Predigt im Gottesdienst zum fünfzigjährigen Jubiläum der Gemeindehauses Arsten am Sonntag Trinitatis, 30. Mai 2010

Sunday, May 30, 2010 12:57:00 PM Categories: in Arsten

Haggai 2,1-9
Am einundzwanzigsten Tage des siebenten Monats geschah des HERRN Wort durch den Propheten Haggai: Sage zu Serubbabel, dem Sohn Schealtiëls, dem Statthalter von Juda, und zu Jeschua, dem Sohn Jozadaks, dem Hohenpriester, und zu den Übrigen vom Volk und sprich:
Wer ist unter euch noch übrig, der dies Haus in seiner früheren Herrlichkeit gesehen hat? Und wie seht ihr's nun? Sieht es nicht wie nichts aus? Aber nun, Serubbabel, sei getrost, spricht der HERR, sei getrost, Jeschua, du Sohn Jozadaks, du Hoherpriester! Sei getrost, alles Volk im Lande, spricht der HERR, und arbeitet! Denn ich bin mit euch, spricht der HERR Zebaoth, nach dem Wort, das ich euch zusagte, als ihr aus Ägypten zogt; und mein Geist soll unter euch bleiben. Fürchtet euch nicht!
Denn so spricht der HERR Zebaoth: Es ist nur noch eine kleine Weile, so werde ich Himmel und Erde, das Meer und das Trockene erschüttern. Ja, alle Heiden will ich erschüttern. Da sollen dann kommen aller Völker Kostbarkeiten, und ich will dies Haus voll Herrlichkeit machen, spricht der HERR Zebaoth.
Denn mein ist das Silber, und mein ist das Gold, spricht der HERR Zebaoth. Es soll die Herrlichkeit dieses neuen Hauses größer werden, als die des ersten gewesen ist, spricht der HERR Zebaoth; und ich will Frieden geben an dieser Stätte, spricht der HERR Zebaoth.


Um es gleich vorweg zu sagen, liebe Jubiläums-Gemeinde: Die Situation, in die der Prophet Haggai hineinspricht, ist nicht unsere Situation. Der Tempel, das Haus Gottes des alten Israel, das Gemeindehaus des Gottesvolkes vor dem Auftreten Jesu, liegt noch in Trümmern. Einige Jahrzehnte zuvor waren fremde Völker ins Land gekommen, hatten es verwüstet und auch von diesem Haus nichts übrig gelassen. Jetzt, sechzig, siebzig Jahre später, beginnt der Wiederaufbau. Oder besser: er soll beginnen. Noch sieht man nur Trümmer. Die Sache zieht sich hin. Das Volk zeigt wenig Lust. Jedenfalls zu wenig in den Augen des Propheten und des Gottes, der ihn hier reden läßt. Eine Trümmerpredigt im Angesicht einer Ruine. Haggai wendet sich an die Alten im Volk. „Wer ist unter euch noch übrig, der dies Haus in seiner früheren Herrlichkeit gesehen hat? Und wie seht ihr’s nun? Sieht es nicht wie nichts aus?“

 Das ist nicht unsere Situation. Wir feiern. Wir sind voller Dankbarkeit. Unser Gemeindehaus ist keine Ruine, sondern ein gepflegtes Gebäude mit geringem Renovierungs- und Verschönerungsbedarf. Und ein Haus, das genutzt wird. Frauenfrühstück, Frauengesprächskreis, Jungsenioren, Altenkreis, Gott und die Welt, mehrere Kantoreigruppen, Altengymnastik, Altengeburtstagsfeiern, Altenadvent, Asylkreis, Kunterbunter Kindermorgen, Spielkreis, Mitarbeitersitzungen, Gremiensitzungen, Besuchsdienstkreis, Stiftungscafé, Konfirmandenunterricht und nicht zuletzt die Verwaltung der Gemeinde mit den zahllosen und wichtigen Kontakten zu den Menschen, die etwas von der Gemeinde wollen. Dazu die vielen Vermietungen für Gruppen und private Feierlichkeiten. Ein Haus, das fehlen würde – vielen Menschen fehlen würde, wenn es nicht da wäre. Ein Haus, an dem viele mitbauen, Zeit und Geld und Nerven investieren, Mühe und Phantasie. Ein Haus, das zweifellos lebt in einem Stadtteil, der in den letzten Jahrzehnten ziemlich an öffentlichem Leben eingebüßt hat einfach durch den Verlust der entsprechenden Infrastruktur.
   Und doch: „Sieht es nicht wie nichts aus?“ Es kommt mir doch zu Ohren – und es trifft mich natürlich gerade als Euren Pastor –, wenn Ihr sagt: „Mensch, da ist aber nicht so viel los.“ Da ist es oft dunkel. Da könnten also noch viel mehr Menschen ein- und ausgehen, sich treffen und dies Haus mit Leben füllen. – Und taucht unter denen, die ich da gerade aufgelistet habe, die Jugend nicht nur spärlich auf? Die Jugend – ich will nichts von dem kleinreden, was wir hier tun. Aber verraten wir sie im Augenblick als Volkskirche nicht doch über weite Strecken – während der Konsum und die Werbung sich wie die Geier auf sie stürzen? Auch das höre ich, und es geht mir nach und Euch vielleicht auch, besonders, wenn wir auf unser Jugendhaus schauen, das seit dreißig Jahren Teil unseres Gemeindehauses ist. – Und auch bei den Alten: Haben wir wirklich den Anschluß an die kommende Seniorengeneration mit ihrem veränderten, individualisierten Lebensstil?

  Aber nicht nur das. Nicht nur die Zahlen. Nicht nur das Ungleichgewicht der Generationen. „Dies Haus wird zu einem Brennpunkt der Auseinandersetzung werden“, hat Pastor Pfannschmidt fast drohend bei der Einweihung des Ge-meindehauses gesagt. Man kann es auch als Auftragsbestimmung verstehen. Ein christliches Gemeindehaus muß ein „Brennpunkt der Auseinandersetzung“ sein! Und wo es das noch nicht ist, muß es das werden, und zwar sofort. Toben unserem Gemeindehaus die Auseinandersetzungen dieser Zeit? Werden hier die großen Debatten ausgetragen im Licht des Wortes Gottes, im Hören und Studieren der Bibel? Lassen wir uns hier die Not der Welt angelegen sein? Sind die sozialen Probleme, die es in Arsten Südost, in der Ecke um die Martin-Buber-Straße gegeben hat und noch gibt, an diesem Haus nicht vor-beigegangen? Machen wir uns als christliche Gemeinde hier kundig zum Kli-mawandel, zur weltweiten Flüchtlingsproblematik, zu den Kriegen, die wieder unter deutscher Beteiligung geführt werden, zum Desaster unserer öffentlichen Haushalte? Sind uns Kaffee und Kuchen und ein bißchen Platzmusik nicht wichtiger als die Probleme unserer Zeitgenossen, ja, unsere eigenen Probleme? Und ist dies Haus ein Hort der Mission – nicht der pseudofrommen Gleichschaltung der Gewissen, des Formelkonsenses, aber der lebendigen geistlichen Ausstrahlung, die Menschen von Jesus Christus als dem Herrn aller Herren überzeugt?

  Sehen wir mit diesen Fragen auf das, was in unserem Gemeindehaus läuft, müssen wir dann nicht doch sagen, was der Prophet Haggai zu denen sagt, die von der vergangenen Herrlichkeit des alten Tempels träumen: „Sieht es nicht wie nichts aus?“ Es ist doch gleich null. Wir denken dabei vielleicht bei allen nötigen Einschränkungen an die Gemeindehäuser mancher freikirchlichen, aber auch mancher volkskirchlichen Gemeinde, in denen das Licht fast nie ausgeht.

  Und ist nicht auch das wie einst zu Zeiten des Propheten Haggai, daß uns unsere eigenen Häuser viel, viel wichtiger sind als dieses Gemeindehaus. Das Volk, so läßt Gott seinen Propheten kurz zuvor sagen, zieht das Gericht auf sich, „weil mein Haus so wüst dasteht und ein jeder nur eilt, für sein Haus zu sorgen“. My home is my castle. Verstecken wir uns nicht in unseren Häusern wie in Fluchtburgen privater Seligkeit? Ein Gemeindehaus soll es geben. Aber am Ende sind es immer dieselben, die dafür kämpfen und arbeiten. Der Prophet Haggai zitiert seine Zeitgenossen. „Die Zeit ist noch nicht da, daß man das Haus des Herrn baue.“ Die Zeit ist noch nicht da. Anderes ist vordringlich. Das eigene Haus ist wichtiger als dies Haus, das uns gemeinsam gehört als christlicher Gemeinde.

  Der Prophet lügt sich also nicht die Taschen voll. Auch das könnte er ja ma-chen, nach Jahrzehnten des Nichts nun erst einmal alles rosarot malen und die kleinen Anfänge über den grünen Klee loben. Er bleibt bei den Tatsachen. Aber er knickt auch nicht ein. Er hat ein Wort der Ermutigung weiterzugeben: „Sei getrost, alles Volk im Lande, spricht der Herr, und arbeitet!“ Von einem Arbeitshaus hat Pastor Pfannschmidt damals gesprochen. Die Kirche sei für die hohen Festtage reserviert, für die feierlichen Stunden im Leben der Gemeinde und der Familie, für Weihnachten, Ostern und Pfingsten, für Taufe, Trauung und Beerdigung. Im Gemeindehaus aber solle gearbeitet werden. Dabei wird es bleiben, noch grundsätzlicher, als Pastor Pfannschmidt es damals gesagt hat. „Arbeite!“ Dieses Haus mit Leben zu füllen, u.zw. nicht mit irgendwelchem Leben, sondern mit dem Leben einer wachen, regsamen, kritischen, streitbaren und dienstbereiten Gemeinde wird immer wieder Arbeit und nochmals Arbeit sein. Nicht daß im Gemeindehaus nicht auch gefeiert werden soll. Wahrscheinlich feiern wird dort viel zu wenig – das können wir an den af-rikanischen Christen sehen. Aber richtig feiern kann nur, wer auch arbeitet, hart arbeitet.
  Wir sollen nüchtern von uns denken. Aber wir sollen den Kopf auch nicht in den Sand stecken. Dies Haus darf uns niemals gleichgültig werden. Es vertritt etwas. Hier ist der Gott Jesu Christi gegenwärtig in Arsten. Hier sollen Menschen seiner Weisung begegnen. Hier sollen sie erfahren, daß die Kirche nicht nur für die Kultusverwaltung zuständig ist und die großen Einschnitte im Leben begleitet. Sondern sie lebt als Gemeinschaft. Das Wort Gottes ist keine rechte Lehre, die oben verkündet und unten geschluckt wird. Es ist Initialzündung und Motor für Kontakt und Gespräch. Es zerbricht den Panzer des Schweigens, in den wir uns immer wieder hüllen. Es eröffnet den Raum für Kritik gerade auch an denen, die mit diesem Wort leben wollen. Es stiftet Beziehungen, in denen wahrhaftig gesprochen und bereitwillig geholfen wird. Und es stiftet Freude, die nur in Gemeinschaft erlebt werden kann.

  Am Ende jedoch hat der Prophet Haggai für seine müden, unlustigen Zeitgenossen nicht nur ein Wort der Ermutigung, sondern auch ein Wort der Verheißung. „Ich will Frieden geben an dieser Stätte, spricht der Herr Zebaoth.“ „Geben“, heißt es. Vom Tempel, vom Gemeindehaus des Gottesvolkes gehen nicht in erster Linie Forderungen aus. Hier werden nicht Veranstaltungsprogramme durchgepeitscht, und schon gar nicht werden hier Mitmachzwänge ausgeübt. Hier wird gegeben. Und zwar nicht als Frucht unserer Arbeit, sondern als Geschenk der freien Gnade Gottes. Der Frieden ist in dieses Haus schon eingemauert wie der Eckstein, der damals vorn links gesetzt wurde. Kaum sichtbar, nicht grell in Neonfarben beleuchtet, und doch nicht mehr herauszunehmen, ohne daß man das ganze Haus zum Einsturz bringt. Solange unser Arster Gemeindehaus steht, wird es ein Hort des Friedens sein. Dessen dürfen wir gewiß sein, sooft wir unseren Fuß über die Schwelle setzen. Und darum wird jetzt gefeiert. Amen.


Christian Schulken

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