29. Sept. 2013

Monday, September 30, 2013 11:15:00 AM Categories: Sonntage nach Epiphanias

 

·Predigt 29. September 2013

(18 Sonntag nach Trinitatis)

 

 

Über die Zehn Gebote soll ich heute also predigen. Was soll man nur dazu sagen, was nicht schon gesagt ist? Also: Du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren. Ist doch eigentlich klar. Und wenn wir uns nicht danach richten, haben wir doch wenigstens ein schlechtes Gewissen. Oder?

 

Aber auch das: Mir geht das immer so, immer wenn Jemand zu mir sagt: „Du sollst nicht“ dann überlege ich mir – Warum eigentlich. Und dann denke ich nach über Möglichkeiten es doch zu tun. Geht euch das manchmal auch so? Oder ist das einfach kindisch?

 

Aber ganz so harmlos sind die Zehn Gebote wohl nicht immer gesehen worden. Wenn man auf der Domsheide steht und zum Gerichtsgebäude schaut, sieht man über dem Eingang 10 Tafeln, klar, die Zehn Gebote. Über einem Gerichtsgebäude ist das doch wirklich naheliegend. Die waren da aber nicht immer. Während der Naziherrschaft störten sich die Machthaber daran, und sie beauftragten einen Steinmetz, die Tafeln zu zerstören. Tat der aber nicht, er befestigte nur eine Platte jeweils über einer Tafel. Ich meine, der Mann hatte richtig Mut, das zu machen. Hätten die Nazis das gemerkt, ich denke ihm wäre es nicht so gut gegangen. Klar, nach dem Krieg brauchte er nur die die Platten entfernen, und die Gebote waren wieder da. Dieser kluge Handwerker ist mir sympathisch!

 

 

Bei der Vorbereitung zu der Predigt hab ich meine Bücherregale durchgesehen, was ich so zu den Zehn Geboten habe. Dabei fiel mir ein kleines Buch in die Hände und ein Gemeindebrief der Friedensgemeinde. Vielleicht erinnert ihr euch, vor zehn Jahren gab es eine Theaterinszenierung über die Zehn Gebote, mit Johann Kresnick als Choreograf. Es gab damals einen gewaltigen Eklat, mit viel Wind in der einschlägigen Presse. Es ging nicht etwa um die Brisanz der Zehn Gebote, nein, es ging darum, dass die Theater-Inszenierung im Dom stattfinden sollte und dass in zwei Szenen nackte Menschen auftraten. Nackt in der Kirche! So eine Schweinerei!

 

„Dieses Schock – Drehbuch besudelt unseren Dom“ titelte die Zeitung mit den großen Buchstaben und dem kleinen Text. Vermutlich ist den Schreibern entgangen, dass in fast jeder Kirche das Abbild eines (fast) nackten Mann ist. Ja, Jesus am Kreuz. Die Nacktheit, das ungeschützt Sein ist doch gerade ein Zeichen der Verletzlichkeit.

 

Und wenn da 10 nackte ältere Damen vor 10 Nähmaschinen saßen, sollte das ein Hinweis sein, dass in der Textilindustrie in der dritten Welt Menschen unter haarsträubenden Bedingungen für einen Hungerlohn für uns T-Shirts und was sonst noch alles, produzieren. „Du sollst nicht stehlen“ heißt das Gebot. Die Brisanz haben wir gerade erfahren, als in Bangladesh eine Fabrikhalle eingestürzt ist und etwa 1000 Menschen ums Leben kamen.

 

Die Domgemeinde hat dann wohl den öffentlichen Druck nicht ausgehalten und hat ihre Erlaubnis zur Aufführung zurückgezogen. „Jetzt hat Gott seinen Dom wieder“ titelte die besagte Zeitung dann. Ja, Gott braucht schon viel Humor, wenn er uns aushalten soll.

 

Das Theater zog dann in die Friedenskirche. Daher der Gemeindebrief.

 

Also, so harmlos sind die 10 Gebote nicht! Das zeigt sich daran, dass in letzter Zeit zunehmend christliche Werte beschworen werden. Es sei nötig, dass sie wieder beachtet werden. Kann es sein, dass wir in einer Zeit, in der wir den Eindruck haben, dass alle nur den eigenen Vorteil suchen, ohne Rücksicht auf Andere und wir auch vermuten, dass unsere muslimischen Mitbürger einen genauen Wertekanon haben, wir befürchten, einfach ins Hintertreffen zu geraten?

 

Wir Prädikanten treffen uns normalerweise zweimal im Jahr zur Fortbildung. Und da haben wir uns einmal auch über christliche Werte unterhalten. Wir haben alle möglichen Werte, die uns eingefallen sind, notiert und dann versucht rauszufinden, welche davon christlich sind. Da standen: Mitleid, Nächstenliebe, Solidarität, die 10 Gebote, die Bergpredigt – ach ich könnte die Liste noch länger machen. Die ganze Wandtafel war vollgeschrieben. Aber bei genauem Hinsehen, hatten alle andere Quellen, kurz, es gibt keine christlichen Werte.

Jesus hat ja auch gesagt, er sein nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern es zu erfüllen. Er hat uns kein neues Gesetz gebracht, hat keine neuen Werte kreiert, sondern die vorhandenen erklärt. Ihm war es wichtig, dass wir Gott lieben, und damit die Möglichkeit bekommen auch den Nächsten zu lieben. So hat er das Gesetz, und damit auch die 10 Gebote auf das größte Gebot zusammengeführt, das wir vorhin ja in der Lesung des Evangeliums gehört haben.

 

Ich hab ja einen Verdacht. Wir sind in der Gefahr, die sog. Christlichen Werte zu missbrauchen, sie sozusagen als Waffe gebrauchen. Da hat ein junger Mensch im Kaufhaus ein preiswertes T-Shirt geklaut. Und dann können wir das Gebot „Du sollst nicht stehlen“ so schön anwenden. Aber wir vergessen, wie das T-Shirt entstanden ist. Stichwort Bangladesh. Das hat dann doch wohl was mit dem Splitter und dem Balken aus der Bergpredigt zu tun.

 

Ich will nicht missverstanden werden. Man kann Vergehen gegen die Gebote nicht miteinander aufrechnen, wie ein Buchhalter: „Dein Vergehen war schlimmer, also hab ich was gut“. Aber wenn Jesus sagt, wie bei der Ehebrecherin: „Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein“ dann gilt das doch auch hier.

 

Die Gebote wollen das Zusammenleben möglich machen, sie sind nicht zur Rechtfertigung gedacht. Wer nur auf Rechtfertigung aus ist, also: „Ich habe mich nach Recht und Ordnung richtig verhalten“ macht Zusammenleben nicht einfacher. Nein, mir sind diese Menschen zutiefst unsympathisch.

 

Lasst mich nun noch ein paar Worte zu einzelnen Geboten sagen. Ich kann unmöglich über alle zehn Gebote ausführlich was sagen. Aber über ein paar schon.

 

 

  • Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keiner anderen Götter haben neben mir.

 

Das klingt erst mal nicht gut, fast arrogant. Wie kommt der dazu, mich so einzuschränken. Aber das können wir leicht nachfühlen, wenn wir die Geschichte Israels ansehen.

 

Ihr erinnert euch, in der Wüste, Moses war weg und die Israeliten wollten einen Gott haben. Aus dem vorhandenen Gold fertigte einer dann das Abbild eines Stiers. Und die Israeliten feierten ein Fest. Sie tanzten um das „goldene Kalb“. Das ist ja nun ein Synonym geworden, das wir öfter zitieren, der Tanz ums goldene Kalb.

 

Kalb? Ja so wurde das Stierabbild lächerlich gemacht. Aber hätten wir nicht gerne einen starken Gott, wie so ein Stier ja ein starkes, kraftvolles Tier ist? Einen Gott, der mit unseren Gegnern kurzen Prozess macht, der seine Stärke herauskehrt, wie eben ein starker Stier? Ich erinnere mich an eine Situation im Beruf. Das war ein Konflikt aufgetaucht und ich hatte einen Mann an meiner Seite, den ich für richtig stark halte, viel stärker und mächtiger als ich, und er wusste seine Stärke und Macht auch einzusetzen um den Konflikt so zu lösen, wie ich das auch wollte. Ob ich mich da wohl gut gefühlt habe?

 

Aber so ist Gott nicht. Ich denke, das ist auch gut so. Nein Gott ist, wie Jesaja sagt, einer, der den glimmenden Docht nicht auslöscht und das geknickte Rohr nicht abbricht. Ich glaube, Gott mag gebrochene Menschen und er stellt sich auf ihre Seite. Und sind wir nicht alle auch gebrochene Menschen, die genau so einen Gott nötig haben. Trotzdem stehen wir doch immer in der Gefahr, lieber einen kraftvollen Gott haben zu wollen. Dann brauchen wir uns unser Gebrochensein nicht ansehen. Aber wie würde der denn dann mit uns umgehen?

 

 

  • Du sollst dir kein Götterbild machen, auch keinerlei Abbild dessen, was oben im Himmel oder was in den Wassern unter der Erde ist. Du sollst dich nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen.

 

Gott ist das was uns unmittelbar und unbedingt angeht. Und nun wird uns gesagt, wir sollen uns kein Bild davon machen. Na, Niederwerfen und Anbeten, da stehen wir wohl nicht so in der Gefahr. Aber kein Bild machen? Habt ihr Mut? Machen wir mal ein Experiment.

 

Mach mal die Augen zu und ich sage einfach „Gott“. --- Ich bin sicher, da sind vor eurem Auge Bilder von Gott aufgetaucht.

 

Es ist schier unmöglich, sich kein Bild zu machen. Vielleicht sehen wir Gott als einen würdigen alten Herrn mit Bart. Ja, so haben die alten Künstler ihn dargestellt. Weil sie darstellen wollten, dass Gott voller Weisheit ist, wie eben alte Männer mit Bart.

 

Übrigens, Luther hat uns dieses Gebot in seinem kleinen Katechismus unterschlagen. Das hatte seinen Grund darin, dass zu seiner Zeit Bilderstürmer unterwegs waren und in Kirchen Bilder und Statuen zerstörten. Sie bezogen sich auf dieses Gebot. Und Luther wollte nicht, dass diese unersetzbaren Kunstwerke, die ja auch Zeugnisse der Frömmigkeit der Alten waren, zerstört wurden.

 

Aber was soll das Gebot dann? Ich denke, dass unsere Bilder immer nur einen kleinen Teil Gottes darstellen. Wenn wir wissen, dass Gott auch ganz anders sein kann, dass unsere schönsten Bilder nur ein blasser, ein ganz blasser Abklatsch seiner Herrlichkeit sein können, dass wir offen sind für ihn und für sein Handeln, dann hat das Gebot seinen Sinn erfüllt.

 

 

  • Du sollst nicht töten.

 

Na, nun geht’s aber los, werdet ihr sagen. Keiner von uns hat je getötet und wird es wohl auch nicht. Wir sind doch keine Mörder!

 

Aber wie sieht das aus, wenn wir Jesu Auslegung dazu in der Bergpredigt lesen?

 

Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: „Du sollst nicht töten“; wer aber tötet, der sei des Gerichts schuldig. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr (andere Übersetzung: „Geh zum Teufel“), der ist des höllischen Feuers schuldig.

 

Jesus sagt damit, dass nicht nur das Leben eines Menschen geschützt ist, nein, es beginnt schon mit seiner Würde. Jeder Mensch hat eine Würde. Und die ist unantastbar. Wer einen Menschen würdelos behandelt, wer ihm seine Würde verletzt oder sie ihm gar nimmt, der hat ihn gleichsam bereits getötet.

 

Ob uns das Gebot dann wohl doch trifft? Wie leicht verletzen wir die Würde eines Menschen und nehmen damit seinen gesellschaftlichen Tod in Kauf. Manchmal nur zum Spaß. Es macht ja auch Spaß, mit ein paar Kumpels über einen Einzelnen zu lachen, noch dazu, wenn der sich durch sein Verhalten dazu anbietet. Heute gibt es einen modernen Ausdruck dazu: Mobbing. Jesus hat uns das gesagt, weil er will, dass wir gut zusammenleben, er will, dass wir auch Acht aufeinander haben.

 

Aber, und das möchte ich zum Schluss sagen, die 10 Gebote sind nicht dazu da, sie Anderen um die Ohren zu hauen. Sie sind ein Dokument, das Gott uns gegeben hat, damit unser Zusammenleben funktioniert.

 

Aber über Allem gilt das größte Gebot:

 

Der Herr ist unser Gott, der Herr und kein anderen.

Darum liebt ihn von ganzem Herzen,

mit ganzem Willen und ganzem Verstand

und mit allen Kräften.

Gleich danach kommt das andere Gebot: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.

 

Amen.

 

 

 

 

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