Predigt vom 13. Juli 2008

Sunday, July 13, 2008 11:27:00 AM Categories: Archiv '06 - '08

Röm 6, 19-23

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Röm 6, 19-23  (Frei von Sünde zum Dienst Gottes)

Liebe Gemeinde, also ich hab da erst mal meine Schwierigkeiten mit dem Text. Da ist die Rede von Schwachheit des Fleisches, von Sklaven der Unreinheit und von Sklaven der Gerechtigkeit. Sklaven und Freiheit, Sklaven Gottes. Widerspricht sich das nicht? Wer soll das denn verstehen?

Man soll das ganze Kapitel lesen, lernt man in der Ausbildung. Puh, dann wird es aber noch schwieriger. Das ganze 6. Kapitel des Römerbriefes dreht sich um diese Thematik. Paulus wiederholt das immer wieder. Er muss das schon für ziemlich wichtig gehalten haben. Freiheit und Sklaven, Knechte der Sünde, Knechte Gottes.

Und dann hat mich das irgendwo geärgert. Steht da nicht, dass die Adressaten dieses Briefes, die Römer, als sie noch nicht getauft waren, also als sie noch nicht zu den Christen gehörten, „Sklaven der Unreinheit und der Gesetzlosigkeit“ waren, dass sie ihre Glieder der Gesetzlosigkeit zur Verfügung gestellt haben. Woran denken wir da wohl als Erstes? Und jetzt, als getaufte Christen sind sie von der Sünde frei gemacht. Wenn sie zurückschauen, schämen sie sich ihrer Taten damals. Kann man so was behaupten? Wer sagt so was?

Liebe Gemeinde, mich erinnert das an so Bekehrungsgeschichten, die ich gehört habe. Da geht einer nach Vorne und erzählt, was für einen schrecklichen Lebenswandel er geführt hat. Da werden Geschichten erzählt. Je schlimmer um so besser. Man kann sich gruseln. Da ist von Betrug die Rede, von Raub, von Trinkgelagen, natürlich mit den entsprechenden Frauen. Und dann ist er dem Herrn Jesus begegnet. Und nun ist alles gut. Nun ist er ein richtig guter Mensch geworden, und er fühlt sich auch richtig wohl in seiner Haut. War er vorher ein Sklave der Sünde, ist er jetzt frei.

Also ehrlich gesagt, ich halte solche Reden für verlogen. So schlimm, wie geschildert, war der vorher nicht, und jetzt ist er nicht so gut! Und so ein Umschwung des Lebens, ist eine langsame Entwicklung, die ist nicht mit dem „Wrrooom“ eines Bekehrungserlebnisses geschehen. Aber steht das nicht gerade in unserem Text? Ich lese ihn noch mal.

- noch mal lesen –

Könnte man meinen, dass das so dasteht, wie ich das geschildert habe?!

Was ist der Römerbrief eigentlich? Paulus schreibt ihn an die Gemeinde in Rom, die er nicht kannte. Deshalb ist der Brief unpersönlich. Paulus bezieht sich nicht auf konkrete Ereignisse in Rom. Er möchte die Gemeinde in Rom für sich gewinnen, weil er sie braucht, wenn er von Rom aus nach Spanien reisen will. Wir wissen, dass er das wollte, ob er tatsächlich da war, das wissen wir allerdings nicht.

So ist der Römerbrief eigentlich ein Werbebrief und eine Darstellung der Theologie des Paulus.

Nicht umsonst waren es immer wieder gerade Aussagen des Römerbriefes, die große Veränderungen in der Kirche ausgelöst haben. Wir wissen, dass Martin Luther die wesentlichen Impulse für seine Reformationen aus dem Römerbrief empfangen hat. Karl Barth’s Kommentar zum Römerbrief löste in eine neue Sicht in der Theologie aus, – um nur zwei zu nennen. Der Römerbrief hatte in der Geschichte immer wieder große Bedeutung. Er ist also ein wesentliches Dokument, das wir schon genau zu lesen haben.

Und noch eines: Paulus wusste natürlich: Ein großer Teil der Glieder der römischen Gemeinde, waren Sklaven. Wenn er das Bild eines Sklaven in seinem Brief verwandte, dann wussten die Leute, was das bedeutet und wie sich das anfühlt. Er schrieb sozusagen zu Sklaven. Sklaven hatten ein Brustschild, hab ich mal gelesen, sozusagen als Personalausweis. Und darauf stand eingraviert, wem dieser Sklave gehört. Die christlichen Sklaven hatten als Geheimzeichen einen stilisierten Fisch eingraviert. Fisch, auf griechisch „Ichthys“ ist die Abkürzung von „Jesus Christus, Gottes Sohn und Heiland“. Sie fühlten sich also als Sklaven Jesu.

„Ich gebrauche das Bild vom Sklavendienst, damit ihr besser versteht, worauf es ankommt,“ so fängt unser Text in der Übersetzung der Guten Nachricht an. Also Paulus versucht sich in die Welt derer, denen er diesen Brief schreibt, hineinzuversetzen. Er versucht, die Dinge mit ihren Augen zu sehen, damit er sich mit seiner Botschaft verständlich machen kann, damit seine Botschaft dort ankommt.

Aber was sagt er denn?

Ihr ward Sklaven der Gesetzlosigkeit, der Unreinheit, und das führt zum ewigen Tod. Starker Tobak, das!

Aber nun stellen wir uns doch mal Sklaven vor. Die haben keine Rechte, werden unterdrückt und ausgenutzt und sie werden menschenunwürdig behandelt. Wundert es, dass sie genauso handeln? Dass sie auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, und sich um den Nächsten keinen Deut scheren? Genau das erleben sie doch immer wieder am eigenen Leibe. Wie sollten sie anders handeln. Sie müssen doch Angst haben, noch mehr zu kurz zu kommen, wenn sie an andere denken. Nächstenliebe, nein Liebe überhaupt, kann in so einem Klima nicht wachsen. Es kann nur das Recht des Stärkeren geben. Jede Schwäche beim Anderen muss erbarmungslos ausgenutzt werden, immer die Angst vor Augen, wenn ich das nicht mache, dann macht er das mit mir. Ist das ein Leben? Und wohin führt das? Natürlich – zum Tode. Oft genug wirklich, meistens aber zu einem Tod vor dem Leben. Was ist Depression denn anderes?

Jetzt aber, von der Sünde frei gemacht, und Gottes Sklaven geworden, habt ihr euere Frucht zur Heiligkeit, das Ende ist aber ewiges Leben.

Was muss passieren, damit man frei werden kann von der – sagen wir mal - Sklavendynamik? Von der Angst vor der Macht der Anderen?

Kann es so sein, dass da einer, der schon zur Gemeinde gehört, auf so einen Neuling zugeht, ihn ansieht, ihm zuhört und ihm zu erkennen gibt, dass er geliebt ist. Das könnte eine ganz neue Erfahrung sein. Da gibt es Jemanden, der in mir den Menschen sieht, nicht den Konkurrenten. Wenn ein Mensch mich mag, kann ich auch glauben, dass Gott mich liebt. Mich! Dann kann ich diese Liebe doch nur weitergeben, nein ich muss es sogar, ob ich will oder nicht. Und so merkt er, dass er in der Gemeinschaft der Christen willkommen ist, dass man ihn mag. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er sich angenommen. Man schaut nicht auf seine Fehler, wartet nicht darauf ihn zu korrigieren, nein er erlebt sich, dass man ihn mag, dass man ihn mag so wie er ist.


Ich habe immer von „ihm“ geredet. Natürlich gilt das Gesagte nicht nur für Männer sondern natürlich auch für Frauen. Aber so war es einfacher zu sagen, ich bitte um Nachsicht.

So ein Erlebnis kann überwältigend sein. Hier kommt dann doch noch das oben beschriebenen „Wrrooom“ zum Zuge.

Und was ist passiert?  Wenn ich merke, dass ich von Gott geliebt bin, dann brauche ich nicht mehr so konsequent auf mich zu achten. Dann kann ich den anderen Menschen in den Blick nehmen. Dann kann ich was von mir dem anderen Menschen geben. Mit anderen Worten: Ich werde meine Blickrichtung ändern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Also, da passiert gar nichts sensationelles. Das ist es ja, für einen selbst ist das ein großartiges Erlebnis, eben „Wrrroom“,  wenn man das aber Anderen zu beschreiben versucht, wirkt es eher banal.

Und trotzdem, wenn man mit dieser Blickrichtung einige Zeit lebt, kann es dazu kommen, dass man sein eigenes Leben neu sieht. „Das war ich damals?“ „So habe ich gehandelt“. „Was habe ich mir dabei nur gedacht?“ Geht es Euch nicht manchmal so, dass ihr alte Briefe oder gar Tagebucheintragungen findet, und feststellt: Puh, was war ich damals nur für einer. Das bin ich heute nicht mehr!

So geht es Paulus bei dem, was er sagt, nicht darum, dass wir großartige Anstrengungen unternehmen, um bessere Menschen zu werden. Nein, es reicht, einfach den Blick zu ändern. Wir Christen brauchen nicht auf uns, unsere Unfähigkeiten, unsere Ängste zu schauen, sondern auf Ihn. Das nennt man Glauben! Und dann haben wir die Chance frei zu werden, frei dazu Salz der Erde zu sein, frei zum Dienst Gottes.


Klaus Dieter Philippsen

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