Predigt 26. Febr. 2012

Monday, February 27, 2012 7:58:00 AM Categories: in Arsten

Predigt  26. Febr. 2012
(Invokavit)

Text: 2..Kor. 6, 1-10

Nun hätte ich ja gerne mal gewusst, wie dieser Text bei euch Konfirmanden ankommt. Also erstmal ist der kompliziert. Das ist bei Paulus oft so. Schreibt lange Sätze. In euren Aufsätzen würde das wohl nicht durchgehen.  Deshalb habe ich extra eine moderne Übersetzung ge-wählt.

Und dann, von einem Helden, dem man gerne folgen möchte, ist hier bestimmt nicht die Re-de. Mehr von einem Looser. Ein Mann, der bloß immer in Schwierigkeiten ist, der bedrängt und beleidigt wird, der für einen Betrüger gehalten wird, der misshandelt wird, der den Men-schen wie ein Sterbender vorkommt, der arm ist wie ein Bettler. Und der stellt sich als Vorbild hin? Zu dem sollen wir aufblicken?

Aber das ist ja nur die halbe Wahrheit. Schauen wir uns den letzten Satz an: „Arm wie ein Bettler, und mache doch viele Menschen reich, besitze nichts und habe doch alles.“ Kennt ihr auch solche Menschen? Ich habe welche kennengelernt, und ich bewundere sie.

Warum sagt Paulus das hier? Vielleicht müssen wir etwas von den Korinthern wissen, um das zu verstehen. Korinth war eine reiche Stadt. Das hat schon was, wenn wir das heute von einer griechischen Stadt sagen! Sie liegt am Ende der Meerenge von Korinth. Güter, die von Italien, also aus dem römischen Stammland nach Athen mussten, wurden in Korinth umge-schlagen. Und dabei bekamen die Kaufleute geradezu eine goldene Nase. Aber der Reichtum war, wie so oft, nicht gleichmäßig verteilt. Die Menschen, die als Hafenarbeiter oder als Lagerarbeiter ihren Dienst taten, bekamen nicht so viel vom Reichtum ab. Hat sich bis heute also doch nicht so viel verändert! Da soll noch Jemand sagen, die Bibel sei veraltet!

Die Gemeinde in Korinth war eine Gründung von Paulus. Er war da und sprach davon, was er mit Jesus erlebt hat. Er verkündete, dass durch Jesus und durch seine Verkündigung die Menschen mit Gott und dann auch mit sich selbst versöhnt werden können. Das hat damals toll eingeschlagen. Viele Korinther glaubten ihm, und es entstand eine große Gemeinde.

Aber nun waren einige Jahre vorbeigegangen. Es kamen noch andere Prediger vorbei. Da war z. B. ein Apollos. Wir wissen nicht viel über ihn, soviel aber sicher, dass er ein begnadeter Redner gewesen sein muss, ganz anders als Paulus. Und der hat den Korinthern imponiert.

Nun gab es Spaltungen in der Gemeinde. Da gab es Paulus-Jünger und Apollos-Jünger und so weiter. Jeder war für sich natürlich was Besseres. (Kennen wir das?) Und die Korinther liebten es, gut und stark zu sein, vor den Menschen was zu gelten. Sie wollten sich mit großen Persönlichkeiten identifizieren können, dabei fällt dann ja auch für die „Kleinen“ was ab. Man fühlt sich unbedeutend, aber wenn man zu einer großen Person gehört, dann gilt man was. Kurz, es gab Spaltungen und man bekriegte sich untereinander. Wie das halt so ist. Die Gemeinde hatte hauptsächlich mit sich selbst zu tun, da blieb keine Zeit und Kraft mehr für was Anderes und Andere.

Und die Gemeinde liebte den Luxus. Klar, die hatten es ja. Paulus hat nichts gegen Luxus, wohl aber sehr viel gegen Ungerechtigkeit. Und die gab es in Korinth. Sogar innerhalb der Gemeinde. Da gab es Spannungen zwischen den armen und den reichen Gemeindegliedern. Und das zerstört eine Gemeinde. In den Korintherbriefen kann man davon lesen.

Verstehen wir den Paulus jetzt besser? Was sagt er? „Verspielt nicht die Gnade Gottes, die ihr empfangen habt.“ Vermutlich waren die Korinther dabei das zu tun. Dabei ist das ein großes Geschenk. Es geht nicht um Heldenverehrung! Jedenfalls nicht um die! Es kann nicht darum gehen, Menschen, die reich und angesehen sind nur deshalb zu verehren oder es ihnen nachzumachen versuchen.

Was ist eigentlich „Gnade Gottes?“ ich will versuchen, das zu erklären: Wenn jemand bei ei-nem König Gnade gefunden hat, hat er einen besonderen Draht zu ihm. Der König hört auf ihn. Er darf Wünsche äußern und wahrscheinlich werden sie erfüllt, mindestens werden sie aufmerksam und wohlwollend angehört.

Wir kennen auch den Begriff „Gnade vor Recht“; das bedeutet keinesfalls einfach Unrecht. Das wird deutlich, wenn wir über das Gegenteil nachdenken. Wir alle kennen das Unrecht, das gerade dadurch entsteht, dass man das Recht „gnaden – los“ anwendet oder vielleicht auch kreativ zu eigenem Nutzen verwendet.

Also Gnade Gottes ist eine besondere Verbindung zu Gott. Das hat was von Vertrauen zu Gott, hat zu tun mit dem Wissen, dass wir das Eigentliche in unserem Leben mit noch so großem Können und noch so großer Anstrengung nicht machen können, dass wir es uns von ihm schenken lassen müssen. Das wirklich Große ist ein Geschenk, das wir weder machen können, noch steht es uns zu.

Wir können Liebe (und hier meine ich nicht Sex) nicht machen, wir können nicht Zuneigung herstellen. Das alles ist ein großartiges Geschenk, das können wir wirklich nur dankbar an-nehmen uns immer wieder darüber freuen und dafür danken.

Und, das ist die Tragik; wir können es verspielen. Dann geht die Gnade an uns vorbei und wir gehen leer aus. Das galt für die Korinther, aber ihr versteht, das gilt auch uns. Also noch mal, verspielt nicht die Gnade Gottes, die ihr empfangen habt. Verspielt nicht dieses großartige und wertvolle Geschenk.

Und der Tag des Heils, der Tag der Rettung, wie ihn unsere Übersetzung beschreibt: Bei den alten Hebräern war das der Tag, an dem sie von den Feinden befreit wurden und ihre Freiheit wieder haben. Für sie war das ein Handeln Gottes. Für sie war das ein Tag des Jubelns und des Feierns.

Aber das muss es nicht immer sein. In einer Andacht oder einem Vortrag sagte mal jemand, es wäre schön, wenn Gott uns einfach wie im Sturm alle Sünde entreißen würde. Das wäre für ihn, dem Vortragenden, so was wie ein Tag des Heils.

Ich glaube das nicht. Ich frage mich: Wäre das wirklich so schön? Diese Sünde, von der er spricht, sind wir das nicht, gehört sie nicht einfach auch zu uns? Wird uns die Sünde entris-sen, was bleibt dann von uns? Gehen wir dann nicht verloren? Sind wir dann nicht weg?  Das was wir als Sünde verstehen ist doch ein Teil von uns.

Sünde ist ja viel mehr, als einfach ein Vergehen. So Begriffe wie „Verkehrssünde“ verniedli-chen das, was damit gemeint ist. Sünde bedeutet, nicht so zu leben, wie Gott das für uns vorgesehen hat. Wir leben nicht nach unserer Bestimmung. Und damit schaden wir uns!

Nicht umsonst hören wir, dass wir unsere Sünde, annehmen sollen, dass wir anerkennen sollen, dass wir immer wieder fern von Gott zu leben versuchen. Dass wir das, wofür wir von Gott geschaffen sind, nicht annehmen und uns dann selbst schaden.

Wenn wir unsere Sünde akzeptieren, wenn wir mal innehalten, wenn wir ja dazu sagen, dann kann Gott uns davon heilen. Und dann werden wir uns anderen Menschen gegenüber ganz anders verhalten. Und Gott wird  dafür sorgen, dass wir heil werden. Dann ist da der Tag des Heils. Was sagt Paulus? Der Tag ist heute!

Das muss ich jedoch auch sagen: Der Tag des Heils kann zur Strafe werden und richtig weh tun, dann wenn wir Ungerechtigkeit üben, wenn wir den Schwachen unterdrücken, wenn wir beim Mobbing dabei sind oder dem womöglich aus Feigheit, nicht entgegentreten, kurz, wenn wir unsere Sünde nicht wahr haben wollen. Nur, wie gesagt, wenn wir zu unserem Versagen, zu unserer Sünde stehen, wird Gott auch zu uns stehen. Und er wird uns verändern!

Und noch einen Gedanken muss ich aufnehmen: Paulus sagt: Keiner soll an meinem Verhal-ten Anstoß nehmen. Eigentlich ist das ein alter Hut. Das lernt man immer, dass die Form ei-nes Vortrages und der Inhalt zusammenpassen müssen. Man kann doch nicht von der Liebe Gottes reden und dann mit Gewalt drohen. Ich hoffe sehr, mir ist in diesem Gottesdienst so was nicht passiert.

Aber es geht auch noch um Anderes.

Da sind Menschen richtig gut. Sie bewirken was, sie bekommen Ansehen und damit auch Macht. Und dann ist da die Versuchung, diese Macht für sich auszunutzen. Das kann mit Kleinigkeiten anfangen. Und bald verschiebt sich die Sicht.

Frau Voigt hat uns vorhin in der Lesung vorgelesen, wie Jesus in der Wüste versucht worden ist. Das liest sich als so eine tolle Geschichte, man kennt sie ja, man hat sie so oft gehört, man kann auch so drüber weg lesen, es handelte sich ja um Jesus, ohne zu merken, dass Jesus wirklich vor Entscheidungen gestellt worden ist, die ihm auch schwer gefallen sind. Es wäre ja so einfach gewesen, und Keinem wird damit Unrecht getan. Womöglich merkt es Keiner! Genau so, wie Politiker, die von „Freunden“ eben mal eine halbe Million fast ge-schenkt kriegen.

Es ist schwer, wenn man Macht und Einfluss bekommen hat, nicht in so einen Sog zu gera-ten und mit ein paar kleinen Handlungen das alles zu verspielen. Mich hat schockiert, wie Priester und Revolutionäre in Mittelamerika, deren Arbeit ich bewundert habe, sich dann von der Macht haben korrumpieren lassen, als sie selbst Macht hatten. Plötzlich verhalten sie sich genau so, wie die Leute, die sie vorher bekämpft haben, werden korrupt und sorgen nur noch für den eigenen Reichtum. „Verspielt nicht die Gnade Gottes“!

„Keiner soll an meinem Verhalten Anstoß nehmen“, sagt Paulus. Das ist ein Balanceakt, auf dem man immer wieder scheitern kann. Keiner von uns ist dagegen gesichert, davon bin ich überzeugt.

Es muss sich nicht um Millionen handeln. Kleine, unberechtigte Vorteile, mit denen man sich in Abhängigkeiten begibt, genügen. Oder sei es nur, dass man Witze über andere und auf deren Kosten macht und damit die Lacher auf seiner Seite hat. Es ist gut, wenn man Freunde hat, die aufpassen und warnen!

Verspielt nicht die Gnade Gottes.
Jetzt ist der Tag des Heils.
Keiner soll an unserem Verhalten Anstoß nehmen können.

Amen


© Philippsen

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