unsern Urteilen und fragt uns nicht, wie wir das alles gemacht hätten. Er macht sozusagen eine Tür auf aus der Ewigkeit. Er läßt uns eine Stimme hören, er läßt uns Dinge sehen, die wir sonst nicht sehen können. Wir ergreifen einen Zipfel vom Gewand Gottes.

„Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Was, wenn uns das gesagt und gezeigt wird, sollen wir anderes tun, als erschrecken, und neugierig werden, und tastend die Hände ausstrecken nach diesem Wundergott? Was sollen wir anderes tun in einer solchen Nacht, als die Augen und Ohren weit aufmachen, den Mund voll Staunen, und den Zipfel des Gewandes Gottes ergreifen und nicht mehr loslassen?

„Und ich habe die Schlüssel des Todes und der Hölle“. Auch hier wird uns wieder etwas zugerufen, was wir natürlich nicht von selber wissen können. Wer mit Christus geht, der braucht Tod und Hölle nicht zu fürchten. Wer einen Zipfel vom Gewand Gottes anfaßt und nicht wieder losläßt, der wird mit ihm durch Tod und Hölle hindurchkommen. Es hat keinen Sinn, dafür nach Vernunftargumenten zu suchen. Auch die Schlüssel, mit denen Christus uns aus dem Tod und aus der Hölle befreit, gehören nicht zu unserer Erfahrungswelt. Wir kennen die nicht. Wir wissen nichts davon. Es wird uns aber heute gesagt, daß Christus diese Schlüssel hat, um uns freizulassen, wenn wir gestorben sind. Auch hier: Wir sehen wohl den Tod, den begreifen wir auch. Die Auferstehung dagegen, unsere Auferstehung, sehen und kennen und begreifen wir nicht. Deshalb wird auch hier eine Tür aufgemacht zur Ewigkeit heute Nacht, und eine Stimme ruft: „Ich habe die Schlüssel des Todes und der Hölle“. Ja, was sollen wir dann anders tun, als uns an diesen Mann zu halten? Amen.

Jens Lohse

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