Predigt 3. Mai 2009 (Jubilate)

Sunday, May 3, 2009 11:39:00 AM

Die Rebe – ein Symbol für das Leben, eines Lebens, das wir nicht aus uns heraus haben. Die Rebe – ein Symbol für die Gemeinschaft, die nicht aus sich heraus lebt. Der Weinstock wird zum Zeichen für das Leben der christlichen Gemeinschaft. Das Wort verbindet uns mit Jesus, es gibt Orientierung, Hilfe und Kraft. Es führt zusammen und schenkt uns Zukunft. Das Wort vom Weinstock steht bei Johannes im 15. Kapitel. Wir hören die Lesung.

Joh. 15, 1 – 9  (Christus, der wahre Weinstock)

Das ist doch eine sehr eingängige Bildergeschichte. Da ist die Rede von Trauben und dem Weinstock. Und da ist die Rede von der Pflege der Weinstöcke. Ist doch logisch, eine Traube, die sich vom Weinstock getrennt hat, bringt keine Frucht mehr. Das erinnert mich an meinen Weinstock im Garten. Irgendwann bekam er den falschen Mehltau. Der setzt sich in die Blätter und auch in die Trauben. Er unterbindet den Saftstrom und dann sterben sie ab. Was hab ich damit gemacht? Klar, abgeschnitten und in die Mülltonne geworfen. Und dann landen diese Trauben in der Müllverbrennungsanlage, als hätte Johannes das gewusst.

Aber auch das Andere. Für besonders gute Weine, werden die Trauben sorgfältig gepflegt. Das macht man heute noch so. Da geht der Winzer durch den Weinberg und schneidet schlechte Triebe, schlechte Trauben, ja sogar mickrige Beeren ab. Und das natürlich, damit die verbleibenden Beeren den ganzen Saft bekommen und um so besser werden. Das gibt dann einen besonders guten Wein.

Die Trauben wachsen übrigens ganz von selbst, das sollte noch gesagt werden. Sie müssen sich nicht anstrengen um gute Frucht zu bringen, Sie müssen keinen Aufwand treiben. Es reicht, wenn sie fest mit dem Weinstock verbunden bleiben. Irgendwie finde ich das tröstlich aber auch aufregend. Ich brauche nichts zu tun, aber ich kann auch nichts tun.

Aber was ist denn nun die Frucht, von der unser Text redet?

Vielleicht ist das eine Form einer ruhigen Zufriedenheit, die um die Konflikte weiß, und die bereit ist, sie auch anzusprechen, aber mit ganz viel Liebe und die so Probleme zwischen Menschen entschärft, und eine Atmosphäre der Offenheit um sich herum schafft, ein Klima, in dem man sich gerne aufhält.

Was kann Frucht noch sein? Vielleicht die Fähigkeit, von sich weg zu sehen und den Anderen überhaupt wahrzunehmen. Ihn nicht zu sehen als Hindernis zum eigenen Erfolg oder auch als Werkzeug dazu. Den Anderen zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat.

Ich glaube ihr seid selbst in der Lage die Liste noch weiter fortsetzen.

Aber warum wird uns diese Geschichte hier erzählt?

Das Johannesevangelium ist das letzte Evangelium, das geschrieben und uns überliefert worden ist. Und das hier sind die Abschiedsreden im Johannesevangelium. Ein paar Seiten davor steht die Geschichte vom Abendmahl und dem Verrat des Judas. Nun ist er weg, die Jünger sitzen mit Jesus zusammen und all das was er sagt, sagt er ja nur wenige Stunden vor den Ereignissen in Jerusalem, vor seiner Gefangennahme und seiner Kreuzigung, sei-nem Tod.

Das, was Johannes da zusammenfasst, ist so was, wie ein Vermächtnis Jesu. Jesus Christus spricht ganz eindringlich zu seinen Jüngern und eigentlich auch zu uns. Und es liegt ein Hauch von Abschied über all diesen Reden. Bald ist Jesus nicht mehr da, und die Jünger müssen alleine zurecht kommen.

Das bringt mich dazu Euch einen doofen Witz von Abschieden zu erzählen. Also, die Konfirmanden hier in der Kirche müssen jetzt eben mal weg hören.

„Eine Gemeinde hat einen schönen Gemeindegarten, mit alten Bäumen, fast so wie in Arsten. Wäre wunderbar, wären da nicht die Krähen. Ganze Heerscharen von Krähen haben sich da eingenistet. Und die machen immer einen ohrenbetäubenden Krach und ihre Hinterlassenschaften, die weißen Flecken, sind auch nicht so schön. Der Pastor hat alles Mögliche versucht. Vogelscheuchen vielleicht mit dem Kopf des Vorsitzenden der Gemeindevertretung, Knallkörper und was einem da so einfällt. Hat die Krähen aber nicht sonderlich interessiert. Bei Krach, fliegen sie unter einem mörderischen Geschrei hoch, fliegen eine Runde und dann sind sie wieder da, als wäre nichts gewesen. Irgendwann hat unser Pastor resigniert.

Aber dann trifft er auf einer Sitzung mit Kollegen zusammen. Er erzählt so nebenbei von seinem Leid. Da antwortet ein Kollege: Das Problem hatte ich auch. Und ich hab’s gelöst. Und wie? Was hast Du gemacht? Ganz einfach, ich habe sie konfirmiert, da flogen sie davon und kamen nie wieder.“

Ich finde, das ist ein trauriger Witz. Und ihr Konfirmanden habt ganz sicher aufmerksam zugehört. Ja, das erleben wir bei der Kirche immer wieder. Nach der Konfirmation verschwinden die Jugendlichen, die zwei Jahre regelmäßig gekommen sind. Irgendwie kann ich das sogar verstehen. Ein bisschen Druck ist ja dabei, zum Unterricht und zum Gottesdienst zu kommen. Und wenn der Druck dann vorbei ist, kommt die Freiheit. Jetzt braucht man nicht mehr. Und es gibt ja so viele wichtige Sachen, die man auch tun kann.

Ich möchte ein Gedicht zitieren: (von Jewgenjew Tutschenko)

In Zeitnot geraten wie in ein Netz ist der Mensch. Atemlos hetzt er durch sein Leben und wischt sich den Schweiß. Ein Fluch des Jahrhunderts ist diese Eile. Es wird ganz eilig gezecht und ganz eilig geliebt. Ganz tief sinkt die Seele dabei. Man baut ganz eilig, vernichtet ganz eilig, ganz eilig sind später Reue und Buße vorbei. Halt an, bleib doch stehn. Der du wie auf gefallenes Laub über Gesichter stampfst. Und sie nicht ansiehst. Halt an, bleib doch stehn, du hast Gott vergessen. Und schreitest ja über dich selbst hinweg.

Ja, es ist so Mode geworden, dass man sagt: Ich kann meinen Glauben auch ohne die Kirche leben, ich brauche sie nicht. Ich kann Gott auch im Wald finden, dort finde ich meine Ruhe und Besinnung. Zur Entschuldigung hört man dann auch noch die Litanei all den Verfehlungen der Kirche. Muss ich jetzt nicht aufzählen, von den Hexenverbrennungen, von den Kreuzfahrern usw. Na, es ist ja wahr, die Kirche ist an so mancher schlimmen Sache beteiligt gewesen, und sie schlittert auch jetzt immer wieder in Dinge hinein. Ich will das nicht schön reden, ärgert mich ja manchmal auch (womöglich gibt es Dinge, wo sich Leute auch über mich ärgern!). In der Kirche sind eben Menschen, wie Du und ich. Und die sind fehlerhaft und manchmal werden sie auch sündig. Und trotz alledem finde ich in der Kirche den „Weinstock“ der für mich lebensnotwendig ist, den ich brauche. Für mich der wahre Weinstock.

Wofür? Na, das Gedicht hat doch schon einiges gesagt. Es ist immer wieder nötig, innezuhalten, Abstand vom Alltag zu gewinnen. Über das Thema Sonntag könnte man hier reden.

Aber auch das: Wir alle haben ein recht flexibles Gewissen. Das richtet sich so leicht nach unseren Bedürfnissen. So ganz langsam verändert es sich. Und plötzlich tun wir mit „Gutem Gewissen“ Dinge, die wir früher schwer verurteilt hätten. Ich glaube so sind wir Menschen. Wir richten uns ganz stark nach dem, was in der Gruppe, in der wir uns bewegen, angesagt ist. Und das muss keinesfalls immer das sein, was wir vorher für richtig gehalten haben. Es muss noch nicht mal das sein, was für uns gut ist!

Und da ist es doch gut, wenn es eine Gemeinschaft von Leuten gibt, wo etwas anderes gilt, nämlich die Liebe Gottes, die Ruhe und der Abstand zu den täglichen Sorgen und Nöten. Und dazu brauchen wir die Kirche!

Ein paar Worte muss ich aber zum Schluss noch über uns verlieren, über uns, die wir fest dazugehören. Machen wir es Neuen nicht manchmal richtig schwer sich bei uns wohl zu fühlen? Wir lassen sie einfach stehen und kümmern uns nicht um sie. Für uns ist es wohl wichtiger, uns im Kreise der vertrauten Gemeindeglieder aufzuhalten, den Sitzplatz neben uns für einen vertrauten Menschen freizuhalten als neugierig auf den Unbekannten zu sein. Reicht es uns in der Gemeinde eigentlich, wenn wir unsere vertraute Gruppe haben, und dann soll sich bloß nichts ändern? Wir müssen einfach wissen, dass auch wir was damit zu tun haben, dass sich Reben an dem Weinstock finden, dass wir sie nicht vergraulen!

Lasst mich zusammenfassen:

1. Jesus als Weinstock bietet euch die Möglichkeit geistiger Beheimatung angesichts unleugbarer Lebenserfahrungen des Misslingens und des Fragments und der Irrungen. Bei ihm findet ihr einen festen Standort, Grund der euch trägt, um weiter zu kommen.
2. Ein neues Gebot hat er gegeben: „Liebt euch untereinander, wie ich euch geliebt habe“ Menschenwürdig wird euer Leben nur in der Kraft seiner Liebe, auch wenn es den Anschein hat, es ginge ohne ihn.
3. Christus braucht euch, denn ihr, die Reben, seid sichtbarer Teil des Weinbergs, Ihr gebt der Gemeinde ein Gesicht, Grund, zu bleiben.
4. Nur wenn ihr Ambivalenzen zu eurer Kirche und zu den Glaubensfragen aushaltet, wenn ihr beweglich bleibt, lebt ihr aus dem Zutrauen zur alles verändernden Macht der Liebe Gottes.

Amen.

Klaus-Dieter Philippsen

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