Predigt am Pfingstsonntag, 23. Mai 2010, Habenhausen, Apostelgeschichte 2, 1-18

Sunday, May 23, 2010 12:47:00 PM Categories: in Habenhausen

„Und als das Pfingstfest gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander“

Am 50. Tag nach dem Passafest feierten die Juden damals Pfingsten. „Pfingsten“ ist ein Lehnwort vom griechischen „Pentakoste“, der 50. Tag.  Also: Ganz Jerusalem feiert, viele Juden besuchen den Tempel und die ganze christliche Gemeinde, ein paar Verse vorher wird die Zahl von 120 genannt, das sind 10 x 12, sie ist in einem Haus versammelt.

„Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.“

Es gibt eine phantastische Geschichte vom Profeten Elia am Berg Horeb. Da kommt ein „ein großer, starker Wind, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach…der Herr aber war nicht in dem Wind“. Dann kommt ein Erdbeben. „Aber der Herr war nicht im Erdbeben.“ Dann kommt ein Feuer. „Aber der Herr war nicht in dem Feuer“. „Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Angesicht mit seinem Mantel und ging hinaus“, denn Gott war in diesem stillen, sanften Sausen.

Wenn Gott erscheint, zerbrechen die menschlichen Vorstellungen und Erwartungen. Am Pfingsttag erscheint Gott in einem großen Brausen und in einem gewaltigen Wind.

„Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer, und er setzte sich auf einen jeden von ihnen und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist.“

Vielleicht erinnert ihr euch, wie Johannes der Täufer am Jordan viel Volk um sich sammelt.

„Und alle dachten in ihren Herzen von Johannes, ob er vielleicht der Christus wäre. Da antwortete Johannes und sprach…: Ich taufe euch mit Wasser, es kommt aber einer, der ist stärker, als ich…der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen“.

Und vielleicht erinnert ihr euch auch, wie Christus am Tage seiner Himmelfahrt den Jüngern gesagt hatte:

„Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird.“

Und nun ist das zehn Tage her. Und nun werden eben die 120, die da versammelt sind  in Jerusalem, getauft mit dem Heiligen Geist und mit Feuer.

Gott bricht ein in ihr Leben auf eine sehr drastische, sehr laute, sehr bildhafte Weise. Flammenzungen über den Köpfen der Gläubigen. Immer ist die Pfingstgeschichte den großen Kirchen etwas unheimlich gewesen. Immerhin erscheint da Gott, fast wie in den Mythen der Urzeit, als ein Ungezügelter, als ein irgendwie Wilder, als Feuer, Sturm und Flamme. Gar nicht so, wie die Kirche von früh auf an eigentlich, ihn gerne hätte: Als vernünftig, verständlich und lehrreich.

Hier gibt es andere Bilder zu sehen, es braust, es rauscht, es brennt und Gott bricht ein, als eine Gewalt in das Leben seiner Kinder.

Die Kirche war angesichts dieser Geschichte immer etwas in Verlegenheit, wie sie angesichts des Heiligen Geistes überhaupt  in Verlegenheit ist. Vielleicht wage ich etwas viel, wenn ich es heute einmal so formuliere: Der Heilige Geist, das ist die für uns Menschen unkontrollierbare Seite Gottes, der Gott, der etwas mit uns macht, der uns mitreißt, der sich nicht aufhalten läßt, ja, vielleicht könnte man sogar so sagen: Der Heilige Geist, das ist Gott, dem wir nichts entgegen zu setzen haben. Und das ist schon etwas unheimlich, denn in Wirklichkeit wollen auch wir Kirchenmenschen die Kontrolle gerne in den eigenen Händen behalten. Das führt soweit, und hat in den großen Kirchen soweit geführt, daß wir auch Gott am liebsten in einer gezähmten Version verkündigen, alles Wilde, Freie, Mitreißende, Furchteinflößende von ihm abziehen.

Die Kirche hat das Brausen Gottes, die Feuerflammen, die er schlägt, aber auch das unheimliche sanfte Sausen, die Kirche hat den freien und beunruhigenden Gott, den, der mit ihr macht, was Er will, anscheinend so sehr gefürchtet, daß sie nicht mehr von ihm predigen konnte. Die Kirche hat den Heiligen Geist soweit an den Horizont ihres Denkens geschoben, daß er dort heruntergeplumst und bei den Pfingstkirchen gelandet ist.

„Und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen gab, auszusprechen.“

Wo Gott auftritt, da wird nicht nur die menschliche Logik gesprengt, sondern da geraten fest gefügte Grenzen in Auflösung. Eine Sprache ist da auf einmal so gut, wie die andere und wo die Leute vorher vor unüberwindlichen Hürden standen, da kommen sie jetzt rüber. Sie predigen Christus in allen Sprachen der Welt. Der Schaden, der beim Turmbau zu Babel entstanden ist, ist in diesem Wunder vergessen. Wo der heilige Geist ist, da sind die Gläubigen nicht mehr festgenagelt auf die Taten, auf die Sünden und auf den Hochmut der Väter, da ist alle menschliche Sündengeschichte aufgehoben in der Erlösungsgeschichte Christi! Nur noch die Versöhnung, die Erlösung und die Rechtfertigung durch Christus zählen, wo der Geist weht, wir sind durch ihn in Christus hineingetauft, was zählt da noch unsere eigene Vergangenheit oder die Vergangenheit unserer Väter.

Dieses Sprachwunder, das die Sprachverwirrung von Babylon überwindet, hängt euch da nicht zu sehr an die Sprachen! Für mich ist es ein Bild, ein lebendiges Bild dafür, daß das Alte überhaupt vergangen ist, alles Alte, denn siehe, alles ist neu geworden. Wo der Heilige Geist weht, ist Babylon überwunden. Was vorher galt, gilt nicht mehr.

„Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber und sprachen: Siehe, sind nicht alle, die da reden aus Galiläa? Wie hören wir denn jeder seine eigene Mutersprache? Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom?“

Wo der Geist Gottes auf der einen Seite ist, da herrschen auf der anderen Seite Zweifel und Unverstand, das ist doch klar! Wir haben uns doch eingerichtet in dieser Welt mit ihren Grenzen, mit ihren Sprachen, mit ihren Völkern, mit ihrer Geschichte seit Adam und Eva. Und wenn all das, worin wir uns mit viel Kunst und Kultur eingerichtet haben, aufgehoben, überwunden, erledigt, unwichtig geworden ist durch Christus, und wenn da nun plötzlich Typen auftauchen, die das mit ihrem eigenen Auftreten sichtbar machen, klar machen, in ein Bild bringen, wie sehr diese Grenzen, Sprachen, alten Geschichten und der ganze Ballast unserer Sünde überwunden sind, dann reiben wir uns die Augen. Und ich muß sagen, die Kirche ist nicht die Letzte gewesen, die sich die Augen gerieben hat, wenn an der einen oder anderen Stelle der Heilige Geist mächtig geworden ist. Man denke nur an die Geschichte der Reformation und welchen Haß das Erwachen des Geistes da nun gerade in der Kirche geweckt hat.

„Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem anderen: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.“

Wenn einer sich seine Sünde wirklich vergeben läßt, wenn einer sich nicht mehr festnageln lassen will auf sein altes, gottloses Leben, wenn Gott der Heilige Geist unter sein Volk fährt und ihnen die Augen öffnet und die Grenzen des Verstehens, des Redens, des Könnens und auch des Liebens aufbricht, wenn an irgendeiner Stelle der wilde, lebendige, unbedingte, gnädige Gott Menschen mitreißt und sie tauft mit Feuer und Geist, dann stehen immer die anderen, die Normalen, die Vernünftigen mit sorgenvoller Miene abseits und fragen: „Was will das werden?“

Eine Gemeinde, die wirklich sich von Gott leiten und führen läßt, die nicht menschliche Klugheit, menschliche Erkenntnis und damit letztlich, im Blick auf Gott, auch menschliche Beschränktheit zum Maß ihres Handelns macht, wird jede Kirchenleitung mit Sorge erfüllen.

Deshalb ist das so toll, daß am Ende unserer Geschichte vom heutigen Pfingstfest Petrus auftritt und uns Skeptiker und Zweifler zur Ordnung ruft durch eine einfache Erinnerung:

„Ihr Juden, liebe Männer…, laßt meine Worte zu euren Ohren eingehen! Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage. Sondern das ist’s, was durch den Profeten Joel gesagt worden ist:

Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben…“

So ist das. Wir dürfen mit Gott rechnen in allen Nöten des Lebens, der Welt und der Kirche. Das fällt anscheinend kaum jemandem so schwer, wie ausgerechnet der Kirche, zu glauben, daß wir mit Gott rechnen dürfen. Amen.

Jens Lohse

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