Predigt am Neujahrstag, 1.1.2012

Sunday, January 1, 2012 11:00:00 PM Categories: in Arsten Neujahr

Predigt im Gottesdienst am Neujahrstag, 1.1.2012

Pastor Christian Schulken

 

Josua 1,1-9
Nachdem Mose, der Knecht des HERRN, gestorben war, sprach der HERR zu Josua, dem Sohn Nuns, Moses Diener: Mein Knecht Mose ist gestorben; so mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gegeben habe. Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe. Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein. Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. Sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihnen zum Erbe geben will, wie ich ihren Vätern geschworen habe. Sei nur getrost und ganz unverzagt, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, damit du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst. Und lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht. Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen und du wirst es recht ausrichten. Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.
 

 

Diese Worte taugen zur Neujahrsansprache. Ihr werdet beim Hören unwillkürlich Bezüge hergestellt haben zum Jahreswechsel und gespürt haben: Hier ist etwas zu bekommen für die Fragen, die heute anstehen. Aber gerade weil diese Worte an diesem Tag so passend sind, will ich zuerst festhalten, wohin sie uns stellen. Bevor wir sie zum Steinbruch nehmen, aus dem wir uns bedienen, um den Weg ins neue Jahr zu pflastern, müssen wir uns klar machen, in welchen Zusammenhang und welche Gemeinschaft sie uns rufen.
Wir werden daran erinnert, daß wir als Gottes eigenes und auserwähltes Volk durch die Zeit gehen. Das ist, wenn schon nicht die Orientierung, dann jedenfalls eine Orientierung, die für uns gelten soll zu unserem Besten. Natürlich überschlagen wir jetzt unsere Perspektiven für das neue Jahr. Wir haben uns schon etwas vorgenommen. Wir haben uns festgelegt im Blick auf das, was geschehen soll und was wir erreichen möchten. Und wir fragen uns, ob wir in zwölf Monaten da sein werden, wo wir gern sein möchten, und ob uns das Schicksal zugetan ist. Aber wir sollen uns eben nicht nur als Planer und Vollstrecker in eigener Sache und dann eben als Erfolgreicher oder Scheiternder in eigener Sache sehen. Wenn Josua hier gleich dreimal zugerufen wird: „Sei getrost und unverzagt“, dann wird nicht an seine Fähigkeiten appelliert, sich selbst gegen alle Zweifel für seine eigenen Projekte zu motivieren. Da ist nicht der natürliche Mensch angesprochen. Sondern Josua soll auf die Zusage setzen, die ihm und dem ganzen Volk gegeben wird. „Der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.“ Wir sollen heute nicht nur dem Zauber trauen, der jedem Anfang innewohnt. Wir folgen nicht den Weisungen der Sterne. Sondern wir sind „dieses Volk“, Gottes Volk, dessen Vätern er seinen Schwur gegeben hat und das um Jesu willen zum Christenvolk geworden ist. Wir unterliegen, als einzelne, als Bürger unseres Landes, aber auch als Kirche, vielen Einflüssen und manchen Einflüsterungen. Wir leben als Menschen unter Menschen. Es geht auch nicht darum, christlich-fundamentalistisch auf die Pauke zu hauen. Wir flüchten uns in keine fromme Sonderexistenz. Aber wir stolpern auch nicht als mehr oder weniger begabte Einzelgänger durch unsere Jahre. Wir treten ins neue Jahr im geistlichen Verbund der Gemeinde, die Gott zusammengerufen hat, mit ihrem ganz eigenen, generationenübergreifenden Zusammenhalt. Und wir nehmen ein Terrain in Besitz, das uns schon gehört. Wir müssen nur noch den Fuß darauf setzen: das Land seiner Verheißungen, seiner Treue, groß und weit.

So scheint mir das Wichtigste an dieser Neujahrsansprache heute gar nicht das naheliegende Bild von Grenzüberschreitung und Landnahme, nicht jene passende, aber letztlich doch allgemeine und für sich genommen austauschbare Mahnung: getrost und unverzagt zu sein, den Kopf nicht hängen zu lassen. Das könnten wir uns allemal auch selber sagen, dafür müßten wir nicht schon um 10 Uhr in der Kirche sitzen. Sondern das Interessante, weil eben nicht Erwartbare ist gerade das, was Euch wie mir beim ersten Betrachten dieses Textes gar nicht weiter aufgefallen sein dürfte. Wir haben es vielleicht auch geflissentlich überhört: Josua wird auf „dieses Buch des Gesetzes“ hingewiesen, daß es nicht von seinem Mund komme, daß er es betrachte Tag und Nacht. Wie standfest und trittsicher wir durch das neue Jahr kommen, das wird davon abhängen, ob diese scheinbar kleinliche und spießige Mahnung am Anfang des Jahres bei uns hängen bleibt: das Bibelbuch vielleicht nicht Nacht und Tag, aber doch von Zeit zu Zeit zur Hand nehmen, es auf dem Nachttisch liegen zu haben oder zwischen den anderen Büchern, die wir lesen, oder wo auch sonst, damit wir es auf keinen Fall übersehen. Und wahrscheinlich ist es gut, wenn wir in diesem Zusammenhang den Juden über die Schulter schauen. Sie lesen dieses Buch tatsächlich so, wie es hier geboten wird, mit geradezu motorischer Strenge. Das erscheint uns gesetzlich und formalistisch. Aber dies Volk ist mit erstaunlich geradem Rücken durch die Geschichte gegangen trotz aller Versuche, es zu beugen und klein zu kriegen.

Denn wie geht es, daß wir „getrost und unverzagt“ bleiben? Heilig Abend war ich im Altenheim am Heukämpendamm. Ich habe Andacht gehalten, wir haben gebetet und die alten Lieder gesungen. Dann brach eine Frau zusammen. Die Stimmung war angefaßt. Danach sprach ich noch einen Moment mit der Leiterin des Hauses, Frau Detzkeit. Sie erzählte mir, daß zu Advent und Weihnachten die Stimmung im Haus sinkt. Sie müssen die alten Menschen mehr trösten als sonst. Und sie fragten sich, ob sie vielleicht schon zu viel darauf eingingen und die Verluste des Alters damit nur um so spürbarer werden lassen: wenn sie das Haus schmücken, mit den Alten singen oder sonstwie den Advent gestalten. Schließlich kamen ihr dann selbst die Tränen.
Wie geht das, getrost und unverzagt zu sein? Es reicht jedenfalls nicht, die Wangen zu tätscheln. Es reicht nicht, gut zuzureden, irgendwelche Motivationssprüche vom Stapel zu lassen. Es reicht nicht, Stimmungen zu erzeugen und schöne Erinnerungen zu aktivieren. Im Gegenteil, dieser Schuß kann immer nach hinten losgehen. Wir müssen wissen, wohin wir gehören. Wir brauchen ein Wort, auf das wir hören, das wir nicht bei uns selbst abschöpfen können. Jedenfalls dann, wenn es uns mit dem Wunsch wirklich ernst ist, getrost und unverzagt zu sein, wenn wir uns am Ende nicht doch ganz gut darin einrichten, daß unsere Seele eben oft durchhängt. Wenn wir uns am Ende nicht doch darin gefallen, unsere eigene Lage, die Lage der anderen, des Landes oder der Kirche bloß zu beschreiben, schlau zu kommentieren und natürlich zu beklagen. Wenn wir also wirklich nicht weichen wollen und nicht weich werden wollen, dann können wir uns nicht peinlich genug auf diese Mahnung halten, das Buch des Gesetzes nicht aus unserem Mund zu lassen, sondern es immer und immer wieder zu betrachten. Denn da geraten wir eben in den Schutz dieses Netzwerkes hinein, in die Gemeinschaft des Volkes Gottes und die Fülle seiner Zusagen.

Und dann – dann werden wir sehen, wir genau das alles auch auf uns zutrifft, was da erzählt wird, und wie gut das nun in der Tat auch zum Jahreswechsel paßt. Die zwölf Stämme Israels sind lang durch die Wüste gezogen. Sie sind voller Erwartungen, voller Hoffnungen auf bessere Zeiten, voller Erinnerungen an Gefahren und Schwierigkeiten, an Verluste und Trauer. Nun sollen soll in ein fremdes Land treten, das sie nie vorher gesehen haben. Sie kennen seine Bewohner nicht. Sie können die Widerstände nicht einschätzen, die ihnen in den Weg treten. Sie stehen am Jordan, einem Fluß, der infolge des starken Gefälles reißend dahinfließt. Er verbindet nicht den Ort, aus dem sie kommen, mit dem, den sie betreten sollen. Er trennt beide voneinander. Die Menschen, zu denen da so aufmunternd geredet wird, stehen vor unlösbaren Aufgaben, und zumal Josua, der die Sache in die Hand nehmen soll. Welche Lasten aus der Vergangenheit schleppen wir mit? Welche reißenden Flüsse müssen wir überwinden, bevor unsere Fußsohlen endlich auf das Land unserer Hoffnungen treten können? Welche Widerstände mögen auf uns warten? Und wer wird mit uns sein?


Wir sind mit unserer eigenen Geschichte voll drin in dieser Geschichte des wandernden Gottesvolkes. Es hat sein Ziel noch nicht erreicht. Er ist noch auf dem Wege. Wir werden auch am Ende des nächsten Jahres noch auf dem Wege sein. Und die Fragen werden so anders nicht sein, die wir uns dann stellen werden. Aber wir werden ankommen. Wir werden ankommen. Amen.

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