Heilig Abend 2011, 17 Uhr

Sunday, December 25, 2011 6:31:00 AM Categories: Heilig Abend in Habenhausen

Heiligabend 2011, Jesaja 9,1-6, Simon-Petrus-Kirche

Zunächst einmal: Es geht nicht nur um dich oder mich, sondern um’s Volk. Ein schwieriger Begriff. Wir sind das Volk, aber wir sind’s nicht allein. Die da draussen sind auch das Volk. Die heute keine Familie um sich scharen können, die sich heute nicht wärmen in hell erleuchteten Stuben. Die 2-3.000 Wohnungslosen in Bremen zum Beispiel sind auch das Volk. Die 4.000 Drogenkonsumenten in unserer Stadt. Die Arbeitslosen, denen man sagt: Tut mir leid, Sie können wir nicht brauchen. Die Gottlosen, denen das, was wir hier treiben, wie Heuchelei oder wie Albernheit vorkommt.

Das Volk

In dieser Heiligen Nacht werden wir vom Profeten angesprochen als Gemeinschaft. Als Gemeinschaft, wo alle betroffen sind, wenn einer leidet, wo alle hinschauen, wenn einem ein Unglück widerfährt, wo alle sich mit freuen am Glück des Fremden und Unbekannten, als Volk. Schwieriger Begriff.

Das Volk, das im Finstern wandelt

Wir haben fürchterlich dunkle Tage hinter uns, das schlägt aufs Gemüt. Noch mehr schlägt  aufs Gemüt, dass wir jeden Tag in der Zeitung lesen müssen, wie sich alles schon wieder in Richtung auf diverseste Katastrophen zu bewegt. Unser Bundesland ist nahezu zahlungsunfähig. Nirgendwo in Deutschland, heißt es, fallen Reichtum und Armut in den Stadtteilen so weit auseinander, wie in Bremen. Wir hier, ihr habt es gelesen in der Zeitung, sind gesegnet und leben in einem vergleichsweise reichen Ortsteil. Wir würden ja Gott mehr von Herzen dafür danken können, wenn wir diesen Reichtum nicht erkauft hätten um den Preis der permanenten Anspannung, der Hetze, des beruflichen Stresses. Und protestiert nicht dagegen, das ich von Reichtum spreche: Ihr wisst doch, wie skandalös viel Geld wir ausgeben können für Dinge, die wir zum Leben nicht brauchen.

Das Volk, das im Finstern wandelt

Die ärmsten Länder dieser Welt müssen die größten Flüchtlingsströme aufnehmen, während Europa zur Festung wird, an deren Grenzen die Elenden der Welt ersaufen im Meer, weil sie ihre Hände ausstrecken und abhaben wollen von unserem Reichtum.

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht

Alles Volk, nicht nur wir, aber eben auch wir, zusammen mit den Asylbewerbern und Flüchtlingen und Obdachlosen und Arbeitslosen und sozial Abgestiegenen oder nie Hochgekommenen, und denen, die da sitzen in ihren Nußschalen auf dem Weg nach Italien, alles Volk sieht ein großes Licht und es sieht es in dieser Heiligen Nacht.

Und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

Heute heben wir unsere Augen auf zum Himmel. Heute streiten wir nicht um politische Programme und überhaupt streiten wir heute gar nicht darum, wer Recht hat und wie man alles besser machen könnte. Und was sich gehört für einen Bundespräsidenten und was nicht. Heute heben wir unsere Augen auf zum Himmel. Im Licht des Himmels sehen wir heute die Erde. Heute Nacht suchen wir das geradezu, ja wir sehnen uns danach, wie sonst das ganze Jahr nicht, dass Gottes Licht uns bescheint.

Denn es schwant uns doch, dass wir alleine nicht zurecht kommen. Es schwant uns, dass wir Gott brauchen als Retter und als Erlöser. Wir haben einige tausend Jahre Zeit gehabt, aus dieser Welt eine bessere zu machen. Wir selbst stehen wohl tatsächlich auf der Sonnenseite dieses Planeten. Und sind doch nur eine Minderheit. Die große Masse des Volks wohnt auf der anderen Seite. Liegt es vielleicht daran, dass speziell unser Jubel zu dieser Nacht recht zurückhaltend ausfällt? Denn jubeln sollen die Unterdrückten, die Gequälten und arm Gehaltenen. Die sollen jubeln, weil ihr Erlöser kommt.

Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.

Da muss ich ein bisschen den Kopf schütteln. So eine konkrete Freude, so eine richtige Freude, als ob man Beute gemacht hätte, als ob Werder in der 92. Minute das Siegtor geschossen hätte, die hör ich nicht. Ich nehme das auch nicht so wahr in der Heiligen Nacht, dass da lauter Jubel unter uns zu hören ist. Und das macht mir Sorgen. Denn wenn eine Mannschaft in der 92. Minute das Tor schießt – und ich juble nicht: Denn kann das nur eines bedeuten. Es ist nicht meine Manschaft, die das Tor geschossen hat. Heute Nacht jubelt Gottes Mannschaft und es macht mir zu schaffen, wie wenig von diesem Jubel ich höre...

Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen, wie am Tage Midians.

Kennst du Gideon? Gideon eiferte für den Herrn und zerstörte die Altäre der Götzen. Eines Tages kamen die  Midianiter bis an die Zähne bewaffnet. Sie wollten reiche Beute machen in Israel.

Da zog Gideon ihnen entgegen mit 32.000 Mann. Aber der Herr sprach: „Zu zahlreich ist das Volk, das bei dir ist.“ Wenn du die Midianiter schlägst, könntet ihr euch selbst rühmen und sagen: Mit unserer Kraft haben wir sie geschlagen. Da schickte Gideon die Ängstlichen und Verzagten nach Hause. So blieben ihm 10.000 Mann. Aber der Herr sprach: Das Volk ist noch zu zahlreich. Da schickte Gideon die nach Hause, die sich zum Trinken an der Quelle Harod niederknieten und kultiviert aus der Hand tranken. Die Kultivierten schickte er nach Hause.

Die aber das Wasser aufleckten, wie ein Hund, die stellte er zur Seite. Und der Herr sah auf diese und sprach: Durch diese 300 Mann, die das Wasser aufgeleckt haben, wie ein Hund, will ich euch erretten und die Midianiter in deine Hände geben. Diese eigenartige Vorliebe  Gottes für die Outsider, für die, die anders sind, für die, auf die man herabschaut, in diesem Falle für die Unkultivierten…

Und Gideon errang durch Gottes Hilfe in jener Nacht einen großen Sieg über das gewaltige Heer der Midianiter. Das war „der Tag Midians“. Und nun steht ein neuer Tag Midians an. Wo Gott es denen zeigen wird, die auf Macht und Gewalt ihre Ansprüche bauen.

Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

Unsere Kraft ist zu schwach, die großen Feinde zu besiegen, die diese Welt verheeren. Gott selber muss retten. Wir werden den Krieg nicht besiegen. Und nicht die Heuchelei und nicht die Gier. Aber Gott ist stark, wie am Tag Midians.

Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter, und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst.

Dieser Sohn ist nichts anderes, als ein Zeichen. Als ein Banner, das Gott aufgepflanzt hat auf dem Schlachtfeld für den Tag Midians. Ihr meint, 300 Männer sind zuwenig, um die Heerscharen der Midianiter zu zerschlagen? Wann lernt ihr endlich, dass Gott Wunder tut? Ihr meint, ein Kind ist zuwenig, um diese Welt zu retten? Gott hat ihn gesandt auf die Erde

Auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, daß er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.

Eines Tages wird deine Sehnsucht erfüllt werden. Dann wird diese Erde verwandelt werden. Gott will keine Welt, in der es Krieg gibt. Gott will keine Welt, in der die Starken auf Kosten der Schwachen leben. Gott will keine Welt, in der eine Krise die andere jagt. Gott will keine Welt, in der Menschen verurteilt und hingerichtet werden. Wenn du das immer sehr stark empfindest, dass diese Welt, so, wie sie ist, eigentlich nicht paßt zu Gott, dann hast du ja vollkommen recht!

Diese Welt ist eine Schwangere in den Wehen. Es wird eine neue Welt geboren werden. Da wird Frieden sein und Gerechtigkeit. Und keiner wird mehr hungern müssen und keiner mehr Angst haben. Und die im Dunkeln werden endlich Licht sehen.

Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.

Und er wird es tun durch das Kind, das heute geboren ist. Amen.  

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