Ev. Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen - Bremen

 

22. Febr. 2015, Jesu Versuchung

Posted by Klaus Dieter Philippsen Monday, February 23, 2015 6:40:00 PM Categories: Invokavit

Predigt  22. Febr. 2015

(Invokavit)

 

Matthäus 4, 1 – 11 (Jesu Versuchung)

 

Als ich den Text gelesen habe, fiel mir ein, das sind doch Initiationsriten. Also, wenn Jemand in einen Kreis aufgenommen werden soll, oder ein neuer Lebensabschnitt beginnt, muss er etwas Besonderes tun. Kennt ihr das, gibt es das heute auch noch? Ist manchmal auch gefährlich. Um in einen Kreis von Kumpeln aufgenommen zu werden, muss der Neuling etwas tun, damit die Anderen sehen, dass er (oder sie – natürlich) würdig ist aufgenommen zu werden. Zum Beispiel muss er einen Klingelstreich bei seiner Klassenlehrerin machen. Und die Anderen stehen in sicherer Entfernung und schauen zu.

Ich habe eine Ausbildung zum freiwilligen Müller mitgemacht. Die endet mit einer schriftlichen und einer praktischen Prüfung. Und man erzählte sich, dass früher die Müllergesellen, bevor sie ihren Gesellenbrief bekamen, an einen Flügel der Windmühle festgebunden wurden und eine Umdrehung der Flügel mitmachen mussten. Keine Angst, wir brauchten das nicht, aber alte Müllermeister, die wir so kennengelernt haben, bestätigten, ja das war gelegentlich so.

Wozu soll das eigentlich gut sein? Na, ich stelle mir vor, ich hab diese Prüfung – natürlich mit großer Angst – bestanden, ist es da nicht wunderbar, die Ängste der Neuen zu erleben. Irgendwie tut das den Alten doch auch gut, stehen dabei und feixen und denken natürlich daran, wie sie vor Angst gezittert haben. Aber die Neuen werden dadurch natürlich kein besserer Müller.

Ist das hier in unserem Text auch so ein Ritus? Ja und Nein. Jesus hat einen Auftrag, der hier beginnt, mit unserem Predigttext. Hier ist der Ritus immerhin zu etwas gut, das was Jesus macht, das macht Sinn. Er will sich auf seinen Auftrag vorbereiten. Und das kann man gut, indem man sich zurückzieht und zur Ruhe kommt, vielleicht betet, nachdenkt über sich und über den Auftrag.

In einer Klinik, so habe ich gelesen, hält das ganze Operationsteam vor jeder Operation ein paar Minuten Stille. Die stehen einfach da und tun nichts. Und tatsächlich kommen kaum noch Behandlungsfehler vor. Kurze Zeit der Stille kann also viel Zeit und Kräfte sparen.

Und noch etwas ist mir in unserer Geschichte aufgefallen: Wir Menschen lassen Andere doch erst zu, wenn sie die Prüfungen bestanden haben. Man ist erst dann Facharbeiter oder Kaufmann, wenn man die Prüfungen bestanden hat, vorher nicht. Wir müssen das wohl auch so machen.

Aber bei Gott ist das anders. Gott nimmt uns einfach so an, das ist nicht nur bei Jesus so. Das war also gar keine Aufnahmeprüfung. Aber hört weiter:

Vor unserem Predigttext wird von Johannes dem Täufer berichtet. Der ist da am Jordan und tauft jeden der dazu den Mut hat, zur Vergebung seiner Sünden, und um einen Neuanfang zu wagen. Und da kommt Jesus dazu. Jesus und Johannes müssen sich gekannt haben, wenn man den Geschichten des Lukas folgt. Vielleicht wisst ihr, da war Maria bei der Mutter des Johannes zu Gast, bei Elisabeth. Vor der Geburt. Die waren wohl irgendwie verwandt.

Nun, Johannes wollte Jesus nicht taufen. „Ich bin es doch gar nicht wert, Du müsstest mich taufen“ Aber Jesus besteht darauf. Und das hat was mit der Solidarität mit uns zu tun. Er will nicht besser sein als die anderen Menschen, die da zu Johannes kommen.

Und wie er getauft wird, öffnet sich der Himmel und der Heilige Geist erscheint, wie eine Taube und man hört eine Stimme: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“. Wir staunen über solche Aussagen immer, vielleicht irritiert es uns auch, denn vorstellen können wir uns das nicht. Aber, da versucht der Evangelist etwas zu beschreiben, was nicht zu beschreiben ist.

Und dann zieht Jesus in die Wüste. Im Text heißt es: Damit er vom Teufel versucht würde.

Jeden Juden wird das sofort daran erinnern, dass sie ja alle beim Auszug aus Ägypten auch durch die Wüste ziehen mussten. Also noch ein Beweis der Solidarität Jesu mit seinem Volk!

Damit er vom Teufel versucht würde, steht in unserem Text. Ich glaube ich muss was zum Teufel sagen.

In den ersten Seiten der Bibel kommt der Teufel nicht vor. Im Gegenteil. In der Schöpfungsgeschichte wird an jedem Tag festgestellt: „Gott sah dass es gut war“.

Wo der Teufel herkommt, wird in der Bibel nicht beschrieben. Deshalb kann es ja auch so viele Spekulationen geben. Wenn man nichts weiß, kann man spekulieren.

Der Teufel wird manchmal als Gegenspieler Gottes gesehen. Um ein Bild zu brauchen: Gott und der Teufel spielen Schach. Das Spiel ist die Welt, eben wir, und es ist zunächst offen, wer gewinnen wird.

So ein Bild kommt in der Bibel gelegentlich vor, wenn es auch nicht dazu passt, dass wir von Gott dem Allmächtigen sprechen. Im Johannes-Brief, aus dem unser Wochenspruch stammt, wird davon gesprochen dass Gott die Werke des Teufels zerstört hat. Nein, der Teufel ist Gott untertan und kann ohne seine Erlaubnis nicht tätig werden.

Im Buch Hiob spricht der Teufel mit Gott und wettet mit ihm, dass er Hiob dazu bringen wird Gott abzuschwören. Und Gott erlaubt dem Teufel, Hiob Plagen zu bringen. Gott gibt hier die Erlaubnis! – Ist es das, wenn im Vater-Unser die Bitte steht: Führe uns nicht in Versuchung?

Ich denke manchmal, das mit dem Teufel ist der Versuch ein inneres Erlebnis nach außen auf eine Person zu projizieren, eben dem Teufel. Wir wissen heute, dass es sowas gibt, Projektion. Womöglich musste Matthäus seinen Lesern das anders erklären, so wie er das in seinem Evangelium getan hat.

Das kann man an der ersten Versuchung schön zeigen, die mit den Broten. Jesus hat 40 Tage gefastet. Also, wenn ich eine lange Zeit gefastet habe (40 Tage, wie hier steht würde ich sicherlich nicht aushalten) dann hätte ich wohl auch Hunger.

Und im Hunger können schon mal komische Gedanken kommen. Am Wegesrand liegen Steine, die sehen fast aus wie kleine Brote. Und ich hab so einen Hunger, ach, warum sind das denn nun keine Brote. Ich rieche schon die leckeren Brote, und auch den Geschmack hab ich in meinem Hunger auf der Zunge. Und Jesus wusste ja um seine besonderen Fähigkeiten. Eben mal aus so einem Stein ein Brot machen, reinbeißen und der quälende Hunger wäre weg. Wäre das schön.

Dass Jesus das konnte wird ein paar Seiten weiter hinten im Matthäusevangelium erzählt. Da waren 5000 Zuhörer und die mussten satt werden. Und sie wurden es. Warum durfte Jesus da das Wunder vollbringen und hier nicht? Warum war es bei der Speisung der 5000 ein Wunder, hier ist es eine Versuchung, wie Matthäus es sagt, die vom Teufel eingeflüstert wurde?

Ich denke, wir kennen das Phänomen. Da wird Jemand mächtig, bekommt Macht und neue Fähigkeiten, und er nutzt die neue Macht, für seine Zwecke. Ich könnte mehrere Namen aufzählen, bei denen das so war. Wo Leute, die für die Armen eingetreten sind, nachdem sie zu Macht und Einfluss kamen, plötzlich ziemlich reich geworden sind. Auf wessen Kosten wohl?

Sicherlich, Steine zu Brot verwandeln, weil Jesus Hunger hatte, das wäre nur eine Kleinigkeit. Aber hat es der Teufel, oder, um es mit meinen Worten zu sagen, die eigene Versuchlichkeit nicht darauf abgesehen, mit kleinen Dingen – die fallen ja kaum auf – anzufangen. Und dann steigert sich das so langsam, schließlich werden das Betrügereien, bei denen es um Millionen geht. Und hinterher kann man nicht mehr sagen, wo es eigentlich angefangen hat.

Jedenfalls Jesus wehrt das ab: „Der Mensch lebt nicht von Brot allein.“ Oh, könnten wir doch immer so stark sein und solchen Versuchungen widerstehen, und hätten Freunde, die uns dabei auf die Finger klopfen, wenn wir das selbst nicht mitkriegen.

Jesus hat jedenfalls diese erste Versuchung mit Bravour bestanden.

Aber die nächste kommt schon. Wenn Jesus seine Botschaft verkündigen soll, muss er doch bekannt sein. Um bekannt zu werden muss man schon was Besonderes tun. Etwas, das auffällt und das dann in Jerusalem zum Stadtgespräch werden kann.

Also, der Tempel ist ein hohes Gebäude, liegt zentral und er liegt auch noch an einem tiefen Tal. In einem der Psalmen steht doch: „Er wird seinen Engeln den Befehl geben, dass sie dich auf Händen tragen, damit du deinem Fuß nicht an einem Stein stößt.“ Also das wäre doch eine Show, von der Tempelmauer herunterzuspringen und unten heil anzukommen. Da würden die Leute staunen. Und dann würden sie das, was ich zu sagen habe auch anhören.

Ob Jesus so gedacht hat? Vielleicht. Aber es steht auch da: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.“ Und das fiel ihm immerhin rechtzeitig ein. Ich hab vor Jahren mal einen englischen Gottesdienst mitgemacht. Da heißt diese Stelle: „You shall not test the Lord:“

Also Gott kann man nicht testen. Bei einem Test tut man so als ob. Um in dem Bild zu bleiben: Bei einem Test prüft man, ob ein Seil die Festigkeit hat, um mich zum Beispiel zu tragen. Man belastet es einfach mit einem bestimmten Gewicht. Erst dann, wenn klar ist, dass es trägt, würde ich mein Leben einem solchen Seil anvertrauen.

Und genau das geht bei Gott nicht. Ich muss ihm schon einfach vertrauen. Man nennt das Glauben.

Und dann kommt die letzte, die ganz große Prüfung. Jesus will die Welt verändern, mit seiner Verkündigung. Es ist ihm ja auch gelungen. Aber hier wird ihm ein leichter Weg angeboten. Er soll den Teufel anbeten, dann wird der ihm die ganze Welt geben. Ich denke mal, Jesus wäre sicher ein guter Fürst geworden und hätte sein Reich gerecht regiert.

Aber, das was Jesus wollte, ist viel mehr, es ist überhaupt nicht mit politischer Macht zu erreichen- Jesus wollte nicht politisch mächtig und nicht reich werden. Er will auch nicht, dass seine Nachfolger nach Reichtum und Macht streben, er will nicht, dass sie ersten Ranges danach streben, weil seine Ziele so nicht zu erreichen sind.

Jesus wollte, dass wir in Kontakt mit Gott kommen und damit in Kontakt zu unserem Nächsten. Er wollte, dass wir von der Liebe, die Gott für uns hat etwas erfahren, und wir sie dann unserem Nächsten weitergeben können. Er wollte, dass das Reich Gottes für uns ein Stück Realität bekommt. Er wollte, dass wir etwas davon ahnen, was Gott alles ändern kann, wenn wir zu ihm Vertrauen haben. Kann es mehr geben?

Das alles wäre auf diesem leichten Weg nicht möglich gewesen. „Weg mit dir, Satan! Es steht geschrieben: „Du sollst anbeten den Herrn, deinem Gott, und ihm allein dienen.“ – weist Jesus dieses Ansinnen von sich. Und dafür dürfen wir dankbar sein. Und ich bewundere, dass Jesus die Kraft und den Mut hatte, das zu tun. Wir würden sonst heute nicht mehr über Jesus reden!

Und damit, sagt unser Text, hat Jesus alle Prüfungen bestanden. Der Teufel mied ihn und die Engel dienten ihm. So ist das alles gut ausgegangen, sagt unser Predigttext.

Also, waren das Initiationsriten? Vielleicht! Aber es war jedenfalls sowas wie die Ouvertüre für das Handeln Jesu, indem die wichtigsten Punkte seiner Verkündigung hier angesprochen wurden: Nicht sich selbst bereichern, keine Show (du sollst Gott nicht testen), keine Verkündigung durch wirtschaftliche oder politische Macht.

Amen.

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