Predigt am 19. n. Trin., 28. September 2008, 10 Uhr, Habenhausen, über 2. Mose 33, 18-20

Sunday, September 28, 2008 11:28:00 AM Categories: Archiv '06 - '08

Und Mose sprach zum HERRN: Laß mich deine Herrlichkeit sehen! Und ER sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will dir kundtun den Namen des HERRN: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig. Und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich“. Und er sprach weiter: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht“.

Die Herrlichkeit Gottes sehen, seinen Glanz, seine Größe, seine Ehre. Mit eigenen Augen überwältigt werden von seiner Allmacht. Verständliche Sehnsucht.

Daß Gott sich uns zeigt. Daß wir auf unsere Fragen eine Antwort bekommen, die über jeden Zweifel erhaben ist.

Mose will Sicherheit. Er hat schon viel durchgemacht und Israel mit ihm. Er hat einen Menschen erschlagen, den Slavenaufseher des Pharao. Er hat die Plagen nach Ägypten gebracht, großartige Werke der Überlegenheit und Stärke Gottes ausgerichtet. Er hat das Volk durch das Meer geführt und die Ägypter alle umkommen lassen in den Fluten. Er hat Schuld auf sich geladen nach allen menschlichen und göttlichen Maßstäben. Er hat mit Murren und Revolten des Volkes zu tun gehabt, er hat gerade eben noch erlebt, wie sie das Goldene Kalb anbeteten. All dieses. Wozu macht er das? Wer gibt ihm Vollmacht und Autorität dazu? Wer spricht ihn frei von der Schuld, die er auf sich geladen hat?

„Laß mich deine Herrlichkeit sehen“.

Laß mich nicht alleine dastehen mit mir selbst, mit meinem Glauben und meiner Hoffnung. Komm du Gott, vergewissere mich. Gib mir Halt und neuen Mut. Spüle meinen Zweifel hinweg und meine Angst, so, wie du das Heer der Ägypter hinweggespült hast. Es gibt keinen Gläubigen auf der Welt, der nicht irgendwann so spricht. „Laß mich deine Herrlichkeit sehen“.

Die Sehnsucht nach Unmittelbarkeit. Nach Evidenz. Ich will nicht immer nur glauben. Ich will wissen. Ich will nicht immer nur hoffen. Ich will fühlen. In mir und an mir spüren, daß du, Gott, da bist.

Und der Herr sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN.

Gott ist spröde, was Moses Wunsch angeht.

Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen.

Du wirst meine Güte sehen. Ich verstehe das so: Du wirst alles sehen, was ich dir zugut tue. Aber du wirst mich selbst nicht sehen. Du wirst sehen, wie ich dich führe und rette und ernähre und wie ich dich bringe in’s  gelobte Land. Du wirst zurückschauen auf dein Leben und die großen Taten Gottes wirst du dort sehen. Wenn wir zurückschauen, dann sehen wir, daß Gott uns bis hierher gebracht hat. Wir sehen die Steine und Klüfte, über die hinweg er uns getragen hat. Wir sehen, wie sich Löwen und Ottern uns entgegenstellten, junge Löwen und Drachen, wie es im 91. Psalm heißt. Diese Tiere sind Symbole für viele und große Schwierigkeiten, in denen und durch die hindurch und über die hinweg Gott uns geführt hat. Wir sehen auch den Segen, mit dem er uns gesegnet hat, Hab und Gut, Gesundheit, einen Beruf, der uns ausfüllt und Kinder. Wir sehen diesen großen Segen, wir sehen, wie es im Predigttext heißt, „die Güte Gottes“.

Sein Angesicht sehen wir nicht. Wir können nicht sehen, daß Gott all das gemacht hat. Wir müssen das glauben. Uns geht es wie Mose: Trotz aller Sehnsucht und allen Begehrens nach zweifelsfreier Evidenz können wir Gott nicht gegen jeden Zweifel abschirmen. Er läßt sich von uns nicht zur Gänze erkennen. Er bleibt immer auch verborgen vor uns.

Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN.

Der Name des HERRN. Mose will sein Angesicht sehen. Statt dessen bekommt er Gottes Namen zu hören. Dieser Name ist eigenartig lang:

„Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig. Und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“

Damit gibt Gott ebensoviel preis, wie er verbirgt. Ein Name, der aus so vielen Worten besteht. Der uns Gott beschreibt als gnädig und zugewandt. Der uns Sündern Mut macht, unter seine Fittiche zu kriechen und uns dort zu bergen. Ein guter Name. Gnade. Und Erbarmen. Fürchte dich nicht. Und der zugleich ganz und gar das Geheimnis Gottes wart und uns auf Distanz hält.

„Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig. Und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“

Gott kann tun, was Er will. Wenn er gnädig sein will, so ist er gnädig. Wenn er barmherzig sein will, so ist er barmherzig. Es liegt einzig an seinem Willen. Vor Gott kann man sich nichts verdienen. Wir hängen an seinen Entscheidungen. Und über die gibt er uns keine Rechenschaft.

Das ist der Name Gottes und also sein Wesen. Hier legt er uns sein Innerstes offen. Hier zeigt er sich. Hier offenbart er sich, aber was er Mose und uns offenbart, ist nun gerade sein Geheimnis! Mit diesem Namen verbirgt er sich mindestens ebenso, wie er sich zeigt. Er gibt Mose etwas in die Hand, er legt seinen Namen ihm in das Ohr und in den Mund, aber eben gerade damit, gerade mit der Offenbarung seines Namens, entzieht er sich zugleich. Gott will offensichtlich, daß zwischen ihm und uns eine Kluft bleibt, ein Unterschied, eine Distanz.

Keck haben wir Menschen immer wieder unternommen, Gott zu analysieren, zu verstehen, zu begreifen, zu sehen. Die Theologiegeschichte, aber auch die Geschichte der Philosophie geben davon beredtes Zeugnis. Der Mitstreiter Luthers und Calvins, Philipp Melanchton, hat dagegen die Weisheit ausgesprochen, man solle die Geheimnisse der Trinität nicht analysieren, sondern anbeten. Das triffts wohl so ziemlich.

„Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht“.

Sind Rückschlüsse erlaubt? Zum Beispiel dieser: Wo Gott zu sehen ist, zu spüren, wo er bewiesen sein soll, zweifelsfrei, da wird es sich nicht um Gott handeln, sondern um ein Produkt unserer Sehnsucht und unseres Übermuts? Wo Menschen rufen: Hier haben wir ihn, hier braucht ihr nicht im Glauben zu verharren, hier könnt ihr Gott mit Haut und Haaren fassen, da wird es sich um Phänomene der Gruppen- oder Massenpsychologie handeln?

Wunder über Wunder! Von welcher Richtung her wir auch über Gott nachdenken, bleibt uns vor allem zu staunen über seine Majestät. Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst?

Gleich taufen wir Hannah. Die Bibel sagt, daß bei der Taufe der heilige Geist Wohnung nimmt in dem Kind. Nicht, weil wir’s verdient hätten oder auch nur gewollt oder begehrt hätten, sondern weil Gott es so will.

„Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig. Und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“

Heute erbarmt er sich über Hannah. Derselbe Gott, der sein Angesicht verbirgt vor Mose und vor uns, berührt dies kleine Kind und sucht es sich zu einem lebendigen Tempel aus. Derselbe Gott, den niemand sehen kann, will in jedem getauften Menschen erkannt und geliebt werden.

O, Größe der Güte Gottes, der du dich dem Wunsch nach Erkenntnis entziehst. Der du den hochfliegenden menschlichen Geist demütigst in seinem Streben, dich begreifen und fassen zu wollen. Und der du das kleine und hilflose dem Großen und Verständigen vorzuziehen scheinst. Wir sehen dich in unsern Brüdern und Schwestern. In den Kindern und Säuglingen, derer du dich erbarmt hast. Groß bist du im Kleinen. Wir beten dich an.


Jens Lohse

© Kirchengemeinde Arsten - Habenhausen

Site Map | Printable View | © 2008 - 2018 Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen | Impressum