Ev. Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen - Bremen

 

Pfingstsonntag, 19. Mai 2013

Monday, May 20, 2013 12:00:00 AM Categories: Pfingsten

Predigt am Pfingssonntag 2013, St. Johannes Arsten – 4. Mose 11,1a.4b-6.10-17.24-25a

Führung und Führer – das ist das Thema, das uns in diesem Jahr am Pfingsttag für unser Nachdenken über die Kirche serviert wird von diesem Text. Wie sieht’s eigentlich da oben aus, bei denen, die das Sagen haben? Diese Episode auf dem Weg des alten Gottesvolkes Israel durch die Wüste, aus der Knechtschaft in Ägypten in das gelobte Land Israel, gibt uns einen Einblick. Es ist ein intimer Einblick.

  Und wir werden doch wohl sofort aufmerksam! Wir werden immer aufmerksam, wenn wir intimen Einblick in das Leben unserer Führer bekommen. Wir werden aufmerksam, wenn wir von dem anderen Leben der Angela Merkel hören, über das jetzt ein Buch geschrieben worden ist, wenn wir erfahren, daß unsere Bundeskanzlerin eine hochbegabtes Köpfchen, aber zugleich ein ganz normaler Mensch ist, der vor der Wende brav und systemkompatibel seine akademische Laufbahn verfolgt hat. Wir waren natürlich aufmerksam, als Wulff glamouröse Bilder von seiner neuen Liebschaft durch die Gazetten gehen ließ, und dann noch einmal, als er dafür wenig später jämmerlich abgestraft wurde. Und was würden wir nicht gern alles über Ulli Hoeneß wissen!

  Das Alte Testament hat keine Scheu, uns in die Hinterzimmer seiner Helden schauen zu lassen. Und die sind in diesem Fall wenig glamourös. Mose, der Führer durch die Wüste, macht schlapp. Das Volk jammert rum, wie es wahrscheinlich jedes Volk zu allen Zeit tut. Gerade hat es die Freiheit bekommen, schon wird ihm wieder alles zu viel. Es will lieber Ketten tragen und Fleisch essen – viel Fleisch! Fleisch ist das beste Gemüse! –, als frei sein und vom Dörrobst der Wüste zu leben, diesem komischen, undefinierbaren Manna. Und Mose? Mose zeigt nicht klare Kante. Mose tut nicht, was ein Führer zu tun hat: die Linie vorgeben, mit der Faust auf den Tisch schlagen, ein Machtwort sprechen und so das Volk voranbringen ins gelobte Land. Mose versagt. Mose ist schwach, ein schwacher Führer. Ungeeignet für seinen Job. Mose will sogar sterben. Er denkt an das, woran man normalerweise erst denkt, wenn man es so weit gebracht hat wie einst Barschel und Möllemann. Würde dergleichen heute von irgendeinem Führer ruchbar, egal ob in der Kirche oder in der Politik, er könnte sich und sein Amt wohl kaum vor dem Shitstorm retten, der sogleich auf facebook und twitter über ihn hereinbrechen würde.

  Liebe Leute, was dürfen wir dem entnehmen? Ist Mose ferne Vergangenheit und dürfen wir uns glücklich schätzen, in anderen Zeiten zu leben, in denen das Führungspersonal höhere Qualität zeigt? Unsere Führer, die fahren allenfalls mal mit zu viel Promille im Blut bei rot über die Ampel und schreiben aus fremden Büchern ab, und dann treten sie auch gleich zurück!? – Nein, so ist es nicht. Unser Text gibt preis, was wir ohne weitere Recherchen und ohne jedes Schnüffeln auch von unseren Führern unterstellen dürfen. Es sind eigentlich allesamt schwache Figuren. Helmut Schmidt natürlich ausgenommen. Die Bibel gibt uns mehr von denen da oben zu wissen, als die BILD jemals herausbekommen kann. Unsere Führer sind Getriebene, und sei es von ihrem Ehrgeiz, ihrem Karriereverlangen, ihrer Machtlust und vielleicht auch mal ihrer Machtbesessenheit Getriebene. Und fällt dann die Last ihrer Verantwortung auf sie, werden ihnen die Knie weich. Darauf können wir Gift nehmen.

  Was ist nun aber die Lösung des Problems? Denn: so kann es ja nicht bleiben. Eine Führung, die Schwäche zeigt – das geht nicht! Ein Volk mitten in der Wüste und kein Kommando? Ein Europa ohne einen Mario Draghi, der verspricht: „Ihr Finanzmärkte könnt uns unseren Euro nicht kaputtzocken“? Ein Deutschland ohne eine Kanzlerin, die uns verspricht: „Eure Spareinlagen sind sicher!“? Eine Kirche, deren Ratsvorsitzender nicht regelmäßig bei Plasberg, Will und Jauch auftaucht? Eine Gemeinde, deren Pastor nicht entschieden ist in dem, was er tut und anstößt, der nicht sagt: „Hier geht’s lang!“? – Gott bewahre!

  Es muß eine Löäsug her. Und es gibt auch ein Lösung. Sie besteht allerdings nicht darin, daß Mose abberufen wird. Was ja nahe läge. Im Volk Israel, unter den 600.000, die da nach biblischem Bericht durch die Wüste ziehen, wird es ja wohl noch andere gegeben haben, die die Sache hätten übernehmen können. Aber der Gefallen wird Mose und dem Volk nicht getan. Die Spitze wird nicht einfach ausgetauscht. Und dann wird der nächste starke Mann erst von allen hochgejubelt und mit Erwartungen überschüttet und dann verschlissen, wie es jetzt wohl dem amerikanischen Präsidenten widerfährt. Mose bleibt, wo er ist. Er leidet hochgradig an Depressionen. Er zeigt massive Anzeichen von Burnout. Er bräuchte dringend eine Therapie. Er müßte wenigstens mal raus. Sonst ist mit dem Trainerversagen auch ein Mannschaftsversagen zu befürchten. Aber Mose bleibt. Er muß durchhalten.

  Die Lösung des Problems sieht anders aus. Und damit kommen jetzt die Geführten ins Spiel. Jetzt seid also auch Ihr dran, liebe Gemeinde. Mose soll sich ein Team zusammenstellen, 70 Männer, Leute seiner Wahl. Von denen soll er sich helfen lassen. Die sollen die Last des Volkes mittragen, damit er sie nicht allein tragen muß. So läuft das also, so läuft es jedenfalls im Volk Gottes. Das Volk soll geführt werden. Aber jeder und jede muß mit einem Ruf von oben rechnen, daß er oder sie gebraucht wird. Die Macht der Spitze wird geteilt. Ja, auch das! Ausdrücklich heißt es, daß Gott Mose etwas von dem Geist wegnimmt, den er auf ihn gelegt hat. Mose muß Macht abgeben. Er steht jetzt nicht mehr allein da oben und kann sich nicht mehr allein beklatschen lassen. Er ist kein Politstar mehr, zu dem er sich ja ohnehin nicht geeignet hat. Aber die 70 bekommen eben auch eine Aufgabe. Sie müssen Hand anlegen. Sie müssen die schwere Last mittragen, das Volk zu führen, das Gottesvolk in der Wüste der Zeit, in der Wüste dieser Welt.

  Und liebe Leute, das gilt eben Euch. Ihr seid das Gottesvolk, das Gottesvolk in der Wüste der Zeit, in der Wüste der Welt. Ihr seid die Gemeinde, die hier in Arsten und Habenhausen das Wort Gottes hochhalten muß. Ihr seid die Zeugen der Liebe Gottes, die er in Jesus Christus über die Welt ausgegossen hat. Ihr seid das Licht der Welt, das Salz der Erde. Wer soll es denn sonst sein, auch hier in Arsten und Habenhausen? Bei allem großartigen Engagement, das es gibt in den Sportvereinen, auf der Jugendfarm, bei den Arster Geschichten, im Anwohnerverein Arsten SW usw. usf. Ihr seid das Volk Gottes. Ihr und niemand sonst. Ihr habt die großartige, die einzigartige Berufung, den Menschen um Euch herum zu zeigen, daß Gott mit ihnen noch anderes vor hat, als sie glücklich und solidarisch über die Zeit bis an Grabes Rand zu bringen, um sie dann dem Nichts zu überlassen. Und in diesem Volk seid Ihr nicht nur dazu da, Euch an die Fersen irgendwelcher Führungsgestalten zu heften, etwa an die Eurer schwachen Pastoren, als wären sie stark, sie für mehr oder weniger toll zu halten. Sondern diese Führer brauchen Euch. Ihr müßt die Last mittragen. Und wenn Euch ein Ruf erreicht, dann seid Ihr wirklich gerufen, zu folgen und selbst Amt und Macht in die Hand zu nehmen, die Euch dann zugeteilt werden. So geht das Volk Gottes durch die Wüste der Zeit, durch die Wüste der Welt. Und süäüo kommt es an und verdirbt nicht auf halbem Wege, verhungert und verdurstet in dem Wahn, die da oben werden das schon machen.

  Nun, Ihr lieben Arster und Habenhauser Christen: Ich weiß, daß Ihr das wißt. Das zeigt Ihr an vielen Stellen. Aber heute sollte es Euch und uns allen mit diesem Wort noch einmal gesagt werden. Laßt es uns nicht vergessen. Ich will also fragen. Und Ihr vergeßt es bitte auch nicht, wenn Ihr gefragt werdet, wenn ich und andere ausgehen und Euch um Hilfe bitten, die Last mitzutragen, diese Gemeinde durch die Wüste dieser Zeit zu führen.

Uns allen ein gesegnetes Pfingstfest!

Pastor Dr. Christian Schulken

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