Predigt am 27. März 2011

Wednesday, March 30, 2011 9:12:00 AM Categories: in Arsten

(Okuli)

 Die Gnade unseres Herr Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

 Den Text lesen:

Kann man nach den Ereignissen in Japan, die uns ja allen richtig Magenschmerzen bereitet haben, überhaupt noch über was Anderes reden? Wenn wir an die Ereignisse denken, kriegen wir Angst. Wir sind zwar nicht direkt betroffen, aber weiß man das wirklich? Ich kann mich in die Betroffenen hineinversetzen – wenn man das überhaupt kann. Was haben die armen Leute denn verbrochen, dass solche Katastrophen über sie hereinbrechen. Manchmal möchte ich Gott anbrüllen, warum er das zulässt. Warum müssen Menschen so leiden?

 Ich weiß, darauf gibt es keine Antwort. Das ging auch schon Hiob so, in seinem Leid. Wir verstehen manchmal nicht, was Gott so tut, wenn die dunkle Seite Gottes sichtbar wird. „Und dennoch bleibe ich stets bei Dir“, sagt der Psalmist. Haben wir eine andere Wahl?

 Die Welt jedenfalls wird anders sein, nach dieser Katastrophe. Hoffentlich jedenfalls. Aber bis jetzt war das doch immer so, dass man so bald wie möglich weitergemacht hat, sobald das ging. Business as usual. Und schon hatte man alles wieder vergessen. Die nächste Katastrophe kommt ja schon, in Lybien. Lernen wir denn nie dazu.

 Und was soll da nun unser Predigttext? Der passt ja nun überhaupt nicht hierher. Er wirkt in Anbetracht der Dinge in der Weltgeschichte geradezu läppisch. In Anbetracht von Tod und Verderben geht es hier um eine arme Witwe und um ein bisschen Bargeld. Ist dafür heute die Zeit darüber nachzudenken?

 Sollten wir ihn nicht erstmal anschauen, vielleicht kommt ja was ganz überraschendes heraus und der Text hat uns gerade jetzt was zu sagen.

 Eigentlich ist der Text ja klar und unmissverständlich. Da sitzt Jesus vor dem Opferstock, dem Gotteskasten und sieht zu, wie die Leute ihr Geld da reinlegen. Mit dem Geld aus dem Gotteskasten wird der Unterhalt des Tempels finanziert und das Gehalt der Priester und der sonstigen Bediensteten des Tempels bezahlt, vielleicht werden davon auch bedürftige Menschen unterstützt. Also nichts Besonderes.

 Jesus sieht, wie Menschen ihr Geld einlegen. Reiche geben viel, ganz Reiche geben sehr viel. Und dann kommt da die arme Witwe. Dass sie Witwe ist, kann man an ihrer Kleidung erkennen. Witwen gelten in der Bibel als arm. Sie haben ja ihren Ernährer verloren und wenn sie nicht selbst zu einer Familie gehören, z.B. ihrem Elternhaus, gibt es Niemand, der für sie und ihren Unterhalt sogt. Wenn die Bibel von Armen redet, spricht sie immer von „Witwen und Waisen“.

 Und diese Frau legt zwei Münzen in den Gotteskasten, im Gesamtwert von einem Pfennig, oder von einem Cent.

 Und nun ruft Jesus seine Jünger herbei. Seht, sagt er, die Menschen haben alle von ihrem Überfluss gespendet. Nur die arme Witwe, die Bettlerin, die hat alles was sie hat, gespendet. Dass sie wirklich alles gegeben hat, wird auch deutlich dadurch gesagt, dass sie zwei Münzen eingelegt hat. Sie hat nicht etwa eine für sich behalten.

 Was mich irritiert, ist, dass Jesus hier wie ein Buchhalter vor dem Opferstock, vor dem Gotteskasten sitzt, wie Markus sagt. Und er sieht, wie die Leute da ihr Geld einlegen.

 Also, woher weiß Jesus eigentlich, wer wie viel eingezahlt hat? Wenn wir Gemeindevertreter mit dem Klingelbeutel durch die Reihen gehen, kriegen wir das nicht mit. Wir können und wollen gar nicht sehen wer wie viel in den Klingelbeutel tut, weil das Jede und Jeder mit sich und seinem Gewissen abmachen muss. Ich denke, das geht uns Gemeindevertreter wirklich nichts an.

 Aber Jesus sieht das. Und er bespricht das ausdrücklich mit seinen Jüngern. Er ruft sie extra zusammen.

 Mir hat diese Geschichte über eine lange Zeit ein schlechtes Gewissen beschert. Also, ich stecke nicht mein ganzes Vermögen in den Klingelbeutel. Aber sollte ich das nicht eigentlich? Hab ich so wenig Vertrauen zu Gott, dass er mich nicht auch beschützt, dass ich nicht verhungern muss, dass ich mein täglich Brot heute bekomme, dass ich umkomme, wenn ich all die Sicherheit die Geld nun mal gibt, weggebe? Wenn ich es nicht fertigbringe, mich einfach auf seine Gnade und Fürsorge zu verlassen? Sollte ich das denn nicht eigentlich? Sollte ich nicht erwarten, nein glauben, dass mir nichts fehlt, wenn ich das Geld weggebe?

 Man kann das aber auch so sehen: Was könnte die Witwe sich denn von ihrem Geld, von dem einen Cent kaufen. Heute kriegt man dafür nichts, nicht mal eine rohe Kartoffel. Vielleicht war das damals anders. Trotzdem, es fällt dann ja nicht so schwer, das Wenige auch noch wegzugeben. Wenn man das so sieht, dann ist das Opfer gar nicht so groß. Oder?

 Nun, ich glaube, der Text meint was Anderes. Im Text steht nichts davon dass man alles weggeben soll. Jesus beschreibt das einfach, er wertet das nicht. Ich kann daraus nicht lesen, dass er undankbar ist für die große Spende der Reichen, womöglich weil er meint, dass sie durchaus noch größer sein könnte. Und er erwartet auch nicht, dass man alles weggibt. Zumindest kann ich das aus der Geschichte nicht erkennen. Aber er lobt die arme Witwe, die Bettlerin, er hebt sie ausdrücklich hervor.

 So, nun können wir wieder alle ein gutes Gewissen haben, auch wenn wir in den Klingelbeutel nur wenig rein tun. Dann ist die Witwe für unsere Spendenbereitschaft gar kein Vorbild mehr. Also, wozu dann überhaupt diese Geschichte. Hat sie uns denn überhaupt noch was zu sagen?

 Wenn Jesus die arme Witwe, die alles weggibt, so in die Mitte seiner Betrachtung stellt, will er damit sagen, dass arme Menschen es leichter haben Menschlichkeit zu zeigen? Will er damit darauf hinweisen, dass Armut uns wohl täte? Könnte es sein, dass es gerade armen Menschen leichter fällt, eben nicht zurück zu blicken, wenn sie die Hand an den Pflug gelegt haben, wie Jana Tillwick vorhin bei der Lesung des Evangeliums gesagt hat?

 Es geht also gar nicht um die Kollekte. Jesus meint was ganz Anderes.

 Es ist immer hilfreich, einen Bibeltext nicht isoliert zu betrachten. Schauen wir uns doch mal den Zusammenhang an, in dem er steht.

 Jesus ist nach Jerusalem gekommen. Irgendwie war die Stimmung gereizt. Wir wissen heute ja auch, wie das ausgegangen ist, mit dem Tod Jesu! Wir sind immerhin kurz vor Karfreitag! Und nun hält Jesus sich nicht etwa zurück, er geht sozusagen in die Höhle des Löwen, also mitten hinein in den Tempel.

 Es gibt Streitgespräche. Die Priester, die Pharisäer und die Schriftgelehrten streiten mit ihm. Sie wollen ihm nachweisen, dass er falsch liegt. Vielleicht wollen sie ihn auch dazu bringen, etwas zu sagen, dass sie eine Handhabe gegen ihn haben.

 Da geht es um die Steuer, ein brisantes Thema.

 Dann kommen Sadduzäer (eine theologisch liberale Richtung der Juden, in der Regel wohlhabende Leute) und fragen ihn nach der Auferstehung der Toten.

 Alle kriegen eine passende Antwort. Wohl eine, die ihnen nicht gefallen hat.

 Da muss eine größere Menschenmenge um Jesus herumgestanden sein. Das ist ja auch interessant, diese Kabbeleien zu beobachten. Und es macht auch Spaß, von hinten zu beobachten, wie „die da Oben“ vorgeführt werden. Aus sicherer Warte beobachten wie zwei sich streiten, das hat ja was! Und vielleicht passiert ja noch was ganz Besonderes.

 Tut es. Plötzlich wendet sich Jesus an diese Menschen: „Nehmt euch in Acht vor den Gesetzeslehrern“, sagt er, „sie zeigen sich gerne in ihren Talaren und lassen sich auf der Straße respecktvoll grüßen“. Nach Markus sagt Jesus noch mehr, nichts schmeichelhaftes, aber das soll doch erstmal genügen.

 Was um alles in der Welt meint er damit. Meint er damit auch die Pastoren, die ja bekanntlich mit Talaren, zumindest im Gottesdienst herumgehen.

 Ich glaube, Jesus hat einfach die Schnauze voll, von diesen Streitgesprächen, die so gelehrt klingen und zu nichts, zu gar nichts führen. Die Kontrahenten kommen sich sicherlich großartig vor, sie sind gelehrt, sie wissen Bescheid. Sie versuchen immer das letzte Wort zu haben und Recht zu behalten. Das Volk bewundert sie.

 Aber Jesus will doch was anderes. Er will, dass wir das Wort Gottes in unsere Existenz hineinlassen, nicht einfach nur darüber diskutieren. Er will, dass sich unser Leben ändert, er will dass wir alles von Gott erwarten, dass wir nie Gewalt ausüben um es uns selbst zu nehmen, er will dass wir auf seine Gerechtigkeit warten (und das kann ziemlich schwer sein.).

 Man kann viel reden und dann doch alles beim Alten lassen. Man kann viel reden und gar nichts sagen, oder nur gelernte Phrasen, wie manche Politiker das bei Talkshows machen. Ich kenne auch Menschen, die durch viel Reden sich den Nächsten vom Leib halten wollen. So wie unsere Katze, die sich mit den Vorderfüßen abstemmt, wenn sie nicht will, dass man sie hochnimmt. Noch mal, leeres Gerede verhindert wirkliche Begegnung. Begegnung, die uns glücklich machen könnte!

 Ich glaube, Jesus will doch nicht, dass wir durch vieles Reden dann doch alles einfach so lassen, wie bisher. Nur mit dem Unterschied, dass wir uns jetzt richtig gut und gelehrt fühlen. Und dass wir das Gefühl haben, wie haben Recht. Wie viel Leid und Ungerechtigkeit ist schon in die Welt gekommen, nur weil Menschen Recht haben wollten!

 Nun lasst uns zurückkehren zu der armen Witwe im Tempel.

 Sie soll nicht als neues moralisches Vorbild hingestellt werden. Es kann nicht darum gehen, sie nachzuahmen. Es geht um viel mehr!

 Die Güte dieser armen Witwe, die alles gibt, was sie hat, ist nicht „gemacht“. Sie tut etwas nicht, weil sie so ideal und so edel und großmütig sein will. Sie handelt einfach so, wie Jesus es an anderer Stelle mal gesagt hat: „Wenn wir geben, wenn wir zu Jemanden gut sein wollen, soll unsere linke Hand nicht wissen, was die Rechte tut.“

 Das liebevolle Tun sollte uns selbstverständlich sein, weil wir es einfach als unsere Wahrheit spüren, und es sollte aus unserem Herzen kommen, ohne jede Absicht, ohne weiteres Nachdenken, als einfach Selbstverständliches.

 Dann bleibt an jedem Tag unseres Lebens die Frage, wie viel wir von uns mitzuteilen wagen. Wir sind doch so reich, mitten in unserer Armut, wenn wir uns nicht selbst festhalten. Es mag ja sein, dass uns vor der Schutzlosigkeit, vor der Ungeborgenheit, vor der Offenheit wirklicher Armut eine große Angst überkommt. Oh Ja, und wie! Wer kennt das nicht!

 Und dennoch werden wir in jedem Augenblick einer absichtslosen Zuneigung reich belohnt, denn wir sind ja nahe bei Gott.

 Je weitherziger wir werden, desto näher sind wir dem Unendlichen, und je tiefer wir inmitten unserer Armut die Zusammengehörigkeit aller Menschen spüren, desto weniger Grund haben wir, uns zu schämen, uns zu verteidigen, einander zu bekämpfen.

 Es gibt diesen einen, großen und gütigen Gott, der es regnen lässt über Gute und Böse, über Große und Niedrige, und dem nicht fremd ist, was menschlich an uns ist. Das Schönste an uns aber ist unsere Menschlichkeit inmitten unserer Armut.

 Nun muss ich einfach zurückkommen auf die Atom-Katastrophe in Fukushima in Japan. Ich bewundere die Menschen, die da an den Reaktoren ihren Dienst tun, im Wissen darum, dass sie für ihr Leben gezeichnet sein werden. Das sind wirkliche Helden, Menschen, die ihr Leben hingeben, damit andere weiter leben können.

 Gott sei Dank, dass das von uns jetzt nicht erwartet wird. Unser Text will uns nur dazu anregen, unsere Armut anzuerkennen, weil wir keinen Grund haben, uns ihrer zu schämen, uns zu verteidigen oder einander zu bekämpfen. Wie war das: Das Schönste an uns ist unsere Menschlichkeit inmitten unserer Armut.

 Amen.

Klaus Dieter Philippsen

© Kirchengemeinde Arsten - Habenhausen

Site Map | Printable View | © 2008 - 2018 Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen | Impressum