Predigt Arsten, 28. Juni 2009, 3. n. Trin., Lk. 15,1-7

Sunday, June 28, 2009 11:43:00 AM Categories: in Arsten

„Es nahten sich allerhand Zöllner und Sünder, ihn zu hören“

Was heißt das übersetzt auf unsere Verhältnisse? Zöllner empfinden wir heute als ehrenwerte Mitglieder der Gesellschaft und sicher auch der Kirche. Wie wär’s, wenn wir das Wort Zöllner austauschten gegen „Soldaten“? Da brennt gerade ein Streit in der Kirche, seit auf dem Kirchentag die Bundeswehr-Bigband dabei war und die Bundeswehr geworben haben soll um Freiwillige. 35 Bremer Pastoren haben ein Protestschreiben unterzeichnet und nun gibt es andersherum wieder Proteste vonseiten von  Soldaten, die überlegen, ob sie nicht mal in Uniform im Gottesdienst erscheinen sollten, um ihre Pastoren und Gemeinden zu einer Stellungnahme zu veranlassen.

Ja, nehmen wir doch heute morgen ruhig einmal diesen Satz:

„Es nahten sich aber allerhand Soldaten und Sünder, ihn zu hören“.

Und sofort gibt es natürlich Protest von denen, die sich auf der richtige Seite wähnen. Kein bißchen sind sie unsicher, ob sie das richtig einschätzen. Kein bißchen sind sie erschüttert ob der unnachsichtigen Strenge Gottes, von der wir eben in der Lesung aus dem Profeten Hesekiel gehört haben. Kein bißchen denken sie, die mit dem Finger auf die Sünder und Soldaten zeigen, daß die unnachsichtige Strenge und der unbestechliche Blick Gottes auch bei ihnen noch genug Tadelnswertes finden werden. Sie halten sich selbst für „die Guten“

„und murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und ißt mit ihnen.“

Ja, die Empörung über die anderen. Da ist man immer schnell dabei. Das geht leicht von der Hand. Aber die Einsicht, daß man selber nicht besser ist, die ist schwer. Andere anklagen und sich moralisch entrüsten, ist leicht. Aber Buße tun und seine eigenen Sünden bekennen, ist schwer.

„Er aber sagte zu ihnen dies Gleichnis“

Jesus redet. Wir wollen genau hinhören. Denn er redet zu uns, wenn wir uns empören.

„Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die 99 in der Wüste läßt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet?“

Jesus stellt hier keine Vorschriften auf. Er schreibt uns überhaupt nichts vor. Er befiehlt nicht: „Nun laß die 99 Schafe und geh dem einen nach.“ Er beschreibt einfach die Menschen, wie sie sind und wie sie handeln. Und auch die Schriftgelehrten und die Pharisäer, wie sie da stehen und murren, daß er die Soldaten und Sünder an sich ranläßt, auch die handeln so. Jesus weiß es. Und, weil er es erzählt, müssen sie nicken und sagen: Stimmt. So machen wir das. Wenn wir ein Schaf verlieren würden aus unserer Herde, dann würden wir dem nachgehen. Wir würden die anderen zurücklassen. Und dies eine suchen. So macht das jeder normale Mensch.

Und erst jetzt haben wir ein Problem. Und zwar eines, das die Schriftgelehrten und die Pharisäer, über die nun wir wieder gerne die Nase rümpfen, nicht hatten. Hier sind ja auf einmal die Rollen eigenartig vertauscht. Eben noch waren die Schriftgelehrten und die Pharisäer die, die mit dem Finger auf andere zeigten, jetzt sind wir es plötzlich. denn indem wir dieses Gleichnis hören, rümpfen wir die Nase über diese Juden, die sich über Jesus ärgern.

Aber ein Problem haben wir, das sie nicht hatten. Ihnen war es selbstverständlich,  daß sie das eine, verlorenen Schaf suchten. Ihnen war es ganz normal, daß sie für dieses eine, verlorene Schaf viel Mühe auf sich nahmen und auch ein Risiko. Nämlich daß Risiko, daß sie zwar das eine Schaf wiederfinden, aber die 99 anderen inzwischen verloren gingen. So wichtig war ihnen dieses Einzelne.

So wichtig ist es uns nicht. Denn bei uns hat sich in den letzten Jahren eine Revolution ereignet, die alle Werte und Normen auf den Kopf gestellt hat. Es ist eine Revolution von oben gewesen. Eine Revolution der Bosse, der Wirtschaftsberater, der Unternehmensberater. Bis in die Kirche hinein haben sie durchgesetzt, daß Effektivität und wirtschaftliche Gewinnorientierung daß Maß unseres Handelns sein müssen. Nicht Liebe. Nicht Sorge für das Einzelne. Sondern der Blick auf das große Ganze. Der Laden muß brummen, auch, wenn das Einzelne dabei Hopps geht. Oder, noch deutlicher: Der Laden muß brummen und dafür muß man bereit sein, das Einzelne vor die Hunde gehen zu lassen. Alles ein Profitcenter, d.h. alle Einzelnen, die nichts einbringen, sondern kosten, gehören abgeschafft.
Eine einzelne Abteilung bei einem großen Konzern, die nichts bringt, sondern kostet, gehört dichtgemacht und wurde dichtgemacht. Daran haben wir uns gewöhnt. Eine einzelne, kleine Kirchengemeinde, die nichts bringt, sondern kostet, wurde dichtgemacht oder zur Fusion gezwungen. So war das auch in Bremen und ist auch noch so. Dabei hat sich das Vermögen der Gesamtkirche in Bremen in genau diesen Jahren verdoppelt.

Der Kapitalismus hat gesiegt und er hat auch in der Kirche längst Oberwasser. Die Kirche soll effektiv sein. Wirtschaftlich und rational. Die Kirche wird gemanagt. Management und Optimierung der Betriebsabläufe sind anstelle des Betens um den Heiligen Geist getreten.

Ich will mich nicht zu lange bei diesen Sachen aufhalten. Ich will nur deutlich machen, daß wir ein Problem haben. Wir haben das Problem, daß heutzutage keiner mehr versteht, warum man diesem einen Schaf nachlaufen soll, wo es doch nur ein einzelnes Schaf ist. Wir haben das Problem, daß wir den Wert des Einzelnen gar nicht mehr verstehen. Nach der Logik der Optimierung betriebswirtschaftlicher Abläufe, wird dieses eine Schaf abgeschrieben. Die Abteilung geschlossen, fertig!

Wir haben ein Problem, das die Pharisäer und Schriftgelehrten, über die wir gerne uns mokieren, nicht hatten. Daß nämlich das ganz Selbstverständliche uns nicht mehr selbstverständlich ist. Daß das allgemein Menschliche uns nicht mehr allgemein und menschlich ist. Es ist uns nicht mehr selbstverständlich, warum man sich um einen Einzelnen solche Mühe machen soll. Es ist uns vielmehr selbstverständlich durch den Triumph des wirtschaftlichen Paradigmas der letzten Jahre, daß man den Einzelnen abschreibt, wenn er zu viel Mühe oder Kosten macht. Damit ist uns das Menschliche abhanden gekommen und das Unmenschliche normal geworden.

Tiefes Entsetzen muß uns packen, wenn wir das begreifen! Wir haben ganz andere Probleme, als die Schriftgelehrten und Pharisäer mit ihrem bißchen Empörung über die Sünder. Uns ist, mitten in der Kirche, der Sinn für das Menschliche abhanden gekommen…

„Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schulter voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.“

Also, laßt uns die Schriftgelehrten und Pharisäer vergessen, die haben von Jesus ihr Fett weg bekommen. Jetzt hören wir, wie er zu uns redet, jetzt begreifen wir, wie wir unser Fett weg bekommen.

Jesus redet von der natürlichen Freude, als das verlorene Schaf gefunden ist. Vom Jubel, von der Einladung der Freunde und Nachbarn. Wie wichtig nimmt dieser Mann den Einzelnen. Den, der verloren ist. Den, der nicht versteht. Den, der nicht mithalten kann. Den, der in die Irre gegangen ist. Den, der alleine in der Wüste herumstromert. Den, der gescheitert ist. Den, der nicht produktiv ist. Den, der nicht effekltiv ist. Den, der alle enttäuscht hat. Den, der krank ist. Den, der nichts positiv beitragen kann zum Aufbau des Ganzen. Den, der hilflos ist. Wie wichtig nimmt Jesus diesen, den wir abgeschrieben haben.
„Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr, als über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.“

Dieses Gleichnis Jesu treibt uns zur Buße. Buße heißt: Umkehr. Das Steuerruder herumreißen.

Die Regeln des Marktes mögen ihren begrenzten Sin haben. Aber sie können nicht zu Regeln werden, die alle Bereiche des Menschlichen dominieren.

Die Regeln des Marktes können nicht die Regeln sein, nach denen die Kirche funktioniert. Die Kirche hört auf das Evangelium. Da geht es geradezu um Erlösung von diesen Regeln des Marktes, wie Karl Barth in der Barmer Theologischen Erklärung von 1934, in These 2,  geschrieben hat:

Durch Christus „widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen“.

Was wird dann für Jubel im Himmel sein, wenn das passiert!

Amen.


Jens Lohse

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