Predigt in Habenhausen, 4.n.Trin., 5. Juli 2009, Lukas 6, 36-42, mit einigen Bemerkungen zum Text der alttestamentlichen Lesung 1. Mose 50.

Sunday, July 5, 2009 11:44:00 AM Categories: in Habenhausen

„Stehe ich denn an Gottes Statt?,

fragt Joseph seine Brüder. Wir haben’s in der Lesung eben gehört. Sie hatten Schlimmes mit ihm gemacht. Sie hatten ihn verkauft, vor Jahren, an Sklavenhändler, sie hatten seinen Tod  in Kauf genommen, sie hatten Schlimmeres mit ihm getan, als die meisten von uns dazu imstande wären. Und nun steht er vor ihnen, Joseph. Er ist aufgestiegen zum mächtigsten Mann Ägyptens. Jetzt ist er oben und sie ganz unten. Jetzt hat er zu entscheiden über Tod und Leben. Jetzt könnte die Stunde des Urteils da sein- und die Stunde der Strafe. Und er sagt:

„Stehe ich denn an Gottes statt?“

So können nur Männer reden in solch einer Situation, die mit Gott rechnen. Und eben darüber belehrt uns ja die Bibel, daß wir mit Gott rechnen sollen.

„Ihr gedachtet es Böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist“

Warum regen wir uns auf über die andern? Weil wir nicht glauben, daß Gott alles führt und leitet nach seinem Willen! Warum empören wir uns über die Ungerechten? Weil wir nicht glauben, daß Gott jedem vergilt nach seinen Werken und daß kein Haar von unserm Haupt fallen kann ohne den Willen des Vaters im Himmel. Woher kommt all unser Richten, Verurteilen, Zagen, Murren über andere? Daher, daß wir nicht auf Gott sehen und seine Vorsehung, sondern auf die Menschen und ihre Wege und Taten. Wir verwechseln das Große und das Kleine. Nehmen das Kleine für fürchterlich wichtig, regen uns darüber auf, das Große aber sehen wir nicht.

Das Große, das uns heute morgen wieder vor unsere ungläubigen Augen gehalten wird, ist die Vorsehung Gottes. Gerade dann, wenn Dinge passieren, die uns gar nicht gefallen, gerade dann, wenn Menschen Dinge tun, die uns empören, sollen wir doch darin verborgen die Hand Gottes am Werk sehen.

Glaubt ihr denn im Ernst, die Menschen mit ihren bösen Zielen setzen sich, auf’s lange Ende gesehen, durch? Sie denken’s wohl, daß sie sich durchsetzen. Sie denken’s wohl, die Rücksichtslosen, die ihre Muskeln zeigen, die Gewalttätigen, die die andern abzocken und ausbeuten, sie denken’s wohl, daß sie sich durchsetzen. Sie denken’s wohl, daß sie stark sind. Sie denken’s wohl, daß sie an Gottes Statt sind. Und oft sieht’s auch wirklich so aus. Deshalb wird dem Volk Gottes immer wieder gesagt und erzählt, was wir heute morgen auch hören: Gott führt alle Dinge. Und gerade in dem, was Menschen in ihrer Verwirrung und Sünde falsch machen, führt Gott oft zu einem guten Ziel.

So, wie bei Jakob. den seine Brüder aus Neid geschlagen, gefesselt und in die Sklaverei verkauft hatten. Den Gott aber hoch erhoben hat im reichen Ägypten und zum mächtigen Minister gemacht hat. Und der nun, da in Israel Dürre herrscht und Hungersnot, allein seine Brüder und den Vater retten kann. Ausgerechnet er, den sie am liebsten getötet hätten, er allein kann sie jetzt retten durch die Reichtümer Ägyptens, über die er herrscht.
„Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist.“

In unserm Predigttext zieht Jesus die Konsequenzen aus solcher Erinnerung

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet auch ihr nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt.Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gerütteltes, gedrücktes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben…“

Was wollt ihr? Wollt ihr, daß es nach der Logik der Welt zugeht, wo man keinen Gott kennt? Wollt ihr, daß ihr nach der Logik dieser gottlosen, rationalen und kühl kalkulierenden Welt gemessen werdet? Wollt ihr die Welt so betrachten, wie jeder sie sieht, der keinen Glauben hat? Ja, dann geht hin und beurteilt die Welt nach ihren eigenen Maßstäben. Ja, dann geht hin und verdammt die, die nicht funktionieren, die Unrecht tun, und die aus der Reihe tanzen. Wenn ihr mit Gott nicht rechnen wollt, dann geht hin und fordert euren Tribut. Dann seid hart und gercht und unbarmherzig und fordert das eure! Dann mach deinen Angestellten runter, der nicht besser kann. Dann schließe in deiner Firma die Abteilungen, die kein Profitcenter sind. Dann mach die Kirchengemeinden dicht, die nicht wachsen, sondern einfach nur da sind, um Gott zu loben.

Was wollt ihr? Wollt ihr mit Gott rechnen? Wollt ihr damit rechnen, daß alles, was wir sehen und verstehen und organisieren, all unsere Triumphe und Niederlagen, all unser Können und unser Unvermögen immer nur die Oberfläche sind, gerade einmal das, was wir verstehen, aber daß darunter, darin und dahinter Gott sein Werk treibt? Oder wollt ihr euch all dem Menschlichen, dem Allzumenschlichen, den menschlichen Tragödien und Komödien mit einen gleichsam letzten Ernst zuwenden, weil ihr NICHT glaubt, daß in, mit, unter und über dem GOTT seine Fäden spinnt?

Was wollt ihr? Wollt ihr in einer Welt leben ohne Gott? Na, dann müßt ihr natürlich alles, was Menschen tun, sehr ernst, letztlich ernst nehmen, denn dahinter und danach kommt nichts mehr. Wenn ihr in einer Welt ohne Gott euch einrichten wollt, dann verstehe ich, daß ihr nicht gnädig sein könnt, nicht barmherzig, nicht großzügig, nicht gelassen, nicht frei, denn wenn es keinen Gott gibt für euch, dann ist der Mensch, dann ist diese Welt alles. Dann ist jeder Fehler wichtig. Dann ist jeder Tag entscheidend. Dann mußt du kämpfen um das möglichst perfekte, möglichst komplette Tun und Sein. Dann wirst du jede Sekunde deines Lebens prüfen, ob alles best up Stäe is, oder ob es noch besser ginge, viel besser. Dann, wenn du mit Gottes Vorsehung nicht rechnen willst, dann kommt alles drauf an, daß du selbst deine Welt zur besten aller Welten machst. Dann wirst du genau da stehen, wo Joseph auf keinen Fall stehen wollte:

„Stehe ich denn an Gottes statt?“

Wenn du aber mit Gott rechnen willst, wenn du weißt, daß er noch jeden Fehler gerade biegen und zum Guten lenken kann, wenn du auch deine Schicksalsschläge, auch die Fehler deiner Mitmenschen, sogar ihre Bosheiten und Ungerechtigkeiten eingebunden siehst in das große,  große Netz, das Gott längst geknüpft hat, dann kannst du bleiben, was du bist. Ein Mensch. Mit Stärken und Schwächen. Und einem Gott über sich.

„Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben.“

Was heißt das denn anderes, als daß ihr loslassen dürft?  Die Verantwortung für diese Welt tragt im Letzten nicht ihr. Die trägt Gott. Der wird jeden zur Rechenschaft ziehen, da kümmer du dich nicht um. Laß los. Laß Gott machen. Hab Vertrauen.

„Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?“

Wenn du ohne Gott leben willst, tu das! Richte. Urteile. bestrafe. Aber du bist doch wie ein Blinder, der nicht in die Tiefe sieht und den Allmächtigen nicht begreift. Willst du den Weg vorgeben, den alle gehen sollen?

„Der Jünger steht nicht über dem Meister. Wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.“

Wenn du mit Gott leben willst, dann tu das erst recht! Dann bist du ein Jünger. Aber vergiß nicht, daß du ein Jünger bist und nicht an Gottes Stelle stehst. Das Urteilen, das Richten überlasse ihm. Du weißt ja, daß alles nach seinem Plan läuft.

„Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?“

Auch wenn du ein Jünger bist, wirst du oft genug lieber dich mit der Oberfläche befassen, als in die Tiefe hinab zu steigen. Du wirst lieber dich mit den Fehlern deines Nächsten befassen, als mit der Größe Gottes. Einfach, weil es so leicht ist, Fehler zu sehen. Bei anderen eben. Es ist so wahnsinnig leicht. Denn es sind ja massenhaft Fehler da, wo Menschen sind. Und auch Bosheit und Ungerechtigkeit sind da. Natürlich. Auch unter Brüdern und Schwestern. Es ist so leicht, sich aufzuregen über andere. Und so schwer, Gottes Größe und Herrlichkeit über all dem zu sehen.

Und da schüttelt Jesus uns nun doch ein bisschen durch mit kräftigem Schimpfen:

„Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, daß du den Splitter aus dem Auge deines Nächsten ziehst.“

Ja, es ist leicht, Fehler und Sünden zu sehen, wo Menschen sind. Und es ist schwer, zu glauben, daß in all diesen menschlichen Irrungen und Verwirrungen doch ein tiefes, gutes, göttliches System steckt, seine Vorsehung nämlich. Das ist schwer. Aber nun schlägt uns Jesus ein Schnippchen: Wenn wir schon das Leichte dem Schweren vorziehen, wenn wir uns schon lieber mit menschlichen Fehlern und Sünden beschäftigen, als mit dem gnädigen Gott, dann sollen wir’s uns doch gleich ganz leicht machen: Dann sollen wir’s uns doch selbst ankucken. Da werden wir ganz sicher fündig.

„Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, daß du den Splitter aus dem Auge deines Nächsten ziehst.“ Amen.


Jens Lohse

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