Predigt vom 23. September 2007

Sunday, September 23, 2007 11:24:00 AM Categories: Archiv '06 - '08

Lk. 7, 11 - 16 (Totenerweckung zu Nain)
Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

 (11)Bald darauf ging Jesus nach Nain. Seine Jünger und viele Leute folgten ihm. (12) Als sie in die Nähe des Stadttors kamen, trafen sie auf einen Trauerzug. Der einzige Sohn einer Witwe sollte beerdigt werden, und zahlreiche Bewohner der Stadt begleiteten die Mutter. (13) Als der Herr die Witwe sah, tat sie ihm sehr leid, und er sagte zu ihr: „Weine nicht“. (14) Dann trat er nä-her und berührte die Bahre. Die Träger blieben stehen. Jesus sagte zu dem Toten: „Ich befehle dir: Steh auf“. (15) Da richtete er sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter zurück. (16) Alle wurden von Furcht gepackt; sie priesen Gott und riefen: „Ein großer Prophet ist unter uns auf-getreten! Gott selbst ist seinem Volk zu Hilfe gekommen!“

Das waren wohl zwei Züge, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Da der Trauerzug der aus der Stadt kam und dann der Zug mit Jesus und seinen Jüngern und den Leuten die mitzogen, die in die Stadt reinwollten.
Der Zug um Jesus mit Leuten, die eine längere Wanderung hinter sich hatten. Die Menschen haben sich zu Jesus gesellt, weil sie merkten, der ist was besonderes. Sie hatten erlebt, dass er ihnen was zu sagen hatte. Er hat ihnen eine Perspektive eröffnet. Sie hatten Zuversicht gewonnen, konnten voller Freude wieder in die Zukunft sehen. Sie sahen einen Sinn im Leben. Und sie hatten in Jesus einen Menschen erlebt, der sie ernst nahm, bei dem merkten sie, dass sie was wert sind. Und, oft hat man ja eine bestimmte Angst, großen Menschen gegenüberzutreten, man fühlt sich so entsetzlich klein ihnen gegenüber. Genau das war bei Jesus nicht der Fall.
Natürlich waren auch Leute dabei, die auf irgendeine Sensation warteten. In der Nähe Jesu passiert doch immer was, und wenn er sich auch nur ein Streitgespräch mit den Pharisäern lieferte. Pharisäer sind schrecklich ordentliche und fromme Menschen, die, weil sie so fromm sind, Gott für sich gepachtet zu haben scheinen. Ein bisschen guckten sie auf alle anderen herunter. Ich kann mir die heimliche Freude schon vorstellen, die einfache Menschen emp-finden müssen, wenn diese Pharisäer im Streitgespräch mit Jesus einfach alt aussehen und den Kürzeren ziehen.
Aber dann kommt da der andere Zug. Die arme Frau muss diesen Weg schon zum zweiten Mal gehen. Ihr Mann war gestorben, so war ihr Sohn der einzige Sinn in ihrem Leben geblieben. Man muss wissen, es gab ja keine Rentenversicherung. So hatten die Kinder für ihre Eltern aufzukommen. (Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange le-best in dem Lande, das dir der Herr dein Gott, geben wird, heißt das 4. Gebot!). Und nun war da niemand mehr. So hatte die arme Frau nur noch die Alternative, von Almosen zu leben. Zu der Trauer um den geliebten Sohn, dass er so unwiederbringlich weg ist, kommt noch die wirtschaftliche Unsicherheit. Die Trauer, dass sie trotz all ihrer Liebe zu ihrem Kind, es nicht bewahren konnte, dass es mitten im Leben so unwiderrufliches Zerreißen von Gemeinschaft, Hoffnungen und gegenseitiger Freude geben kann. Sie kann nur weinen, sie ist untröstlich.
Viele Einwohner von Nain zogen mir ihr, trauerten mit ihr. Vielleicht war sie und ihr Sohn in der Stadt beliebt.
Und nun stoßen diese beiden so unterschiedlichen Züge aufeinander. Die Straße ist vermutlich so eng, dass sie nicht einfach aneinander vorbei kommen können.
Wie geht es uns eigentlich, wenn wir so mit dem Tod konfrontiert werden? Durch die Medien kriegen werden wir ja tagtäglich Tod und Sterben zu sehen. Trotzdem, wie geht es uns, wenn wir direkt in unserer Nähe mit dem Tod konfrontiert werden?
Da bekommt ein naher Angehöriger die Diagnose „Krebs“. Da schreckt man zurück. So oft habe ich gehört, dass Ehen daran kaputt gegangen sind. Man möchte den Anderen nicht belasten und will nicht drüber reden. Man hat Angst, aber man verdrängt sie, um dem Anderen nicht noch mehr Sorgen zu bereiten. Ja, man kriegt auch ein bisschen Angst vor dem Kranken, als könnte das anstecken. Wir sehen ja auch immer den eigenen Tod, wenn wir mit dem Tod Anderer konfrontiert werden. Weil jeder daran denkt, es aber nicht darüber gesprochen wird, weiß man bald nicht mehr, was man überhaupt miteinander reden soll. Man lebt aneinander vorbei! Gute Ehen sind daran schon zerbrochen. Dabei wäre ein Gespräch so hilfreich. Wenn man zusammen über seine Sorgen reden könnte, vielleicht sogar zusammen weinen könnte. Das würde so viel Druck aus der Beziehung nehmen.
Ich bin meiner alten Mutter heute noch unendlich dankbar. Sie war „alt und lebenssatt“, wie die Bibel so sagt. Sie wusste dass sie bald sterben würde. Und da hat sie mich zu sich gebeten. Da waren ein paar Konflikte, die ganz weit zurückreichten. Darüber haben wir gesprochen und wir baten uns gegenseitig um Verzeihung! Und dann haben wir ihre Trauerfeier und was sonst noch nötig ist, besprochen. Ich glaube ich habe mich ihr nie so nahe gefühlt. Da war eigentlich mehr eine Freude über die Nähe als die Trauer über den baldigen Tod. Irgendwie war der ganz natürlich.
Aber ganz anders hier in unserer Geschichte. Da war ein junger Mann aus dem Leben gerissen worden. Wir wissen nicht, was geschehen war. Aber ein solcher Tod ist immer unbegreiflich, ist schrecklich und erscheint so grenzenlos sinnlos.  Wir hören, dass die Mutter weinte.
Jesus bleibt nicht einfach stehen, er schaut hin. Er lässt sich von dem Leid der Mutter berühren. Und er hatte nicht einfach „Mitleid“, nein, sie tat ihm sehr leid.
Menschen mit Mitleid leiden mit. Sie begeben sich in dieselbe Situation wie der Leidende. Um es in einem Beispiel zu sagen: Wenn Jemand in die Grube gefallen ist, springt der Mitleidende hinterher und dann sitzen sie beide ausweglos drin.
Wenn es Jemanden leid tut, dann fühlt er das Leid des Anderen, weiß aber, dass er eben nicht selbst in der Grube sitzt. Weil er aber das Leid fühlt, möchte er es ändern.
Jesus tritt an, es zu ändern. Er sieht und fühlt das Leid der Witwe. So geht er auf sie zu und sagt: „Weine nicht.“
Was ist das für eine Zumutung! Die Frau hat doch alles Recht der Welt, zu weinen. Was für ein großes Glück, dass sie das überhaupt kann. Sie könnte auch auf alle Welt wütend sein, dass ihr das nun passiert ist. Oder sie könnte voller Selbstvorwürfe sein: Warum konnte ich mein Kind denn nicht besser schützen. Warum musste ich so versagen. Was bin ich für eine schlechte Mutter. Nein, sie trauert und sie weint.
Wir können es ja nicht ertragen, wenn Jemand weint. Unser „Weine nicht“ kann auch bedeuten: Ich will deine Not nicht sehen. Mach ein fröhliches Gesicht, sonst geht es mir schlecht.
Und da kommt nun Jesus und sagt: „Weine nicht!“ „Es ist gut, dass du weinen kannst“ müsste er eigentlich sagen. Er aber „Weine nicht!“
Die Witwe tat ihm leid, trotzdem mutet er ihr das zu. Eine Zumutung an die Witwe, noch bevor irgendetwas geschieht. Sie fordert viel Glauben von ihr. Wohl gemerkt: Das darf nur Jemand sagen, der den Grund des Weinens ändern kann. Soll man Jesus das zutrauen? Er geht jedenfalls auf die Bahre zu und berührt sie.
Das alleine ist ungeheuerlich. Jesus verunreinigt sich dadurch wenn er einen Toten oder auch nur die Bahre anfasst, auf der er liegt. Er ist damit kultisch unrein. Man darf etwas, was unrein ist, nicht berühren. Können wir uns nicht mehr vorstellen, weil wir das nicht kennen. Unrein bedeutet, er ist vorübergehend aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Er muss sich erst wieder reinigen, eine umfangreiche Prozedur. Aber Jesus sieht das Leid der Witwe und das ist für ihn viel wichtiger.
Klar blieben die Träger nun stehen. Jesus muss eine solche Autorität ausgestrahlt haben, dass sie gar nicht anders konnten.
Ganz herrscherlich wendet sich Jesus dem jungen Mann zu. Schon die Tatsache der Anrede bestreitet, dass hier der Tod einen Menschen so in Gewalt bekommen habe, das er ihn hindern könnte, das Wort seines wahren Herrn zu hören. „Ich befehle dir, Steh auf!“
Und noch einmal drückt der Evangelist Jesu herrscherliche Gewalt aus, durch das, was der Auferweckung folgt: Wie über ein Eigentum verfügt Jesus über den jungen Mann. Als Geschenk aus Jesu Hand nimmt die Mutter ihn in Empfang. Jesus gibt, wie allein Gott geben kann.
All die Menschen, die dabei sind, erschrecken. Sie erschrecken, wie man immer erschrickt, wenn Gott so vor unseren Augen irgendwo eingreift, wenn man die Nähe Gottes, wenn man den Windzug seines Vorbeigehens fühlt. Wenn man fühlt, dass er nah ist.
„Gott hat sein Volk heimgesucht“ sagen die Leute, oder in unserer Übersetzung: „Gott selbst ist seinem Volk zu Hilfe gekommen.“
Gott selbst macht deutlich, dass er die Macht hat, auch die Macht über den Tod. Jesus zeigt uns hier, dass in seiner Gegenwart mit dem Tod einfach nicht alles aus ist, dass es weitergeht.
Wisst ihr, Jesus hat nicht allen Menschen geholfen. Er hat nicht alle Toten auferweckt, und nicht alle weinenden Witwen getröstet. Er hat nicht alles Leid in der Welt abgestellt. Und auch der Jüngling zu Nain musste wieder sterben.
Aber er hat uns gezeigt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Und das wird sich auf unser Leben auswirken.
Amen.

Klaus Dieter Philippsen

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