Predigt 29. August 2010 (13. Sonntag nach Trinitatis)

Sunday, August 29, 2010 12:59:00 PM

Die Gnade unseres Herr Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Text lesen (1. Joh. 4, 7-12)

Liebe Gemeinde,
es geht um Liebe. Der ganze Text ist voll davon, insgesamt 14 mal kommt der Begriff vor. Die Gemeinde wird angesprochen, also wir. Die Gemeindeglieder sollen einander lieb haben, steht da. Es gibt auch einen Grund dafür: Die Liebe ist von Gott, ja noch mehr: Gott ist die Liebe. Gott wird hier mit Liebe gleichgesetzt. So kann es ja nur bedeuten, es ihm gleichzutun, wenn man sich zu ihm bekennen will. Sich zu Gott bekennen und nicht Liebe zum Nächsten zu üben, das ist unmöglich, sagt der Text.

Gott ist Liebe.
Aber es geht noch weiter. Gott hat seine Liebe zu uns dadurch bezeugt, dass er seinen Sohn zu uns gesandt hat. Damit wir leben können. Gott hätte das nicht nötig gehabt, aber aus seiner Liebe zu uns hat er das getan.

Und schließlich: Die Liebe besteht nicht darin, dass wir Gott geliebt hätten. Nein Gott hat uns zuerst geliebt. Und nur dadurch können wir das auch. Ja, wir müssen das auch, wenn wir als Christen glaubhaft sein wollen. Der Text endet, dass wir Gott nur bezeugen können, wenn wir das schaffen uns untereinander zu lieben. Denn Gott kann man nicht sehen, man sieht und erlebt nur die Wirkung, die von ihm ausgeht. Und wir haben nichts von Gottes Liebe, wenn wir sie nicht selbst auch ausüben!

Wer ist Johannes
Das sind große Worte, die ich da gesagt habe. Woher kommen die, wer ist denn eigentlich dieser Johannes, und warum hat er das geschrieben. Genau genommen ist es ja nichts Neues, wir wissen das doch schon alles, oder?

Es gibt drei Johannisbriefe. Die frühen Christen haben sie, wie auch das Evangelium, dem Jünger Johannes, dem Sohn des Zebedäus, zugeschrieben.

Das sind übrigens seltsame Briefe. Als kaufmännischer Lehrling hab ich gelernt, dass Briefe einen Absender, einen Adressaten, eine Anrede und einen Gruß zum Schluss enthalten. Unsere Briefe haben das alles nicht. Wir wissen genaugenommen nicht, wer sie geschrieben hat, und an wen sie gerichtet waren. Der erste „Brief“ ist noch ganz umfangreich, die anderen beiden sind so kurz, dass sie wohl auf eine einzige Papyrusseite gepasst haben. Sozusagen Traktate oder Flugblätter
Man vermutet, dass sie deshalb keine Anrede haben, weil sie an alle Gemeinden gerichtet sind. Sie sagen etwas, was allen Gemeinden gesagt werden muss. So spricht man auch von den „katholischen“ Briefen (katholisch = das ganze betreffend, lt. Duden).

Es gibt natürlich einen Grund, warum sie dem Johannes zugeschrieben werden. Das liegt an der Gedankenführung und an der Wortwahl. Die ist so ähnlich, wie beim Johannesevangelium. In beiden ist von Licht und von Dunkelheit die Rede. Das Licht von Gott, das in die Dunkelheit leuchtet. Aber, wenn beim Johannesevangelium von einem Anfang gesprochen wird, steht der erste Johannesbrief schon in einem geschichtlichen Zeitverlauf. Während die ersten Christen noch glaubten, Jesus würde noch zu ihren Lebzeiten wieder kommen, wird jetzt deutlich, nein es dauert noch viel länger. Das wird in den Briefen deutlich. Sie sind also viel später geschrieben, als das Evangelium.

Und, es ist unmöglich, dass sie denselben Autoren haben. Man denkt sich das heute anders. Die Briefe gehen an eine Gruppe von Gemeinden, wir wissen nicht, wo die lagen. Aber sie alle sind von der Predigt und vom Denken des Jüngers Johannes geprägt.

So hat es den Anschein, dass schon damals Gemeinden mit unterschiedlichen Schwerpunkten existiert haben, so wie es heute ja unterschiedliche Konfessionen gibt, wie „reformiert“ oder „lutherisch“. Deshalb gibt es auch die verschieden Evangelien, die sich in Kleinigkeiten sogar widersprechen. Aber die biblischen Redakteure waren klug beraten, diese Widersprüche einfach stehen zu lassen. Die Unterscheide sind wichtig, erst zusammen ergeben sie ein Ganzes. Die unterschiedlichen Gemeinden gehören zusammen.

Und warum dieser Brief?
Die Zeit ist ins Land gegangen. Die erste Begeisterung für den neuen Glauben ist verflogen. Der Alltag hat alle wieder. Und wie das im Alltag so ist, man muss sich um die täglichen Dinge sorgen. Auch um die in der Gemeinde. Das sind so tausend Kleinigkeiten zu machen: Der Versammlungsraum muss sauber sein, Blumen auf dem Altar. Kleine Reiberein gibt es in der Gemeinde wie in jeder Gemeinschaft. Damit muss man sich befassen. Manche Gemeindeglieder finden es wichtig, unter sich zu sein, sie brauchen die Anderen nicht, eigentlich stören die. So können sich Gruppierungen bilden, die sich gegenseitig ausschließen. Das kann auf die Dauer nicht gut gehen.

Und dann wird in der Gemeinde wichtig, die Gottesdienste und Versammlungen richtig zu feiern. Ist ja auch wichtig. Routine kehrt ein, kalte Routine? Alles ist gut und routiniert gemacht, aber trotzdem fehlt da was. Viele merken das, muss man noch mehr machen? Aber was kann man denn sonst noch tun? Wir sind ja alle so sehr beschäftigt und voll ausgelastet.

Gefährlich erscheint auch eine „Lösung“, die auf die Gemeinden einstürmt: Es ist wichtig, dass man die richtige Einstellung hat, den richtigen Glauben, die richtige Erkenntnis. Diese Glaubensrichtung hat auch einen Namen: „Gnosis“. Wenn man die richtige Erkenntnis hat, ist alles Weitere nicht mehr so bedeutungsvoll. Einige leben dann so weiter wie bisher, andere missachten ihren Körper, der ja die Erkenntnis nur stört.

Das alles ist ja nicht völlig falsch. Die richtige Einstellung, ich würde sagen, der richtige Blick auf die Dinge ist lebenswichtig. Menschen die nur auf die Fehler bei sich und bei Anderen sehen, haben kein schönes Leben. Aber wenn man bei der Erkenntnis stehen bleibt und daraus nicht Handlungen erwachsen, dann stimmt doch was nicht.

Genau das scheint bei den Gemeinden passiert zu sein. Und – habt ihr Euch bei dem was ich gesagt habe angesprochen gefühlt? So bringt der Johannisbrief eine Ermahnung, die womöglich auch für uns Gültigkeit hat. Die Ermahnung, trotz all der Routine nicht zu vergessen, dass die Botschaft Jesu was mit der Liebe zu tun hat. Was soll all die Arbeit, so gut sie auch sonst sein mag, wenn die Liebe zu kurz kommt. Ich glaube, das Gegenteil von Liebe ist die Routine.

Liebe bei Christen?
Im Alten Testament spielt Liebe eine wichtige Rolle. Die Liebe zu Gott oder die Liebe Gottes zu den Menschen. Da wird Gottes Liebe mit der von Eltern zu ihren Kindern, die Liebe von Freunden und die Liebe von Liebenden verglichen. Ihren Höhepunkt findet das in der „Schma Israel“ (Deut. 6,5): „Hört ihr Israeliten! Der Herr ist unser Gott, der Herr und sonst keiner. Darum liebt ihn von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit aller Kraft.“

Womöglich kommt uns das bekannt vor. Das war das, was ein Pharisäer Jesus geantwortet hat, als der das wichtigste Gebot sagen sollte. Aber dort geht es noch weiter: „Und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Was ist Liebe?
Ich könnte jetzt die alten Unterscheidungen aufzählen: agape, eros, caritas, sex. Ja, das deutsche Wort für Liebe lässt diese Unterscheidungen nicht zu. Aber sie sind nicht unwichtig. Sie könnten dazu beitragen, deutlich zu machen, dass Liebe viele Schattierungen hat und immer den Nächsten meint.

Und oft glauben wir zu lieben, meinen aber uns selbst. Ich glaube, wir können nur lieben, wenn wir wissen, dass wir selbst geliebt sind. Sonst wird immer eine Manipulation des Anderen daraus. So oft versteckt sich hinter „Liebe“ eine solche Manipulation. Denken wir nur an das Verhältnis Eltern – Kinder. Die Eltern überschütten Kinder mit „Liebe“ verlangen aber Wohlwollen dafür und sind zutiefst enttäuscht, dass es nicht funktioniert.

Liebe verlangt nichts! Sie gibt einfach. Wer liebt, ist geduldig und gütig. Wer liebt ereifert sich nicht, er prahlt nicht und spielt sich nicht auf. Wer liebt verhält sich nicht taktlos, er sucht nicht den eigenen Vorteil und lässt sich nicht zum Zorn erregen. Wer liebt trägt keinem etwas nach; es freut ihn nicht, wenn einer Fehler macht, sondern wenn er das Rechte tut. Wer liebt, gibt niemals jemand auf, in allem vertraut er und hofft er für ihn; alles erträgt er mit großer Geduld.

Vielleicht kommt Euch das bekannt vor. Es entstammt dem Hohelied der Liebe des Paulus. Ich möchte das noch ergänzen: Es ist auch Liebe, dem Anderen Grenzen zu setzen. Womöglich leiden wir heute darunter, dass solche Grenzen fehlen. Ich sage es einfach: Kinder die immer und überall und zu jeder Zeit alles erwarten und auch kriegen, werden unerträglich. Ja, sie sind dann irgendwie auf den Anderen angewiesen und bekommen  Probleme, wenn das mal nicht mehr so geht. „Vernachlässigung und Verwöhnung“ Sind das nicht die größten Probleme, die wir in der Gesellschaft kennen? Diese Kinder kriegen doch alles, nur keine Zuwendung und keine Liebe.

Wir kennen alle solche.

„Und deinen Nächsten wie dich selbst“. Wer liebt, lässt keinesfalls alles mit sich machen. Aber das ist nicht so einfach. Es macht Arbeit. Beeindruckend sind doch solche Lehrer, die streng sind, aber nicht loslassen und denen man anmerkt, dass sie ihre Schüler mögen.

Was ist nun Liebe?
Wenn ich das so noch mal durchlese, was ich hier aufgeschrieben habe, dann kommt mir das so vor, als hätte ein EDV-Administrator oder Programmierer was von Liebe gesagt. Wie ein Botaniker, der eine Blume mit einer ganz feinen Schere zerschneidet um die Einzelheiten zu sehen. Das kann wichtig sein, um etwas über die Blume zu lernen. Aber die Schönheit der Blume geht damit verloren, die Freude, die man erlebt, wenn man sie so einfach auf der Wiese sieht ist weg.

Kann es sein, dass Jesus Gleichnisse erzählt hat, weil man das, was er sagen wollte, so gar nicht ausdrücken kann. Man kann nicht sagen: Dein Nächster ist .. und dann ein paar Eigenschaften nennen. Aber das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter sagt dann doch alles.

So ist es auch mit der Liebe. Nur Liebende können sagen was sie ist; nur für Außenstehende hört sich das dann meistens doof an. Oder Dichter können es sagen. So möchte ich mit einem Gedicht von Erich Fried schließen:

Eine Kleinigkeit.
Ich weiß nicht was Liebe ist
Aber vielleicht
Ist es etwas wie das:

Wenn sie
Nach Haus kommt aus dem Ausland
Und stolz zu mir sagt: „Ich habe
Eine Wasserratte gesehen“
Und ich erinnere mich an diese Worte
Wenn ich aufwache in der Nacht
Und am nächsten Tag bei der Arbeit
Und ich sehne mich danach
Sie dieselben Worte
Noch einmal sagen zu hören
Und auch danach
Dass sie nochmals so aussehen soll
Wie sie aussah
Als sie sie sagte –

Ich denke, das ist vielleicht Liebe
Oder doch etwas hinreichend Ähnliches.

© Klaus Dieter Philippsen.

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