Predigt 25. Oktober 2009 (20. Sonntag nach Trinitatis) Von der Ehescheidung, Segnung der Kinder

Sunday, October 25, 2009 10:50:00 AM

Mk 10, 2-16
Von der Ehescheidung
 2 Und Pharisäer traten zu ihm und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; und sie versuchten ihn damit.3 Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten? 4 Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden. 5 Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben; 6 aber von Be-ginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. 7 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, 8 und die zwei werden 'ein' Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern 'ein' Fleisch. 9 Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. 10 Und daheim fragten ihn abermals seine Jünger danach. 11 Und er sprach zu ihnen: Wer sich scheidet von seiner Frau und heiratet eine andere, der bricht ihr gegenüber die Ehe; 12 und wenn sich eine Frau scheidet von ihrem Mann und heiratet einen andern, bricht sie ihre Ehe.
Die Segnung der Kinder
13 Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an. 14 Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes. 15 Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. 16 Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.

 

Liebe Gemeinde, von mir aus wäre ich nicht auf die Idee gekommen, mir diese Bibelstelle auszusuchen für eine Predigt. Ich habe ehrlich überlegt, ob ich nicht eine andere wählen soll. Da ist von der Ehe und von der Ehescheidung die Rede, davon dass Scheidung etwas mit der  Härte des Herzens zu tun hat, dass sie gegen den ausdrücklichen Schöpfungswillen Gottes verstößt. Gott will das nicht.

Und dann wird mir bewusst, dass ich ja selbst auch geschieden und wieder verheiratet bin. Mehr als die Hälfte aller geschlossenen Ehen werden wieder geschieden. Barbara Steisand soll folgendes gesagt haben: „In Hollywood werden Filme gemacht, die langer dauern als manche Schauspieler Ehe“

Sind wir alle in unserem Herzen so verhärtet? Haben wir alle uns so weit entfernt von dem was Gott von uns erwartet, von Gottes Liebe? Soll ich jetzt ein Lamento anstimmen? Soll ich schimpfen über die böse Welt in der wir leben und die bösen Manschen, die wir sind. Und dann käme ich zwangsweise zu der Aussage: Bessert Euch! Und dann?

Ihr versteht, warum ich über diesen Text nicht reden wollte. Dieser Text liegt einfach quer und ist schwer zu verdauen. Da stellt Jesus eine Forderung auf, die sich in der Wirklichkeit ganz offensichtlich nicht durchhalten lässt. Das Problem hat es ja schon damals, als Jesus das sagte gegeben. Nur, heute hat es sich verstärkt. Bis dass der Tod euch scheidet. Ja, manchmal hat das wirklich eine makabere Bedeutung.

Die Ostkirche hat den Ausweg gefunden, indem sie sagt, dass es auch der Tod der Liebe sein kann. Aber kann man sich das so einfach machen?

Ich könnte davon reden, dass wir heute in einer anderen Situation sind, als damals. Die Menschen werden viel älter. 100 Jahre sind keine Seltenheit, eine goldene Hochzeit wird recht oft gefeiert. Also Eheleute leben viel länger zusammen und haben damit viel mehr Möglichkeiten sich auch auseinander zu leben. Unser Berufsleben ist alles andere als Fami-lienfreundlich. Da kann es schon vorkommen, dass Menschen sich so auseinanderleben, dass sie einfach nicht mehr zusammenpassen.

Ich denke an eine befreundete Familie. Die führten ein gutes Eheleben. Sie hatten mehrere Kinder, die nun aus dem Haus waren. Da wollte die Frau wieder etwas machen. Sie machte eine Ausbildung als Eheberaterin. In Berlin gibt es dazu ein Institut der evangelischen Kirche. Die Ausbildung hat viel mit Selbsterfahrung zu tun. Man lernt viel über sich, weil man ja nur so anderen eine Hilfe sein kann. Und ausgerechnet die Ausbildung zur Eheberaterin führte dazu, dass ihre eigene Ehe in eine schwere Krise geriet. Sie waren kurz vor einer Schei-dung! Die Frau hatte sich durch die Ausbildung in ihrer Persönlichkeit weiterentwickelt, nicht jedoch der Mann, natürlich nicht. Plötzlich hatten sie sich nichts mehr zu sagen. So als wäre sie weitergelaufen, während er stehen geblieben ist. Sie erreichten sich einfach nicht mehr. Nicht miteinander reden können ist der Tod jeder Beziehung. Da gibt es Missverständnisse, dann Beschuldigungen und schließlich gibt es keine Basis mehr füreinander. Hier hatte der Mann dann aber den Mut, sich selbst in Beratung zu begeben, sozusagen mit Hilfe anderer Menschen diesen Weg nachzugehen. So hatte das ganze ein gutes Ende.

Ich habe gelegentlich auch das erlebt. Bei einem Partner wurde Krebs diagnostiziert. Das kommt ja fast einem Todesurteil gleich, obwohl das objektiv gar nicht stimmt. Das ist so schlimm, dass man einfach nicht mehr darüber redet. Jeder möchte den Anderen schützen und das Thema von ihm fern halten. Sie meinen es wirklich gut miteinander. Aber alle Ge-danken beider kreisen um die Krankheit. Das ist ja das Wichtigste in ihrem Leben. Nur sie reden nicht darüber. Die Folge: Alle Gespräche werden bald flach und nichtssagend. Und nicht lange dauert es da haben sie beide sich nichts mehr zu sagen. So kommt zu der schweren Krankheit auch noch die Ehekrise.

Aber, liebe Gemeinde, was hat das mit unserem Text zu tun? Ich habe erklärt, dass heute eine Ehe viel länger dauert, als zur Zeit Jesu. Ich habe zwei Gründe aufgezeigt, warum sie gefährdet ist. Trotzdem steht weiterhin der Satz, dass vor Gott eine Ehe nicht auflösbar ist, weil sie vor ihm geschlossen ist. Was Gott zusammengeführt hat, darf der Mensch nicht scheiden. Also, hilft uns das dazu, diesen Satz zu verstehen? Eigentlich nicht. Es zeigt nur die Größe des Problems.

Es gibt Ehen, die sind die Hölle. Beide können nicht miteinander leben. Sie verstehen sich nicht, da ist Eifersucht im Spiel, Besitzdenken (als könnte man einen Menschen besitzen), es kommt zu Gewalt.. ach muss ich das wirklich alles erzählen. Ihr habt doch sicher auch schon so was gehört. Sie haben sich so auseinandergelebt, dass nichts mehr geht. Vielleicht war schon die Ehe selbst ein Fehler, weil sie unter falschen Vorstellungen zustande gekommen ist. Vielleicht war sie nichts als die Flucht vor der Einsamkeit. Und die soll nun bestehen, bis dass der Tod sie scheidet? Sie soll bestehen bleiben, weil Gott diese Menschen zusammen-geführt hat. Hat Gott hier denn einen solchen Fehler gemacht, der auch nicht korrigiert wer-den darf? Die Frage darf man doch wohl stellen.

Zur Zeit Jesu war das Scheidungsrecht ziemlich einfach. Wenn die Ehe nicht in Ordnung war, konnte der Mann der Frau einen Scheidebrief ausstellen und sie wegschicken. Wie ich gelesen habe, wurde das von einigen Rabbis diskutiert. So konnte der Grund für einen Scheidebrief schon das angebrannte Mittagessen sein (oder wenn es nicht Punkt zwölf auf dem Tisch steht!).

 Für die Frau konnte eine Scheidung der wirtschaftliche und gesellschaftliche Ruin sein. Sie stand dann mittellos am Rande der Gesellschaft und hatte keine Freunde mehr, wenn sie nicht zu ihrer Familie zurückkehren konnte (oder wollte).

Aber Jesus geht im Gespräch mit den Pharisäern nicht auf die rechtliche Diskussion ein, so als würden ihn rechtliche Fragen gar nicht interessieren. Er spricht davon, dass eine Frau an ihrem Mann, ein Mann an seiner Frau hängen wird, er spricht also von Liebe, und er wieder-holt die Worte von dem einen Fleisch, die schon in der Schöpfungsgeschichte stehen. Jesus meint: Liebe macht Gesetze überflüssig. Juristen mögen mir verzeihen! Wenn die Liebe der Antrieb für das Handeln ist, dann sind Gesetze nicht nötig.

Jetzt muss ich darauf eingehen, dass der Predigtext ja noch eine Passage mehr hat. Ich ha-be zunächst gemeint, was haben sich die Leute bloß gedacht, diesen Text anzufügen. Das mit den Kindern hat doch nichts mit dem anderen Text zu tun. Warum ist das zusammenge-fasst. Übrigens, in allen Kommentaren, die ich mir angesehen habe, wir die Ehesache und die Geschichte mit den Kindern getrennt besprochen. Und trotzdem, es muss doch einen Sinn haben, wenn beide Stellen zusammengefasst sind.

Was wird da beschrieben? Da kommen also Eltern, vielleicht stolze Eltern, mit ihren Kindern und wollen sie zu Jesus bringen. Kinder galten nicht viel. Kann man daran sehen, dass in alten Bildern Kinder wie kleine, unfertige Erwachsene dargestellt werden. Sie verstehen ja nicht so viel. So wollten die Jünger Jesus schützen, indem sie die Kinder mit ihrer Unruhe und ihrem Krach von ihm fernhalten wollen. Als Jesus das merkt wird er wütend, Lukas schreibt, er wird unwillig. Jesus stellt fest, Kinder haben einen besonderen Zugang zum Reich Gottes. „Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen“.

Was zeichnet Kinder aus? Sie sind nicht voreingenommen, sie haben unbegrenztes Vertrau-en. Sie sind nicht berechnend, sondern „echt“, wie man heute so schön sagt. Wenn sie zu Jemanden gehen, erwarten sie, dass der sie nicht abweist. Und fast immer trifft das zu.

Und Jesus will, dass das auch für ihn gilt. Wir sollen uns da Kinder als Vorbilder nehmen. So wie Kinder, sollen wir alle wissen, dass wir mit Allem, was uns bewegt, aber wirklich mit Al-lem, zu Gott kommen dürfen.

Und da, finde ich, schließt sich der Kreis.

Jesus stellt die Liebe über das Gesetz. Und dann kann es auch Liebe sein, wenn man zuge-ben muss, dass eine Beziehung eben gescheitert ist. Aber leichtfertig wird das keine und keiner sagen.

Amen.

Klaus-Dieter Philippsen

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