Ev. Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen - Bremen

 

Predigt von Prof. Dr. Michael Trowitzsch am 5.2.2012

Monday, February 6, 2012 7:22:00 AM Categories: in Arsten Sonntagsgottesdienst

Predigt von Prof. Dr. Michael Trowitzsch im Gottesdienst am 3. Sonntag vor der Passionszeit, 5. Februar 2012, St.Johannes-Kirche Arsten - Professorenpredigt


Der Meister der Geduld


„Meister der Geduld“ nenne ich ihn heute einmal eine etwas geheimnisvolle Gestalt. Ich habe ein Treffen mit ihm. Ich bin sehr gespannt. Ich, das ist einer, der auszieht, die Geduld zu lernen. Ich habe jetzt ein Gespräch mit dem Meister der Geduld. Er läßt mich nicht warten. Er kommt pünktlich zu diesem Treffen, [10 Uhr 28], denn er weiß, wie ungeduldig ich bin.
Er ist ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt habe. Die Geduld, habe ich gedacht, ach, die Eselsgeduld. Ein Meister in der Kunst der Geduld – wahrscheinlich doch ein Langweiler, und zur Veranschaulichung hat er seinen alten, klapprigen Esel mitgebracht. Ich habe gedacht, er sei vielleicht behäbig, schwerblütig, mit schläfrigen Augen und laschem Händedruck. Aber nein! Er ist ganz anders – ein anderer Meister, ein verkannter Meister, jedenfalls von mir bisher verkannt. Der mir da entgegenkommt – wie sieht er aus? Nicht leicht zu beschreiben. Sagen wir wie ein beliebiger Landwirtschaftsminister der CSU: klug, doch ich sehe ein bißchen Schwarz unter seinen Fingernägeln. Er weiß etwas von Säen und Warten und Ernten, von Frühregen und Spätregen. Aber vor allem: Er ist vollkommen geistesgegenwärtig, mit hellem Blick, ein ausgeschlafener Typ und bei allem seltsam schwerelos. Das soll der Meister der Geduld sein? Ich habe wohl noch viel zu lernen. Kann der wirklich geduldige Mensch also hellwach sein, ganz präsent und ausgeschlafen? Wie kann das sein? –
„Was ist los mit dir?“ fragt er. Sein Blick ist durchdringend und ernst. Und sein Ernst nimmt mich ganz gefangen. Ich spüre es: Ich bin ihm die Wahrheit schuldig, wir sind einander die Wahrheit schuldig.
Da überstürzen sich meine Worte: „Ich bin zutiefst ungeduldig. Ich wehre mich dagegen – aber bin ich nicht doch vollständig ein Kind meiner Zeit? Hektisch und wie am Schlaf gehindert, und das Gesetz heißt Beschleunigung. Es muß schneller geforscht werden, es muß schneller geatmet werden. Ich laufe und laufe – bis in den Traum hinein. Es geht mir fast alles zu langsam. Ich lebe zu schnell. Ich lebe wie einer, der fortwährend etwas versäumen könnte. Darum tue ich möglichst viele Dinge gleichzeitig. Und wenn Gerhard Schöne singt: ‚Wenn ich schlafe, schlafe ich. Wenn ich aufsteht, steh ich auf’, dann muß ich sagen: So ist es bei mir nicht. Wenn ich schlafe, steh ich schon auf. Wenn ich aufsteh, geh ich schon. Wenn ich gehe, eß ich schon ... Ich bin nicht ich. Ich bin nicht hier, und ich bin nicht jetzt. Ich bin fast immer unaufmerksam für das mir heute Gewährte. Irgendwie unfähig, das mir schon Gegebene und Gewährte wirklich wahrzunehmen, geschweige denn anzuerkennen, unfähig dazu, werde ich die Lebensgier nicht los. An allem ist etwas zu wenig. Gaben werden mir sofort zu Aufgaben. Ich nehme mich so schwer. Ich lebe hinter mir her. Ich kann nicht verweilen. Ich kann nicht warten. Ich bin zutiefst ungeduldig, [10 Uhr 32]. Aber das Wort ‚Geduld’ sagt mir auch nichts. Ich denke dann gleich an Beschwichtigung, an den ergebenen Untertanenblick, an die Eselsgeduld. Ich bin eben zutiefst ungeduldig. Und wenn ich glaube, zweifle ich schon. Manchmal denke ich an Franz Kafka aus Prag. Der hat gesagt: Die menschliche Hauptsünde ist die Ungeduld ...“
Er schaut mich nachdenklich an. „Leg erstmal deine Uhr ab!“
Dann macht er einen Vorschlag: „Wir machen folgendes: Wir gehen zusammen in Gedanken einen Weg, Schritte des Glaubens. Ich sag es dir gleich: Dein entscheidender Schritt ist zu klein statt zu groß. Im entscheidenden mußt du einen größeren Schritt tun. Aber Geduld! Eins nach dem anderen! Du sollst jetzt in Gedanken und in deiner Vorstellung einmal in deine Zukunft gehen. Du sollst einmal vorauslaufen, und dann sollst du sagen, was du in deinem Innern siehst. Geh ein wenig in Gedanken voraus in der Zeit! Zuerst ein wenig und dann weiter.“
„Bis heute nachmittag?“ frage ich etwas verwirrt.
„Schon ein bißchen weiter“, lächelt er.
„Also gut, in Gedanken bis zum Ende des Jahres. das ist ja ziemlich weit. Aber je weiter nach vorn, desto unsicherer fühle ich mich“, sage ich.
„Was siehst du da vorn?“
„Es wird nebelhaft und immer dunkler“, antworte ich.
„Geh weiter!“, sagt er. „Lauf in Gedanken ganz bis ans Ende!“
Ich erschrecke: „Meinst du wirklich das Ende, das ganz Dunkle? Ich habe Angst, schon vor dem ernsthaften Gedanken.“
„Das ganz Dunkle meine ich.“ Er besteht darauf.
Ich versuche es, tief erschrocken. Ich laufe im Gedanken voraus in meinen eigenen Tod. Es ist furchtbar. Es gelingt auch nicht richtig.
Er läßt nicht locker. „Geh weiter!“
„Das kann ich nun nicht. Das ist zuviel“, rufe ich ganz hilflos.
Er antwortet nicht sogleich. „Ja“, sagt er dann, „gegen diese Grenze rennt deine Lebensungeduld an – deine Todesungeduld. Sie rennt furchtbar dagegen an. Ich bin dir die Wahrheit schuldig. Und so bestätige ich natürlich, daß du dann nicht wirst weitergehen können. Aber das ist auch nicht nötig. Etwas anderes wird geschehen, ein Entgegenkommen. Die Grenze wird niedergelegt. Christus wird dir entgegenkommen. Er wird dich geleiten. Er wird mit dir den großen Schritt tun. Er zieht dich hinüber ins ewige Leben. Es wird nicht dein Tag sein. Es wird der Tag des Herrn sein. Es wird deine Sterbestunde für dich der Tag sein, an dem der Herr kommt – auf seinem Weg. Christ, der Retter, ist da. Die vollkommene Freude wird dann sein. Weißt du, was ich meine?“
„Ja, wenigstens so ungefähr“, antworte ich. „Der Gedanke ist mir auch nicht ganz fremd. Du sagst, man braucht keine Sorge zu haben. Es ist alles getan. Es ist alles vollbracht. Fürs Jenseits ist gesorgt.“
„Genau das“, erwidert er leise. Seine Worte sind von schwerelosem Ernst. „Fürs Jenseits ist gesorgt. Um das Jenseits brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Christus hat alles vollbracht. Er, der Barmherzige, für dich gestorben, für dich auferstanden, wird dir entgegenkommen. Das ist gewiß. Und diese Gewißheit kann dein Herz stärken und es fest werden lassen. Lauf voraus, lauf in Gedanken schon einmal dorthin, im Gedanken und vielleicht sogar ein wenig im Gefühl. Ich meine das Voraussehen des Glaubens, den ganz großen Schritt vorwärts. Auf ihn kommt es an: auf das Sehen über den Tod hinaus, im Zutrauen auf Gottes große Geduld. Er hatte Geduld mit dir als Lebendem. Er wird Geduld mit dir haben als Gestorbenem. Er wird sagen: ‚Ich mache alles neu’. Was siehst du also?“
„Ich sehe den Tag des Herrn, einen strahlenden Tag, einen tiefen Frieden, die vollkommene Klarheit, die Schöpfung ins Licht getaucht, ich sehe Lebendigkeit, ein Mysterium, einen Zauber der Sinne. Ich sehe, was ich vorhin bei der Schriftlesung gehört und im Inneren gesehen habe: die Hütte Gottes bei den Menschen; er wohnt bei uns, ganz nah; er wischt die Tränen ab von unseren Augen und der Tod ist nicht mehr noch Leid noch Geschrei noch Schmerz. Und er sagt: Ich mache alles neu!“
Wir schweigen beide. Es ist vollkommen still. Zeit vergeht, ein schwereloser Moment, eine kleine Ewigkeit.
„Lauf in Gedanken dorthin!“, wiederholt er dann behutsam. „Im Namen Gottes: Das ist deine Zukunft! So wird es sein. Der Tag des Herrn. Ein großes ewiges Amen. Du kannst dich darauf verlassen.“ Er hält wiederum inne.
„Ein ungeheurer Weg“, sage ich aufatmend. „Am Ende – der Tag des Herrn. Du hast mir Schritte des Glaubens gezeigt. Und jetzt, Meister der Geduld, sind wir nun am Ende unseres Weges angekommen?“
„Nein“, antwortet er. „Noch nicht. Jetzt kommt sogar etwas ganz Wichtiges.“ Er erhebt ein wenig die Stimme. „Fürs Jenseits ist gesorgt. Aber nun kommt es für dich darauf an, von diesem Jenseits, von deinem Jenseits zurückzukommen in die Gegenwart. Das ist der Schritt des Glaubens zurück. Genau von dorther, von dieser Gewißheit her, von deiner eigenen ganz hellen Zukunft her, von Gottes großer Geduld, nämlich vom Tag des Herrn her ... zurückkommen in deine Gegenwart! Entwirf dich nach dorthin, und dann nimm dich von dorther zurück! Das sind die Schritte des Glaubens. Ein großes Ein- und Ausatmen. Nimm es also unbedingt mit zurück: dieses Wissen von deiner eigenen Zukunft, diese feste Gewißheit, diese Kostbarkeit, diese genaue Zielsicherheit, diese dir neue Leichtigkeit verleihende Sorglosigkeit, diese wunderbare, deine Zeit freigebende Entlastung. Nimm es aus dem Vorlaufen mit und trag es – wie einen Schatz – her in die Gegenwart. Dann kannst du es einbringen in dein Leben. Dann kannst du Gefühle und Gedanken deiner Gegenwart entlasten: entlasten nämlich von einer letzten Zukunftsangst. Diese Angst verdirbt die Gegenwart. Du brauchst aber den Gedanken an das letzte Dunkel nicht mehr wegzudrängen. Das letzte Dunkel ist nicht das Letzte. Christus kommt dir entgegen. Gott hat Geduld mit dir. Du brauchst dir deine Gegenwart nicht verderben zu lassen. Komm zu Atem. Nimm doch jetzt Wohnung in deiner Gegenwart!“
Es ist, als ob er mich sanft wieder absetzte in der Gegenwart. Ja, ich bin nun ganz gegenwärtig. Seltsam präsent geworden höre ich seine abschließenden Worte mit großer Aufmerksamkeit.
„Jetzt und hier“, sagt er, „kannst du, was dir jetzt schon gegeben ist, wahrnehmen. Da ist eben schon beim Wahrnehmen einiges zu tun! Das dir Gegebene, das dich umgibt – übersiehst du es? Es ist nämlich sehr viel! Nun kannst du dich ein wenig leichter nehmen. Nun kannst du in winterlicher Zeit Geduld auch mit dir selbst haben. Gaben verwandeln sich nicht sofort in Aufgaben – Gaben bleiben vielmehr Gaben, dazu da, genommen und genossen zu werden. Nun kannst du verweilen. Nun kannst du warten: immer wieder im Augenblick bleiben, in deinem Augenblick, im Augenblick ruhen, die Gegenwart aushalten und auskaufen und nicht fliehen. Und wenn du arbeitest, arbeitest du. Und wenn du feierst, feierst du. Wenn du schläfst, dann schläfst du. Und – vor allem – wenn du glaubst, dann glaubst du! Was dran ist, das tust du: was gerade dran ist, eins nach dem anderen. Das eine ist der Frühregen, aber das andere ist der Spätregen.“ Er schaut auf seine schwarzen Fingernägel.
Dann scheint er alles noch einmal zusammenfassen zu wollen. „’Das Gewährte wahrnehmen!’, sagt die Geduld. ’Hiergeblieben!’, sagt die Geduld. Du bist einer, der auszieht, die Geduld zu lernen. Magst du also, Lehrling der Geduld, eine kleine Satzfolge geschenkt bekommen über die Geduld? Die lautet so: Wer vorläuft in die große Geduld Gottes, kann beruhigt zurückkommen. Wer beruhigt zurückkommt, ist entlastet. Wer entlastet ist, kann im Augenblick ruhen. Wer im Augenblick ruht, kann geduldig sein. Das könnte wohl die Satzfolge der Lebensgeduld sein. Wie wollen wir diese Geduld aber schließlich nun nennen? Wir wollen sie Engelsgeduld nennen.“
Er schweigt. Es hat gesagt, was zu sagen ist. Er wartet geduldig, ob ich noch etwas erwidern will. Nein, ich glaube, ich habe es ungefähr verstanden. Wir schauen einander an.
Und dann, mit einem Mal, breitet er Flügel aus ... breitet er Flügel aus und fliegt davon, der Meister der Geduld mit dem Aussehen eines Landwirtschaftsministers, vollkommen begabt mit Engelsgeduld, der Engel mit den schwarzen Fingernägeln. Warum kann er fliegen, warum können Engel fliegen? Weil sie sich leichtnehmen. Wo fliegt er hin, der Meister der Geduld? Natürlich zurück ins Neue Testament, in den Jakobusbrief, Kapitel 5, Vers 7 und 8. Da gehört er hin. Texte sind Engel. –
Danke, du schöner Predigttext; danke, du schöner Engel; danke Meister der Geduld! Amen.

© Kirchengemeinde Arsten - Habenhausen