Predigt vom 22. Juli 2007

Sunday, July 22, 2007 11:23:00 AM Categories: Archiv '06 - '08

Lukas 9, 10 – 17 (Die Speisung der Fünftausend)
Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

(10) Die Apostel kamen zurück und berichteten Jesu, was sie getan hatten. Jesus nahm sie mit sich und ging mit ihnen nach Betsaida. (11) Sobald die Leute das merkten, folgten sie ihm. Jesus wies sie nicht ab, sondern sprach zu ihnen über die neue Welt Gottes und heilte alle, die seine Hilfe brauchten.
(12) Darüber wurde es Abend, und seine Jünger kamen und sagten zu ihm: „Schick doch die Leute in die Dörfer und Gehöfte ringsum, damit sie dort übernachten können und etwas zu essen bekommen. Hier sind wir ja in einer ganz einsamen Gegend.“ (13) Aber Jesus sagte zu ihnen: „Gebt doch ihr ihnen zu essen!“ Sie antworteten: „Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische für diese ganze Menge. Wir müssen erst gehen und für sie zu essen kaufen!“ (14) Es waren nämlich etwa fünftausend Männer versammelt.
Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Sorgt dafür, dass sie Leute sich hinsetzen, in Gruppen von jeweils fünfzig.“ (15) Die Jünger ließen die Leute Platz nehmen. (16) Dann nahm Jesus die fünf Brote und die beiden Fische, sah zum Himmel auf und segnete sie. Er teilte Brot und Fische in Stücke, gab sie seinen Jüngern, und die Jünger verteilten sie an die Menge. (17) Alle bekamen genug zu essen. Es blieb sogar noch soviel übrig, dass man zwölf Körbe damit füllen konnte.

Fünf Brote und zwei Fische, und fünftausend Menschen werden satt.

Diese Geschichte war allen Evangelisten so wichtig, dass sie alle darüber berichteten. Was ist daran denn so wichtig? Hunger? Wir können uns so richtigen Hunger gar nicht vorstellen. Wir haben eher mit dem Gegenteil zu tun. Ich erinnere mich, dass mein Arzt mir empfohlen hat 5 kg abzunehmen. Da hatte ich dann Hunger! Jeden Abend bin ich um den Kühlschrank getanzt mit den Worten: Nein ich will nicht!! Aber über so ein Problem können Menschen die wirklich Hunger leiden, nur höhnisch lachen! Fast schäme ich mich das zu sagen.

Während der Vorbereitung zu dieser Predigt, sah ich im Fernsehen eine Magazinsendung. Das Kind eines Hartz IV - Empfängers bekommt 2,70 € pro Tag für das Essen. Ein Mittages-sen in einer Gesamtschule kostet aber schon  2,40 €! So können diese Kinder an dem gemeinsamen Mittagessen mit ihren Klassenkameraden nicht teilnehmen. Und das in unserem reichen Land!

Soweit zum Thema Hunger. Aber zurück zu unserem Text.

Die Jünger, so wird uns berichtet, haben ihr erstes Praktikum absolviert. Jesus hat sie losgeschickt, sie sollten predigen und vom Reich Gottes erzählen. Sie sind voller Freude und ganz aufgedreht, über das was sie erlebt hatten. Die Menschen haben ihnen zugehört (welcher Prediger wünscht sich das nicht!) und die Jünger konnten sogar Wunder vollbringen. Das sind doch Dinge, die schon ein Hochgefühl aufkommen lassen können.

Aber Jesus weiß, dass das nicht so bleibt. So lädt er die Jünger ein, zur Ruhe zu kommen. Sie gehen an einen einsamen Ort, um – frei von äußeren Reizen – Ruhe zu finden und über das Erlebte nachzudenken. Um von all den Erlebnissen Abstand zu gewinnen.

Aber Jesus hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht, wie man so schön sagt. Die Menschen sehen wie die Jünger und Jesus davongehen und sie folgen der kleinen Gruppe. Warum? Vielleicht aus Sensationslust, vielleicht passiert ja noch was und da müssen wir dabei sein. Vielleicht auch, weil sie gemerkt haben, dass da was gesagt wird das wichtig ist, ja was lebenswichtig ist. Sie wollen mehr hören. Sie sehnen sich danach. Also so eine Mi-schung aus Sensationslust und aus Hunger nach Wegweisung.

Hier bewundere ich Jesus. Ich hätte vermutlich zu den Leuten gesagt: „Ihr stört! Merkt ihr überhaupt nicht, dass wir Ruhe brauchen. Also haut ab.“ Anders Jesus. In einem anderen Evangelium wird erzählt: Sie taten ihm Leid. Sie kamen ihm vor, wie eine Herde ohne Hirte. Was für ein Bild! Und er nimmt sich ihrer an. Er redet von Gottes neuer Welt, vom Reich Gottes und er heilt viele.

Darüber wird es Abend. Die Jünger mahnen Jesus, dass die vielen Leute hier in der Einsamkeit doch auch was zu Essen brauchen. Man kann sie doch nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.

Im alten Testament gibt es auch eine Geschichte, wo es um Essen geht. Herr Wagner hat sie uns vorhin vorgelesen. Die Juden sind aus Ägypten ausgezogen, sind trockenen Fußes durch das Schilfmeer gezogen und haben zugesehen, wie das mächtige Heer des Pharao besiegt worden ist, ohne ihr zutun, allein durch Gottes Eingreifen. Aber dann kommt das tägliche Einerlei, die tägliche Mühe. Und sie kriegen Hunger. In der Wüste gibt es ja nicht so viel zu essen. Dann kommt Unruhe unter dem Volk auf, sie fangen eine Revolte an. Sie klagen Mose an, weil sie fürchten, nun verhungern zu müssen. Dabei schwärmen sie von den legendären Fleischtöpfen Ägyptens, als ob es die geben würde und als ob es ihnen dort gut gegangen wäre. Man sieht, wie in solchen Situationen die Realität verzerrt wird.

Sie haben so großartige Hilfe Gottes erlebt, haben erlebt, wie Gott ihnen gegen die Übermacht des Pharao zur Freiheit verholfen hat. Aber nun haben sie Hunger und das alles vergessen. Sie bedrohen Mose.

Es ist ja wohl so, dass Menschen, wenn sie solchen Mangel leiden müssen, nicht nur Hunger haben, nein sie sind nur noch Hunger. Ein Mensch mit so großem Mangel droht seine Würde zu verlieren. Solche Geschichten haben wir doch immer wieder gehört.

Berthold Brecht hat ja wohl Recht, wenn er in der Dreigroschenoper die Spelunken - Jenny singen lässt: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“.

In der Wüste kriegen sie was zu essen. Gott sorgt wieder für sie. Sie kriegen Manna, eine ganz sonderbare Speise, die vom Himmel regnet. Man weiß bis heute nicht, was das wirklich war. Aber es gilt immer noch als Bild einer himmlischen Speise. Davon, wie Gott für die Sei-nen gesorgt hat.

Ganz anders die Herrschenden, z.B. im alten Rom. „Brot und Spiele“ ist ein Schlagwort. Da gibt es Arme, Sklaven, die werden ausgebeutet, als Sklaven und können sich von ihrem Lohn nicht mal ernähren. Der Herrscher verteilt (oder lässt verteilen) an sie Speisen. Damit kriegt er bei ihnen Ansehen und verhindert Aufstände. Praktisch nicht war. Auf diese Weise können die Armen dann weiterhin ausgebeutet werden.

Kaiser Caligula - da ist er noch einigermaßen bei Verstand (später ernennt er ja ein Pferd zum Senator) - treibt es noch weiter: Im Jahr 40 nach Christus erhebt er den 'Serapis-Kult' zum Staatskult. Den gab es schon vorher auch. Aber Caligula macht ihn eben zum Staatskult. Der 'Serapis-Kult' besteht aus üppigen Speisegelagen, die ein umfangreiches, wir würden heute sagen: Catering erfordern; viele Kalkulatoren, viele Einkäufer, Köche und Servierer sollen dabei gewesen sein. Diese Speisegelage werden im Namen eines Gottes, in dem sich Osiris und Apis, ägyptische Götter für Fruchtbarkeit, Heilung und Heil, verbinden, und zugleich zur Mehrung der kaiserlichen Macht gefeiert.

Vermutlich kannten die Jünger diesen Kult. Weder Betsaida noch Kapernaum, die Städte am See Genezareth, lagen aus der Welt. Sie lagen an Handelsstraßen. Und der getrocknete Fisch aus dem See Genezareth war eine in Rom geschätzte Delikatesse.

Ich denke, die Speisung der Fünftausend war gar nicht so unpolitisch, wie das scheint. Das wird nach dem Gesagten ja auch deutlich. Tatsächlich musste Jesus seine Jünger nach der Speisung auch schnell zum Aufbruch drängen. Da war die Gefahr, dass die Leute ihn in ihrer Begeisterung zum Brotkönig machen würden! Jesus als der Brotkönig! Was für eine Vorstellung.

Aber zurück zu unserer Geschichte, die ich oben ja verlassen habe. Also, die Jünger erinnern Jesus daran, dass die Leute was zu Essen gebrauchen. Man kann sie in dieser einsamen Gegend nicht einfach allein lassen.

Jesu Antwort überrascht die Jünger: „Gebt ihr ihnen doch zu Essen!“

So eine Buchhaltermentalität, wie die Jünger sie dann bringen, kenne ich auch gut: Sie zählen nach und stellen fest: Das reicht nicht! Wir haben viel zu wenig. Fünf Brote und nur zwei Fische für so viele Menschen, das reicht einfach nicht. Ich kann mir richtig vorstellen, wie sie hektisch werden und überlegen, woher kriegen wir noch was. Also Geld zusammenkratzen und überlegen, wo können wir einkaufen.

Sie haben mit Jesus so viel erlebt, sie könnten auch einfach Vertrauen haben. Sie könnten den Glauben haben, dass Jesus sie nicht zu etwas auffordert, was nicht erfüllbar ist. Sie könnten Glauben haben!

Aber es geht auch nicht ohne Organisation. Jesus veranlasst, dass sie Menge strukturiert wird und sich in übersichtliche Gruppen von etwa 50 Personen lagert. Wir wissen doch heu-te, dass eine übersichtliche Gruppe andere Beziehungen aufbaut, als eine unübersichtlich große Menge von Leuten. In der übersichtlichen Gruppe gilt der Einzelne was. Man sieht ihn, man kann auf seine Bedürfnisse eingehen, man kann miteinander reden. Ja man kann ihn überhaupt ansehen. Man bleibt auch nicht mehr anonym und muss sich schon mit dem was man tut, vor dem Anderen verantworten.

All das ist in einer großen Menge von Leuten nicht der Fall. Eine große Menge ist viel leichter verführbar, Diktatoren nützen das weidlich aus, wie wir alle wissen.

Als die fünftausend Menschen sich gelagert haben, nimmt Jesus die Brote, sieht zum Himmel auf und spricht ein Dankgebet und dann teilt er sie. Müsst ihr da nicht auch an das Abendmahl denken. Das Verteilen der Brote wird da richtig zu einer heiligen Handlung. So, als würde Jesus ein Stück von sich selbst verteilen.

Mich wundert es nicht, dass alle satt werden. Wir können ja lange spekulieren, was dort eigentlich passiert ist. Und Spekulationen gibt es haufenweise.

Fünf Brote und zwei Fische – und alle werden satt: Die Geschichte handelt doch von Jesus Christus selbst., von ihm als dem Grundnahrungsmittel des Glaubens und der Christenheit. Er selbst ist die Speise, die weitergegeben werden soll. Wenn er dazu auffordert – ja auch uns alle: Gebt ihr ihnen zu essen.

Indem sie Jesus Christus als Lebensbrot und Lebenswort weitergibt, zum Beispiel beim Abendmahl, traut sie mit kleinen Mitteln den großen Kräften, die ihr gegeben sind und kann solche brisanten Geschichten erzählen. Dabei wächst sie von selbst. Von den fünf Broten bleiben zwölf Körbe übrig. Zwölf – wieder eine Gotteszahl: Das vereinte und vollendete Volk Gottes.

Fünf Brote und zwei Fische – und alle werden satt. Es ist nicht das Wunder, das meinen Glauben weckt. Es ist der Glaube, es ist der Blick auf Jesus Christus selbst, der mich das Leben, das Sattwerden, das geliebt Werden, die Fülle der Gaben und Begabungen als Wunder wahrnehmen lässt.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Klaus Dieter Philippsen.

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