Predigt in der Christvesper, 24.12.2011

Saturday, December 24, 2011 2:24:00 PM Categories: Heilig Abend in Arsten Weihnachten

Predigt in der Christvesper, 24.12.2011 – St. Johanneskirche Arsten

Pastor Christian Schulken
 
Jes 9,1.5-6
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.
 
Liebe Gemeinde!
Zum Weihnachtsfest und besonders zu diesem Abend gehört das Spiel mit dem Licht: die Kerzen, die uns schon durch den Advent begleitet haben und die nun am Tannenbaum brennen, die Lichterketten in den Fenstern, die beleuchteten Sterne und Glocken, die Illumination in den Straßen und öffentlichen Gebäuden. Es ist zumeist wirklich bloß ein Spiel, ohne Hintersinn und tiefere Bedeutung, nur Schmuck und Dekoration. Unser Bedürfnis bricht sich Bahn, etwas zu tun frei von dem Zwang, etwas bewirken, verändern und verbessern zu müssen. Und wir können das alles so stehen lassen, selbst wenn wir um die Gefahren wissen: Ablenkung und Zerstreuung spielen dabei mit. Wir lassen uns davon abhalten, Größeres zu entdecken und Wichtigeres zu tun. Mehr noch, das Spiel mit dem Licht ist auch ein Spiel mit dem Feuer. Das Licht birgt eine Faszination, die die Macht schon oft in Dienst genommen hat, um den Menschen über den Raub der Freiheit hinwegzutäuschen. Einst war es die Macht der Herrscher, die Feuerwerke und Fackelzüge veranstalteten und Lichtdome bauten, um ihre Untertanen zu beeindrucken. Heute ist es die Macht des Konsums, die Straßen und Geschäfte mit einem Meer von Lichtern erfüllt, um uns in Kaufrausch zu versetzen und die Kontrolle über unsere Bedürfnisse zu bekommen.
Dennoch: Lichterglanz und Kerzenschein – das ist einfach schön. Und es muß nichts weiter geschehen, damit uns warm ums Herz wird und alles, das ganze Leben und die ganze Welt, in eine neue Perspektive rücken. Ja, vielleicht wäre uns sogar gut geraten, den gesamten Weihnachtsrummel auf einen Moment zurückzunehmen, den wir uns vor eine Kerze setzen und nur schauen und staunen, träumen und ein bißchen spielen.
Aber dann ist es doch nicht nur Spiel. Der Prophet Jesaja sorgt dafür mit seinem Wort: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Das ist Ernst, in schwerer Stunde gesprochen vor 2.500 Jahren, zu einem Volk, dem man seine Freiheit genommen hat, dessen Führer hilfllos sind und das seinen Besitz Mächtigeren überlassen muß, um noch Schlimmeres zu verhindern. Es ist eigentlich nur für diese Zeit gesprochen worden und für dieses Volk damals, ohne jede weitere Absicht. Es ist keine Predigt, keine Besinnung. Es ist ein Kommentar und eine Ansage zur aktuellen Lage. Aber dies Lichtwort ist nicht in Vergessenheit geraten. Und es legt noch heute einen ganz anderen Schein auf die Kerzen und Lichter, die wir in dieser Zeit anmachen. Wir sind nicht nur zum Spielen aufgefordert, sondern zum Glauben und zum Hoffen. Uns wird nicht nur eine Zeitlang geholfen, durch die schmuddelige Jahreszeit zu kommen mit etwas Gemütlichkeit. Das Licht steht für ein Aufatmen und ein Aufstehen, für einen Wandel, der der Welt ein neues Gesicht gibt. „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.“ Ein Thronfolger ist da. Aber eben nicht nur ein weiterer, der es dann genauso macht wie seine Vorgänger, sondern ein anderer, einer, mit dem sich Herrschaft und Macht von Grund auf wandeln. „Er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende in seinem Königreich, daß er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit.“
Wie konnte einst ein Prophet das erwarten von der Geburt eines Kindes? Und können wir das erwarten von der Kindesgeburt, die wir heute feiern? Was für Hoffnungen haben nicht schon auf Kindern geruht, bis sie erwachsen wurden und sich herausstellte: der Apfel fällt nicht weit vom Baum? Werden unsere Kinder anders sein als wir: selbständiger in ihrem Urteil, bescheidener in ihren Ansprüchen, rücksichtsvoller mit den Armen, nachhaltiger in ihrem Wirtschaften? Und was für Hoffnungen haben nicht schon auf neuen Machthabern geruht, die sich dann doch nicht erfüllt haben? Auch dieses Jahr hat uns solche Erfahrungen machen lassen mit einem Verteidigungsminister, ein bißchen nun auch mit unserem Bundespräsidenten. „Wunder-Rat, Ewig-Vater, Friede-Fürst“? Nun, wir haben gelernt, von den Herrschern nicht zu viel zu erwarten, nicht zuletzt, weil wir wissen, was wir von uns selbst erwarten können. Für uns sind es nur noch Politiker. Und dennoch muß Macht persönlich ausgeübt werden. Und wir fragen nach ihrem Gesicht.
Ist Euch das zu viel Politik am Heiligen Abend, zu Weihnachten, dem Fest der Familie und des Hauses? Nun, der Prophet lehrt uns, mit der Botschaft dieser Nacht hinauszusehen in die Welt: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.“ Wir müssten uns mit Weihnachten viel mehr zeigen, statt uns damit in unsere vier Wände zurückzuziehen, als hätten wir dort eine Fluchtburg. Gott will in dieser Nacht am Gefüge der Welt etwas verändern, nicht nur an den Gefühlen unserer Seele. Uns wird Hoffnung gemacht, daß die Ordnungen unseres Miteinanders andere werden, die bei allem Gerede von Flexibilität, Krise und Veränderung so elendig festgefahren sind, in reich und arm, in mächtig und ohnmächtig. Das ist das Licht für die Völker, die im Finstern wandeln: auf den Fluchtwegen ins reiche Europa, in den Wüstenzügen zu den Hungerlagern in Somalia, um die herum kilometerweit kein Grashalm mehr wächst. Das ist der Schein, der über den Menschen aufgeht, die im finstern Lande wohnen: in den Diktaturen Nordkoreas und Syriens, aber auch mitten unter uns: etwa in den Wohnungen unserer Stadt, in denen junge Frauen aus Bulgarien zur Prostitution gezwungen werden – mitten in einem demokratischen Rechtsstaat. Das ist das Licht, das wir sehen sollen, die wir natürlich auch schauen, was die da oben machen, wie die sich verhalten und sich erklären und wie die uns regieren.
Die Herrschaft ruht von dieser Nacht an auf den Schultern eines Kindes. Das ist nur eine Verheißung, natürlich. Aber sie ist gültig. Fortan ist die Nagelprobe für die Macht nicht mehr bloß, ob sie sich durchsetzt, ob sie die chaotische Welt und den egoistischen Menschen in Schach hält, ob sie die entfesselten Märkte und die außer Kontrolle geratenen öffentlichen Haushalte wenigstens einigermaßen in den Griff bekommt. Sie muß sich auf Recht und Gerechtigkeit stützen: nicht auf Härte, sondern auf Weisheit, nicht auf Tricks, sondern auf Weitsicht, nicht auf Geld und Verbindungen, sondern auf Treue und Verläßlichkeit. Entweder die Macht wird diese Probe bestehen. Oder sie wird fallen, ja, sie ist schon gefallen. Das ist mit dem Kind gewiß, das in dieser Nacht geboren wird.
Seht, das legt der Prophet für uns in das Kerzenlicht hinein, das wir heute abend am Tannenbaum entzünden: diese letztlich führerlose Welt bekommt eine gute Regierung. Was sollen wir dazu sagen? Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. Uns allen, zusammen mit der ganzen Welt, eine frohe Weihnacht!


 
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