Predigt über Lukas 18, 9-14 am 11. So.n. Trin., 23.8.09

Sunday, August 23, 2009 11:49:00 AM

An welchen Moralkodex du dich hältst, weiß ich nicht. Ich vermute aber, daß du sehr genaue Vorstellungen davon hast, was gerecht und was ungerecht ist. Was gut und was böse. Was man tun sollte und was man lassen sollte. Ich vermute auch, daß du dich selber daran hältst. Und ich vermute ebenfalls, daß du andere Leute danach beurteilst, inwieweit sie sich an deine Vorstellungen von gerecht und ungerecht halten.

„Er sagte aber einigen, die sich selbst für gerecht hielten und andere verachteten, dies Gleichnis“.

An welchen Moralkodex du dich hältst, weiß ich nicht. Die Männer, mit denen Jesus hier diskutiert, halten sich an das Gesetz des Mose. An die 613 Gebote und Verbote des Bundes vom Sinai, zusammengefaßt und symbolisiert in den 10 Geboten. Für Freunde der Zahlenmystik: 10 ist die Quersumme von 613.

„die sich selbst für gerecht hielten“

Das ist nicht viel, das heißt nur: Sie mühten sich, konsequenterweise das zu leben, was sie für richtig hielten. Keine leichtfertigen Typen, keine, die erst mal machten, was sie wollten und dann hinterher drüber nachdachten, wie sie’s wieder geradebiegen könnten. Eher ein bißchen anstrengende und angestrengte Typen, die bei jeder Aktion zunächst fragen, ob das auch ok so ist. Darf ich das jetzt? Welche Konsequenzen hat das? Ist das gut und gerecht, wenn ich das jetzt so mache?

Nicht die Leichtigkeit des Seins herrscht im Leben dieser Leute, sondern der Ernst ethischer Anstrengung. Sie sind, man darf es zugeben, ziemlich verkniffen.

Ob du bei Rot über die Ampel gehst, wenn kein Auto in Sicht ist. Ob du deine alten Glühbirnen gegen Energiesparlampen austauscht. Ob du Eier aus Legebatterien ißt und Fleisch von Tieren aus Massentierhaltung. Ob du gerechten Kaffee trinkst aus Fair-Trade-Handel, wo kleine Indio-Kooperativen mit gefördert werden. Viele machen sich gar keine Gedanken über diese Dinge, aber für andere hat alles Bedeutung und nichts darf „einfach so“ gemacht werden ohne Nachdenken und ohne ethische Überprüfung.

„die sich selbst für gerecht hielten“

Die, mit denen Jesus sich streitet, lebten vor gut 2000 Jahren. Sie hatten andere Maßstäbe, als die von politischer und ökologischer Korrektheit. Aber sie waren Leute, die sich an an die Regeln hielten, die zu ihrer Zeit den Unterschied von gerecht und ungerecht ausmachten. Sie hielten sich an das Gesetz des Mose und konnten von sich sagen:

„ich bin nicht wie die andern Leute, kein Räuber, Betrüger, Ehebrecher…Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“

Die ganze Diskussion um Werte in den letzten Jahren bei uns zeigt doch, daß ein Bedürfnis da ist, herauszufinden, was der Gerechtigkeit dient und daß es wohl auch ein Bedürfnis gibt, sich selbst zu bemühen, möglichst gerecht zu leben. Peter Hahne hat damit die Bestsellerlisten erobert mit durchaus zweifelhafter Einfachheit, und Ulrich Wickert auch. Täten die doch nicht, wenn’s Keinen interessierte. Was man tun und was man tunlichst lassen sollte. Womöglich gehörst du zu denen, die wissen, was sie zu tun haben.

„Er sagte aber einigen, die sich selbst für gerecht hielten und andere verachteten, dies Gleichnis“.

Nun stell dir vor, es gibt tatsächlich Leute, die nicht wissen, was sie zu tun haben. Die sich nicht an die Regeln halten, die du für absolut richtig hältst. Nun meinst du vielleicht, die Regeln, die du für absolut richtig hältst, entsprechen der menschlichen Vernunft und die müßte jeder einhalten. Und wer die nicht einhält, der zeigt ja damit, daß er unvernünftig ist und ist also ein Idiot.

Nun, die Männer mit denen Jesus streitet, die meinten sogar, die Regeln, die sie befolgten, seien von Gott an Mose gegeben. Wer die Regeln nicht hielt, war also nicht nur ein Idiot, sondern einer, der sich Gott widersetzte. Das Ergebnis ist aber bei ihnen und bei uns das Gleiche: Verachtung für die Anderen. Wenn du mit Menschen zu tun bekommst, die die wichtigsten, einfachsten und elementarsten Regeln nicht einhalten, mit Chaoten, mit Sündern, dann wirst du diese Menschen verachten.

Vielleicht gehst du dazu nicht in den Tempel. Vielleicht auch nicht in die Kirche. Vielleicht entfährt dir derselbe Stoßseufzer, wie dem Pharsisäer, nicht im Tempel, sondern vor dem Fernseher, wenn dir da wie im Zoo in irgendwelchen Shows Menschen vorgezeigt werden, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen. Vielleicht erfährst du deine Selbstrechtfertigung angesichts des  Elends im Menschenzoo nachmittäglicher Talkshows:

„Ich danke dir Gott, daß ich nicht so bin, wie die andern Leute“

Und du wirst es aus tiefstem Herzen sprechen, ebenso wie dieser Pharisäer das aus tiefstem Herzen spricht, wo er den Zöllner hinter sich sieht.

So verständlich dieser Seufzer ist, und ich bekenne, ihn schon oft geseufzt zu haben, hören wir doch, daß Jesus uns scharf kritisiert:

„Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“

Wie bitte, das ist Selbsterhöhung, wenn ich mich mit Entsetzen
von den Chaoten, Alkoholikern, Beziehungsunfähigen und durchgedrehten Egomanen in den Fernsehshows  abwende und Gott danke, daß ich nicht so bin, wie sie?

Ja. Das ist Selbsterhöhung, der die Erniedrigung folgen wird.
Denn der Ekel und die Verachtung gebieren Trennung, Absonderung, Eitelkeit und Zynismus. Jesus aber richtet die Liebe auf unter den Menschen, die aus dem Mitleiden kommt, aus der Erbarmung und aus dem tiefinneren Bewußtsein, nicht besser zu sein, als Jene, über die man den Kopf schüttelt. Es gibt immer mindestens einen, der auch über mich mit vollem Recht den Kopf schütteln könnte: Gott.

Der Zöllner stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!

Nicht dem Leichtfertigen wird Recht gegeben. Nicht dem, dem alles wurscht ist und der Fünfe gerade sein läßt. Über denen, denen jedes Bewußtsein für die eigene Not und Bedürftigkeit, für ihre Sünde und Schuld ganz verschwunden ist unter großkotziger Attitüde, leuchtet das Himmelreich nicht einmal von ferne. Über denen, denen sich die Frage nach der Gerechtigkeit gar nicht stellt, bleibt es dunkel.

Aber wenn du unter das Wort Gottes kommst, wie ein Küken unter die Flügel der Henne, und wenn du in seinen Heiligen Tempel gehst, wie ein Sohn auf den Schoß seines Vaters, dann wirst du aufhören, dich selbst für gerecht und gut zu halten. Du wirst aufhören, die Elenden und die Bösen zu verachten. Das Licht Gottes wird aufgehen in deinem Herzen und du wirst wissen und sagen:

Gott, sei mir Sünder gnädig!

Und eben darin wirst du stark sein. Und die Liebe in dir zu den andern Sündern wird wachsen. Und in der Liebe wirst du den wahren Willen Gottes erfüllen. Amen.

Jens Lohse

© Kirchengemeinde Arsten - Habenhausen

Site Map | Printable View | © 2008 - 2018 Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen | Impressum