Predigt zum Volkstrauertag, 19. November 2006 mit Begehung des 340. Jahrestages des Friedensschlusses von Habenhausen

Sunday, November 19, 2006 10:10:00 AM Categories: Archiv '06 - '08

Als im Jahre 1666 die damalige europäische Großmacht Schweden Truppen in Richtung auf die Freie Reichsstadt Bremen entsandte, stand an der Spitze dieser Truppen der erfahrene, schlachtenerprobte Feldmarschall Carl Gustav von Wrangel.

Das ehemalige Erzbistum Bremen mit dem Bistum Verden, also im Groben das Land zwischen Weser und Elbe gehörte den Schweden schon. Es hieß nun Herzogtum Bremen und wurde von Stade aus regiert. Der Besitz der starken Festung Bremen, gesichert durch modernste Befestigungen, hätte Schwedens Position gegenüber den Nachbarstaaten erheblich gestärkt. Also versuchte man, es unter Druck zu setzen. Und, als das  nichts fruchtete, sollte eine Armee vor Bremen den Druck verstärken.

Jeder protestantischen Stadt war damals die grauenhafte Eroberung Magdeburgs durch die Truppen des bayrischen Feldmarschalls Tilly im Jahre 1631 in schrecklicher Erinnerung. Jeder wußte, was die Einnahme einer Stadt im Sturm bedeutete. Es gehörte die Erinnerung an das Massaker von Magdeburg zur Psychologie dieses schwedischen Aufmarsches vor Bremen. Vielleicht wollten sie Bremen nicht wirklich stürmen, manches spricht für diese Vermutung, aber sicher wollten sie den Schrecken einer Belagerung und die Ängste vor einem Sturm nutzen, um die Widerstandskraft Bremens zu brechen.

Es kam zu vielerlei Verhandlungen, von denen wir am Mittwoch ausführlich gehört haben. Bei einer dieser Verhandlungen, auf denen in der Regel beide Seiten eine zähe Kompromisslosigkeit an den Tag legten, kam ein Gewitter auf. Der bremische Delegationsleiter, der Syndicus, also Leiter der Staatskanzlei, Johann Wachmann, faßte dieses Gewitter als eine Erinnerung an die Größe Gottes auf. „Solange noch ein Gott regiert, der solche Wetter schickt“, meinte er, „braucht Bremen sich nicht zu fürchten. Denn dieser Gott wird solchen Rechtsbruch, wie Schweden ihn versucht, nicht ungestraft lassen.“

Vielleicht hat Johann Waßmann als frommer reformierter Christ die Worte  Königs David im 18. Psalm in den Ohren, als er das Gewitter sieht. Da heißt es nämlich:

„Die Erde bebte und wankte, und die Grundfesten der Berge bewegten sich und bebten, da er zornig war. Rauch stieg auf von seiner Nase und verzehrend Feuer aus seinem Munde; Flammen sprühten von ihm aus. Er neigte den Himmel und fuhr herab, und Dunkel war unter seinen Füßen. Und er fuhr auf dem Cherub und flog daher, er schwebte auf den Fittichen des Windes. Er machte Finsternis ringsum zu seinem Zelt; in schwarzen dicken Wolken war er verborgen. Aus dem Glanz vor ihm zogen seine Wolken dahin mit Hagel und Blitzen. Der Herr donnerte im Himmel, und der Höchste ließ seine Stimme erschallen mit Hagel und Blitzen. Er schoß seine Pfeile und streute sie aus, sandte Blitze in Menge und jagte sie dahin. Da sah man die Tiefen der Wasser, und des Erdbodens Grund ward aufgedeckt vor deinem Schelten Herr, vor dem Odem und Schnauben deines Zorns.“

Ich zweifle nicht daran, daß Johann Waßmann diesen Psalm kannte. Und ich zweifle nicht daran, daß er geglaubt hat, was da gesagt wird. Im Gewitter erkennt König David die Größe und den Zorn Gottes. Alles Toben der Elemente, alle Bedrohung, die darin liegt, alle Ohnmacht, die ich darin erleide, in tiefstem Schwarz, in Hagel und Donner, in Angst- es ist Gott, der mir darin begegnet, der da tobt und droht und zornig ist, warum auch immer.

Mir begegnet nicht immer der freundliche Gott. Er hat gar nicht Grund dazu, immer freundlich zu sein. Weder zu mir, noch zu dieser Welt und den Menschen, die da ihre Dinge treiben. Zuweilen tobt er.

Johann Waßmann weiß das. Er hat den ersten Schwedenkrieg, der 1554 zuende ging mit einem Vergleich, noch in Erinnerung. Er kennt die Schrecken des 30 jährigen Krieges vom Hörensagen, so, wie wir noch heute, nach über 60 Jahren, die Geschichten kennen, wie der Bremer Westen brannte in der Nacht vom 18. auf den 19. August 1944. Er weiß vom Krieg. Er weiß von dem, was droht. Und er hält sich an Gott. So, wie König David im 18. Psalm. Der dort beschreibt, wie es ihm ergangen ist.

Das ist ja so typisch für dieses großartige Buch der Psalmen. Daß da nicht rumphilosophiert wird über Gott. Sondern es wird die eigene Geschichte erinnert und aufgeschrieben und in Töne gesetzt und erzählt und gesungen von Generation zu Generation. Nie wollen wir vergessen, was passiert ist. Nie wollen wir vergessen, wie Gott uns im Schrecken entgegengestürmt ist, er war nicht für uns, sondern gegen uns- mit gutem Grund! Und nie wollen wir vergessen, wie er dann seine Hand ausgestreckt hat zur Rettung. Wir haben etwas zu erzählen, denn wir haben viel erlebt. Wir haben zu erzählen von eigenen Sünden und unglaublichem Übel, kein Volk hat so viel Übles getan, wie das deutsche. Es ist ohne Beispiel in der Geschichte, wie hier, bei uns, die Kinder Gottes, planmäßig, wie Ungeziefer vernichtet werden sollten und zu Millionen umgebracht wurden. Es stockt einem heute noch der Atem, wenn man nur daran denkt. Es gefriert einem das Blut, wenn man die Geschichten aus den Vernichtungslagern liest, die ja bestens dokumentiert sind. Man kann das gar nicht aushalten.

Es ist nicht unsere persönliche Schuld, aber es ist die Schuld unseres Volkes, zu dem wir nun einmal gehören, so, wie man zu einer Familie gehört, ob man will oder nicht. Niemals wird Segen darauf liegen, diese Zeit und diese Schuld zu begraben. Wir müssen damit leben und müssen diese Schuld tragen und unseren Kindern davon erzählen, so, wie Israel selber in den Psalmen seine Schuld nicht verdrängt, sondern vor Gott bringt.

Unser Volk hat unglaublich büßen müssen in den Schrecken des Krieges. Unglaubliche Rache hat es erlitten und Haß, all dieses. Auch das kaum zum Aushalten. Die Geschichten von Vertreibung, schamlosen Greueln, traumatisierten Kindern, kaltblütigen Flächenbombardements. Wo gehören solche Erfahrungen und solche Erlebnisse und solche Erinnerungen hin, wenn nicht vor Gott? Wo sollen wir das überhaupt aushalten, wo sollen wir das denn anders lassen und uns auch abnehmen lassen, auch die Last von unsern Gemütern abnehmen lassen, wenn nicht hier in der Kirche, wo wir stöhnen dürfen und seufzen und Tränen Vergiessen und all das Elend, all die Schuld und all das Übermaß an Unfähigkeit und Unglauben zur Sprache kommen kann?

Hier sind wir gemeinsam Menschen, hier müssen wir nichts leisten, nichts vorgeben, zu können, was wir gar nicht schaffen. Hier dürfen wir sein, was wir wirklich sind: Elende, arme Sünder, für die Gott sich nicht zu schade ist, seinen Sohn hinzugeben.

Es geht doch nicht um Philosophie an diesem Tag, es geht doch nicht um Spekulation. Es geht um unsere eigene Geschichte. Wir haben im ersten und zweiten Weltkrieg millionenfach Unrecht getan und Unrecht erlitten. Wir haben unsere Väter, Mütter, Geschwister, Freunde verloren und wir haben sie anderen ebenfalls genommen. Wir haben all das erlebt.

Und es ist kaum zu fassen, daß wir uns heute morgen ausgerechnet am heiligen Buch der Juden trösten, mit den Erfahrungen, die ein Jude gemacht hat. Auch ein Gewalttäter. Auch ein Kriegsherr. Der König David, dem Gott im 18. Psalm so augenfällig im Gewitter erschienen war. Wir stellen unsere Erfahrungen von Krieg und Gewalt, vom Zorn Gottes und seinem Toben neben seine Erfahrungen. Wir dürfen das. Und wir hören erschüttert, wie dieser jüdische König David dann schildert, wie er, als das Toben scheinbar seinen Höhepunkt erreicht und der Zorn Gottes alles aufwühlt, die Gnade erfährt und erlebt:

„Er streckte seine Hand aus von der Höhe und faßte mich und zog mich aus großen Wassern. Er errettete mich von meinen starken Feinden, von meinen Hassern, die mir zu mächtig waren; sie überwältigten mich zur Zeit meines Unglücks; aber der Herr warrt meine Zuversicht. Er führte mich hinaus in ’s Weite, er riß mich heraus; denn er hatte Lust zu mir.“

Ist das nicht auch unsere Erfahrung? Trotz allem?

Wir begehen heute den Volkstrauertag, der immer auch ein Bußtag ist. Zugleich denken wir an den Frieden, der hier vor 340 Jahren geschlossen wurde, ohne daß es zur großen Katastrophe kam. Auch damals wurde geschossen, getötet, geplündert und Verrat geübt. Aber es war, als ob Gott seine Hand hielte über unsere Vaterstadt. Wohl auch über die Schweden.

Das Gewitter, das der Syndicus Johann Waßmann als Zeichen der Größe Gottes deutete, war das Zeichen eines Sturmes, der dann doch an Bremen vorüberzog. Auch das gehört in unsere Geschichte. Auch das gehört zu den Erfahrungen, die wir unseren Kindern von Generation zu Generation weitergeben sollen. Wir können auch unsere Psalmen schreiben, denn wir haben auch unsere Geschichte mit Gott. Und dieser Habenhauser Friede ist die Geschichte sehr mühseliger politischer Arbeit, die Geschichte menschlicher, vielleicht auch religiöser Vernunft, die Geschichte des Segens, der im politischen Alltagsgeschäft liegt, in der Verantwortung für das Gemeinwesen, die nicht den großen Triumph verspricht, aber den konkreten und überlebensfähigen Kompromis, auch die Geschichte eines Geschenks, einer Gabe.

Im Gedenken an die beiden Weltkriege erschrecken wir vor Gottes gerechtem Zorn. Im Gedenken an den Habenhauser Frieden preisen wir seinen Segen und sehen, wie es auch hätte gehen können. Wir wollen Gott bitten, daß er die Unvernunft und den Wahnsinn, denen wir in den beiden Weltkriegen verfallen sind, dem Rausch eigener Größe, nie wieder über uns kommen läßt. Deshalb wollen wir die Erinnerung wach halten. Und wir bitten ihn, daß er uns Augen gibt und Herzen für die unscheinbare, anstrengende, wenig glorreiche und doch so friedbringende alltägliche politische Arbeit. Amen.

Jens Lohse

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