Ev. Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen - Bremen

 

Heilung eines Gelähmten

Posted by Klaus Dieter Philippsen Sunday, October 11, 2015 2:07:00 PM Categories: Sonntage nach Trinitatis

Markus 2, 1 - 12, Predigt vom 11.10.2015

Na, wer kennt diese Geschichte nicht. Das ist schön, aber es beinhaltet aber auch, dass man sie nicht mehr so genau ansieht. Man weiß ja schon alles.

Vandalismus in Kapernaum, so würde vermutlich die Bild-Zeitung diesen Bibelabschnitt überschreiben. Ich gestehe, dass da Leute kommen und einfach das Dach des Hauses kaputt machen, das hat mich schon immer gestört. Das können die doch nicht machen. Die können doch fremdes Eigentum nicht so beschädigen.

Aber wenn wir den Abschnitt lesen, dann hat Jesus selbst das mit keinem Wort erwähnt. War das für ihn selbstverständlich, war es nicht wichtig? Auf jeden Fall gab es Dinge, die für ihn wichtiger waren, und auch die Leute dort, vor Allem die Schriftgelehrten hatten etwas, über das sie sich viel mehr aufgeregt haben.

Aber der Reihe nach:

Jesus wohnt vermutlich in Kapernaum, er hatte dort ein Haus zur Verfügung. Man darf sich das nicht so vorstellen, wie das bei uns ist. Es kann sein, dass Jesus das Haus nicht besaß, sondern dass er es von Jemanden zur Verfügung bekommen hat. Es ist auch nicht ein Haus, wie wir eines haben, mit Wohnzimmer, Küche und Badezimmer. In der Regel hatten die Häuser nur einen einzigen Raum, in dem sich das ganze Leben abspielte. Und im Sommer, wenn die Sonne so richtig vom Himmel knallte, war es in dem Raum vor Hitze nicht mehr auszuhalten. Dann stieg man auf das Dach. Das war ja ein einfaches flaches Dach, oft führte sogar eine Treppe hinauf. Dann spielte sich das ganze Leben auf den Dachterrassen ab. Bevor dann im Winter die Regenzeit kam, musste man diese Dachterrassen wieder ausbessern, damit es nicht reinregnet.

Das ist also das Umfeld, in dem sich unsere Geschichte abspielt.

Jesus war nach Hause gekommen. Vermutlich wollte er sich ein wenig ausruhen. Aber das war wohl nix. Die Leute hatten von ihm gehört und es war interessant, ihm zuzuhören. Was er sagte war wichtig. Man hatte den Eindruck, dass er hinter dem, was er sagte auch stand, das was er sagte war, um es neudeutsch auszudrücken Authentisch. Das kommt ja auch heute nicht so oft vor. Und dann gab es manche Besonderheiten zu sehen. Womöglich wurde man Zeuge eines Wunders. Und die Auseinandersetzungen mit den Schriftgelehrten und Pharisäern war auch immer interessant. Immer war Jesus der, der letztlich Recht behält und das war schon schön. Kurz, es war interessant diesen Jesus zu beobachten, und deshalb drängten die Leute sich um ihn.

Da kommen nun die vier Männer, die einen Gelähmten tragen. Da steht ja nicht, wie weit sie ihn schon getragen haben. Aber sie sind davon überzeugt, Jesus kann ihm helfen. Müssen wir diese Männer nicht bewundern? Was für Strapazen nehmen die auf sich um dem Gelähmten, vielleicht ihr Freund, zu helfen. Sie fühlen sich für ihn verantwortlich. Er geht sie was an. Sie lassen sich für ihn stören und lassen all ihre Arbeit, die sie bestimmt sonst noch haben, liegen. Ich bewundere die, sie können uns sicherlich als Vorbild dienen!

Aber nun haben sie ein Problem. Sie sind gar nicht mehr weit von Jesus entfernt, aber sie kommen nicht zu ihm. Eine Menge von Leuten drängt sich um ihn. Ich kann mir vorstellen, wie sie da stehen und erstmal ratlos sind. Soll denn der ganze Weg mit dem Gelähmten umsonst gewesen sein?

Ich stell mir vor, wie einer von den vieren die rettende Idee hat. Sie steigen die Treppe hoch auf das Dach des Hauses, räumen die Verkleidung weg und heben die paar Bretter, die das Dach bilden zur Seite. Und durch das Loch, das sie da geschaffen haben, lassen sie ihren Freund mitsamt der Trage, auf der er liegt hinunter, direkt von Jesus kommt er zu liegen.

Und wie haben die drinnen das erlebt? Da hört man komische kratzende Geräusche an der Decke. Putz rieselt herab und dann entsteht ein Loch. An vier Seilen wird eine Trage heruntergelassen, mit einem Menschen und vier Augenpaare, voller Erwartung schauen durch das Loch.

In der ganzen Geschichte fällt kein einziges Wort über die Sachbeschädigung, die gerade passiert ist. Für Jesus war etwas anderes viel wichtiger und das gewann seine volle Aufmerksamkeit. Jesus hatte die Menschen im Blick und sah ihre Erwartung und bemerkte, dass sie voller Glauben waren. Sie trauten Jesus was zu.

Und da geschieht etwas, mit dem wohl Keiner gerechnet hatte. Jesus sagt zu dem Gelähmten auf der Trage: „Mein Kind, deine Sünden sind dir vergeben.“ Wie kommt Jesus dazu? Woher weiß er bloß, dass der Mann von Sünden bedrückt ist, die auf Vergebung warten? Warum spricht er ihn mit „Kind“ an?

Jesus will, dass der Mann Vertrauen zu ihm hat. Ich denke, eine vertrauensvolle Beziehung kann kaum besser hergestellt werden, wenn Jesus den Mann praktisch in seine Familie aufnimmt, als Kind. Klar, das geht nicht immer, aber Jesus weiß, was er tut.

Aber da sind die Pharisäer. Wie kann der Jesus Sünden vergeben. Das kann doch nur Gott allein. Und man muss vorher doch seine Sünden bekannt haben, also es muss ein Beichte vorausgehen. Das was der macht, ist Gotteslästerung.

Ich glaube, wir sind schnell dabei zu sagen: Ach diese Pharisäer. Die können ja immer nur meckern. Die mit ihren starren Vorschriften. Müssen die immer mit ihrem erhobenen Zeigefinger durch die Welt laufen? Ich spreche deshalb so ausführlich darüber, gibt es doch auch heute solche Pharisäer, nur wir nennen sie wohl nicht so.

Aber haltet euch fest: Die Pharisäer haben Recht. Ja, Vergebung der Sünden ist Gottes Sache. Nur er kann wirkliche Vergebung bewirken, und sie haben auch Recht, dass es nötig ist, seine Verfehlungen zu begreifen und sie auszusprechen. Sie haben Recht, und - sie haben Unrecht.

Unrecht haben sie, weil in Jesus ein Mann mit Vollmacht da ist, der das kann. Später sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben“. Also, auch seine Jünger (wir?) bekommen diese Vollmacht.

Das Jesus merkt, was die Pharisäer da untereinander tuscheln, ist kein Wunder. Aber er ist ihnen nicht böse. Im Gegenteil. Er spricht sie an: Sagt, ist es leichter zu sagen, dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen nimm deine Trage und geh nach Hause? Was für eine Frage!

Was ist da eigentlich abgelaufen, in dem Haus in Kapernaum? Mir fällt eine Geschichte ein, die der berühmte Psychiater Sigmund Freud berichtet hat. Zu ihm wurde eine junge Frau gebracht, die gelähmt war. Man hat sie vorher gründlich untersucht, aber keinerlei körperliche Beschwerden gefunden.

Freud hat sie behandelt. Und er erfuhr, dass sie über lange Zeit und mit großer Hingabe ihren kranken Vater, den sie sehr liebte, gepflegt hat. Irgendwann lernt sie einen jungen Mann kennen und lieben. Ihr wurde schnell klar, dass sie ihn verlieren wird, wenn sie sich weiter so um ihren hilfsbedürftigen Vater kümmert. Und der Konflikt wurde so gewaltig. Sie war sich im Klaren (oder gerade nicht!), dass sie ihren geliebten Vater alleine lassen musste (das durfte sie ja nicht er war doch hilfsbedürftig), oder ihren geliebten Freund vernachlässigen und damit letztlich verlieren musste. Der Konflikt war unlösbar und wurde so gewaltig, dass sie sich einfach gar nicht mehr bewegen konnte, weil ja alles was sie machen konnte, falsch war. Sie war gelähmt.

Ähnliche Krankheiten gab es wohl auch im Krieg, wo Soldaten nach einem Urlaub zwischen ihren Verpflichtungen, dem Eid den sie geleistet hatten und der Verbundenheit mit den Kameraden und der Angst, das Leben zu verlieren, auch plötzlich gelähmt waren.

Der Arzt wird die ganze Mischung von Gefühlen, Gefühlen der Liebe, der Schuld, der Angst entwirren. Und das ist gar nicht so einfach. Später dann wird der Arzt mit dem Kranken eine Lösung versuchen zu erarbeiten.

Ob das in unserem Gleichnis auch so eine Lähmung war. Wir wissen es nicht, der Text sagt dazu nichts aus, aber es liegt nahe.

Also, was sagt Jesus zu dem Pharisäern und Schriftgelehrten? „Sagt doch, was ist leichter, zu sagen „Dir sind deine Sünden vergeben“ oder zu sagen „Nimm deine Trage und geh nach Hause?““ Es war wohl mucksmäuschen still in dem Raum. Alle warteten, was nun wohl geschehen wird.

Schließlich sagt Jesus: „Damit ihr wisst, dass der Menschensohn die Macht hat, Sünden zu vergeben“ und er sprach zu dem Gelähmten: „Steh auf, nimm dein Bett und geh heim!“ Und der tat das. Der nahm die leichte Bahre unter den Arm und verließ das Haus.

Ich kann mir vorstellen, wie die Menschen die dort versammelt waren, den Atem anhielten. Sie trauten erst ihren Augen nicht. Ist das wirklich geschehen, was wir da gesehen haben? Aber dann war wohl was los in der Stube. Einer fing an und drückte sein Erstaunen aus: Mein Gott, das ist ja großartig. Sowas haben wir noch nie erlebt. Wir haben doch einen gewaltigen Gott, der solche Wunder tut. Und dann redeten alle durcheinander und lobten Gott für seine Taten.

Ich hätte ja gerne gewusst, wie es den Pharisäern, die dort waren, gegangen ist. Markus sagt davon nichts. Wir können also nur spekulieren. Haben sie sich überzeugen lassen, dass Gott durch Jesus Wunder tut, und dass Jesus wirklich Sünden vergeben kann. Wenn er das sagt, ist das also keine Gottesslästerung. Ich glaube, die Sündenvergebung ist wohl der zentrale Punkt in dieser Geschichte, war sie doch der Ausgangspunkt für die Heilung des Gelähmten.

Nochmal, später sagt Jesus: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben.“ Merkt ihr, der meint damit uns.

Amen.

 

© Philippsen.

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