Predigt Heiligabend 2010, Jesaja 9, 1-6, SP

Friday, December 24, 2010 6:00:00 AM Categories: Heilig Abend in Habenhausen

Bescheiden ist das nicht, was hier im Buch des Profeten Jesaja uns verheißen ist. Das ist ein anderer Akzent, als die Einfachheit und Schlichtheit und Armut der Geburt Jesu in dieser Nacht. Denn der Profet verheißt Großes. Entsprechend laut und grell und groß geht es zu in dem Bild, das er uns vor Augen malt.

Wir tun gut daran., wenn wir diese beiden Bilder, das stille und einfache von Stall und Krippe in Bethlehem, und dieses hier vom Zerbrechen des Joches, vom Erleuchten der Finsternis, vom mächtigen König auf dem Thron Davids und vom Ende aller Not, nebeneinander stellen, ja übereinander schieben. Eines macht ohne das andere keinen Sinn. Die beiden Bilder interpretieren sich gegenseitig.

Das sei schon jetzt gesagt: Der große König, der dem tastenden und tappenden Volk hier versprochen wird, der Gott-Held und Friedefürst, ist kein anderer, als das Kind, dessen Geburt in einer armseligen Hütte wir heute staunend erinnern. Und dieses Kind, an dem man auch achtlos, allenfalls menschlich gerührt vorbeigehen könnte, um seiner Wege ohne ihn weiter zu ziehen, ist niemand Geringeres, als der, der die Stiefel der Soldaten verbrennen soll, und der Recht und Gerechtigkeit wieder aufrichten wird in Israel.

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“

Dass wir, wie alle Völker, im Finstern wandeln, jeder auf seine eigene, notvolle Weise, das braucht hier nicht besonders betont zu werden. Du weißt selbst besser, als jeder andere, wo du dich verrannt hast, wo du nicht weiter weißt, wo du vor Grenzen und Mauern stehst, über die du nicht hinweg kommst.

Nun siehst du in dieser Nacht ein großes Licht und dieses Licht ist niemand anderes, als das Kind, da in der Krippe. Allen Völkern und allen Menschen scheint es auf, alle können es sehen, alle dürfen hingehen und sich daran wärmen, alle dürfen sich aufmachen, umkehren, wie die Heiligen Drei Könige und ihre alten, finsteren Wege im Dunkel und Zwielicht verlassen. Alle sind eingeladen, dieses Kind von Nahem zu betrachten und niederzufallen und anzubeten. Denn wir hören ja, dieses Kind ist das große Licht Gottes, das für uns leuchtet, damit wir herunterkommen von unsern Irrtümern und Großkotzigkeiten und angesichts des wehrlosen Bündels in der Krippe endlich begreifen, wie wir selber dran sind, dass wir nämlich klein und wehrlos und angewiesen sind, wie er, na und? Denn wir sind ja ebenso wie er, geborgen und gehalten und gewollt und gewünscht als Kinder unseres Vaters im Himmel.

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht“.

Ja, wie bescheuert müssten wir denn sein, wenn wir nicht alles stehen und liegen liessen und uns aufmachten, wenn wir nicht dabei sein wollten, wenn endlich Schluss ist mit der Dunkelheit und ein herrlicher Morgen anbricht und die Sonne strahlt und leuchtet in schönstem Glanz?

„Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.“

Wie man sich freut, wenn Werder Bremen Bayern München besiegt, wenn der Chef das Weihnachtsgeld wieder einführt in der Firma, wenn die Gaspreise von swb drastisch gesenkt werden und wenn das eigene Kind plötzlich freiwillig seine Hausaufgaben in der Schule macht und für Klausuren lernen will. Es ist doch egal, was für Bilder man nimmt für diese Freude, aber Freude jedenfalls! Kein dezent bremisches Kopfnicken, sondern lauter Jubel, unbändige Freude, denn dies Kind da in der Krippe, Leute, es ist der Retter, der Herr, der Gottkönig, das Licht der Welt, der alle Not wendet! Halleluja! Christ ist geboren, der Retter der Welt!

„Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen, wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.“

Ja, gehörst du denn etwa zu denen, die jetzt mit den Schultern zucken und sagen: „Schön wär’s?“ Spürst du denn nicht, wie das Joch, das dich drückt, dir von der Schulter genommen ist?

Vielleicht stehst du noch zu weit weg von diesem Kind, von diesem Retter, von diesem Zerbrecher der Knüppel und Instrumente der Unterdrücker? Vielleicht hast du dich noch nicht so recht herausgewagt aus deiner Dunkelheit oder aus dem Halbschatten, in dem du stehst, vielleicht fürchtest du dich, aus welchem Grund auch immer, vor jenem hellen Licht und möchtest gar nicht so gerne, dass auch du dort beleuchtet wirst? Na, dann wundere dich nicht, wenn die Last noch auf dir ruht. Wenn du noch stöhnen und dich mühen musst.

Wundere dich nicht, aber mache dich auf, rücke näher heran, trau dich heraus aus dem Dunkel in das Licht seiner Offenbarung und schnell wirst du spüren, wie dein gekrümmter Rücken sich aufrichten kann und wie es dir leicht wird ums Herz.

Denn all das, was hier verheißen ist, das gewinnst du ja nur im Glauben. Wie soll ich’s sagen? Du musst dich entscheiden, vielleicht musst du dich auch überwinden, deine angeborene Skepsis, deinen Hochmut, deine Zweifel, dein Bedürfnis nach intellektueller Sicherheit, das musst du vielleicht überwinden und du musst diesen Sprung tun und etwas wagen, etwas Großes, nämlich Vertrauen.

Vertrau dem Wort, das dir heute gesagt wird durch den Profeten Jesaja. Vertraue, dass du von diesem Wort her das Kind in der Krippe richtig verstehst, und dann lass dich fallen in seine Arme und seine Hände und du wirst sofort eine ungeheure und beglückende Erfahrung machen, wie nämlich all das wahr wird, sofort und ganz und gar, auf eine Weise, die nur nachvollziehen kann, wer auch glaubt, was hier steht.

Wenn du glaubst, dann gibt es kein Joch mehr, dass dich unterdrücken kann. Dann bist du ganz frei – und wenn du im Gefängnis säßest. Wenn du glaubst, dann haben die Stiefel der Soldaten und ihr Gedröhn, keine Macht mehr, dich zu erschüttern, und ihre blutgetränkten Uniformen können dich nicht mehr ängstigen, selbst nicht, wenn du sie direkt vor Augen hättest. Denn das alles ist ja Teil der Dunkelheit, in der dich zurechtzufinden du, mehr schlecht als recht, gelernt hast, aber nun: Sieh doch, siehst du ein großes Licht, das überstrahlt alles, was finster ist.

„Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst.“
Dass dieses Kind regiert und eins ist mit Gott und zu Recht Namen trägt, die nur Gott tragen kann, das tröstet uns, die wir glauben. Sicher: Es tobt mancherlei Frevel und rast manches Verbrechen auf Erden, aber regieren tut dieses Kind:

„Die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.“

Der Glaube überwindet das, was ist und das, was uns Angst macht. Der Glaube hört auf das Wort und gründet sich auf das Wort und wagt etwas auf das Wort hin und glaubt, dass das Wort wahr ist und Bosheit und Gewalt und Krieg und Hass und Angst dagegen Lüge sind. Finsternis. Uns ist ein großes Licht aufgegangen aus der Höhe und das muss man wohl so lernen, wie man auf der Schule manches Nötige und Unnötige auch lernen muss: Diesem Kind und dem Wort, das von ihm kündet, kann man mehr trauen, als allen finstren Eindrücken, die uns verzweifelt machen wollen.

„Die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.“

Es ist gesagt. Also ist es auch wahr. Könnten wir das glauben, wären wir, mitten in der Welt schon, gerettet.

Manches wäre noch zu sagen. Und sicher wäre auch manche Frage noch zu stellen. Ich will schließen mit einem Blick auf den letzten Satz des Profeten, wo er den Grund angibt, für all das, was wir gehört haben:

„Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.“

Nicht wir werden das tun. O, Menschen wollten schon des öfteren eine bessere und gerechtere Welt bauen. Wir sollen gar nichts bauen, uns gar nicht anstrengen, uns nicht plagen und auch keine Opfer bringen. Wir sollen nicht den Gürtel enger schnallen und nicht den Karren aus dem Dreck zu holen helfen, den andere da hineingefahren haben. Wir sollen gar nichts, nur glauben. Wir sollen gar nichts. Wir dürfen die Hände in den Schoss legen. Ungeheuer entlastend ist das in einer Welt, die von uns schon im Kindergartenalter Anstrengungen unterschiedlichster Art erwartet.

Wir müssen nicht auch nicht aus eigener Kraft ein Reich des Friedens bauen. Gott wird es tun.

„Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.“

Wir dürfen uns einfach beschenken lassen. Amen.


Jens Lohse

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