3. März 2013

Tuesday, March 5, 2013 10:08:00 AM Categories: in Habenhausen

 

Predigt  03. März 2013

(Okuli)

 

Die Gnade unseres Herr Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

 

„Aus tiefer Not schrei ich zu dir“, haben wir eben gesungen. Das ist ein altes Lied, das Martin Luther gedichtet hat. Und der wusste was von tiefer Not, er hat sie leidvoll ertragen müssen. Wir erinnern uns doch, er hat schwer darunter gelitten, dass er fürchtete, dass Gott ihm eben nicht gnädig sei und dass er selbst so sündig ist, vor Gott nicht bestehen zu können. „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott“ war die Frage, die ihn lange leidvoll umtrieb.

 

Das ist heute nicht mehr unsere Frage, oder doch? Heißt sie vielleicht nur anders? Vielleicht: was muss ich tun, damit mein Vater, überhaupt meine Eltern, meine Lehrer, meine Vorgesetzten mich ansehen, mich anerkennen, dass meine Freunde mich mögen. Ich denke, manchen treibt das schon um. Aber kann Ich kann diese Frage für Euch alle beantworten. Ich fürchte Nein. Aber vielleicht finden wir bei Jeremia, bei unserem Predigttext eine Antwort.

 

Ganz tiefe Not erlebte Jeremia, das steht in dem Text, der uns heute als Predigttext gegeben ist. Ich will ihn vorlesen.

 

 

Jer. 20, 7 - 13

Die Last des Prophetenamtes.

 

Das muss uns doch tief anrühren und treffen, wenn wir auch nur ein Bisschen mitleiden. Also, mich hat das getroffen. Da schreit der Prophet, dass er die Aufgabe unter der er jetzt so leidet gar nicht haben wollte. „Du, Gott, hast mich überredet“. Das Wort das hier verwandt wird, hat was mit Beziehung zu tun, man kann es auch mit „Du hast mich vergewaltigt“ übersetzen.

 

Jeremia kriegt den Auftrag lauter Dinge zu sagen, die kein Mensch hören will. Er muss die Ungerechtigkeit in seiner Stadt anprangern. Er muss sagen, dass viele von den Mächtigen in seinem Staat korrupt sind und ihre Macht dafür nutzen, sich zu bereichern, zu Lasten der Armen. Er muss sagen, dass sich die Herrschenden nicht um Gott kümmern und damit provozieren, dass er, Gott, sie fallen lässt. Die Babylonier mit dem König Nebukadnezar bedrohen Jerusalem, aber die Herrschenden sehen die Gefahr nicht, ja sie fühlen sich stark und mächtig. Gott sei ja auf ihrer Seite.

 

Und das dauernde Mahnen des Jeremia ärgert alle. Immer wenn er „Frevel und Gewalt“, „Verbrechen und Unterdrückung“ rufen muss, verspotten sie ihn. Er verbreitet nicht nur Schrecken, er ist der Schrecken. Verklagt ihn, damit wir ihn endlich los werden.

 

Ist das Mobbing? So ist das wohl, wenn man ganz tief drinnen weiß: „Er hat ja irgendwie Recht“, aber wenn man das dann anerkennt, muss man anders leben, man merkt so kann es dann nicht weitergehen, und das ist ziemlich unbequem. Kennt ihr das auch?  So verleumdet man lieber den Überbringer der Botschaft und lebt weiter wie bisher.

 

Mehr noch, alle Freunde warten darauf, dass er endlich was falsch macht, damit sie ihn verklagen können, dass sie sich an ihm rächen können. Sogar seine eigene Familie, so lesen wir an anderer Stelle, versucht ihn zu ermorden.

 

Er wird verhaftet, in den Stock, also an den Pranger gesperrt. Die Passanten können ihn verhöhnen, ja ihn anspucken. Und das nur, weil er das sagt, was Gott von ihm will.

 

So sagt er sich: Was tue ich hier eigentlich. Warum vergesse ich Gott nicht einfach und führe ein normales Leben, wie alle Anderen auch. Ich will einfach nicht mehr an ihn denken und seinen Namen vergessen. Aber das ging nicht. Alles in ihm sträubte sich dagegen. Wie sagt er: „In meinem Inneren brennt dein Wort wie Feuer, ich nehme meine ganze Kraft zusammen um es zurückzuhalten, ich kann es nicht.“ Jeremia muss weiter reden, er muss sich weiter in Gefahr bringen, er kann einfach nicht anders.

 

Ein paar Verse weiter nach unserem Predigtext sehen wir erst recht in einen schauerlichen Abgrund. Jeremia verflucht seine Geburt. „Warum hast du mich nicht im Leib meiner Mutter gelassen. Warum musste ich geboren werden.“ sagt er. Er verflucht den Menschen, der seinem Vater die Nachricht von seiner Geburt gebracht hat.

 

Jeremia ist in einer schier aussichtslosen Lage. Luther –ihr erinnert euch-  fühlt, dass er was tun muss, damit Gott ihn ansieht, er hat also eine Möglichkeit der Not zu entkommen, wenn er auch da noch nicht weiß wie. Jeremia ist ja gerade deshalb in der aussichtlosen Lage, weil er Gott nahe ist. Ohne Gott hätte er die Not nicht.

 

Aber Beide machen eins nicht. Sie bleiben in Gottes Nähe, sie fliehen nicht vor Gott. Jeremia schon deshalb, weil er gar nicht anders kann. Jeremia bleibt bei Gott und bei seinem Volk. Trotz der aussichtlosen Lage.

 

Können wir Jeremia verdenken, dass er Blut sehen möchte. Was sagt er: „Sie müssen ganz zuschanden werden.“ Sagt er, „ Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden“ und „Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen.“ Können wir ihm die Wut verdenken, die wie heiße Lava, und wie aus einem Vulkan aus ihm hervorbricht?

 

Aber immerhin überlässt er das Gott und wird nicht selber tätig in seiner Wut. Ich habe ja selbst erlebt, dass solche Worte gut tun können. Liebe Gemeinde, man kann seine Wut an Gott weitergeben. Ja, das darf man!

 

Jeremia: Eine wirklich prophetische Existenz. Selbst dieser große Gottesmensch ist mit Gott nicht mehr zurechtgekommen. Gott ist ihm zu schwer geworden. So schwer, dass er sogar seine Geburt verflucht, wie ich vorhin erzählt habe. Er will nicht mehr an Gott denken! Jeremia ein Gottesmensch, der Gott vergessen will.

 

Darin aber wird Jeremia wirklich zum Gottesmenschen: Indem das Geschick des Propheten zum Beispiel für das Geschick seinen Volkes wird. Bis hinein in ihre Gottvergessenheit bleibt er den Menschen verbunden. Ja, gerade in dieser Gottvergessenheit hält er Gott in seinem Volk gegenwärtig. Jeremia bildet in seinem Leiden eine Brücke zwischen Gott und dem Volk, das von Gott nichts wissen will. Und das geschieht auf eine bemerkenswerte Weise:

 

Jeremia kann nicht mehr, aber er kann auch nicht anders. Gott ist ihm zu schwer, aber ohne ihn, ist sein Leben leer und nichtig. Was sagt er: „Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich’s nicht ertragen könnte, ich wäre schier vergangen.

 

Das Bild vom Feuer ist schon immer ein Bild von der Begegnung mit Gott. Wir denken sicher an den brennenden Dornbuch, dem Mose in der Wüste begegnet ist. Wer Gottes Nähe einmal wirklich erlebt hat, wird das nie mehr vergessen und wird auch nie mehr davon loskommen. Das ist das, was Jeremia hier erlebt. Gerade weil er Gott vergessen will, meldet er sich umso deutlicher zu Wort.

 

Und so wird Jeremia gerade dadurch, dass er das alles durchleiden muss, zu einer Brücke zu Gott für sein Volk, damit, dass sein Volk die Brücke wieder betreten kann, so wie sich Israel in allen Wirren seiner Geschichte doch immer wieder auf seine Erfahrungen der Gottesnähe seit Abraham, Isaak, Jakob und Mose zurückbesonnen hat.

 

Wenn man das so betrachtet, kriegt das Leiden und das Reden des Jeremia plötzlich einen ganz neuen Sinn. Er redet von dem Verderben, weil es doch verhindert werden soll. Das Volk soll so nicht weitermachen. Das Volk soll auf Gottes Weg bleiben. Vorerst geschieht das allerdings nur im Leben des Jeremia. So ist er ganz Hirte und Prophet seines Volkes. Er leidet mit. Er ist solidarisch mit seinem Volk.

 

Wir kriegen hier mit, dass er betet. In einem herzzerreißenden Gebet spricht er ganz von sich. Aber er tut das mit Psalmen. Er erfindet keine neuen Worte und Wendungen. Er verwendet die Worte, die seinem Volk die allen bekannt sind.

 

Und Jeremia findet nach all der Klage zu einem Lob Gottes: „Singet dem Herrn, rühmet den Herrn, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet.“ Nach Allem, was er durchmachen musste, findet er dann doch wieder zu Gott zurück. Obwohl das im Augenblick für ihn gar nicht so aussieht, kann er das Lob Gottes vorwegnehmen, kann er Gott aus seinem Elend heraus loben.

 

Jeremia, ungeliebt und unerhört ja verhasst wie kein anderer Prophet in Israel, gibt seinem Volk ein Beispiel, wie es seine Gottvergessenheit überwinden kann. Jeremia kann beten. All seine Wut, seine Hilflosigkeit, seine Traurigkeit, seinen Schmerz und alle Schuld kann er Gott klagen. Gott ist ja nicht ein Gott dem man nur mit schönen Dingen kommen kann.

 

Man kann vor ihm klagen. Ja, man kann ihn anklagen. Du kannst ihn anklagen: Warum bist du so ferne, Gott, siehst du nicht, wie ich leide. Du kannst das mit mir doch nicht zulassen. Du willst doch nicht, dass ich zugrunde gehe. Wann endlich kommst du mir zu Hilfe!

 

Womöglich kann man dann sehen, dass Gott längst zu Hilfe gekommen ist, man es nur nicht bemerkt hat, es nicht sehen konnte. Die Klage und Anklage ist so groß, man sieht das erst wenn man die Klage und Anklage hinter sich lässt. Erst wenn man in der Not die Klage und auch die Anklage vor Gott gebracht hat, kann der Blick frei werden, für all das was auch noch da ist. Dann kann sich ein weiter Raum auftun!

 

Eines muss ich hier unbedingt loswerden. Wir Christen tun oft so, als wäre alles in Ordnung. Dabei zweifeln wir doch auch oft genug, plagt uns der Unglaube. Stehen wir da und trauen Gott nichts mehr zu. Wir leben so, als wäre der Glaube an Gott unrelevant. Als müssten wir sowieso alles selbst machen.

 

Und dabei verbreiten wir, gerade als Christen so eine glänzende Oberfläche. Wir geben den glaubenden und souveränen Christen. Aber viele Menschen spüren dass da was nicht stimmt. Sie merken, dass unser Reden und unser Leben so oft auseinanderklaffen.

 

Ich hab nicht so oft gehört, dass es jemand wagt, Gott anzuklagen, weil er ihn nicht versteht, Gott seinen oder ihren Unglauben zu klagen, weil er oder sie nichts mehr mit ihm anfangen kann – und doch darunter leidet, oder auch gerade merkt dass er nicht darunter leidet, was noch viel schlimmer ist.

 

Liebe Gemeinde, es ist schwer, als Christ in einer Zeit zu leben, wo auch uns Gefahren drohen (muss ich hier nicht aufführen) und wo der Glauben „verdunstet“ wie mal Jemand sagt. Ich möchte uns Mut machen, genau das Gott zu klagen. Ich möchte uns Mut machen, dass Gott – auch wenn es anders aussieht, nicht abgeschrieben ist. Und wenn wir nicht mehr wissen, wie es weitergehen kann, will ich Mut machen, das Gott zu klagen.

 

Amen.

 

 

© Philippsen

© Kirchengemeinde Arsten - Habenhausen

Site Map | Printable View | © 2008 - 2018 Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen | Impressum