Die Emmaus Jünger (6.4.2015)

Posted by Klaus Dieter Philippsen Monday, April 6, 2015 4:26:00 PM Categories: Ostern

Lk. 24, 13 - 35 (Der Auferstandene erscheint den Jüngern von Emmaus)

Als ich diesen Text gelesen habe, fragte ich mich, was soll ich nur darüber sagen. Der ist doch so klar und verständlich, dass man fast nichts mehr dazu sagen muss. Aber kann das stimmen. Wenn das so wäre, wäre er doch nicht als Predigttext herausgesucht worden. Und manchmal ist gerade in Bibelworten, die so verständlich erscheinen, einiges verborgen, dass es überrascht. Ob das hier auch der Fall ist.

Vielleicht sollten wir uns einfach mal einfühlen in die beiden Wanderer, die in dem Text vorkommen. Was haben die gedacht, wie haben sie sich gefühlt?

Also, da sind zwei Männer unterwegs. Sie sind auf dem Weg nach Hause, nach Emmaus. Der Eine wird sogar mit Namen genannt. Er heißt Kleopas. Wenn der Name genannt wurde, dann deshalb, weil der Schreiber vermutete, seine Leser kennen ihn.

Die beiden kommen aus Jerusalem. Sie sind noch ganz ergriffen von den Dingen die da geschehen sind. Und sie sind so tief enttäuscht, dass Jesus, auf den sie ihre ganze Hoffnung gesetzt haben, als Verbrecher hingerichtet worden ist, von den Oberen und den Priestern oder doch durch deren Initiative. Nun stehen sie schlicht vor dem Nichts. Alle Hoffnung war vergebens. Könnt ihr euch das vorstellen? Auf diesen Jesus richteten sie ihre ganze Hoffnung, damit bekommt ihr Leben einen richtigen Sinn. Es lohnt sich, darauf hinzuleben. Das Leben wird lebenswert. Und nun ist plötzlich alles weg. Was hat das ganze Leben noch für einen Sinn?

Dabei hat doch alles so gut angefangen. Da war dieser Jesus. In seiner Nähe fühlte man sich angenommen. Man war Jemand, wenn man im zuhörte. Er verurteilte Niemanden, im Gegenteil. Das war so toll, was er sagte. Er zeigte eine Möglichkeit zu leben auf, die sich lohnte. Wenn er das sagte, war alles so einfach. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Liebe Gott von ganzen Herzen.“ Natürlich! Irgendwie wussten sie, Jesus ist der Messias. Jesus ist der Mann, der sie befreien wird. Wovon? Natürlich von der Herrschaft, ja der Knechtschaft der römischen Besatzung. Und das fing ja schon gut an, als Jesus nach Jerusalem einzog. Zwar nicht auf einem stolzen Ross, sondern nur auf einem Esel, dem Reittier des armen Mannes. Aber das Volk war begeistert. Es jubelte ihm zu, legte Kleiderstücke und Palmzweige auf seinen Weg, als Zeichen der Verehrung. Nun musste es kommen, Jesus wird seine Königsherrschaft antreten. Alles wird gut werden.

Aber es wurde anders. Jesus wurde verhaftet, verurteilt und als Verbrecher am Kreuz hingerichtet. Er hat sich nicht einmal dagegen gewehrt. Schlimmer konnte es doch gar nicht kommen. Ja, musste man selbst nicht Angst haben in die Fänge der Oberen zu geraten, wenn man sich als Anhänger Jesu outete? Gehörte man da nicht zu dem Kreis der politischen Verbrecher und geriet ganz leicht in Lebensgefahr. Suchten sie womöglich schon?

Die Frauen waren ja mutig, so hatten sie erfahren. Sie sind einfach zum Grab gegangen und wollten Jesus den letzten Dienst erweisen, den Leichnam einbalsamieren und was halt so zu tun ist. Und dann war der Leichnam gar nicht da. Die Frauen erzählten, dass ihnen Männer oder Engel erschienen sind, und ihnen sagten, Jesus sei auferstanden. Was die wohl wieder gesehen haben. Was das wohl alles bedeuten soll?

Plötzlich merkten die beiden Wanderer, dass da noch ein Mann aufgetaucht ist, der offensichtlich den gleichen Weg hatte. Später wurde ihnen bewusst, dass sie überhaupt nicht bemerkt hatten, wie er sich ihnen genähert hatte. Er war einfach da!

 „Ihr seht furchtbar traurig aus. Was sind denn das für Dinge, über die ihr da redet?“ fragte er sie. Sie blieben stehen. Waren sie irritiert, dass da ein Mann kommt und sie einfach so anspricht? Sollten sie überhaupt mit ihm reden? Aber irgendwie ist es auch wohltutend, mit einem weiteren Menschen seine Traurigkeit zu teilen. „Bist du denn der einzige Mensch, der nicht mitgekriegt hat, was da in Jerusalem passiert ist.“ „Was denn?“ fragte er.

Er zwingt die beiden Wanderer, ihm zu erzählen, was sie bedrückt. Kennt ihr das auch? Wenn man das in Worte fasst, was einen bedrückt, wenn man es richtig ausspricht, liegt es gleichsam auf dem Tisch, man kann es anschauen. Das Bedrückende ist nicht mehr in mir, ich habe es vor mir und habe dazu die Möglichkeit es mit den Augen des Gesprächspartners anzusehen. Es ist dann nur noch halb so bedrückend, und womöglich bekomme ich Ideen nach Alternativen zu suchen. Denn nichts ist alternativlos!

So erzählen sie ihre Geschichte. Von Jesus, den sie so verehrt haben. Er war ein Prophet, mächtig in Worten. Und sie hatten gehofft, dass er Israel erlösen würde. Und nun waren sie noch mehr irritiert, dass die Frauen was vom leeren Grab erzählt haben und von Männern oder von Engeln.

„Oh, wie seid ihr doch bloß in eurem Denken gefangen“, sagte er ihnen. In der Bibel steht sogar noch schärfer: „Oh, ihr Toren, habt ihr ein so ein träges Herz, dass ihr nicht glauben könnt, was schon die Propheten geredet haben?“ Und er erklärt es ihnen. Da sind Stellen z.B. bei Jesaja:

Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man sein Angesicht vor ihm verbarg. Aber er trug unsere Krankheit und unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Oder:

Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn – und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.

Ich weiß ja nun nicht was der fremde Wanderer so alles gesagt hat. Aber wenn er ihnen „Die Schrift“ ausgelegt hat, werden diese beiden Jesaja Texte (die Gottesknechtslieder, die später auf Jesus bezogen wurden) sicherlich dabei gewesen sein. Die Schrift, das war damals das Alte Testament. Das Neue gab es ja noch gar nicht.

Sie begriffen, dass sie das so noch gar nicht gesehen haben. Jesus war nicht der Fürst oder Feldherr, der sie von der römischen Besatzung befreien wird. Seine Befreiung war noch viel umfassender, das ahnten sie hier. Klar kannten sie die Texte, aber sie konnten nicht sehen, dass sie ihnen galten. Wie oft brauchen wir Menschen, die unseren Blick einfach in eine andere, eine befreiende Richtung weisen.

Plötzlich merkten sie: Wir sind ja schon zuhause. Und es fängt auch an, dunkel zu werden. Irgendwie hatte der Fremde sie ergriffen, sie wollten sich nicht schon jetzt von ihm trennen, so luden sie ihn ein, bei ihnen zu bleiben.

 „Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget!“

Den Kanon kennen wir. So oder so ähnlich haben die beiden Wanderer ihren Begleiter angesprochen.

Und dann saßen sie beim Abendbrot. Plötzlich geschieht etwas Seltsames. Der Begleiter langt nach dem Brot, teilt es und gibt es den Anderen. Das ist eine Aufgabe, die eigentlich dem Hausherrn zukommt. Aber plötzlich fällt es den beiden wie Schuppen von den Augen: „Das ist ja Jesus!“ Und während sie sich noch die Augen reiben, weil sie gar nicht glauben können, dass sie ihn vorher nicht erkannt haben, verschwindet er von Ihren Augen.

Das war Jesus. Deshalb waren sie noch ganz ergriffen, sie merkten, wie sie ihm zugehört hatten. „Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete.“ Sie hatten so viel Neues erfahren, ja sie verstanden Jesus plötzlich ganz anders. Irgendwie hatten sie das alles noch nicht ganz verarbeiten können. Aber sie wussten, es geht weiter. Es geht weiter! Sie wussten, da liegen noch Aufgaben vor ihnen, Und das machte sie unheimlich froh und glücklich. Es war nicht alles zu Ende, wie sie noch vor einen Stunde gedacht hatten.

Es ging gar nicht anders. Alle Müdigkeit und Traurigkeit war verflogen. Sie machten sich auf den Weg, zurück nach Jerusalem. Das mussten sie mit den Jüngern besprechen.

Und sie fanden sie auch ganz fröhlich vor. „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden“. Simon hat ihn gesehen.

Was hab ich zu Beginn gesagt? So ein Text kann doch Überraschungen enthalten, die man vorher gar nicht sieht. Hatte er! Es ist nicht nur so eine Geschichte, die die Wirklichkeit der Auferstehung nochmal deutlich werden lassen soll. Nein, sie zeigt wie die Jünger Jesus neu verstanden haben. Jesus ist nicht der Messias, der in einem großen Event die Welt verändert. Er will uns verändern, wenn wir uns auf ihn verlassen.

Ich wünsche uns allen Menschen, die unseren Blick, wenn er in Sackgassen führt, so wenden, dass wir wieder frei durchatmen können.

Amen.

© Philippsen

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