Predigt vom 8. März 2009 Markus 12, 1 - 12 (Das Gleichnis von den bösen Weingärtnern)

Sunday, March 8, 2009 10:34:00 AM

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Geht es Euch auch so, liebe Gemeinde. Man steht vor dem Text und denkt sich: Was ist das für ein sonderbarer Weinbergbesitzer, fast ein Trottel. Hinterlässt den Pächtern einen gut eingerichteten Weinberg und dann halten die sich nicht an die Vereinbarungen, und der Weinbergbesitzer lässt sich das gefallen. Ja, er schickt immer wieder einen Mitarbeiter hin, die Pacht zu holen, aber die werden gedemütigt und misshandelt, ja sogar getötet. Ich hab mich erst mal darüber geärgert. Was ist der Mann für ein Romantiker, und seine Mitarbeiter müssen das erleiden, den Umgang mit den geradezu kriminellen Pächtern. Das ist ja auch eine Demütigung des Weinbergbesitzers selbst. Und der wehrt sich überhaupt nicht! Das soll nun einer verstehen!


Dabei hat der schon eine große Vorleistung erbracht. Er legt den Weinberg an. Da müssen Steine beiseite geräumt werden. Dann wird der Boden bereitet, er muss gedüngt werden, sonst wächst ja nichts. Schließlich werden die Weinstöcke gepflanzt. Das sind bestimmt edle Weine, vielleicht Merlot oder Muskat. Dann muss der Weinberg ja geschützt werden, vor wilden Tieren, vor Räubern und Dieben. Er errichtet also einen Zaun vielleicht sogar eine Mauer rund um den Weinberg. Ein Turm wird aufgebaut. Während der Arbeit kann man dort wohnen, und man kann den Weinberg überblicken. Schließlich errichtet er noch eine Kelter. So kann der Most aus den Trauben gewonnen werden. Also er errichtet eine komplette Anlage, mit Allem was gebraucht wird. Eigentlich kann man davon nur träumen.

Und dann will er verreisen. Er sucht sich Pächter, die den Weinberg übernehmen. Anders als bei uns wird als Pacht vereinbart, einen Teil der Ernte dem Verpächter zu überlassen. Das ist ja eine ideale Form für die Pächter. Sie brauchen praktisch kein Kapital, sondern können die ganze Anlage einfach übernehmen und zahlen erst, wenn sie selbst Gewinn haben.
Und dann das! Sie weigern sich einfach die Pacht zu bezahlen. Ja, sie verhöhnen den Weinbergbesitzer auf das schlimmste.

Liebe Gemeinde, dass es nicht einfach um einen Weinberg bei unserem Gleichnis geht, um Landwirtschaft oder Betriebswirtschaft, das ahnen wir, wenn wir das Ende des Gleichnisses lesen. Zum Schluss schickt der Besitzer sogar seinen Sohn. Und den töten sie. Na, wir ahnen doch, wen Jesus damit meint? Doch das später.

Jesus erzählt das Gleichnis Juden. Jeder Jude kennt das Weinberglied des Jesaja. Wir haben es vorhin in der Lesung gehört. Wenn Jesus ein Gleichnis über einen Weinberg erzählt, schwingt dieses Wissen immer mit. Von der Form her ist das Weinberglied ein Gedicht. Es beginnt wie ein hübsches Lied. Und dann endet es entgegen der Erwartung der Zuhörer mit einer schweren Anklage. Ich will das Ende des Weinbergliedes nach einer modernen Übersetzung nochmal zitieren, da wird es noch deutlicher:

Der Weinberg des Herrn seid ihr Israeliten
sein Lieblingsgarten, Juda seid ihr!
Er hoffte auf Rechtsspruch – und erntete Rechtsbruch
statt Liebe und Treue
nur Hilfeschreie!

Noch schroffer eine andere Übersetzung:
Er hoffte auf Guttat
und erntete Bluttat

Das Ende des Weinbergliedes bei Jesaja. Bei Jesaja gilt der Weinberg als Bild des Volkes Israel. Und Gott, so Jesaja, ist bitter enttäuscht über das Verhalten seines Volkes, wie wir gehört haben. Er will Gerechtigkeit, aber da ist nur Streit und Manipulation des Rechts, nur Selbstsucht auf Kosten der Ärmeren. Jeder, der die Macht dazu hat, bereichert sich, ohne jede Rücksicht.

Und was passiert? Gott wird die schützende Mauer niederreißen und den Weinberg der Zerstörung überlassen, das haben wir ja vorhin gehört.


Soweit das Weinberglied des Jesaja. Unser Text ist anders. Bei Jesaja hat der Weinberg versagt, indem er keine Frucht brachte. Der Weinberg hat da für Gott anscheinend seinen Wert verloren.


Hier sind die Pächter unverschämt. Sie wollen die Pacht nicht bezahlen, sie wollen den ganzen Ertrag des Weinberges für sich haben. Zum Schluss bringen sie auch noch den Sohn des Verpächters um. Sie wollen alles haben, als wären sie sich nicht im Klaren darüber, dass der Verpächter dann doch immer noch da ist. Sie denken, wenn der Erbe nicht mehr da ist, bekommen sie den ganzen Weinberg für sich. Dann können sie wirtschaften, wie sie wollen, sie brauchen sich um Niemanden mehr kümmern. Aber der Besitzer ist ja noch da! Haben sie darüber nicht nachgedacht? Er wird hingehen, die untreuen Pächter bestrafen, ja sie töten und den Weinberg wird er Anderen geben. Das steht da!

Es wird doch ganz deutlich, dass mit dem Weinbergbesitzer Gott gemeint ist. Und die Boten, damit sind die Propheten gemeint, die in Israel nie einen leichten Stand hatten. Aber wo haben sie den schon. Das Gleichnis macht auch deutlich, die riesig große Geduld Gottes. Was wie Trotteligkeit aussieht, ist die Geduld, Langmut und die Liebe Gottes mit seinem Volk. Gott schlägt nicht zu, er vertraut immer wieder auf die Vernunft der Menschen.


Er schickt zuletzt sogar seinen Sohn und macht den Pächtern ein großes Angebot. Sie könnten sehen, dass Gott es immer noch gut mit ihnen meint. Aber auch das schlagen sie aus.


Aber Gottes Geduld ist nicht grenzenlos. Spätestens jetzt wird er handeln. Er kommt selbst, wirft die untreuen Pächter hinaus, ja gibt sie dem Tod preis. „Bildet euch ja nicht ein, Ihr seid der Eckstein“, sagt Jesus zu den führenden Priestern, den Gesetzeslehrer und den Ratsältesten, die um ihn herumstehen. Der Eckstein, das muss man wissen, ist der Abschlussstein in einem Torbogen, der muss besonders gut behauen sein, ist besonders wichtig , lastet doch der ganze Bogen auf ihm. Nimmt man ihn heraus, bricht der Bogen zusammen.
„Bildet Euch nicht ein, ihr seid was so Besonderes, dass Gott auf euch nicht auch verzichten kann. Gott kann“, sagt Jesus. Schon der Psalm 118 erzählt, dass Gott auch aus einem Abfallstein, also aus einem Stein, den die Bauleute auf den Müll geworfen haben, einen Eckstein, einen tragenden Stein machen kann.

Nun wird es gefährlich! Oft wurde der Text so ausgelegt, dass die Juden nun bei Gott verspielt haben. Sie haben vor Gott versagt, haben Jesus gekreuzigt und sind so aus dem Weinberg vertrieben worden. Gott habe die Juden fallen gelassen und dafür treten wir Christen an ihre Stelle. Das Heil liegt nun nicht mehr auf den Juden, nein auf den Christen.

Die Interpretation eines solchen Textes ist einer der Gründe für all das Leid, das – besonders wir Deutschen – den Juden angetan haben.
Aber das sagt der Text doch gar nicht. Es sagt doch auch, dass die führenden Priester und die Anderen sich nicht trauten, gegen Jesus vorzugehen, wegen des Volkes. Jesus kann die Juden schlechthin nicht meinen. So ist eine solche Interpretation einfach falsch!

Der Text richtet sich an uns alle. Und das mit einer gänzlich politischen Forderung. Die Pächter haben einen kompletten Weinberg bekommen um ihn zu bewirtschaften, um für ihn zu sorgen, ihn sorgsam zu behandeln und durchaus auch seinen Ertrag zu ernten und zu genießen, aber immer in dem Wissen, dass sie nur Pächter sind und keinesfalls die Besitzer. Und das manifestiert sich dadurch, dass der Verpächter seinen Anteil einfordert. Der steht ihm doch zu.


Plötzlich sind wir die Weinbergpächter. Will uns Jesus hier sagen, dass alles, was wir anscheinend besitzen, lediglich zur Pacht überlassen ist. Unser ganzer Besitz. Wir sind nicht wirklich die Eigentümer, alles gehört Gott. Und wir sind die Pacht schuldig. Dann bekommt schon Vieles ein ganz anderes Gesicht.
Dazu könnte man noch viel sagen, auch in Hinblick auf die Bitte um Kollekte. Aber so griffig sind Bibeltexte nun wieder auch nicht.

Ich möchte zum Schluss noch versuchen, das Gleichnis vom Weinberg ganz anders zu erzählen, so dass es die Geschichte eines jeden von uns sein kann.

Ist nicht die Seele eines jeden Menschen, der zur Welt kommt, unter den Augen Gottes wirklich wie ein Weinberg, darinnen alles angelegt ist aus den Schöpferhänden Gottes, so vollendet und schön, wie es sorgsamer gar nicht einzurichten wäre? Es ist wahr, dass Gott diesen Weinberg unserer Seele immer wieder anderen Menschen, seinen „Pächtern“; anvertrauen muss; wir selber sollten uns begreifen niemals als Herren und als Eigentümer des uns anvertrauten; in jedem Augenblick sollten wir wissen, dass wir nur ein geliehenes Gut bekommen haben, das heranreift zu einer Vollendung zu einer Schönheit und zu einer Fruchtbarkeit, die allein Gott gehört.

Welch eine Kunst ist es, diesen Weinberg Gottes, die Seele, also das Innerste eines Menschen zu seiner Bestimmung reifen zu lassen! Um dem zu entsprechen, müssten die Worte, die wir miteinander tauschen, so leicht sein wie der Wind, der die Blätter des Weinlaubs durchweht und mit seinem milden Atem belebt. Unsere Augen müssten so warm und hell sein wie die Sonne am Himmel, die den reifenden Früchten den Mut gibt sich zu entfalten, und ihnen Süßigkeit verleiht zur Zeit der Vollendung. Und das Tun unserer Hände müsste so befruchtend sein wie der Morgenregen und so erfrischend wie der Tau auf den Blättern. So sollten wir einander reifen lassen, im „Weinberg des Herrn“.

Warum ist es bloß so schwer, so zu leben?

Es wäre vermessen, wenn ich diese Frage hier umfassend beantworten wollte. Nur soviel: Wir vergessen immer wieder, dass das alles nur geliehen ist, dass wir nicht die Eigentümer sind, auch nicht der Menschen, mit denen wir zu tun haben. Manchmal nennen wir das Verantwortung, was wir Anderen, vielleicht auch unseren Kindern, antun. Die sollen das doch mal besser haben. Die sollen nicht unsere Fehler machen, wir wollen sie vor Fehlern behü-ten. Das nennen wir dann Verantwortung. Ich weiß ja von mir selbst, wie ich mein großes Wissen anderen weitergeben muss. Ich käme mir ja richtig gut vor, wenn der das annehme.

Aber was passiert, das zarte Pflänzchen verliert ein Blatt, weil ich es eingeengt habe. Oh hätte ich doch einfach nur zugehört.

Ich komme auf das Gleichnis zurück: Wenn wir so mit unserem vermeintlichen Besitz, dem Weinberg, umgehen, dann sind Boten Gottes ziemlich lästig. Dann können sie sich schon mal eine blutige Nase abholen. Wir können sie einfach nicht gebrauchen, weil sie stören. Was sie uns sagen wollen, wohin sie uns weisen, läuft unserem Willen so was von entgegen, dass wir sie abwehren müssen. Könnten wir doch mehr zuhören!


Ich möchte abschließen mit einem Gedicht von Rainer Maria Rilke, das uns bestimmt verwirrt zurücklassen wird.

Aber hört selbst:
Ich fürchte mich vor der Menschen Wort,
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
Und hier ist Beginn und das Ende ist dort.
Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott;
Sie wissen alles, was wird und war;
Kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
Ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.
Ich will immer warnen und wehren: Bleib fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Klaus Dieter Philippsen

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