Erntedankgottesdienst am 30.9.2012

Monday, October 1, 2012 12:26:00 PM Categories: Erntedankfest in Arsten

Predigt im Erntedankgottesdienst am 30.9.2012, St. Johannes-Kirche Arsten

„Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.“
1Timotheus 4,4


„Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut“, haben wir gehört. Nun, was hat Gott geschaffen? Gott hat alles geschaffen. Und können wir den Satz auch kürzer fassen: „Alles ist gut“. Das ist die kühne Kernthese zu diesem Erntedanktag. Ich will mich ihr annähern, indem ich ihr ein paar naheliegende Varianten gegenüberstelle.

Es heißt nicht: „Alles wird gut“. Hier kommt uns nicht irgendein Wohlmeinender mit einer Beschwichtigungsformel. Hier will uns nicht etwa jemand mit warmen Worten bearbeiten, weil wir in unseren reichen, satten Breitengraden beim Erntedank unsere Bedenken haben. Nach dem Motto: „Eßt euch erst mal satt. Danach sehen wir weiter, was mit dem Hunger der Welt zu machen ist.“ Nein, alles ist gut.

Es heißt auch nicht: „Alles wird besser.“ Vor uns steht nicht der unverbesserliche Optimist, der mit heiterer Miene verkündet, daß mit ein bißchen gutem Willen und bei unseren technischen Möglichkeiten das Menschheitsglück immer noch zu steigern ist oder wenigstens das Menschheitselend zu reduzieren. Es spricht kein Vertreter irgendeines Welternährungsprogramms, kein Schönredner von Monsanto, aber auch keiner von den Idealisten aus der Bio-Öko-Fraktion.

Es heißt wiederum auch nicht: „Alles war gut.“ Unser Satz beschwört keine bessere Vergangenheit, in der die Kühe noch nicht in Kompaniestärke in den Ställen standen und in der wir Arster die Milch noch bei Bauer Bätjer kaufen konnten. „Alles ist gut“ – das galt früher, das gilt heute, das wird auch morgen noch gelten.

Und schließlich heißt es auch nicht: „Alles muß besser werden.“ Keine Mahnung will unser Gewissen treffen – was wir alles Böses tun! – und kein Motivationsruf unsere Kräfte mobilisieren – was wir alles Gutes tun können!
„Alles ist gut.“ Das ist eine These, eine Behauptung - ungebremst in den Raum geworfen, ohne Rücksicht auf das Bild, das die Menschheit sich von sich selbst macht, eine Ansage, die mit ihren Augen auf die Welt schaut und einen eigenen Anspruch auf ihre Deutung erhebt.

Wahr will dieser Satz allerdings nicht einfach so sein. Wahr will er nicht sein, weil er doch in irgendeiner Zeitung steht, und sei es in einer frommen, als Resultat einer wissenschaftlichen Untersuchung, als politisches Prinzip. Wahr will er sein, weil er mit Dank verbunden ist. Und jetzt brauchen wir doch den ganzen Satz: „Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.“

Dank! Mit dem Dank ist das allerdings so eine Sache. Dank läßt sich nicht verordnen. Er läßt sich letztlich auch nicht anerziehen, mögen wir unsere Kinder noch so oft gutbürgerlich ermahnen: „Sag schön danke!“ Er läßt sich nicht wie ein Gütesiegel auf die Verpackung unserer Lebensmittel kleben: „von dankbaren Landwirten hergestellt“. Und auch als Verbraucherempfehlung geht das nicht: „mit Dank zu verzehren.“ Dank läßt sich nicht in unsere Produkte einpreisen. Er entzieht sich überhaupt jedem Regelungsversuch.

Aber Danken ist überhaupt mehr als eine Anstandsregel und eine Frage des guten Benimms. Er ist mehr als eine zivilisatorische Gepflogenheit. Wenn es nur das wäre, dann könnten wir darauf verzichten, dann könnten wir das Danken zu den Akten legen, wie den Knicks des braven Mädchens und die Verbeugung des galanten Herrn. Der Dank ist keine Pflicht, sondern er ist eine Kraft. Der Dank macht die Dinge gut. Darauf macht uns unser Wort aufmerksam. „Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.“

Der Dank ist eine Kraft. Und diese Kraft brauchen wir. Als würde die Welt schon gerechter und die Ernährung besser, wenn wir auf irgendetwas verzichteten, auf Fleisch oder gar alles fleischliche Fett! Haben wir denn mehr Recht darauf, pflanzliches Leben zu verzehren als tierisches Leben? Woher denn! Natürlich, die Schweine und Hühner im Schlachthof sind nicht unser Eigentum. Und wir ersparen unseren Kindern den Anblick, damit sie sich nicht beim nächsten Wiener Schnitzel verweigern. Aber das Korn und der Mais, das wir auf dem Feld ernten, die Beeren und Früchte, die wir mit unseren Kindern von Büschen pflücken, sind die denn unser Eigentum? Und die Bäume, mit denen wir unsere Öfen heizen und Möbel herstellen, haben die etwa weniger eine Seele als die Mackacken, die in Bremer Versuchslaboren für die Epilepsieforschung sitzen? Nein, es ist nur eine andere Seele.

Der Dank ist eine Kraft. Und wir brauchen diese Kraft. Als wären wir mit ökofair schon aus dem Schneider und könnten munter drauf los futtern, sofern wir nur wissen, daß die Bauern in Afrika oder Lateinamerika für ihre Bananen und ihren Kaffee faire Preise bekommen. Was wir da verzehren, mag noch so viele Ökosiegel tragen – es ist damit noch nicht gut. Und wir können es noch nicht reinen Gewissens essen, solange uns nicht klar ist: Auch darin steckt Leben, das sterben mußte, damit wir leben können. Darum geht es beim Dank. Das ist sein Sinn und sein Inhalt. Wir lassen uns die Erlaubnis für etwas geben, das wir uns selbst niemals erlauben könnten: den Genuß anderer Geschöpfe. Der Dank ist die Kraft, die alles überhaupt erst gut für uns macht, die Kraft, die verhindert, daß uns schon vom puren Dasein schlecht wird. Wir dürfen leben auf Kosten anderer – das nimmt der Dank zur Kenntnis - ehrfürchtig, scheu und glücklich.

Wir brauchen den Dank. Kein Zweifel! Aber wir haben zugleich unsere Schwierigkeiten mit ihm. Wir ist es mit dem Erntedanktag? Er erzeugt immer mehr Verlegenheit. Die Besucherzahlen bei den Erntedankgottesdiensten sollen in den letzten Jahren gestiegen sein. Aber warum? Weil an vielen Orten, auch bei uns einmal mehr die Kinder in die Kirche geschafft werden, damit auch wir Erwachsenen halbwegs begreifen, was dieser Tag soll. Es kommen keine Erntegaben mehr. Was Ihr hier seht, das haben die mitgebracht, die gestern die Kirche geschmückt haben. Vielleicht müßten wir mal drei Jahre lang das Erntedankfest ausfallen lassen, um zu spüren, was es überhaupt soll! Oder wir sollten es als Fastentag begehen, mit leerem Altar und Brot und Salz nach dem Gottesdienst statt der üblichen Leckereien. Vielleicht würde uns dann dieser Tag wieder beim Danken helfe. Und er würde  uns fröhliche Gesichter machen darüber, daß uns nichts gehört und wir trotzdem alles haben.

Oder wie ist es mit dem Tischgebet vor dem Essen? Macht Ihr das? Ist das eine Hilfe für uns Dankanalphabeten, vielleicht sogar das Dankgebet nach dem Essen? Oder gerät der Dank damit schon wieder unter Floskelverdacht? Schaden kann der alte Gebetsklassiker gewiß nicht. Aber er ist wiederum auch kein Patentrezept für ein dankbares Herz. Das wissen die, die das regelmäßig machen.

Wir müssen jeder unsere eigenen Versuche machen. Wißt nur: Was immer wir tun, um das Danken wieder zu lernen - der Dank ist nichts, für das wir bezahlen oder verzichten oder trainieren müssen oder auch nur könnten. Der Dank ist eine Kraft. Und sie macht alles gut. Alles. Amen.


 

© Kirchengemeinde Arsten - Habenhausen

Site Map | Printable View | © 2008 - 2018 Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen | Impressum