Predigt im Osterfrühgottesdienst 2009 in Arsten, 5 Uhr, Matthäus 28,1-10

Sunday, April 12, 2009 11:37:00 AM Categories: in Arsten Ostern

Zunächst, liebe Gemeinde, gehen wir jetzt an den Anfang der Geschichte. Sonst können wir alles Folgende nicht verstehen. Sonst ist das alles nur Theater. Ostertheater. Sonst reiht sich hier nur ein Spektakel an das andere: Erdbeben, Engel, ein geöffnetes Grab, Stimmen und Erscheinungen und am Ende ein lebender Tote. Und Ihr Konfis werdet denken: Ach ja, christlicher Glaube – eigentlich was für Kinder, die wir jetzt nicht mehr sind und nicht mehr sein wollen. Und werdet Euch in Kürze rauskonfirmieren lassen aus diesem Glauben, in den Ihr doch hineinwachsen sollt, den wir Pastoren Euch zusammen mit der Gemeinde in diesen zwei Jahren näher bringen wollten. – Und Ihr Eltern werdet sagen, die Ihr vielleicht schon lange nicht mehr in einem Ostergottesdienst gewesen seid und Euch an diese Geschichten kaum noch erinnern könnt: Ach, eigentlich doch nichts Rechtes für mich, nichts, was mir hilft, mich durch mein Leben zu bringen, nichts, was mir meine Todesängste nimmt oder meine Traurigkeit über Menschen, die ich schon hergeben musste, oder meine Sorgen im Beruf. Und wir alle, wir Aufgeklärten werden sagen: Ach, doch nur ein Märchen, ein schönes, kräftiges und zugleich zartes Märchen, aber eben nur ein Märchen, an das man früher noch glauben konnte, heute aber nicht mehr.

Wir müssen zuerst an den Anfang. Zu den Frauen, die da zum Grab kommen. Und wir müssen uns klarmachen – wenigstens einigermaßen –, wie sie dahin kommen. In welcher Verfassung. Mit welchem Schmerz. Dann – nur dann besteht Aussicht, dass uns diese Geschichte berührt. Dann geht es hier nicht nur um die Frage, ob das alles so auch wirklich passiert ist. Dann bekommen wir eine Ahnung davon, dass wir diese Geschichte wirklich brauchen – dringend brauchen, so dringend wie ein Ertrinkender das rettende Floß, wie ein Verdurstender die Wasserflasche, wie der Einzelgänger die Hand des Mitschülers, die ihn aus den trüben oder gar brutalen Phantasien zieht, in die er sich an seinem Computer flüchtet.

  Bringt es also alles mit und tragt es mit diesen Frauen zu diesem Grab. Denkt Euch zurück aus dem jetzt anbrechenden Tag hinein in die tiefsten Finsternisse Eures Lebens. Und stellt sie Euch noch viel dunkler und finsterer vor, als sie es schon gewesen sind. Denkt an den Tod, dem Ihr hier oder da schon begegnet seid und der Euch bis ins Mark getroffen hat, weil er Euch ausgerechnet das einzige genommen hat, an dem wirklich etwas hängt: Menschen, die Ihr geliebt habt. Denkt an die größten Hoffnungen, die jemals für diese Welt gehegt worden sind. Denkt an Obama, liebe Schlieper-Konfis, mit dem Ihr Euch eingehend befasst habt, und haltet Euch noch einmal die Erwartungen vor Augen, die eine kluge und gerechte Politik wecken kann: Frieden in Israel, Entwicklung in Afghanistan, Abzug aus dem Irak, Schritte gegen den Klimawandel, Diplomatie statt Druck, Abrüstung statt Aufrüstung. Denkt Euch diese Erwartungen noch ungleich größer. Und dann denkt sie Euch nicht nur zerstört, sondern verspottet und angespuckt und ausgelacht. So, mit diesen Gedanken und noch viel dunkleren Gedanken kommen die Frauen zum Grab Jesu. Ein mickriges Häufchen gebeugter, in die Irre geführter Klageweiber. Der, dem so viele nachgefolgt sind – am Ende nur ein MoF, ein Mensch ohne Freunde. Der, dem sie an den Lippen hingen, ein hilfloser, überführter, lachhafter und nun auch toter Idealist.

Jesus im Grab – das heißt: Für die Ordnung der Welt dürfen doch Opfer gebracht werden. Die Zivilisation, der Anstand, die Regeln dürfen das verlangen. Das gehört dazu. Es gehörte damals dazu. Die jüdischen Priester und die römischen Herrscher im Land Israel haben sich an Recht und Gesetz gehalten, als sie diesen Menschen beiseitegeschafft haben, obwohl er nichts anderes getan hat, als nur zu sagen: Nicht dies, was ihr hier habt, ist das Reich Gottes, das Himmelreich, das Friedensreich, sondern das Reich Gottes kommt. Nicht irgendwann, sondern jetzt und mit mir, durch mein Wort, durch meine Taten und durch mein Leiden. Und es gehört heute genauso dazu, dass Opfer gebracht werden, und es wäre nichts anders passiert, wenn dieser Jesus jetzt leben würde. Auch dann würden die Frauen an diesem Morgen zum Grab gehen. Auch heute noch fordern die Zivilisation und die Regeln und der Anstand ihre Opfer. –

  Ich habe kürzlich Texte der Amokläufer an der Columbine High School in Littleton in den USA von 1999 gelesen, die das Beispiel abgegeben haben noch für den Amokläufer kürzlich in Winnenden. Eric Hass und Dylon Klebold. Tagebuchnotizen, Video-Clips, Einträge auf der Website und Zeugnisse von Dritten. Und mir ist ganz klar geworden, dass diese beiden Siebzehnjährigen in ihrer Mischung aus Verzweiflung, Wahn und Mordrausch am Ende doch nur Bild und Ausdruck unserer Zeit sind und nicht etwa nur Gegenbild, nur Störfall oder, wie sie selbst dort sagen, „Rebellen“. Nein, zuletzt zeigen sie in ihrer wüsten Aggression, wie es hinter dem Anschein von Korrektheit und Ordnung und Miteinander aussieht – es gibt Hierarchien und Hackordnungen und oben und unten und Glückliche und Todtodunglückliche. Ein Mitschüler hat von den beiden gesagt: „Eric und Dylon passten nicht einmal zu den Verlierern.“ So siehts aus, an der Schule und in der Wirklichkeit draußen. Und die Ordnung besteht, und die meisten kommen zurecht, und alle Rädchen drehen sich, mal schneller, mal langsamer, aber doch rund und geschmiert.

  Das ist der Anfang dieser Geschichte am Ostermorgen. Das bringen die Frauen zum Grab, um den zu besuchen, der auch und erst recht nicht einmal zu den Verlierern passte – nur dass er nicht geschossen, sondern gelitten hat. Und so müssen wir kommen. Aus solcher Nacht in den Ostermorgen.

  Und dann fangen die Bilder an zu sprechen und werden zu Andeutungen einer Hoffnung. Wir spüren das Gewicht des Steins, den der Engel vom Grab wegwälzt. Und das Weiß seines Gewandes wird weiß wie der Schnee und hell wie ein Blitz vom Himmel. Und die Grabeswächter, die aufpassen, dass auch nach dem Tod Jesu alles seine Ordnung behält und keiner sich naiven Illusionen hingibt, sie stürzen zu Boden und werden nun ihrerseits, als wären sie tot. Und wir ahnen, hier wird der Tod getötet, an diesem Morgen, und er – er wird nicht wieder auferstehen. Er stirbt einen endgültigen Tod. Und der Engel ist die Putte, die bei uns vielleicht irgendwo im Haus auf dem Schrank steht. Und in ihrem kindlichen Lächeln liegt ein Wink des Himmels, der uns sagt: Auch Du bist geliebt, und in dieser Liebe wirst Du leben, ewig leben.

  Und am Ende tritt uns Jesus selbst gegenüber, das Bild aller Bilder, die wahre Hoffnung in allen Hoffnungen und manchmal auch gegen alle Hoffnungen, die wir uns machen. Und er selbst spricht zu uns: „Seid gegrüßt!“ Und: „Fürchtet euch nicht!“ Und er beauftragt uns hinzugehen und anderen Menschen – nein „Brüdern“, sagt er, „Brüdern“ mitzuteilen, was geschehen ist an diesem Ostermorgen: Sein Grab ist leer, und aller Toten Grab wird leer sein. Amen.

Christian Schulken

© Kirchengemeinde Arsten - Habenhausen

Site Map | Printable View | © 2008 - 2018 Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen | Impressum