Ev. Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen - Bremen

 

Das Gleichnis vom Knechtslohn

Posted by Klaus Dieter Philippsen Sunday, February 12, 2017 5:27:00 PM Categories: in Arsten Sonntage nach Epiphanias

Lk. 17, 7 - 10

Lk. 17, 7 – 10 (Von der Pflicht des Knechts)

7 Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch?
8 Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und trinken?
9 Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war?
10 So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.

 

Also, damit wir das richtig verstehen: Da hat einer einen Knecht, der müde, hungrig, verschwitzt und schmutzig von der Feldarbeit nach Hause kommt. Und der soll dann erstmal dem Herrn das Abendessen bereiten und servieren. Dann darf auch er essen. Und dann wird noch ausdrücklich gesagt, dass der Herr seinem Knecht natürlich nicht dankt, wenn er das tut, was er zu tun hat. Dann kommt noch die Spitze, und die gilt doch wohl uns: „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so seid ihr unnütze Knechte, die nur ihre Arbeit getan haben.“ Ihr unnützen Knechte! Kein Dank, keine Anerkennung, nichts. Das klingt so nach dem schwäbischen Ausspruch: „Nicht geschimpft ist Lob genug.“

Als Anregung für ein Handbuch für Mitarbeiterführung eignet sich das bestimmt nicht. So geht man doch nicht mit Mitarbeitern um.

Oder soll das heißen, wenn ihr was für Gott tut, dürft ihr keinen Dank erwarten. Soll das ein Hinweis sein, für Leute, die für Gott oder für die Kirche was tun? Ich sag da nichts zu. Aber ehrlich, mir geht das ganz schön gegen den Strich. Das kann doch so nicht sein.

Im Gegenteil, in der Bibel wird immer wieder gesagt, dass Gott sich nichts schenken lässt. Er vergilt tausendfach. Soll das hier nun alles auf den Kopf gestellt werden?

Oder sollen wir einfach so „cool“ sein, dass wir auf das Lob Anderer gar nicht angewiesen sind? Wir sollen selber so in uns ruhen, damit wir das Urteil Anderer nicht brauchen.

Vor ein paar Tagen wurde im Fernsehen eine amerikanische Millionärin, Florence Forster Jenkins gezeigt, die davon überzeugt war, eine großartige Sängerin zu sein. Aber das glaubte sie nur selbst. Ihre Auftritte waren so peinlich, dass es schon fast wieder lustig wurde. Vor Allem, als sie versuchte die Arie der Königin der Nacht aus der Zauberflöte zu singen, und das in der Carnegie Hall (die sie selbst gemietet hatte). Das ist eine Arie mit so vielen hohen Tönen, dass sich nur sehr gute Sopranistinnen daran wagen. Peinlich bis lustig! Aber immerhin hatte sie so ihre Fans als die schlechteste Sängerin aller Zeiten. Unter YouTube kann man sie anschauen und hören!

Aber das soll doch wohl kein Vorbild sein, schon weil wir wohl nicht in der Lage sind die Carnegie Hall zu mieten. Nein, so kann die Bibelstelle nicht gemeint sein.

Wir Menschen sind Gemeinschaftswesen. Wir lernen unser Leben zu führen dadurch, dass wir unser Verhalten von anderen gespiegelt bekommen. Wir merken dabei, was richtig und was nicht gewünscht ist. Lob ist wichtig. Kennt ihr das nicht auch? Man hat etwas gemacht und wird dafür gelobt. Dann machte es viel mehr Spaß weiter daran zu arbeiten. Womöglich werden wir in dem Bereich dann sogar richtig gut. In der Entwicklungspsychologie gibt es Abhandlungen die zeigen, wie Lob zu Motivation führt und damit zu großen Leistungen.

Lob, da meine ich nicht billiges Lob. Wenn ich einen Menschen wirklich loben soll, muss das was mit mir zu tun haben. Ich muss ihm zeigen, was mir seine Leistung bedeutet. Mein Sportlehrer hat mich immer gelobt, in der Hoffnung, dass ich dann ein guter oder doch wenigstens ein einigermaßen brauchbarer Sportler werden möge. Aber ich hab das durchschaut, mir war klar, warum er mich lobte. Na, ich bin bis heute kein Sportler.

Das zum Lob. Meint denn nun Lukas, dass wir so leben sollen? Wenn wir alles gemacht haben, was von uns gefordert wird, sind wir unnütze Knechte? Sollen deshalb alle diese Leute, die wie ich hier gezeigt habe, was anderes erarbeitet haben Unrecht haben? Ich weigere mich, das zu glauben! Aber was hat uns denn unser Predigttext dann zu sagen?

Im griechischen Urtext, aus dem Luther übersetzt hat, steht „doulos“. Luther hat das mit „Knecht“ übersetzt. Aber eigentlich heißt das „Sklave“. Sklaverei ist doch nichts anderes als Diebstahl von Leben, und damit widerspricht es dem 7- Gebot: „Du sollst nicht stehlen“.

Klar, Sklaverei ist abgeschafft und verboten. Aber nur, weil sie verboten ist, ist sie ja nicht weg. Ich glaube ihr könnt ganz schnell Sklaverei ähnliche Verhältnisse aufzählen, auch bei uns. Wie ist das mit Arbeitern, die Schwerstarbeit leisten, für einen Hungerlohn – z.B. in Schlachthöfen, auf Baustellen und wenn Frauen zur Prostitution gezwungen werden, man ihnen die Pässe wegnimmt, damit sie nicht fliehen können. Wie ist das mit jungen Leuten, die immer wieder unbezahlte Praktika leisten müssen. Wie ist das mit den Näherinnen, die für uns Kleidung und Schuhe machen. Wie ist das mit Leuten, die den ganzen Tag über erreichbar sein müssen, auch in ihrer Freizeit. Das Handy ist immer dabei. Sklaverei hat was mit wirtschaftlicher Aktivität zu tun. Bei Sklaverei geht es darum Profit zu machen.

Zur Zeit des Lukas waren wohl Sklaven durchaus üblich.

Nun sagt man aber, das Lukasevangelium ist das Evangelium der Armen. Wenn wir auf unseren Text zurückkommen, kann denn ein Armer einen Sklaven beschäftigen? Je genauer man hinsieht, wird der Text immer rätselhafter.

Unser Predigttext ist ja einfach eine Auswahl. Da hat eine Kommission eine Textstelle ausgesucht und die haben wir nun. Auch, die Unterteilungen nach Kapitel und nach Versen stammen nicht etwa von Lukas, nicht einmal von Luther, der den Text übersetzt hat. Das war ein Verleger und Theologe, ein Franzose namens Robert Estienne, der sich 1550 dem Calvinismus anschloss und der 1551 diese Nummerierung einführte. Damit man besser zitieren kann, aber auch damit die Setzer in den Druckereien sich besser orientieren können.

So werden manchmal Texte, auch unser Predigttext, aus dem Zusammenhang gerissen, wenn man einfach nur einen kurzen Abschnitt betrachtet. Ein Text gehört immer in den Zusammenhang.

Was also steht vor unserem Predigttext?

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer, und er würde euch gehorsam sein.

Na, was gewinnen wir dadurch? Wird der Text verständlicher. Nö, da kommt noch einiges dazu. Die Jünger bitten Jesus: Stärke uns den Glauben. Und was tut der? Er erzählt einen Vergleich. Also, die Bitte erfüllt er nicht. Was wäre das auch für ein Glauben, der einen Maulbeerbaum ins Meer verpflanzt. Das wäre sicherlich schwer beeindruckend, aber hätte das irgendeinen Sinn? Ein Maulbeerbaum im Meer?

Wir haben mal gelernt, aus einem Gleichnis, das Jesus auch erzählt hat, dass das Senfkorn ein kleiner Samen ist und zu einem großen Baum wird. Aber stimmt das? Das Senfkorn ist weder der kleinste Samen, noch wird daraus ein Baum. Aus dem Senfkorn wird ein Busch, ein wuchernder Busch, so ähnlich wie Raps, der für uns nur einen Wert hat, die Senfkörner zu ernten und daraus Senf zu machen. Und er ist einen einjährige Pflanze. Oben auf dem Liederzettel findet ihr ein Bild einer Senfpflanze, leider nicht farbig.

Die Sprache, die die Bibel wählt, die hier gebraucht wird ist sonderbar, ja paradox, so als wolle sie uns hier auf etwas aufmerksam machen. Als sollten wir wach werden und in Ruhe genau darauf achten, was sie uns sagen will.

Na, ich hätte wohl gerne einen Glauben, der mir hilft, meine willkürlichen Wünsche zur Erfüllung zu bringen. Wie hab ich darum gebetet, dass ein krebskranker Freund nicht sterben muss. Ist er aber doch. Hat mir da der richtige Glaube gefehlt? Hab ich da was falsch gemacht? Ich weiß, dass bei vielen Menschen der Glaube danach bemessen wird, ob er sowas kann, Menschen heilen, charismatische Ausstrahlung. Wer das alles nicht hat, hat der nicht den rechten Glauben?

Solcher Glaube kann wuchern, wie die Senfpflanze und die muss übers Jahr beseitigt werden, weil sonst der Acker verkrautet. Senf ist, wie gesagt, einjährig.

Jesus scheint die Bitte der Apostel abgelehnt zu haben. Er hat aus ihrem Wunsch den nach einem Wunderglauben gehört, und den lehnt er ab. Das ist nicht der Glauben, der nötig ist, und Maulbeerbäume gehören nicht ins Meer!

Sklaven und Sklavinnen die getan haben, was sie mussten, werden am Ende der Perikope als nutzlos bezeichnet. Das wird normalerweise als Bescheidenheit der Sklaven gelesen. Nichts von sich hermachen. Wir sind ja nur Diener. Im Text wird den Sklaven ja nicht einmal gedankt, aber das ist auch nicht üblich. So geht man halt um, mit Sklaven. Und dann setzt der Text noch eins drauf, indem sich die Sklaven als unnütz bezeichnen, nachdem sie hart gearbeitet haben.

Wenn ich den Text mal ganz genau lesen will frage ich mich, was sind denn dann nützliche Sklaven:

„Wir sind nützliche Sklaven, weil wir nicht getan haben, was wir tun mussten.“ Kann das so sein?

Zurück zum Maulbeerbaum. Soll unser Text etwas aussagen gegen einen aufgeblähten Glauben. Einen Glauben, der sich vor anderen Menschen aufplustert? „Wie bin ich doch fromm!“. Unser Predigttext will dagegen Stellung beziehen.

Aus der Perspektive der der Armen, die bis heute unter den Bedingungen der Sklaverei leiden und sterben, ist das eben nicht der Wille Gottes, dass sie leiden müssen, dass ihnen ihr Leben geklaut wird.

Sklaven dienen der Maßlosigkeit des Reichtums. Sie werden um ihr Leben betrogen und das ist Raub. Die, die Sklaven besitzen und die Sklaverei dulden, rauben Menschen das Leben, das Gott ihnen geschenkt hat. Wer das mitmacht und gut heißt, ist unnütz! Wer den Glauben in den Dienst solcher gottloser Systeme stellt, ist unnütz. Ein Glauben, der der Vermehrung des Wohlstandes auf Kosten anderer dient, ist unnütz. Menschen, die so handeln, haben getan was sie tun mussten. Sie haben nicht die Freiheit der Kinder Gottes ergriffen, gegen die Unmenschlichkeit und Gottlosigkeit einzutreten.

Nochmal, ich weiß nicht, ob ich das richtig klar beschrieben habe.

Stärke unseren Glauben, sagen die Apostel. Jesus: Ihr wollt einen Glauben, mit dem man Maulbeerbäume ins Meer versetzen kann. Das ist ein Glaube, der wie ein Senfsamen zu Boden fällt, wuchert und vergeht. Ein Glaube der Wunder tun will, ist wie Sklaverei! Ein Glauben, der glaubt, erst Wunder machen den Glauben, ist ein sklavisches Verständnis von Glauben.

Wenn ihr denkt, so müsst ihr glauben, dann gehorcht ihr den Erwartungen, dann tut ihr, was ihr tun müsst. Dann ist euer Glaube Gehorchen, aber nicht Gott, sondern dem System der Sklaverei. Und da wisst ihr ja, was ihr wert seid: Nichts!

Solcher Glaube ist sklavischer Glauben. Ein Glauben Unfreier.

Aber die Botschaft Jesu ist Freiheit. Die Freiheit eines Christenmenschen, von der Luther spricht. Da geht es um die Freiheit eines gelingenden Lebens. Und die gibt es nach meiner festen Überzeugung nur in der Bindung an Jesus, so paradox das auch klingt, Freiheit durch Bindung. Er will sie uns schenken. Er schenkt Freiheit und Würde. Der Glaube an einen solchen Gott befreit Menschen aus der Sklaverei. Bis heute, wirklich! Gott will, dass ihr euer Leben umkehrt, euch zum Glauben an ihn bekehrt, weil er das Leben will.

Oder wie es bei Jesaja steht:

Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

Amen.

 

 

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