Predigt am 1. Weihnachtstag 2010. Micha 5, 1-4a, SP

Saturday, December 25, 2010 6:00:00 AM Categories: in Habenhausen Weihnachten

Der Rausch der Heiligen Nacht ist vorbei. Der Chor der Engel ist verklungen. Die Hirten sind wieder bei ihren Herden. Maria aber

„behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“

Der Rausch ist vorbei. Das Staunen, das Augenreiben. Wir treten heute morgen an die Seite Marias. Wir haben noch im Ohr, was uns gestern Nacht verkündet wurde. Jetzt ist Zeit, darüber ein wenig nachzusinnen.

Es ist wie nach einem grossen Fest. Man lässt die Dinge nachklingen, die man erlebt hat und man sortiert sie ein in einen größeren Zusammenhang.

Die frischen, jungen Worte der Hirten, den Gesang der Engel, von dem sie berichten, man fragt sich, was das wohl zu bedeuten habe und wie das zusammen passe und ob es wohl wirklich angehen könne, dass dies, was uns in der Heiligen Nacht  zu Ohren gekommen ist, die Erfüllung ältester Hoffnungen, Sehnsüchte und Erwartungen, und damit tatsächlich die Wendung aller Not zum Guten, das Ergreifen des Zepters durch den Gesandten Gottes, das Anheben von Gerechtigkeit und Frieden sei, ob also dies doch so idyllische, trotz aller bitteren Kälte und provisorischster Unterbringung so pittoreske, und dabei an sich unauffällige, ja so ganz unspektakuläre Geschehen rund um den Stall zu Bethlehem wirklich und mit Fug und Recht die grosse Wende genannt zu werden verdient, das Ende allen Wartens.

Maria aber „behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“
Und in solchem Behalten und Bewegen und Vergleichen und In- den-Zusammenhang-Stellen, bringt sich nun heute morgen ein  wohlbekannter Vers in Erinnerung, den wir gestern abend zwar auch gehört, für den wir aber gar kein rechtes Ohr hatten, den wir, quasi im Vorbeigehen, irgendwie auch mit bekommen, den wir aber nicht wirklich bedacht haben und verstehen konnten. Heute morgen nehmen wir uns diese Zeit. Und wir hören also:

„Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.“

Viel hat man gehört vom Zion, vom heiligen Berg in Jerusalem, auf dem der Tempel steht, man hat den Klang der Psalmen in den Ohren, die diesen Berg und diese Stadt besingen:

„Schön ragt empor der Berg Zion, daran freut sich die ganze Welt.“

Und es bringt sich, beim Nachsinnen an der Seite Mariens,  doch auch das Wort Jesajas in Erinnerung, der spricht:

„Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzu laufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, laßt uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“

Völlig anders, als bei Jesaja  klingt es, fast zur selben Zeit, beim Profeten Micha. Der hält, am Ausgang des 8. Jahrhunderts vor Christus, nicht besonders viel von Jerusalem und erwartet von dort auch nichts Gutes. Man ist dabei, ein Volk zu werden, wie all die anderen Völker auch. Israel schaut auf die Völker und ahmt sie nach in ihrem Getriebe, schafft sich eine schlagkräftige Armee, baut starke Festungen, übt sich in Diplomatie und sichert sich ab, wie sie sich absichern. Ach, würden sie doch lieber mit leeren Händen dastehen, ohne Streitwagen, ohne Festungen, ohne das Hufgetrappel ihrer Kavallerie und würden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen und den HERRN für sie sorgen lassen! Micha wendet sich ab von Jerusalem mit Grausen.

„Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei“

Micha erwartet nichts Gutes aus Jerusalem, aus der Stadt, in der die Könige Judas regieren und ihre Bündnisse schliessen und wieder brechen, in der sie nicht wagen, alles von Gott zu erwarten, sondern, wo sie versuchen, Politik zu betreiben, „als ob es Gott nicht gäbe“. Er erwartet Rettung von anderswo her:

„Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei“

Und während wir das bedenken, lassen unsere Gedanken sich nicht aufhalten und wenden sich der Zukunft zu. Denn anders, als Maria, an deren Seite wir hier sitzen, wissen wir, wie es mit dem Kind weitergeht, das in dieser letzten Nacht geboren ist.
Wir wissen, dass er in Jerusalem verraten wurde und verleugnet von Menschen, die jeweils ihre guten Gründe dafür gehabt haben werden. Wir wissen, dass er vor den Toren der Stadt hingerichtet wurde, die Stadt hat ihn ausgespien, der sich auf nichts anderes berufen wollte, als auf das Wort Gottes. Aber wir wissen auch, was Maria nicht wissen kann an diesem Morgen, dass ihr Sohn von Gott herausgehoben wurde aus dem Grab, in das sie ihn legten und hoch empor gehoben bis auf den Thron zu seiner Rechten in den Himmeln.

Wir kennen die anderen Geschichten, die Maria noch nicht kennt, weshalb sie den Kopf bedenklich wiegt, wenn sie den Wert dieses Satzes erwägt:

„Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei“

Wenn Maria sich umschaut und wir uns mit ihr, dann sehen wir einen Stall, eine Krippe, ein kleines Kind darin, so gewöhnlich, wie nur kleine Kinder sein können, Ochs und Esel, uns fröstelt, denn es ist kalt, das ist uns vor Augen.

Das Wort des Profeten aber zeigt uns, wie Gott die Sache sieht und wie sie also in Wahrheit sich verhält. Und durch das Wort des Profeten wird nun allerdings das Szenario in diesem Stall, wo wir an der Seite der jungen Mutter sitzen und mit ihr dies und das bedenken, in ein helles Licht getaucht:

„Aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und Ewigkeit her gewesen ist.“

Ob es einen Grund hat, wenn der Profet nun doch das Wort König vermeidet und ihn einen „Moschel Bejisrael“ nennt, einen „Herrn in Israel“? Wer weiß… Vielleicht ist das Wort „König“ doch nicht ganz passend für den, der da kommen soll. Vielleicht ist die Art, wie er sein Regiment ausführt, nicht ganz treffend beschrieben mit diesem Wort „König“. Weil man damit eben  einen Thron und Pferd und Wagen und eine Krone aus Gold und einen Hofstaat und, zu jener Zeit, auch viele Frauen, und Krieg und die Jagd nach menschlichem Ruhm verbindet.

Vielleicht soll mit diesen Worten „Moschel Bejisrael“ angedeutet werden, dass seine Herrschaft wohl eine Herrschaft, ganz eindeutig eine Herrschaft, auch und erst recht eine durch Gott von langer Hand, ja von Ewigkeit vorbereitete, Herrschaft sein würde, aber eben doch nicht nach der Art, wie nun einmal die Könige auf Erden zu herrschen pflegen, sondern anders, vielleicht vor allem dadurch anders, dass in seiner Herrschaft die Herrschaft Gottes durchscheine und zum Tragen komme.

So haben wir heute morgen an der Seite Mariens gesessen, noch ein bisschen benommen von den Ereignissen der vergangenen Nacht. Haben versucht, alles ein wenig zu bedenken und einzuordnen.

Und nach all dem ist doch unser Fazit tatsächlich, dass dies, was uns in der Heiligen Nacht  zu Ohren gekommen ist, die Erfüllung ältester Hoffnungen, Sehnsüchte und Erwartungen, und damit die Wendung aller Not zum Guten, das Ergreifen des Zepters durch den Gesandten Gottes, das Anheben von Gerechtigkeit und Frieden sei.

„Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“. Amen.


Jens Lohse

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