Predigt am 13.11.2009 Prof. Busch

Friday, November 13, 2009 10:51:00 AM

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserm Vater u. unserm Herrn Jesus Christus.

Lasst uns jetzt in der Predigt miteinander auf das Evangelium nach Matth. 25,31-46 hören: Jesus sagt: „Wenn aber der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommen wird und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen, und vor ihm werden alle Völker versammelt werden, und er wird sie voneinander sondern, wie der Hirte die Schafe von den Böcken sondert. Und die Schafe wird er zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch von Grundlegung der Welt an bereitet ist! Denn ich war hungrig, und ihr habt mir so essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mich getränkt; ich war fremd, und ihr habt mich beherbergt; ich war nackt und ihr habt mich bekleidet; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann sahen wir dich hungrig und haben dich gespeist? oder durstig und haben dich getränkt? Wann sahen wir dich als Fremden und haben dich beherbergt? oder nackt und haben die bekleidet? Wann sahen wir dich krank oder im Gefängnis und sind zu dir gekommen? Und der König wird ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht hinweg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das mein Vater dem Teufel und seinen Engeln bereitet hat! Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mich nicht getränkt; ich war fremd, und ihr habt mich nicht beherbergt; ich war nackt und ihr habt mich nicht bekleidet; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie sagen: Herr, wann sahen wir dich hungrig oder durstig oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“  

 

Liebe Gemeinde, unsere irdische Lebenszeit ist also auch eine Wartezeit. Und was kommt danach? Ein großer Abbruch? Ja, aber mitten im Abbruch ein noch größerer Anbruch. „Wenn nämlich der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, dann wird er sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit.“ Er selbst hat uns geheißen, uns darauf einzustellen. Wohl heißt es im Lied „Alles vergehet“. Volkstrauertag! Auch wir mit allem, was uns so erfüllt, werden zurücktreten. Auch die, die so schrecklich fest im Sattel sitzen, auch sie müssen einmal herunter von ihrem hohen Ross. Auch die, denen unser Herz hängt, müssen gehen. Er aber kommt, - nicht, um einmal wieder zu gehen, wie alle die Anderen. Er kommt, um zu bleiben.

Und das ist seine Herrlichkeit, die dabei aufgedeckt wird: Es gibt ein oberstes Schaltzentrum, wo alle Fäden zusammenlaufen. Und der Platz dort ist nicht leer, wie wir zuweilen befürchten. Dort sitzt auch kein Scharlatan. Bei Ihm ist es in Ordnung, dass „Er sitzt im Regimente und führet alles wohl“. Herrlich, wenn das sichtbar wird! Dann ist es vorbei mit der Dürftigkeit unseres Kirchentums. „Dann werden vor ihm alle Völker versammelt werden.“ Kein Weltregent wird sich dem entziehen können und kein sonst Vergessener wird vergessen sein. Und seine Herrlichkeit wird umso herrlicher sein, als seine Herrschaft die Herrschaft seines Erbarmens ist. Er wird sich wohl auch als der Richter der Menschen beweisen. Aber in seinem Gericht werden wir Grund finden, ihn anzubeten als „die Macht der Liebe“. Und so ist der Anbruch seiner Herrlichkeit der Tag der Erlösung – Erlösung für die, die jetzt trostlos sind, gefangen, krank, hungrig, durstig und fremd. Dann werden alle Tränen von ihren Augen gewischt sein, auch die Tränen derer, die jetzt am 9. November geweint haben im Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 zu Beginn der Juden-Ausrottung. Der auf dem Thron sitzt, sagt: „Siehe, ich mache alles neu.“

Wir dürfen dessen gewiss sein – weil der Kommende ja schon einmal gekommen ist. Wie es die Schrift sagt: „Das Wort ward Fleisch und wir sahen seine Herrlichkeit“. Das war in seinem Kommen damals so herrlich, dass er da unter uns trat eben als der Erbarmer, dazu gekommen, alles Verlorene nicht verloren sein zu lassen, sondern es zu finden, es aufzuheben, es aufzurichten. Aber sein Erbarmen hat er da so gezeigt, dass er, der Höchste, zu einem wehrlosen Kind wurde. Er hat es gezeigt in einer anfechtbaren Gestalt. „Ich war hungrig und durstig“, sagt er von sich – jawohl: „Ach Herr, du Schöpfer aller Ding, wie bist du worden so gering.“ Und „ich war ein Gast“ – jawohl: „Der Sohn des Vaters, Gott von Art, ein Gast in dieser Welt hier ward.“ „Ich war nackt“ – jawohl: „Er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein.“ „Ich war krank“ – jawohl, „du hast dich bei uns eingestellt, an unserer Statt zu leiden.“ So war es, als der Erbarmer unter uns trat. Der Dichter Dostojewski beschreibt, wie Jesus in seiner Kirche einmal leibhaftig wieder erschienen ist. Aber da sagte ihm ein Kirchenvertreter: Verschwinde! Du passt in deiner Armut nicht mehr in unsere von uns gemachte Kirche. Ja, die Kirche nennt sich nach ihm, aber lebt sie in seiner Gegenwart?

Doch wenn der Gekommene „kommen wird in seiner Herrlichkeit“, dann nicht mehr in der anfechtbaren Gestalt. Dann als der unanfechtbare Herr der Völker. Der darf vielmehr uns anfechten. „Und er wird sie alle voneinander scheiden, wie ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet.“ Wie ein Hirte! Er wird auch in seinem Richteramt kein anderer sein als noch einmal der „gute Hirte“, der sein Leben für seine Schafe zu lassen bereit war. Mit seiner anfechtbaren Gestalt, aber nicht mit seinem Erbarmen wird es dann ein Ende haben. Und so werden wir auch das als Wohltat zu verstehen lernen: dass er die Schafe schützt vor den Böcken und beide voneinander trennt. Sein Erbarmen wäre nutzloser Rührseligkeit, wenn ihm der Wille fehlte, die Plagerei der Schafe durch die Böcke abzustellen.

Es geht Jesus jetzt nicht darum, uns allgemein ein Jüngstes Gericht anzudrohen. Entscheidend ist ihm das Kriterium, nach dem unser Leben zu beurteilen ist. Dabei ist es auffällig, dass es für alle vor den Richter Gerufenen voll überraschend ist, dass es dieser Maßstab ist, nach dem ihr Leben bemessen wird. Der Maßstab, mit dem er urteilt, ist ganz sein Maßstab. Der Maßstab ist anders als der, mit dem wir uns gern ausrüsten, um selber ein bisschen Jüngstes Gericht über unsere Mitmenschen zu veranstalten. Unser Maßstab ist wie ein Lupe, durch die wir den Splitter im Auge des Nächsten riesengroß sehen, und wie eine Scheuklappe, durch den wir den Balken im eigenen Auge übersehen. Wenn aber der wahre Richter eingreift, wird es sehr die Frage sein, ob ich, der ich so gut von mir dachte, akzeptabel bin, während andere angenommen sind, die ich unmöglich fand. Erste werden Letzte sein und Letzte Erste.

Aber so überraschend sein Urteil sein wird, willkürlich ist es nicht. Denn als der Herr aller Menschen darf er uns das fragen: Was habt ihr mir getan? Wiederum, was kann man ihm besseres tun, als dass man dafür ein Auge und Ohr und Herz hat, was er für uns getan hat? Die Frage ist nicht: Hatten die Leute eine gute Meinung von euch oder wart wenigstens ihr selbst zufrieden mit euch? Die entscheidende Frage Jesu lautet: Was bin ich euch praktisch gewesen? Überraschend, dass das die Hauptfrage in unserem Leben sein soll. Er ist in seinem Erdenleben so armselig aufgetreten, dass man ihn abweisen konnte. Wie soll ausgerechnet von diesem Einen für uns alles Wohl und Wehe abhängen? Ja, so mag man denken, bis es einmal definitiv herauskommt, dass tatsächlich für uns alles auf ihn ankommt.

Doch noch ist nicht alles gesagt. Denn das wird spätestens an jenem Tag jeder begriffen haben: Die Armut Jesu hat einen bestimmten Sinn: „Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm.“ Seine Armut ist seine Teilnahme an der Armut so zahllos vieler trauriger Geschöpfe. Er, für den die Besser-Gestellten bei seiner Geburt keinen Raum hatten, Er hat doch Raum gefunden – als Nachbar derer, die draußen vor der Tür sind und drunten im Dunkel. Hungrig und krank und gefangen verbrüdert er sich mit allen, die hungrig und krank und gefangen sind. Wir denken an diesem Volkstrauertag an die Vielen, die im 2. Weltkrieg gefallen sind und ermordet wurden. Wir denken an die, die deshalb Trauer tragen – Trauer auch wegen ihrer Schuld und Selbstzerstörung. Mit ihnen ist Jesus so eng verbunden, dass man diese zwei nie mehr voneinander trennen kann: den Tröster und die Traurigen. So eng, dass man auch Jesus nicht hat, wenn man ihn haben will ohne sie, seine geringsten Brüder und Schwestern. So eng, dass man ihn nur haben kann, wenn man sie mithat. So eng: „Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan. Und was ihr ihnen nicht getan, das habt ihr mir verweigert.“ Was Gott zusammengefügt hat, das kann der Mensch nicht trennen. Und das ist das Jüngste Gericht, dass das klargestellt wird. Wer ihn haben will ohne die, derer er sich erbarmt hat, der will einen gnadenlosen Gott. Ohne seine Gnade können wir aber nur verschwinden.

Jesus sagt uns das nicht, um uns mit dem Drohfinger darüber aufzuklären, dass man in die Hölle kommen kann. Er redet uns zu, damit wir davor bewahrt werden, dass Gott sich einmal von uns trennen muss – was allerdings die Hölle wäre. Davor will er uns retten. Dafür hat er alles getan. Und jetzt bleibt noch eines übrig: dass wir uns dazu bekennen. Darum weist sein Reden von der Zukunft uns in unsere heutige Gegenwart. „Handelt, bis ich wiederkomme!“ (Lk. 19, 13), sagt er. Das ist der Sinn der uns jetzt noch gelassenen Zeit. In dieser Zeit warten ja nicht bloß wir, da wartet zuerst Gott auf uns und wartet, dass wir jetzt endlich hilfreich handeln. Der Genfer Reformator Johannes Calvin, dessen 500. Geburtstag wir in diesem Jahr gefeiert haben, schreibt zu unserer Stelle: Es geht in unserem Verhalten zu den Bedürftigen um das, „was zu einem gerechten und frommen Wandel gehört, nämlich nicht bloß das Bekenntnis des Mundes, sondern der ernste Tatbeweis, dass man wirklich Gott liebt“.

Und Jesus gibt uns einen Anschauungsunterricht dafür, was das heißt: „Was ihr tut einem unter meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan.“ Er hat in unserer Zeit solche Geschwister: leiblich und seelisch Gequälte und Betrogene, Erniedrigte und Beleidigte, Mühselige und Beladene, Bedrohte und Verzweifelte, wie jeder weiß. Und alles, was wir auch nur für einen dieser Menschen tun können, fängt mit dem Einfachsten an, mit dem Schwersten - mit der Entdeckung: Er steht auf ihrer Seite. Sie sind Jesu Geschwister. Darum kann ich nicht auf seiner Seite stehen, wenn ich nicht ihnen zur Seite stehe. Calvin spricht einmal vom Stellvertreter Christi und der ist kein Heiliger und kein Papst, sondern ein erbärmlicher Mitmensch. Und „wenn er ein Fremder oder ein Nichtswürdiger ist oder einer, der dir nichts Gutes getan hat - „Gott hat ihn aber gleichsam zu seinem Stellvertreter einge-setzt – und du sollst dich diesem Menschen gegenüber für so viele und so große Wohltaten erkenntlich erweisen, mit denen Gott dich zu seinem Schuldner gemacht hat.“

Allen aber, die nicht so dran sind wie diese Erbärmlichen, denen liegt es fast im Blut, davon abzusehen und darum an diesen Brüdern und Schwestern vorbeizusehen und vorbeizugehen, so wie der Priester und Levit an dem unter die Räuber Gefallenen im anderen Gleichnis Jesu. Wessen Bildung, wessen Nettigkeit, wessen Frömmigkeit ist denn so stark, dass sie ihn vor Wiederholungen dessen schützt? Ist es nicht so? - man kann hundertmal dieses Gleichnis Jesu hören; aber wenn es darauf ankommt, dann ist es weggeblasen. Dann haben wir vielleicht plausible Entschuldigungen, uns daran nicht zu halten. Und es ist ja nicht so, dass Jesus etwa sagte: es sei einfach, mit seinen geringsten Geschwistern umzugehen. Er macht nicht einmal die Rechnung, wieviel sie selber schuld sind an ihrem Elend. Er sagt nur: sie sind bedürftig. Sie brauchen Beistand. Darum sind sie seine Geschwister. Und in ihnen begegnet er uns. In ihnen will er uns willkommen sein.

In Jesu Augen gibt es Menschen, die an einem Volkstrauertag mehr zu betrauern sind als diese Geringsten. Und das sind wir, - wenn wir nicht an deren Seite zu finden sind. Nicht die Geringsten müssen froh sein, wenn wir Mitleid mit ihnen haben. Wir sind zu bemitleiden, wenn wir uns nicht als Geschwister dieser Geschwister Jesu benehmen. Aber warum sollten wir uns von ihnen distanzieren, wenn der, an den wir glauben, den wir lieben, auf den wir hoffen, auf ihrer Seite steht? Glauben wir an ihn, lieben wir ihn, hoffen wir auf ihn, so gehören wir mit diesen Anderen zusammen schon zu jenem Volk, von dem es heißt: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht ...“ Zu diesem Volk gehören auch die da draußen in den Kriegsgräbern Bestatteten, die einst gegeneinander geschossen haben und die nun miteinander begraben sind. Ihr Miteinander sei uns das Zeichen einer schönen Hoffnung. An der von den Hitlersoldaten zerstörten Kathedrale von Coventry in England ist eine goldene Inschrift zu lesen. Beten wir auch heute mit den Worten, die dort geschrieben sind: „Lehre uns, o Herr, zu vergeben und uns vergeben zu lassen, so dass wir miteinander und mit dir Frieden haben.“ Und dieser Friede Gottes, der heilsamer ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Gedanken in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

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