3. Sonntag nach Epiphanias, 22. Janur 2012

Sunday, January 22, 2012 3:10:00 PM Categories: in Arsten Sonntagsgottesdienst
Predigt im Gottesdienst am 3. Sonntag nach Epiphanias,
22. Januar 2012, St.- Johannes-Kirche Arsten

Römerbrief 1,16-17

Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«

„Ich schäme mich nicht“, fängt Paulus an. Da sagt er etwas, was wir nicht so sagen können – was auch Ihr nicht so sagen würdet, liebe Konfis. Wir schämen uns. Ihr schämt Euch. Vielleicht könnte man sogar sagen: Daß Ihr Euch schämt, wie wir alle das tun, ist ein sicheres Zeichen dafür, daß Ihr keine Kinder mehr seid. Kinder schämen sich nicht, oder jedenfalls nicht so: Kinder sagen, was sie denken. Kinder gucken einen an, wenn sie ihn irgendwie interessant finden. Kinder können nackt rumlaufen. Wenn man einmal zehn, zwölf Jahre alt geworden ist, macht man das nicht mehr. Man schämt sich.

Wofür schämen wir uns? Wofür schämt Ihr Euch? Gerne schämen wir uns für unseren Körper. Darum ziehen wir uns an. Wir verhüllen, verstecken unseren Körper. Dicke schämen sich, weil sie dick sind. Wir schämen uns für eine schiefe gewachsene Nase. Mädchen schämen sich vielleicht für Sommersprossen, Jungs, wenn sie nicht gut Fußball spielen können.

Damit ist schon klar: Das sind alles Sachen, für die man sich eigentlich nicht schämen muß. Die Koordination des Bewegungsapparates geschieht im Kleinhirn, nicht im Großhirn. Man kann also auch gut durchs Leben kommen, wenn man nicht schnell laufen, mit dem Ball geschickt umgehen und viele Tore schießen kann. Und man kann natürlich gucken, ob es nicht doch ein Geheimrezept gibt, mit dem man sich seine Sommersprossen wegmachen kann. Aber wahrscheinlich muß doch nur der kommen, der sie entdeckt: wie schön sie nun gerade in meinem Gesicht sind. Und wenn man dick ist? Na ja, dann ist man eben dick. Solang man sich wohl in seiner Haut fühlt, besteht kein Grund sich zu verstecken. Wir schämen uns für alle mögliche Sachen, für die wir uns nicht schämen müssen.

Und trotzdem ist Scham sehr wichtig. Scham ist ein Schutz, den wir unbedingt brauchen. Es gibt Dinge, die niemanden etwas angehen. Es gibt Geheimnisse, die gehören nicht in Facebook und SchülerVZ. Ihr denkt vielleicht manchmal – ich weiß es nicht genau: Könnte ich doch auch so unbefangen, so unverschämt auftreten wie die oder der. Aber wir müssen uns für unsere Scham nicht schämen. Viel schlimmer ist es, wenn wir schamlos alles Mögliche von uns preisgeben. Wenn wir dann sehen, was wir gemacht haben, daß wir irgendjemandem oder über das Internet sogar allen, die es wissen wollen, etwas von uns verraten, was nur uns selbst oder allenfalls noch gute Freunde etwas angeht, dann – dann schämen wir uns. Und haben auch wirklich Grund dazu. Scham ist viel besser als Datenschutz. Viel sicherer. Scham ist wichtig.

Nun sagt Paulus aber: „Ich schäme mich nicht.“ Entweder, er tickt nicht richtig, oder er meint das in einem ganz bestimmten Sinne. Und wir müssen genauer hingucken. Und in der Tat wird diese Schamlosigkeit von Paulus genauer bestimmt. „Ich schäme mich des Evangeliums nicht.“ Einfach gesagt: „Ich habe kein Problem, mich mit Gott und meinem Glauben zu zeigen.“
Zunächst mal: Das ist schon komisch: Was manche Leute heute alles von sich erzählen. Menschen treten bei „Mitten im Leben“ vor einem riesigen, unbekannten Publikum auf und erzählen intimste Geschichten. Oder sie unterziehen sich im Dschungelcamp irgendwelchen Ekelprüfungen. Und man denkt: Wen interessiert das überhaupt? Stars, aber auch der oder andere Politiker gibt Einblicke in seinen Privaturlaub, um damit irgendeine Volksnähe zu demonstrieren. Aber für den Glauben, für alles, was irgendwie mit Gott und einem persönlichen Verhältnis zu ihm zu tun hat, schämen sich viele. Vielleicht spürt Ihr das auch. Schon mal ausprobiert, offen in der Schule oder auf der Arbeit zu sagen: „Ich bete“? Heute muß man sich für fast nichts mehr schämen. Aber auf diesem Thema liegt ein gewisses Tabu. Wenn Erwachsene sich taufen lassen, was gelegentlich vorkommt, überlegen sie sich, ob sie das in einem öffentlichen Gottesdienst machen oder in einem privaten Spezialgottesdienst nur für sie und die Familie, damit es niemand mitbekommt. Warum eigentlich? Man macht sich doch nicht strafbar. Woher diese Scham?

Ich weiß das nicht. Aber ich kann sagen, warum Paulus sagt: „Ich schäme des Evangeliums nicht.“ Seine Begründung lautet so: „Denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben.“ Es hat also mit dem Glauben zu tun, daß Paulus hier keine Scham kennt. Glauben muß selbst so viel heißen wie: sich nicht schämen, nämlich sich vor Gott nicht schämen. Menschen, die glauben, ziehen sich nicht im Fernsehen und nicht in Facebook aus, die ziehen sich nur vor Gott aus. Menschen, die glauben, wissen also, wem sie was sagen: den anderen Menschen nur das, was das Vertrauen zu Ihnen jeweils hergibt, Gott aber alles. Und sie haben in Gott eben auch jemanden, dem sie alles sagen können: auch das, wofür sie sich schämen, die Schwächen, das Hässliche, das Unappetitliche, sogar das Widerliche.
Und jetzt ist das auch logisch, was Paulus weiter sagt, als Begründung für seine ganz besondere Schamlosigkeit: „Denn es ist eine Kraft Gottes.“ So offen mit Gott sein können, das gibt Kraft. So ehrlich sein zu können, macht stark. Da ist man sortierter. Da hat man seine Beziehungen ein bisschen besser im Griff. Wer glaubt, kann mit seinen Mitmenschen besser umgehen. Er sieht klarer.

Und woher weiß man nun, daß man Gott alles sagen kann? Woher kommt dieser Glaube? Das erklärt Paulus so, für uns ein bisschen kompliziert: „Darin“ – also im Evangelium, der Botschaft von Jesus Christus, dem Wort, das wir in der Bibel finden – „wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.“ Diese Botschaft sagt uns, daß wir Gott recht sind. Obwohl wir uns schämen, und zwar eben eigentlich auch mit Grund. Ja, obwohl wir nur darum leben und miteinander klar kommen können, weil wir nicht alles voneinander wissen. Denn das ist klar: Wenn die anderen alles von uns wüssten, dann wollte niemand mehr mit uns etwas zu tun haben. Da ist so viel Unwahrheit, Lüge, Egoismus, Bosheit – das würde keiner aushalten. Wie auch wir mit den anderen niemals etwas zu tun haben wollten, wenn wir alles von ihnen wüssten. Gott weiß alles von uns. Ja, vor Gott müssten wir uns in Grund und Boden schämen. Dennoch sind wir ihm recht. Das sagt er uns. Das sagt uns das Evangelium von Jesus, die Botschaft, die er gebracht hat und für die er gestorben ist. Obwohl er uns kennt, will er, daß wir uns vor ihm nicht schämen. Das ist seine Liebe zu uns.
Und dafür müssen wir uns natürlich nicht schämen, vor niemandem: für diese Botschaft, diesen Glauben, diesen Gott und die Gebete, die wir an ihn richten? Niemals. Wofür auch immer wir uns schämen müssen – dafür nicht. Dazu können wir uns frei bekennen. Und Ihr könnt das auch: wenn Ihr hier zur Kirche geht, wenn Ihr hier am Konfus teilnehmt, wenn Ihr vielleicht auch betet, wenn Ihr diesem Gott vertraut. Amen.

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