Predigt 31. Januar 2010 (Septuagesimae)

Sunday, January 31, 2010 10:52:00 AM

Die Gnade unseres Herr Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.


1. Kor. 9, 24-27
Wettlauf um den Siegespreis

(24) Wisst ihr nicht, dass die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. (25) Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nur, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. (26) Ich aber laufe nicht, wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, (27) sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht anderen predige und selbst verwerflich werde.


Der Text passt ja mal wieder! In knapp 14 Tagen, am 12. Feb. beginnen die Olympischen Winterspiele in Vancouver. Ich weiß ja nicht, wie es Euch geht. Ich interessiere mich nicht so sehr für Sport. Aber man kommt ja nicht daran vorbei. Von allen Seiten kriegt man Informationen. Und mich zieht das dann immer so mit. Auch wenn ich natürlich weiß, was für ein grandioses Geschäft das alles ist, dass da ganz viel Geld umgesetzt und verdient wird.

Trotzdem, ich freue mich, wenn ein Deutscher, eine Deutsche eine Medaille gewinnt. Ich bin mit traurig, wenn jemand gerade auf dem Platz 4 landet und manchmal wundere ich mich auch, wenn ein Sportler, eine Sportlerin vor Wut heult, weil es „nur“ Silber geworden ist.

Ganz sicher haben die alle trainiert. Sie haben ihr ganzes Leben auf diesen Wettkampf eingestellt. Das fängt bei den Lebensumständen an. Ausreichend Schlaf, nichts mit Ausgehen und Feiern, nur bestimmte Nahrung, keine Genussmittel wie Zigaretten oder Alkohol, Wein oder Bier. Und dann das Training. Das kann wirklich eine richtige Tortur werden. Und das alles nur für diesen kurzen Triumph – gut manchmal auch für Sponsorverträge, die dann das große Geld bringen können.

Da sind wir ganz nah bei unserem Text. Paulus verwendet dieses Beispiel des Sportkampfes. Er schreibt ja an die Gemeinde in Korinth, eine griechische Stadt, die nicht weit von Olympia entfernt liegt. Die Menschen dort können mit diesem Beispiel ganz sicher was anfangen, immerhin wissen die was von Olympischen Spielen. Die fanden ja sozusagen nebenan statt. Und es war längst üblich geworden, dass auch Philosophen Beispiele aus dem Sport verwandten um ihre Gedanken deutlich zu machen. Also, Paulus war da voll auf der Höhe seiner Zeit, er kannte sich aus in der Art der Diskussion der Menschen, denen er den Brief schrieb. Er wusste, wie die ticken.

Und das ist ja deutlich, was Paulus da schreibt. Die olympischen Kämpfer nehmen die ganze Tortur auf sich, weil sie für eine kurze Zeit Ruhm und Ehre bekommen, einen Lorbeerkranz, oder einen Olivenzweig und großes Ansehen in ihrer Umgebung, zweifellos. Aber Paulus kämpft, so sagt er, für viel mehr. Bei ihm geht es um das gelingende Leben schlechthin. Wie viel mehr, sagt er, lohnt sich da die Anstrengung.

Ich laufe nicht wie ins Ungewisse, sagt er, nein, er läuft mit ganzer Kraft auf ein Ziel hin. Und er kämpft, er kämpft mit der Faust, er schlägt nicht in die Luft (obwohl Schattenboxen heute ja auch eine ziemlich anstrengende Übung ist) sondern er zähmt und bezwingt seinen Körper. In andren Übersetzungen steht was davon, dass er sich mit der Faust ins Gesicht schlägt, eben, um seinen Körper zu bezwingen.

Könnt ihr euch nun vielleicht vorstellen, dass ich erst mal gestöhnt habe, als ich diesen Text zum ersten mal gelesen haben. Darüber soll ich predigen. Möchte ich denn so leben? Möchtet ihr so leben?

Dabei gibt es genug Beispiele von Menschen, übrigens in allen Religionen, die diesen Weg gewählt haben. Die auf ihrem Weg Gott dadurch näherkommen wollen, dass sie sich kastei-en, dass sie ihrem Leib Schmerzen zufügen. Ich denke wir haben alle mal solche Geschichten gehört oder gelesen.

Damit ich nicht fasch verstanden werde, gelegentliches Fasten ist eine gute Übung und jetzt in der beginnenden Fastenzeit werden das viele machen. Man lernt mal die Welt von anderen Seiten kennen. Vielleicht kommt man Gott dadurch wirklich näher. Man konzentriert sich auf Wesentliches. Merkt, dass anscheinend so notwendige Dinge doch nicht so wichtig sind. Da könnte die Rangordnung der Dinge neu werden.

Aber mir missfallen Menschen, die diesen Verzicht, ihre Ansichten so sehr vor sich hertragen wie ein Banner. Ich denke an so aggressive Vegetarier, an mache friedensbewegte, an bestimmte Umweltaktivisten, auch an bestimmte Christen. Man sieht ihnen deutlich an, dass sie schwer tragen, an dem was sie machen. Man soll es auch sehen. Sie treten in einer Form missionarisch auf, so in der Form: Alle Menschen müssen so sein wie ich, das ist ja wohl das Mindeste.

Ich habe den Verdacht, dass da ganz viel Selbstliebe im Spiel ist. Es geht für solche Menschen nur scheinbar um die Sache, ich denke sie wollen sich selbst in den Mittelpunkt stellen und sie benutzen die „Sache“ nur dafür. Und sie tun ihr damit wirklich keinen guten Dienst.

In dem Kalender „Der andere Advent“, der von einer Hamburger Gruppe jedes Jahr herausgegeben wird, steht für den Weihnachtstag eine Geschichte, die ich unbedingt weitergeben möchte.

„Es war einmal ein frommer Mann, der wollte schon in diesem Leben in den Himmel kommen. Darum bemühte er sich ständig in den Werken der Frömmigkeit und Selbstverleugnung. So stieg er auf der Stufenleiter der Vollkommenheit immer höher empor, bis er eines Tages mit seinem Haupte in den Himmel ragte. Aber er war sehr enttäuscht: Der Himmel war dunkel, leer und kalt. Denn Gott lag auf Erden in einer Krippe.“

Ihr werdet es nicht glauben, diese Geschichte stammt von Martin Luther.

Also keine Anstrengung? Gott ist zu uns gekommen als ein hilfloses kleines Kind. Begegnet Gott uns denn gerade in solchen hilflosen Wesen, die uns über den Weg laufen? Geht es gar nicht um solche Anstrengung um richtig gut zu werden, sondern um Zuwendung zu solchen Schwachen, die dazu oft noch nicht mal so schwer fallen dürften?

Was will Paulus uns denn da sagen. Was bedeutet es, wenn er meint dass er seinen Körper dadurch stählt, dass er sich mit der Faust ins Gesicht schlägt? Also, dass Paulus blaue Flecken im Gesicht gehabt haben soll, davon wird uns nichts berichtet!

Vielleicht hilft diese Geschichte etwas weiter. Im Berufsleben hatte ich es auch mit Computerprogrammen zu tun. Ich denke da an eines, in das ich mich ganz gut eingearbeitet hatte. Das, was ich damit machen wollte, ließ sich gut verwirklichen. 

Aber eines Tages kam eine neue Version dieses Programms heraus. Und da war nun alles anders. Nichts ging mehr! Die ganze Logik dieses neuen Programms war anders, ich verstand sie nicht. Dabei musste ich damit arbeiten. Ich wollte es auch. Es interessierte mich. Und ein bestimmtes Projekt musste fertig werden.

Nun, eine Woche hab ich mich durch das Handbuch gequält, teilweise bis spät abends. Und so nach und nach verstand ich dann auch die neue Logik. Ich konnte damit arbeiten. Ich war froh und glücklich darüber.

Wenn man so will, war ich ein Getriebener. Ich fühlte mich vorwärtsgetrieben. Niemand hätte mir diese Tortur befehlen können, nein, ich wollte das, ich wollte das selbst.

Ich erzähle das nun nicht, um mich besonderes herauszustellen. So bedeutend war das nun auch wieder nicht. Aber vielleicht kann ich damit erklären, was Paulus gemeint hat, mit dem Laufen und mit der Begrenzung auf das Wesentliche. Weil ich das Ziel im Blick hatte, habe ich mich so konzentriert. Und es ist mir nicht sonderlich schwer gefallen. Ich wollte ja das Ziel erreichen.

„Alles für die gute Nachricht“ ist der Abschnitt in meiner Bibel überschrieben, in dem unser Predigtext steht. Paulus will möglichst viele Menschen erreichen und ihnen von der Liebe Gottes erzählen. Und er weiß natürlich, dass er nur glaubwürdig ist, wenn er eben glaubwürdig lebt. Deshalb das alles. Paulus will als glaubwürdiger Vertreter seiner Botschaft auftreten, damit man sie ihm auch abnimmt.

Er geht sogar noch weiter. Er tritt Griechen gegenüber wie ein Grieche auf. Er redet und argumentiert wie ein Grieche. Juden gegenüber tritt er wie ein Jude auf. Schwachen im Glauben tritt er wie ein Schwacher auf, Starken, wie ein Starker. Er will die Leute verstehen, denen er gegenübertritt, damit er weiß, wie er ihnen das, was er zu sagen hat, sagen kann.

Aber das bedeutet, er muss erst mal zuhören.

Also, ich weiß ja soo viel, ich bin ja so schlau, ich habe so viel gelesen, dass ich immer das Bedürfnis habe, das auch anderen zu sagen. Die sollen doch an meiner Weisheit teilhaben. Und die sollen mich eigentlich auch bestaunen.

Ob das Paulus auch so gegangen ist, und er sein Gesicht, seinen Mund, deshalb mit der Faust bearbeiten musste, damit er ihn erst mal hielt? Damit er zuhört und nicht redet?

Auf jeden Fall, wenn ich den Anderen wirklich verstehen will, muss ich ihm erst mal gründlich zuhören. Ich muss den Mund halten. Ich muss offen werden, für den Anderen. Ich soll, das was der Andere sagt, nicht als Stichwort für mein eigenes Reden verwenden.

Nur, wenn ich begriffen habe, wie der Andere denkt, dann kann ich ihm auch was sagen. Und – wie ein Bekannter immer wieder sagte: Man kann auch vom dümmsten Menschen noch was lernen. Bei dem war das ironisch gemeint, aber es stimmt tatsächlich! Und das Zuhören ist schwerste Arbeit. Ja, Zuhören ist Arbeit.

Wirklich zuhören und dann meinen Glauben offensiv und glaubwürdig vertreten, das könnte es sein, was Paulus uns heute sagen will.

Amen!


(© Philippsen)

© Kirchengemeinde Arsten - Habenhausen

Site Map | Printable View | © 2008 - 2018 Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen | Impressum