5. Oktober 2008 Predigt Erntedankfest 2008, 5. Oktober, Hebräer 13, 15f

Sunday, October 5, 2008 11:28:00 AM Categories: Archiv '06 - '08 Erntedankfest

„Jesus hat...draußen gelitten vor dem Tor. So laßt auch uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. So laßt uns nun durch ihn allezeit Gott das Lobopfer bringen, die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Wohlzutun und abzugeben vergesset nicht, denn solche Opfer gefallen Gott wohl“

Weder diese zwei Sätze, noch das 13. Kapitel, in dem sie stehen, noch der ganze Hebräerbrief haben das Geringste mit dem Thema von Ernte, von Freude über die Schöpfung, von Dankbarkeit über das tägliche Brot zu tun.

Sie handeln statt dessen über den Tempel und den dortigen Kult. Über den Tempel in Jerusalem und über das, was an seine Stelle getreten ist. Denn als der Hebräerbrief geschrieben wurde am Ende des 1. Jahrhunderts, da lag Jerusalem in Schutt und Asche, war verbotene Stadt für alle Juden. Rom hatte ausgelöscht, was noch zu Jesu Zeit lebendiger Mittelpunkt des jüdischen Glaubens gewesen war.

Der Autor des Hebräerbriefes hält sich mit der Vergangenheit nicht lange auf und ich will das auch nicht tun. Das, was gewesen ist, will er keinesfalls wieder herstellen. Er beschreibt den prachtvollen Bau, den Tempel des Salomo, den Tempel des Herodes, aber auch die Stiftshütte in der Wüste, in der Mose Gott begegnet war, nur als Vorbild, als Hinweis, als Schritt auf dem Weg zu etwas Größerem und Besseren. Nämlich für das, was wir jetzt haben. Und das will er uns zeigen. Und das ist, so meint er, nicht hier, sondern „draußen, außerhalb des Lagers.“

So, da sitzen wir nun heute hier in unserer festlichen Kirche in bester Feierlaune, aber der Autor des Briefes, man weiß nicht, wer es war, der nimmt uns bei der Hand und will eigentlich ganz woanders hin gehen mit uns. Der will gar nicht, daß wir hier sitzen und uns die Bäuche reiben und uns unseres Wohlstandes freuen, der will eigentlich gar nicht mit uns verweilen in diesem Bau, von Menschenhand gemacht, der hat  für die Kürbisse, Äpfel und Brote kein interessiertes und dankbares Auge und nicht für die Kunst der Fenster und des Kreuzes. Der nimmt uns bei der Hand und führt uns nach draußen.

In Gedanken gehen wir jedenfalls mit. Mal sehen, was er uns zeigt. Er sagt:

„Jesus hat...draußen gelitten vor dem Tor. So laßt auch uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Es wird immer Menschen geben, die für ihre Begegnung mit Gott besondere Räume herrichten, die das alles großartig gestalten, die sich dort versammeln und Opfer zum Altar bringen und Weihrauch aufsteigen lassen und die sich da religiös erbauen. Solange sie wissen, daß das alles nur Abbildung, Abschattung, Vorahnung des Eigentlichen und Wichtigen ist und keineswegs die Begegnung mit dem lebendigen Gott selbst, ist das auch in Ordnung.

Aber was wäre das für ein Gott, der sich in Häusern verehren ließe oder in Bildern aus Stein und Holz oder auch Gold und der sich Opfer schenken liesse, Rinder und Schafe, die ihm doch ohnehin alle gehören?

„Jesus hat...draußen gelitten vor dem Tor. So laßt auch uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.“

Da wird’s ernst, wenn du vor der Entscheidung stehst, ob du mit ihm „nach draußen“ zu gehen bereit bist. Dahin, wo keine große Stimmung ist, keine überwältigenden Eindrücke, keine rauschhafte Religiosität, keine Anerkennung durch den Staat oder durch die Intellektuellen oder auch einfach durch eine große Zahl von Menschen. 

Jesus ist draußen vor der Stadt gestorben, genauer gesagt zwischen zwei Mördern am Schandholz. Eine eigenartige Erhöhung war das über alle Probleme dieser Welt, die Jesus da erfahren hat und die ihn zugleich tief hinuntergebeugt hat in die Probleme dieser Welt!

Also lassen wir uns heute morgen wirklich bei der Hand nehmen und verlassen diese geschmückte und schöne Kirche und gehen mit nach draußen, jedenfalls mit unserm geistigen Auge und unseren geistigen Füßen, wir gehen dahin, wo keiner hin will. Wir lassen die Pracht der Natur und die Freude über die Schönheit der Schöpfung hinter uns, heute morgen jedenfalls, denn all das gehört ja zu dieser Welt, die wir einmal verlassen müssen, die nur unsere vorläufige, unsere gewiss und absolut ganz ernst zu nehmende, aber doch nur unsere vorläufige Heimat ist: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Und jetzt stehen wir mit ihm, an seiner Hand. Draußen vor dem Lager. Unter dem Kreuz Jesu. Und nun hören wir:

„So laßt uns nun durch ihn allezeit Gott das Lobopfer bringen, die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.“

Also: Hier liegen viele Früchte. Sie sind schön und machen Lust auf mehr. Aber wir haben heute ganz eigene Früchte beizusteuern, die noch schöner sind, und über die Gott sich noch mehr freut, als über dies, was wir ihm zu Ehren hier hingelegt haben. Und das sind die Früchte unserer Lippen. Für die Früchte unserer Lippen sind die Früchte des Feldes ein Symbol und ein Hinweis. Nicht diese Früchte hier sind die, die Gott von uns haben will. Die gehören ihm längst. Aber sie sind in ihrer Schönheit und Sinnlichkeit, daß wir sie anfassen, riechen, schmecken, bewundern können, Hinweis, Symbol und Ansporn für die Früchte, die Gott von uns wirklich haben will.

„...die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen“

Seinen Namen bekennen, ihn loben für das, was er für uns getan hat und tut. Dieser Ort draußen vor dem Lager, dieses Kreuz, diese Einsamkeit, diese Angst, diese zerschlagenen Hände und Füße, diese zerstochene Seite, dieser von Gott und Menschen verlassene Ort, diese schwarze Nacht, ist der Ort seiner Größe und Herrlichkeit, die wir bekennen und loben. Wir verkündigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit.

Nicht der Tempel in seiner Pracht und auch nicht die Kirche heute morgen in ihrer Schönheit und nicht einmal die reiche, fruchttragende Natur, von der wir alle leben. Die Natur bringt viele Früchte und wir leben von ihnen, gewiss, aber heute morgen, an der Hand dieses Mannes, der den Hebräerbrief geschrieben hat, bringen wir andere Früchte, die Früchte unserer Lippen, die den gekreuzigten Christus preisen.

Da loben wir ihn in seiner Herrlichkeit draußen vor dem Tor und dieses Loben kann zur Frucht werden, von der diejenigen leben, die, so wie er, draußen sind. . Daß wir das Lob der Herrlichkeit Jesu singen, der „da draußen“ ist, daß wir sein Lob singen und seinen Namen preisen und seine Herrlichkeit rühmen, wo doch in d ieser Welt so viel Elend, so viel Sterben, so viel Mangel, so viel Ausgestoßensein ist, das sind die Früchte unserer Lippen, die wir heute Gott darbringen wollen. Die wir, unsichtbar, aber unüberhörbar, dazutun wollen zu allen Früchten und Blumen, an denen wir uns hier freuen.

„Wohlzutun und abzugeben vergesset nicht, denn solche Opfer gefallen Gott wohl.“

Hat Gott es nötig, daß wir ihm Denkmäler und Standbilder bauen? Er hat selber Denkmäler seiner Herrlichkeit gebaut, und das sind die Menschen, die er geschaffen hat. Wir sind Denkmäler und Abbilder Gottes. Blöder Zynismus, der den Menschen verachtet, weil er ihm nicht perfekt genug erscheint. Gott hat den Menschen nicht verachtet, sondern sich seiner angenommen und ihn erlöst. Zynismus und Menschenfeindllichkeit sind Unglaube.

Hat Gott es nötig, daß wir ihm Tempel bauen, um seinen Ruhm zu mehren? Er selbst hat sich lebendige Tempel erwählt, Tempel des Heiligen Geistes. Tempel, in denen er leben und wohnen will. Und das sind die getauften Brüder und Schwestern, denn bei der Taufe nimmt der heilige Geist Wohnung in uns.

Wir ehren Gott, wenn wir sein lebendiges Abbild ehren. Bilder aus Stein und Gold braucht er nicht.

Wenn wir Gott Ehre erweisen wollen, dann sollen wir ihm Ehre erweisen, indem wir die getauften Brüder und Schwestern aufsuchen und ihnen Opfer bringen. Denn in ihnen ist Gott selbst gegenwärtig. An anderer Stelle sagt der Hebräerbrief: Wenn ihr einen Menschen aufnehmt bei euch, dann wißt ihr gar nicht, ob ihr nicht einen Engel Gottes aufnehmt.

„Wohlzutun und abzugeben vergesset nicht, denn solche Opfer gefallen Gott wohl.“

Wie ihr das machen sollt, daß wird euch euer Herz verraten, wenn ihr es nur reden laßt. Ob das heißt, daß ihr verzichtet auf etwas Luxus, um den Armen abzugeben? Ob das heißt, daß ihr weniger an euch und euern Vorteil denkt und mehr an die Möglichkeit, wie ihr eure Gaben und euer Vermögen für Gott einsetzen könnt? Ob das heißt, daß ihr euch politisch engagiert und nicht „die da oben“  immer nur kritisiert, sondern aktiv mitgestaltet an dem Versuch, alles so gerecht wie möglich zu gestalten? Ob ihr also Geld, oder Begabung oder Zeit oder alles zusammen mit nach draußen nehmt, da, wo das Kreuz steht, da, wo aber sonst niemand gerne hingeht? Laßt euch führen vom Heiligen Geist. Ihr werdet es bestimmt richtig machen. Amen.


Jens Lohse

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