Predigt vom 2. November 2008

Sunday, November 2, 2008 10:31:00 AM Categories: Archiv '06 - '08 in Arsten

Prediger 3, 1-14  (Alles hat seine Zeit)
Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
(Text lesen)

Geht es Euch auch so, liebe Gemeinde? Wenn ich das lese, muss ich an eine Uhr denken, an eine große Uhr mit einem großen, schweren Perpendikel: „Alles hat seine Zeit.“ Steht da lapidar. Und dann werden die Gegensätze aufgezählt: Geborenwerden hat seine Zeit, Ster-ben hat seine Zeit, Pflanzen hat seine Zeit, Ausreißen hat seine Zeit. Und dabei geht das Pendel langsam hin und her, mit Kraft und unaufhaltsam. Tick – Tack. Alles hat seine Zeit. Ein großes Bild, vor dem man mit Ehrfurcht steht, wie es mir mit solch großen Uhren geht.
Erschrocken bin ich über die Aussage, dass töten und heilen seine Zeit hat. Töten? Was ist damit gemeint? In Gedanken kommt da gleich ein Krimi, ein Tatort (?) in den Sinn; und da soll dann das Töten seine Zeit haben? So als wäre das was Normales? Ich hab mich schon geärgert über das Plakat, welches das Portrait eines netten jungen Mannes zeigt, mit der Überschrift: „Keine Angst, er will nur töten“. Da wird das undenkbare zum ganz normalen Vorgang gemacht. Erinnert das doch an die Aussage vom Herrchen eines großen Hundes: „Haben Sie keine Angst, er will nur spielen!“. Als wäre Töten eine Art von Spielen! Und nun der Prediger auch?
Und dann sah ich einen Film über einen Schäfer in den Alpen. Der geht wirklich liebevoll mit seinen Tieren um, er heilt sie, wenn sie sich den Fuß vertreten haben, pflegt sie, wenn sie krank werden. Aber wie kriegen wir später unser Lammfleisch! Natürlich müssen sie getötet werden, und das hat seine Zeit.
Aber darüber wollte ich eigentlich gar nicht sprechen. Der Prediger will uns doch was sagen:
Er sagt dann, und das ist wohl seine eigene Erfahrung: Die Menschen mühen sich ab, Gott hat die Mühe über sie verhängt. Das ist schon eine Aussage aus der Schöpfungsgeschichte. Dabei hat alles seine Zeit. Nur wenn Gott etwas tut, dann kann der Mensch mitmachen. Der Prediger spricht da wohl – um einen modernen Begriff zu verwenden, von einem Zeitfenster. Das kennen wir. Für einen Satelliten, der z.B. zum Mars fliegen soll, gibt es ein Zeitfenster. Nur in dieser Zeit ist es mit unseren Mitteln möglich, den Mars zu erreichen, vorher und später nicht mehr. Ein Zeitfenster. Wenn man das verpasst, muss man auf das nächste warten. Und genau davon spricht der Prediger auch. Gott handelt zu seiner Zeit und wir können nur mitmachen. Wir können dagegen nichts ausrichten. Wenn die Zeit vorbei ist, ist die Möglichkeit vertan. Das haben wir sicherlich schon oft erlebt: Vertane Möglichkeiten.
Wer ist das eigentlich, der Prediger? Mit dem Fachwort wird er „Kohelet“ genannt. Übersetzen kann man das mit „Prediger“ oder mit „Sammler“ z.B. von Sprüchen. Im Buch selbst wird der Begriff auch wie ein Eigenname verwandt.
In der Tradition schreibt man des Buch dem König Salomo zu, dem Sohn von König David. Salomos Weisheit und Reichtum ist ja berühmt gewesen, auch schreibt man ihm noch weitere Dichtungen zu, z. B. auch einige Psalmen. Der Autor selbst, der Prediger, nennt sich König. So ist es ganz naheliegend, wenn Martin Luther einfach von dem Prediger Salomo spricht.
Heute ist man ziemlich sicher, dass Salomo das nicht geschrieben haben kann. Es kommen im Text Lehnwörter aus dem Persischen vor, die Salomo einfach nicht gekannt haben konnte. Vermutlich ist der Text erst 200 Jahre vor Christus geschrieben worden. Salomo lebte viel früher.
Aber das alles sagt nichts über die Wahrheit des Textes aus. Es war ja durchaus üblich, dass Menschen, die was zu sagen hatten, das unter einem bekannten Namen taten. Man dachte sich nichts dabei, es war eine andere Zeit. Die hatten nicht unser Urheberrecht!
Also, was will der Prediger, der Kohelet denn nun sagen? Hat er uns noch was zu sagen?
Im Zentrum des Buches steht die Frage nach dem Glück. Wie führe ich ein glückliches Leben? Wie kann ich das Glück finden. Wie werde ich glücklich. Nun, diese Frage ist ja nun wirklich aktuell!
Der Prediger nimmt uns mit auf seine Suche indem er sie beschreibt.
Er versucht ein Leben in Saus und Braus. Er versucht zu leben, wie wir uns das schon alle mal vorgestellt haben: Also „Geld spielt keine Rolle, wir leisten uns einfach Alles.“ „Ich entschloss mich, das Leben zu genießen“ sagt der Prediger selbst. Ich hab das schon oft von Menschen gehört, die einfach für sich selbst feststellten, dass sie nach ihrer Pensionierung das Leben nur noch genießen wollen. Am Besten irgendwo in der warmen Sonne liegen, ein kühles Getränk schlürfen und sich einfach nur wohl sein lassen.
Uns gelingt das meistens nicht. Ich bin versucht zu sagen: Glücklicherweise. Wir haben eben nicht den notwendigen Hintergrund, das nötige Kleingeld, die Möglichkeit uns immer so bedienen zu lassen, wie im Urlaub. Wir können unser Leben nicht in einem Dauerurlaub ver-bringen. Und weil es nicht möglich ist, können wir ja immer die Sehnsucht nähren, wie schön es doch wäre, wenn es das doch gäbe. Der Prediger ist da weiter gekommen. Er hatte die Möglichkeiten, aber für ihn war so ein Leben bald ziemlich langweilig und fade, und er musste weiter suchen. Also, ein Leben in Saus und Braus, ein Leben wie im Urlaub „all In-clusive“, das machte ihn nicht glücklich.
Der zweite Versuch war der Versuch mit dem Wissen. Er wollte alles begreifen. Er wollte wissen, wie die Dinge zusammenhängen. Er wollte herausfinden, was für einen Sinn alles hat, was in der Welt geschieht. Mit großer Neugier und schier unstillbarem Wissensdurst versuchte er die Zusammenhänge zu ergründen, Wissen anzuhäufen. Schließlich konnte er von sich sagen, „Ich weiß mehr als alle, die vor mir über Jerusalem geherrscht haben.“ „Durch Lernen und Erfahrung,“ so sagt er, „habe ich mir ein ungeheures Wissen erworben.“ Trotzdem kommt er schließlich zu dem Ergebnis: „Es stimmt, Wissen ist besser als Unwis-senheit, so wie Licht besser ist als Finsternis.“ Der Wissende sieht, wo er geht, der Unwissende tappt im Dunklen. Aber, beide trifft am Ende das gleiche Schicksal. Beide müssen sterben. Auch diese ganze Mühe ist letztlich vergebens, sie macht ihn nicht glücklich.
Ich mag das hier noch nicht bewerten. Aber als ich das hingeschrieben habe, sah ich einen Schüler vor Augen, der gerade eine Mathe-Arbeit versemmelt hat. Na also, könnte der sich sagen, schon der Kohelet stellt fest, Wissen macht nicht glücklich. Also nimm ’s leicht. So wie Sokrates gesagt haben soll: “Ich weiß, dass ich nichts weiß!“ Wenn ein Schüler das dagegen sagt, wirkt so ein Satz hochnäsig.
Ich muss einfach sagen, gar nichts wissen, macht nun wirklich auch nicht glücklich. Ein Stück Wissen und Fertigkeiten ist einfach nötig, um in der Welt zu bestehen. Wissen allein aber, da her der Kohelet allerdings Recht, das macht nicht glücklich.
Deshalb startet er einen dritten Versuch.
Lohnt es sich, etwas zu vollbringen? Er baute Häuser, legte Weinberge und Obstgärten an, er legte Teiche an, um das alles zu bewässern. Er stellte Diener ein, die das alles bearbeiten sollten, er hatte Rinder und Schafe, so viele, wie sonst keiner in Jerusalem. So wurde er noch reicher, aber was hat das alles für einen Sinn? Was wird er behalten können, wenn er dermaleinst sterben muss? Er fühlte sich leer, trotz allem Reichtum.
Diese Leere ist kaum auszuhalten. Sie steht unserem Glück entgegen. Es scheint ein Volkssport geworden zu sein, ihr immer wieder zu entfliehen, es wenigstens zu versuchen. Entfliehen durch noch mehr Arbeit, durch Weglaufen, durch Süchte (da sucht ein Mensch was), dadurch, dass man sich Erfüllung von anderen Menschen erwartet. Dabei ist ein Mensch, der so vor seiner eigenen Leere zu flüchten versucht, immer unglücklich. Man kann ihr näm-lich gar nicht entfliehen, man nimmt sie doch immer mit!
Und der Kohelet!
Der ist wirklich klug. Er erträgt die Leere, die Vergeblichkeit all der Dinge, die er um des Glückes willen getan hat. Er will einfach zur Ruhe und zum Nachdenken kommen. Und er weiß sich mit Gott verbunden. Er weiß, dass er zu Gott und zu seinem Handeln Vertrauen haben kann. Das nennt man „Glauben“.
Er macht die Erfahrung: „Alles ist eitel“, seine Mühe ist umsonst, alles Tun ist der Vergänglichkeit unterworfen. Gerade das findet in inhaltlicher, wie in literarischer Hinsicht einen nicht zu überbietenden Ausdruck in dem Gedicht: „Ein jegliches hat seine Zeit“, dem ersten Teil unseres Predigtextes. Alles was der Mensch erfährt ist zum einen vergänglich und zum anderen unverfügbar. Nicht der Mensch, nur Gott allein ist der Herr über die Zeit.
Und Glück?
Der Kohelet sagt: „Glück ist eine Sichtweise der Dinge“ Glück ist, wenn ich so auf mein Leben sehe, dass ich mich freuen kann an dem, was ich erlebe, erfahre und habe, dass mein Blick auf das Gute geht.
Jeder von uns kennt Menschen, die noch mehr als andere in der Lage sind, sich zu freuen – auch an den Dingen, über die ein anderer vielleicht achtlos hinweggeht. Und wahrscheinlich können auch die meisten von uns von sich selbst sagen, dass die glücklichsten Momente die sind, in denen wir mit Leib und Seele, ganz hier und ganz gegenwärtig an einer Sache Freude haben.
Aber Glück ist noch mehr als dies. Es ist, hinter dem, was ich erlebe, das Wirken Gottes glauben zu können. Das, was gut ist, als Geschenk aus seiner Hand annehmen zu können.
Doch dies sah ich auch, dass es von Gottes Hand kommt, denn wer kann fröhlich essen und genießen ohne ihn? Und auch das, was schwer ist, nicht als Zeichen seiner Ferne zu verstehen. Das was uns widerfahrt, ist nicht blindes Schicksal; und das Dunkle und Traurige sind nicht Ausdruck der Ferne Gottes. Sondern ein jegliches hat seine Zeit. Und diese steht, wie es in Psalm 31 heißt, in Gottes Händen. Ganz und Gar.
Viele Antworten gibt es auf die Frage „Was ist Glück?“. Zwei scheinen mir die Wichtigsten zu sein:
Glück ist der Glaube, dass wir nicht selbst unseres Glückes Schmied sein müssen, sondern tagtäglich die guten Dinge, Erfahrungen und Erlebnisse als Geschenk von Gott annehmen können.
Und Glück ist, in allen Zeiten des Lebens glauben zu können, dass in ihnen ein Stück der Ewigkeit beschlossen ist, und die frohen und die schweren Tage gleichermaßen in Gottes Händen stehen.
Und damit auch wir, jeden Tag unseres Lebens.
Amen.

Klaus-Dieter Philippsen

© Kirchengemeinde Arsten - Habenhausen

Site Map | Printable View | © 2008 - 2018 Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen | Impressum