Predigt im Karfreitagsgottesdienst 2009, Arsten

Friday, April 10, 2009 11:35:00 AM Categories: in Arsten

Johannes 19,30: „Es ist vollbracht.“

  Was werden unsere letzten Worte sein, wenn es mit uns zu Ende geht? Was werden wir sagen, wenn wir denn noch etwas sagen können, wenn unser Sterben nicht nur ein dementes oder betäubtes Wegdämmern ist? Was werden wir noch unbedingt loswerden wollen? Ein: „Ich habe mich bemüht“? Oder nur eine Frage „Warum?“ Wird es ein Wort des Dankes sein? Oder aber ein Ausdruck der Reue, werden wir um Vergebung bitten? Oder werden wir vielleicht nur noch mit trockenen Lippen so etwas sagen wie dieser ganz und gar Mensch Gewordene mit seinem vorletzten Wort: „Mich dürstet“? Werden wir noch einmal Fürsorge ausüben wollen, so wie Jesus in seinem vorvorletzten Wort, das dem Jünger eine Mutter und der Mutter einen Sohn anvertraut? Es könnte auch ein Wort der Freigabe sein, dass die, die zurückbleiben, ihren weiteren Weg ganz ohne Rücksicht auf alles Gewesene gehen sollen.

  Was immer wir dann sagen werden – es wird nicht das sein, was Jesus sagt mit seinem allerletzten Atemzug: „Es ist vollbracht.“ So etwas steht in der Bibel sonst nur am Ende des Schöpfungsberichtes: „Gott vollendete seine Werke, die er gemacht hatte und ruhte am siebenten Tag von allen seinen  Werken.“ So jetzt also Jesus am Kreuz: „Es ist vollbracht. Und neigte sein Haupt und verschied.“

  Wir werden nicht so hoch greifen. Wir werden am letzten Tag nicht vollbracht haben, sondern abbrechen, ob früher oder später, unter Schmerzen oder ganz gelöst, widerwillig oder bereit, ob erfolgreich oder gescheitert. Wir werden nicht vollenden, sondern es wird einfach mit uns zu Ende gehen und mit allem, was wir begonnen haben.

  „Es ist vollbracht.“ Das sind nun aber nicht die Worte der Täter. Das sind nicht die Worte der Hohepriester, als sie im römischen Statthalter Pilatus jemanden gefunden haben, der Jesus für sie beseitigt. Es sind nicht die Worte der Menge – Volkes Stimme –, nachdem sie es schließlich doch geschafft hat, Barrabas freizubekommen. Auch Pilatus sagt es nicht, als er Jesus endlich den Soldaten zur Kreuzigung übergeben kann und die leidige Angelegenheit hinter sich gebracht hat. Es kommt aber wiederum auch nicht von diesen Soldaten, die sich unter dem Kreuz die Zeit mit der Verteilung der Kleider totschlagen müssen, bis Jesus endlich sein Haupt neigt und stirbt. Es sind nicht die Worte der Täter, die hier wirklich etwas vollbringen. Es ist das Wort des Opfers, das gar nichts vollbringt, sondern das nur leidet und schließlich elend krepiert. Hier wird nichts mehr getan, nichts mehr gemacht, nichts mehr erreicht – und dennoch heißt es: „Es ist vollbracht.“

  Hier stirbt keiner von den großen Menschen, deren Worte und insbesondere deren letzte Worte wir neugierig erfragen, nachdenklich erwägen, demütig bestaunen. Wir sollen, ja, wir können gar nicht aufblicken zu diesem Sterben. Es ist kein Vorbild, dem es möglichst nahezukommen gilt. Das kommt von vornherein nicht infrage angesichts unserer Lebensbilanz.

  Darum müssen wir uns aber auch nicht bemühen, damit müssen wir uns nicht abquälen: daß wir auch hier wieder das größere Beispiel suchen, das bessere Leben oder den richtigeren Weg für uns. Wir sind ja niemals mit uns zufrieden. Wir irrlichtern immer herum auf den Wegen, die wir so gezielt und manchmal sogar in wilder Entschlossenheit einschlagen. Wir sind uns ständig und bis in die letzte Sekunde unseres Lebens aufgegeben und können eben nicht einfach nur leiden und alles geschehen lassen.

  Aber damit hat es nun ein Ende. Hier wird etwas für uns getan mit der ganzen Endgültigkeit, die der Tod für sich beanspruchen kann. „Es ist vollbracht“ – in das nüchterne „Es“ des letzten Wortes Jesu ist die ganze Schöpfung, sind wir alle mit eingeschlossen.

  Jesus sagt eben nicht: „Ich habe vollbracht“. Es geht nicht um ein Werk, das er getan hat, eine Lebensleistung, eine Performance, für die er kurz vor Schluß mit nur zu berechtigtem Stolz noch einmal die Bewunderung der anderen einfordert. Diese ganze Fragestellung, die uns ständig beschäftigt und belastet: Was wir tun, was wir getan haben und was wir noch tun müssen, ist außen vor. Es geht einzig und allein nur um uns und um die Welt, die ausgerechnet im Angesicht des untätigen, des gebundenen, des festgenagelten Opfers ihr genaues Abbild findet.

  Wir sollen das also nicht auch irgendwie so machen, wie Jesus es  macht nach dem Bericht des Evangelisten Johannes. Sondern wir sollen nur bei ihm stehen, wie wir gesungen haben. Uns wird heute schon – mitten im Leben gesagt: Wir sind nicht uns selbst ausgehändigt, sondern Jesus, der schon alles vollbracht hat. Und am Ende, im Sterben, wenn die Leihgabe unseres Lebens zurückfällt an ihren Eigentümer, wird nicht die Summe unserer Taten zählen, sondern die Fülle seiner Leiden.

  Ist uns das zu wenig? Wollen wir höher hinaus? Legen wir Wert darauf, dass wir am Ende doch irgendetwas vorweisen können, was wir geschaffen haben und hinterlassen, was wir nun doch „vollbracht“ haben? Allerdings: das hier ist Rechtfertigung aus Gnaden allein ohne alle Werke des Gesetzes, ohne all unser Zutun, mehr noch: gegen all unser Zutun. Damit spielt es keine, überhaupt keine Rolle mehr, was über uns in unserer Beerdigungspredigt gesagt werden wird, was wir und was andere darein geschrieben haben wollen.

  Vor allem aber: Damit können wir sterben. Damit müssen wir nicht mehr weiterleben, nicht dies oder jenes noch mitkriegen, aber auch nichts mehr ergänzen, fertig machen und vollenden, was wir begonnen haben, nichts mehr korrigieren, was doch nicht mehr zu korrigieren ist, nichts rechtfertigen und verteidigen, ja, nicht einmal mehr etwas zurücknehmen, für nichts mehr um Vergebung bitten, nichts mehr bedauern und bereuen. Denn „Es ist vollbracht.“ Und das Bruchstück, das unser Leben am Ende ganz sicher sein wird, mehr noch die Ruine, können wir getrost aus unserer Hand geben in seine Hand. Amen.

Christian Schulken

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