Predigt am 25. September 2011

Thursday, October 6, 2011 4:52:00 PM

(14. Sonntag nach Trinitatis)

 

Eigentlich eine ganz einfache Geschichte. Da kommt Jemand zu Jesus, ein Aussätziger. Er hat eine Bitte, die ist so wichtig für ihn, dass er vor Jesus niederkniet, sich ganz klein macht, dass er sich ihm voll unterwirft. „Wenn du willst“, sagt er, kannst du mich gesund machen. Jesus hat Mitleid, so steht es in der Bibel. Jesus berührt ihn und er macht ihn gesund, der Aussatz verschwindet. Und dann kriegt er von Jesus einen Auftrag: Wie Mose das vorschreibt, soll er zu einem Priester gehen, sozusagen einem Repräsentanten des Gesundheitsamtes, und soll seine Heilung bestätigen lassen. Er soll das für einen solchen Fall übliche Opfer bringen, wie Mose das vorschreibt, und er soll auf keinen Fall über seine Heilung reden. Damit will Jesus zeigen, dass er das Gesetz Mose ernst nimmt.

 

Tja, der Mann hatte Aussatz. Unter Aussatz, so habe ich gelernt, verstand man Lepra. Das ist eine furchtbare Krankheit. Sie wird von Bakterien verursacht, beginnt mit einem Ausschlag mit roten Pusteln. Später greifen die Bakterien die Nerven an und legen sie lahm, besonders in Händen und Füßen. Der Mensch fühlt nichts mehr, kann sich verletzten ohne es zu merken, die Wunden können sich entzünden, ganz ohne Schmerzen. Wie sich das entwickelt könnt ihr Euch vorstellen. Es scheint so, als ob das Fleisch verfault. Das sieht dann einfach ekelig aus. Ich glaube ich muss nicht mehr ausführen. Man kann sich gut vorstellen, dass Menschen vor einer solchen Krankheit Angst haben.

 

Die Krankheit war weit verbreitet. Auch in Bremen gab es eine Leprastation. Und natürlich hatten die Menschen große Angst vor Ansteckung. Wer möchte wohl so eine Krankheit haben. Übrigens, heute ist sie leicht mit Antibiotika zu behandeln. Dass es sie heute überhaupt noch gibt, in armen Ländern der Erde, ist ein Armutszeugnis für uns alle.

 

Weil sie ansteckend ist, wurden Menschen mit Aussatz ausgesondert. Sie waren kultisch unrein, wurden vom Gottesdienst und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und mussten außerhalb der Siedlungen leben. Sie durften sich auch anderen Menschen nicht nähern. Mit einer Klapper mussten sie auf sich hinweisen und dabei „Aussätzig, aussätzig“ rufen. Sie waren einfach aus jeder Gemeinschaft ausgeschlossen und durften keinen Kontakt zu Gesunden mehr haben.

 

Auch den Gesunden war es strikt verboten, sie zu berühren. Die Trennung war vollkommen.

 

Nur einige auserwählte Personen durften zu den Aussätzigen. Die mussten ja was zu Essen bekommen, mussten ggf. gepflegt werden. Die Menschen, die die Aussätzigensiedlungen betraten um zu helfen, galten als besonders heilig, weil sie vor der Krankheit gefeit schienen. Man weiß heute, dass die Krankheit gar nicht so ansteckend war.

 

Aber nicht aller Aussatz ist auch Lepra. Es gibt vielfältige Hautausschläge.

 

Manchmal, durchaus nicht immer, aber eben manchmal doch, sind körperliche Krankheiten und damit auch Hautkrankheiten, Ausdruck einer seelischen Not. Die Medizin spricht von psychosomatischen Krankheiten. Wir lernen immer mehr, dass Krankheiten und gerade auch Hautkrankheiten eben nicht nur eine körperliche Seite haben, sondern auch eine seelische. Dass die Ursache einer Krankheit auch und manchmal sogar hauptsächlich auf der seelischen Seite liegt. Krankheiten sind eben manchmal auch das Spiegelbild unserer Seele, und ganz besonders die der Haut.

 

Es gibt so manche Sprichworte über die Haut: Die Haut, die jeder zu retten sucht, die Haut, die man zu Markte trägt, die Haut, die man jemanden über den Kopf zieht, die Haut, die man so teuer wie möglich zu verkaufen sucht, der Mensch als alte Haut, treue Haut, nackte Haut, verwundete Haut. „Haut“ steht für hier Mensch überhaupt. Tatsächlich ist die Haut mehr als nur die Oberfläche unseres Körpers.

 

Die erste und tiefste Verbindung zur Außenwelt, die Quelle der elementarsten und ursprünglichsten Gefühle von Lust und Schmerz, ja die grundlegende Brücke zur Realität bilden die Sinne der Haut. Krankheiten der Haut können entstehen, wie wir heute wissen, wenn Menschen die Wirklichkeit ständig als Angst einflößend, ekelhaft und abstoßend erleben. Bzw. wenn jedes Gefühl der Zärtlichkeit auf das unsere Haut so angenehm reagiert, in der Umgebung vermisst wird. „Ausschlag“ stellt psychosomatisch eine Antwort auf mangelndes Angesprochen- und Gestreichelt werden dar. Fehlt der notwendige menschliche Kontakt, so erkrankt das Organ unserer Haut, das zwischen uns und der Welt vermittelt. Und dann..

 

Mir fällt eines der Gottesknechtslieder aus dem Propheten Jesaja ein. Da steht: (Jes. 53,4-5)

 

Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

 

Der „Gottesknecht“ ist hier gemeint. Die Kirche hat das später auf Jesus bezogen. Der ist geschlagen und gemartert, aber das geschieht, weil wir falsch lagen, weil wir uns versündigt haben, weil wir den Lebensweg, den Gott für uns gemeint hat, verlassen haben. Eigentlich, so die Auslegung, steht uns diese Strafe zu, aber Jesus hat sie auf sich genommen und wir sind frei, wir können einfach wieder anfangen.

 

Jesus hat das freiwillig auf sich genommen. Aber es kann auch uns passieren.

 

Ärzte nennen das „Projektion“. Projiziert wird ein Bild auf eine weiße Wand. Das Bild ist da gar nicht. Es ist nur eine Projektion. Das Bild ist im Projektor! So ähnlich auch hier. Nur es handelt sich um Menschen und um Eigenschaften, um Bilder, die wir von ihnen haben.

 

Da projiziert jemand etwas, das er selbst bei sich nicht akzeptiert auf den Nächsten um es dann dort zu bekämpfen. Das kann sogar kollektiv geschehen. Da ist ein Mensch, der ein bisschen anders ist, der nicht so ganz in die aktuelle Gemeinschaft passt, und schon findet man bei ihm Dinge, die man ablehnen kann. Und das können durchaus eigene Fehler sein. Eben Projektionen.

 

Ich hab es zum Beispiel oft erlebt, dass sich bei mir Menschen über einen anderen beschwert haben, weil der immerzu redet. Und das taten sie ganz ausführlich über eine Stunde, ohne dass ich eine Chance gehabt hätte, auch mal zu Wort zu kommen. So ist das manchmal mit dem Zeigefinger. Ein Finger zeigt auf den oder die Andere, aber vier Finger zeigen auf mich! Projektion?

 

Mir fiel meine eigene Schulzeit ein. Ich habe lange in einem Dorf bei Nürnberg gelebt. Nach dem Krieg wurden Familien aus dem Osten umgesiedelt und waren plötzlich bei uns im Dorf. Ein paar Schüler kamen auch in unsere Klasse. Uh, die sahen so ganz anders aus, sie verhielten sich völlig falsch, und manche von den Klassenkameraden stellten auch fest, dass sie komisch rochen. Dabei waren ein paar Bauernjungs in unserer Klasse, die rochen deutlich nach Kuhstall, aber das war ja normal.

 

In einer Gemeinschaft, in einer Gruppe, wenn man gemeinsam auf einen Menschen zeigt, kann man sich dann noch besonders sicher fühlen. Man ist es ja nicht allein, die Anderen sagen das ja auch. Kollektive Projektion! Man gewinnt sogar Ansehen in einer solchen Gruppe, wenn man sich mit Vorwürfen besonders hervortut. Und schon ist ein Aussätziger, eine Aussätzige geschaffen worden. Wohl gemerkt, geschaffen worden!

 

Warum ist das eigentlich so? In unserem Predigttext steht, dass Jesus Mitleid mit dem Aussätzigen hatte. Mitleid, weil er aus der Gemeinschaft, die doch lebensnotwendig ist, ausgeschossen wurde. In anderen Übersetzungen steht was davon, dass Jesus zornig wurde. Worüber steht da nicht. Leider kann ich unseren Text nicht in der Originalsprache lesen. So war ich zunächst etwas hilflos.

 

Kann es sein, dass Jesus zornig ist, weil die Menschen hier wieder einen „Aussätzigen“ geschaffen haben?  Oben habe ich ja einiges dazu gesagt, auch wie das mit der Haut ist. Aber warum tun wir das? Ganz sicher, wenn ich das so sage, ist Niemand da, der das gut findet. Wir wollen doch alle gut sein, wir wollen Menschen sein, die Gott leiden mag. Und trotzdem schaffen wir uns Aussätzige, schaffen wir Menschen, die wir so ablehnen und kommen damit von dem Weg, den Gott mit uns vorhat ab. Sünde nennt das die Bibel. Glaubt nicht, dass das in unserer Kirchengemeinde nicht vorkommen kann!

 

Wie kommt es nur, dass das Problem des „Mobbing“ so zunimmt? Am Arbeitsplatz, in der Schule. Schaffen wir mit dem Mobbing - Opfern nicht Aussätzige.

 

Ich habe vorhin was von Projektion gesagt. Ein Projektor wirft sein Inneres auf eine weiße Wand. Projektion, so sagen Psychologen macht fast dasselbe. Da projiziert Jemand etwas von sich auf einen Anderen, sieht es dort und kann es dann hemmungslos bekämpfen. Aber es ist ja eine eigene Eigenschaft. Ich habe den Jesaja zitiert. Der Gottesknecht nimmt das freiwillig auf sich. Er tut das, damit wir es nicht müssen. „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“. Der Gottesknecht, wir sagen Jesus, hat das freiwillig getan. Für uns.

 

Das Mobbing - Opfer hat keine Wahl. Aber die Folgen sind dieselben!

 

Wir kommen wir da raus?

 

Das ist gar nicht einfach! Vielleicht müssen wir einfach anerkennen, dass wir so gut gar nicht sind, wie wir immer sein wollen. Vielleicht müssen wir einfach anerkennen, dass wir immer wieder Dinge tun, die wir selbst nicht mögen, dass wir Gedanken haben, die uns erschrecken, dass wir versagen im Umgang mit unseren Nächsten, dass wir Menschen übersehen, weil wir sie nicht mögen, obwohl sie uns brauchen. Und weil wir doch manchmal besser zugehört hätten, als dass wir unsere Weisheit verbreitet haben. Dass wir für einen Menschen besser Zeit gehabt hätten, aber unsere Sache war scheinbar wichtiger.

 

Gott mag uns trotzdem! Er wird uns nicht verurteilen! Aber wir sind nicht mehr die „guten Menschen“ die wir so gerne sein wollten. Wir sind Sünder, die die Vergebung Gottes brauche. Wozu hätte Jesus da sein brauchen, wenn wir nicht auf ihn vertrauen könnten, wenn wir unsere Vergehen nicht ihm anvertrauen könnten. Und wir sind Gottes geliebte Kinder!

 

Und dafür dürfen, ja sollen wir Gott loben. Und damit sind wir beim Wochenspruch und bei der Lesung. Wie Herr Kühl vorgelesen hat, kann der Samariter um zu danken. Ich glaube, der hat ein anderes Leben als vorher. Er wird viel aufmerksamer und dankbarer sein.

 

Vielleicht ist das doch ein Rezept für uns. Wir können Gott danken, dass er uns verzeiht, wir können uns freuen über unser Leben und wir können unseren Nächsten so sehen, wir Gott ihn sieht.

 

Amen.

 

(Philippsen)

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