Kirchenfenster

Wozu Kunst in der Kirche?

Um es ganz zu Beginn zu sagen: Kunst kostet Geld. Sie ist nicht billig zu haben. Die Kirchenfenster von Hella Santarossa aus Berlin haben etwa 90.000.- Euro gekostet. Nicht aus Kirchensteuermitteln, sondern aus Spenden ist das Geld zusammengekommen.

Soll man für die Schönheit der Kirche, für Kunst, so viel Geld ausgeben? Bald 90.000 Euro? Also das Brutto- Jahresgehalt von zwei Pastoren? Kunst - und Geld ausgeben für Kunst unterliegt naturgemäß einem gewissen Rechtfertigungsdruck. In der Kirche eher mehr, als anderswo. Sicher ist das auch ein Erbe unserer protestantischen, bilderfeindlichen, Tradition. Die Diskussion muss geführt werden. Offen. Nicht verdeckt. Warum es wichtig ist, dass der Mensch sich nicht im Technischen und im Digitalen erschöpft. Aber auch nicht im bloß Zweckmäßigen. Warum in der Beschäftigung mit der Kunst der Mensch eine Seite in sich zur Sprache bringt, die nur allzu leicht durch die Beschränkung auf das Praktische ganz verschüttet ist. Kunst ist eine notwendige Ausdrucksform des Humanen.

Und dann diese Kunst. Moderne. Nicht besonders kirchlich geprägte. Hella Santarossas Arbeiten. Die sind im Reichstag zu sehen in Berlin. Auf öffentlichen Plätzen. Im Internet. Und in der Heiliggeistkirche in Heidelberg. Dort sah eine kleine Pilgergruppe unter der Leitung von Pastor Jens Lohse auf dem Weg nach Taize die ersten drei der neuen Kirchenfenster für die altehrwürdige Universitätskirche.

Das Echo in der Pilgergruppe war geteilt, aber den Entschlosseneren war klar: So etwa müssten die Fenster sein, die nach Habenhausen passen. Nicht historisierende Idylle, als wäre die Kirche immer noch so, wie vor 100 Jahren. Kein künstlerisches Hinwegtäuschen über die geistige Herausforderung der Moderne, als wäre in der Kirche nichts fragwürdig, als sei alles klar, alles kinderleicht und einfach. Es sollten Fenster sein, in denen sich ausdrückt, was die Kirche jetzt und heute ist. Im 3.Jahrtausend. Es sollten auf keinen Fall die Rezepte der Vergangenheit nachgekocht werden. Es sollte nicht der soundsovielte Versuch unternommen werden, Bilder in der Art Chagalls nachzumalen, weil das in Mainz oder in Zürich so toll aussieht. Es sollten im Gegenteil Fenster sein, die in ihrer Form und ihrem Inhalt Ausdruck gegenwärtigen Seins und Glaubens sind.

Der Sehnsucht, wenigstens in der Kirche möge alles beim Alten bleiben, wo sich in der Welt alles rasend schnell ändert, sollte widerstanden werden. Dem Bedürfnis, wenigstens dort Vertrautes zu finden, leicht sich Erschließendes, Problemloses, sollte nicht nachgegeben werden. Denn der Glaube, dessen Ausprägung die Fenster sind, ist nicht mehr unbefangen, einfältig und naiv. Die Kirchen haben ihre Kinderzeit gehabt, auch ihre Pubertät, wenn man an die radikalen Umwälzungen und Verneinungen und an das Ablehnen all dessen, was die Alten gut fanden, in der Reformationszeit denkt. Die Kirchen haben ihre Krisen gehabt, ihre Krankheiten, ihre Kurswechsel, ihre Neuorientierungen. Und nun sind sie nicht mehr, wie sie einmal waren. Also kann auch ihre Kunst nicht mehr sein, wie sie einmal war. Denn in ihrer Kunst drückt sich die Kirche selbst und ihren Glauben aus.

Die Santarossa-Fenster sind also keine klassische Kirchenkunst. Keine Bibel in Bildern. Kein Simon Petrus, der über das Wasser zu wandeln versucht, sondern eigenständige Kunst. Dementsprechend finden sie eigene Ausdrucksformen. Es gibt keine Bleiverglasung, keine Idylle, kein Beschwören der Tradition.

Kunst der Moderne. Aufregende, im Fluss befindliche, in der Bewegung, in der Zeit, mit uns dahinströmende, fließende, natürlich manchmal auch taumelnde, uns und unserem Leben gemäße Kunst. Wir drücken mit dieser Kunst aus, was wir glauben: Dass Gott uns nämlich nicht zurück binden will in eine angeblich bessere, geordnetere Vergangenheit, sondern dass er uns diese Gegenwart zumutet. Allerdings gnädig zumutet, als der, der mit uns in ihr sich verändert und entwickelt.

Eine Kirchengemeinde ist kein Traditionsverein. Aber sie hofft auf Gott. Das muss sie so ausdrücken können, wie es ihr gemäß ist. Wenn die Kirche es nicht ganz grundsätzlich schaffte, ihren Glauben zeitgemäß-gegenwärtig auszudrücken, wenn sie ihr Heil im Blick auf scheinbar erfolgreiche Formen der Vergangenheit suchte, wenn sie anfinge, sich konservativ auf die Bewahrung der Traditionen zu beschränken- und in liturgischer Hinsicht ist sie ja schon dabei - dann würde sie in der Gefahr sein, zu einem Mitmachmuseum für Religions- und Christentumsgeschichte zu werden.

Die geistige Kraft der Kirche, die Frage, ob sie den Leuten die Relevanz des Glaubens überhaupt vermitteln kann, spiegelt sich auch in ihrem Umgang mit der Kunst. Vor allem mit der zeitgenössischen Kunst! Und die kostet Geld. Sie ist dieses Geld wert.

Jens Lohse

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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