Ev. Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen - Bremen

 

4. Mai 2014 (Jesus der große Hirte)

Sunday, May 4, 2014 6:11:00 PM Categories: in Arsten nach Ostern

Hebr. 13, 20 - 21  (Jesus, der große Hirte)

(Text lesen)

Liebe Gemeinde,

ja, ganz richtig. Das ist ein Segen. Das ist der Abschluss des Hebräerbriefes. Danach kommen nur noch Grüße und was man am Schluss eines Briefes halt so sagt.

Der Verfasser des Hebräerbriefes spricht über den Empfängern des Briefes einen Segen aus. Dabei ist der Hebräerbrief schon etwas sonderbar. Wir wissen nicht wer ihn geschrieben hat, und wir kennen die Empfänger nicht. Viele Arbeiten und Aufsätze wurden darüber geschrieben, aber alle mit dem Ergebnis – eigentlich wissen wir es nicht!

Daher, denke ich, können wir uns ersparen darüber zu reden!  Nur und das ist unzweifelhaft, der Schreiber muss ein gebildeter Mensch gewesen sein, das verrät seine Wortwahl, und er zitiert viel aus dem Alten Testament, daher auch der Name Hebräerbrief. Dieser Brief wendet sich an eine Gemeinde, die in ihrem Glauben abzugleiten droht. Der Autor möchte die Menschen wieder aufrichten, ihnen helfen, ihren Glauben wieder ganz Ernst zu nehmen.

Mich hat vieles aus dem Text angesprochen. Und das muss ich bei Euch jetzt loswerden. Da werden, wie so oft, Bilder verwandt. Ihr wisst  Bilder sind wichtig, sie machen eine Aussage begreifbar, viel besser, als wenn man nur abstrakte Begriffe verwendet. Aber das gilt natürlich nur, wenn wir auch das darunter verstehen, was der Schreiber meinte.

Da ist nun von dem großen Hirten der Schafe die Rede. Da steigt doch vor unserem Auge sofort das Bild vom Schafhirten auf, wie er in der Lüneburger Heide oder meinetwegen auch in Ostfriesland mit seiner Schafherde und seinen Hunden über die Weidegründe läuft. Ein irgendwie schönes und  romantisches Bild. Ich kann dann nicht anders, ich muss stehen bleiben und mir das ansehen. Und wenn es dann noch kleine Lämmer gibt. Wunderschön.

Und dann denken wir doch auch sofort an den 23. Psalm: „Der Herr ist mein Hirte…“ der wird ja auch gerne als Konfirmationsspruch genommen. Und das Bild ist ja wirklich schön, der Hirte weidet mich auf grüner Aue, führt mich zum frischen Wasser und schützt mich vor Feinden. Das haben wir vorhin im Psalmgebet gesprochen.

Aber dann sehe ich wieder die Schafherde in der Heide vor mir, wie die Schafe alle hinter einander herlaufen, fast blind einander folgen. Und ist nicht das Schaf ein Innbegriff von ein bisschen doof. Du Schaf ist ein Schimpfwort. Es steht da und macht „Bääh“ und ist ja geradezu auf den Hirten angewiesen, weil es ohne ihn gar nicht lebensfähig wäre.

Und dann fällt mir ein: Das Bild meint ja mich! In dem Bild bin ich das Schaf! – ihr übrigens auch!

Will ich denn ein Schaf sein? So ein dummes Tier?

Mir fällt unser letzter Busausflug mit der Gemeinde nach Stade ein. Wie wir durch die Stadt liefen, hinter unserem Pastor her (Pastor entstammt dem Latein und heißt Hirte!), der uns dann – nun nicht zum frischen Wasser, aber wohl zum Stadtcafe führte, zu Kaffe und Kuchen. Wir wussten ja nicht, wo es hingehen sollte, daher mussten wir aufpassen, den Anschluss nicht zu verlieren. Soweit zum Bild vom dummen Schaf!

Nur noch das. Ja die Schafe sind ohne Hirten ohne menschliche Fürsorge nicht mehr lebensfähig. Aber wir haben sie so gezüchtet. Habt ihr schon mal Wildschafe gesehen, z. B. Muflons mit den gewaltigen Hörnern, na mit denen möchte ich keine Meinungsverschiedenheit haben.

Aber im Predigttext steht ja noch mehr. Die Rede ist vom Gott des Friedens. Frieden ist ja so wichtig, lebenswichtig. Da wir hier in Deutschland ihn über 60 Jahre haben, müssen wir uns immer wieder daran erinnern, dass das nicht selbstverständlich ist.  Wir nehmen das zu leicht als Selbstverständlichkeit, dabei sollten wir immer wieder dankbar sein. Wie schnell sich das ändern kann, sehen wir in der Ukraine!

Erinnert ihr, dass auch im Segen, am Schluss des Gottesdienstes den der Prediger Euch an jedem Sonntag zuspricht, vom Frieden die Rede ist.

Was meint eigentlich Frieden! Im Hebräischen ist „Shalom“ ein Gruß, wie bei uns „Grüß Gott“. Und dabei heißt Shalom nichts anderes als Frieden. Aber dazu muss noch was gesagt werden. Ich habe lange gemeint, wenn mir da „Frieden“ zugesprochen wird bekomme ich ein ganz wertvolles Geschenk, auf das ich auch gut aufpassen muss, so wie beispielsweise auf eine kostbare, zerbrechliche Glasvase.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Ich will es mal so sagen: Friede ist nicht ein Zustand, etwas, was man erreichen kann, es ist ein Prozess. Friede ist ein Weg. Und auf einem Weg muss man sich immer wieder neu orientieren um ans Ziel zu kommen.

In der Bibel ist übrigens das Gegenteil von Frieden: Chaos! Oder auf Hebräisch: Tohuwabohu. So ist Frieden ein wohlgeordneter und lebensfürsorglicher Zustand.

Aber, wie ich das hinschreibe, merke ich wie gefährlich dieser Satz auch ist. Friede und wohlgeordnete Zustände kann ich auch durch Macht und Gewaltausübung erzeugen. Und das ist nun garantiert nicht gemeint. Im Alten Testament, dort wo die Könige das versucht haben, treten ja immer wieder Propheten auf, die diese Könige massiv kritisieren.

Nein, Friede hat was mit Gerechtigkeit zu tun, sagen sie. Ohne Gerechtigkeit ist wirklicher Frieden nicht möglich! Und im Chaos ist Frieden schon gar nicht möglich.

Ganz radikal schreibt das Dietrich Bonhoeffer:

Friede auf Erden, das ist kein Problem, sondern ein mit der Erscheinung Christi selbst gegebenes Gebot. Zum Gebot gibt es ein doppeltes Verhalten: den unbedingten blinden Gehorsam der Tat oder die scheinheilige Frage der Schlange: Sollte Gott das gesagt haben? (Das sagt nämlich die Schlage im Paradies, als sie Eva den Apfel andrehen will)

Diese Frage ist der Todfeind des Gehorsams, ist darum der Todfeind jeden echten Friedens. Sollte Gott nicht die menschliche Natur besser gekannt haben und wissen, dass Kriege in dieser Welt kommen müssen wie Naturgesetze? Sollte Gott nicht gesagt haben, wir sollen für den Frieden arbeiten, aber zur Sicherung sollten wir auch Panzer und Giftgase bereitstellen? Und dann das scheinbar Ernsteste: Sollte Gott gesagt haben, du sollst dein Volk nicht schützen? Du sollst deinen Nächsten dem Feind preisgeben?

Nein, das alles hat Gott nicht gesagt, sondern gesagt hat er, dass Friede sein soll unter den Menschen, dass wir ihm vor allen weiteren Fragen gehorchen sollen, das hat er gemeint. Wer Gottes Gebot in Frage zieht, bevor er gehorcht, der hat ihn schon verleugnet.

Harter Tobak, nicht? Wir haben es ja nicht so mit dem Gehorsam. Bei Gehorsam hören wir immer gleich Kadavergehorsam. Aber dass das gemeint ist, kann man einem Dietrich Bonhoeffer nun wirklich nicht nachsagen.

Kann man zusammenfassend das sagen: Der Friede Gottes hat was mit Gerechtigkeit zu tun. Unsere Aufgabe könnte es sein, überall in unserer Umgebung auf solche Gerechtigkeit zu achten, vor allem sensibel zu werden, wenn Jemanden Unrecht geschieht. Und da gibt es so viele Vorkommen.

Wie wäre das, wenn man einem Schulkameraden oder einer Schulkameradin beispringt, weil sie oder er gemobbt wird. Man könnte ja öffentlich sagen, dass man die Vorwürfe für ungerecht hält, vielleicht kann man ja auch Andere bitten da mitzumachen. (Denn ich weiß, dass eine solche Intervention gefährlich sein kann) So könnten wir den Satz aus der Bergpredigt erfüllen: „Selig sind, die hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“

Und was hat es nun mit dem Segen auf sich?

Oben hab ich gesagt, dass unser Text ein Segen ist. Segen, so finde ich, ist viel mehr als nur die Worte die da gesagt werden. Ich habe als Prädikant am Ende des Gottesdienstes einen Segen zu sprechen. Lange konnte ich diese Worte einfach nicht behalten. Wisst ihr, da stand ich vor dem Altar und hatte einfach „vergessen“ wie der Satz weiterging. Da gab es schon ein paar Tricks, mit denen ich mir zu helfen versucht habe schließlich war ich ja auch mal Schüler. Womöglich hat die Gemeinde gar nichts gemerkt. Aber ich fand das schrecklich. Und es geht nicht nur mir so, von anderen Prädikantenkollegen hab ich das auch gehört. Das zeigt für mich jedenfalls die enorme Bedeutung von Segen. Man sagt das nicht einfach so hin!

Im alten Testament kommt Segen als eine ganz wichtige Handlung vor. Erinnert ihr euch an Isaak und Jakob? Jakob erschleicht sich durch einen Trick den Segen von seinem Vater Isaak. Eigentlich steht er ja Esau, seinem Bruder zu, weil er der Ältere ist.

Dieser Segen ist ein Weitergeben der Lebenskraft auf die nächste Generation. Und obwohl Jakob sich diesen Segen durch einen Trick, durch Betrug erschlichen hat, ist er gültig. Esau wird darüber so wütend, dass Jakob fliehen muss, weil er in Lebensgefahr ist.

Sagen wir nicht auch, dass ein Mensch gesegnet ist, wenn es ihm gut geht.

Segnen, so hab ich gelernt, kommt von signare = Bezeichnen. Es bezeichnet Jemanden als zu Gott gehörig.

Also, Segen ist mehr, als die Worte, die da gesagt werden. Ich stelle mir das wie eine Dreieck-Verbindung vor. Ich spreche euch den Segen zu, ihr empfangt ihn, aber nicht von mir, sondern von Gott. Segen verbindet Menschen mit Gott, stellt sie unter seine Fürsorge, auch unter das Kreuz Christi und verweist sie auf den Heiligen Geist, der bekanntlich wirkt, und zwar wo er will.  Segen verbindet uns als Kinder Gottes miteinander.

Zu Anfang hab ich gesagt, der Autor des Hebräerbriefes möchte die Gemeinde, an die er schreibt, aufrichten. Sie haben viel von ihrem lebendigen Glauben verloren, und der Autor möchte das ändern.

Er stellt uns den Guten Hirten vor Augen. Dieser Hirte, eben Jesus, hat selbst viel durchgemacht und versteht uns. Und wenn er Gehorsam fordert, tut er das nicht um uns einzuengen, im Gegenteil, er möchte uns in die Freiheit führen. Wir sind keine dummen Schafe, aber wir können uns manchmal auch ausruhen bei ihm. Meine Erfahrung ist, dass die in meinem Leben wirklich wichtigen Dinge passiert sind, nicht weil ich sie gemacht habe, sondern weil ich sie zugelassen habe. Weil ich vertraut habe und nicht die ganze Kontrolle haben musste. Da war eben ein Guter Hirte am Werk.

Und wenn wir so in ihm geborgen leben können, dann können wir es uns auch leisten, für den Frieden zu leben, dafür etwas zu wagen. Wir können Partei für unterdrücke und gemobbte Mitmenschen nehmen. Wir werden erleben, wir entlastend das für sie ist, wie sie plötzlich wieder weiten Raum um sich haben und wieder frei atmen können. So kommt ein Stück Freude auch auf uns zurück.

Und zuletzt wissen wir, dass Gottes Segen, um den wir uns an jedem Sonntag wieder neu vergewissern können, uns mit einander verbindet und uns stark macht, stark unseren Glauben zu leben.

Amen.

 

© Philippsen








































 


 

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