Quasimodogeniti 2007, Habenhausen, Mk. 16, 9-14

Sunday, April 15, 2007 11:18:00 AM Categories: Archiv '06 - '08

Das ist natürlich wieder unsere Geschichte. Denn das sind wir: Die elf Jünger, alle die, die mit Jesus gewesen waren, solange er lebte. Die mit ihm gehofft, die ihre Erwartungen in ihn gesetzt hatten- jetzt aber, nach seinem Tod, nach der Zurschaustellung seiner Ohnmacht und Niederlage am Kreuz, sind sie, die Elf, wie auch wir wären, entmutigt, deprimiert, kaputt.

Sie stehen noch unter dem Eindruck dieser brutalen Demonstration der Macht der Rechtgläubigen und des Staates, hatten noch keine Zeit, das zu verarbeiten, sich neu zu orientieren, fürchten selber noch um ihr Leben. Der große Traum, die großen Hoffnungen, der Rausch auch und die Hochstimmung des Einzugs in Jerusalem, die aufgeregte Frage: Herr, wenn du nun dein Reich aufrichtest auf Erden, wer von uns wird dann zu deiner Rechten sitzen auf dem Ehrenplatz? – all das nicht nur verflogen, vorbei, aus, sondern mit brutaler Gewalt und ohne große Mühe in den Staub getreten, kaputt gemacht, zerstört. Sie stehen unter Schock.

Warum sind wir das? Weil wir immer wieder dieses erleben, daß unsere Pläne, Träume, Illusionen platzen, weil wir als fromme Menschen dieses Scheitern an uns selbst oft überraschend und unerwartet erfahren.: daß wir nicht hingekriegt haben, was wir von uns selbst erwartet hatten, daß wir unseren eigenen Ansprüchen und auch den Ansprüchen der anderen nicht genügen konnten. Wir wissen, was geplatzte Träume und zerschlagene Selbstgewißheit sind.

Aber auch an Gott sind wir oft gescheitert. Denn er hat sich nicht einspannen lassen für unsere Pläne, er hat sich nicht selbst degradiert zum Götzen, der dafür da ist, zu tun, was wir uns so sehr wünschen, er hat uns auflaufen lassen mit unseren Gebeten, er ist vorübergeschritten an uns und unseren Träumen, wie eben nur Gott daran vorüberschreiten kann.

Wir, die wir in dieser Kirche sind, wissen, was die, die nicht auf das Wort hören, nicht wissen: An Gott scheitern und zerschellen wir mit unseren Wünschen, Hoffnungen und Plänen immer wieder. Wohlgemerkt: Nicht wir als Menschen, nicht wir als Personen, sondern wir als solche Menschen, die ihre eigenen Ziele verfolgen und ihre eigenen Pläne haben, scheitern an Gott. Nicht wir als Geschöpfe und Kinder Gottes, sondern wir als solche, die Gott zum Instrument ihrer Pläne machen wollen. Nicht als gläubige Menschen scheitern wir an Gott, aber als religiöse Menschen scheitern wir an ihm.

Denn Glaube ist das bedingungslose Vertrauen in die gütige und barmherzige Macht Gottes. Glaube ist das absolute Sich- Einlassen auf seine Wege, so fern die unseren eigenen Wegen auch sein mögen. Glaube ist der Verzicht auf eigene Wege, für die wir Gott gerne als Führer und Begleiter nähmen. Glaube ist die Haltung, die spricht: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’ s wohl machen.“. Glaube läßt Gott alles tun und gibt sich selber in seine Hände und sagt: „Wie auch immer es kommt, Glück oder Unglück, Tod oder Leben, Liebe oder Haß, Freude oder Schmerzen: Wie es kommt ist es gut, denn es kommt von ihm und er wird mich führen als mein guter und gerechter und gnädiger Herr und Hirte.“

Als solche, als Gläubige, als die, die sich ihm überlassen und ausliefern scheitern wir niemals. Als solche sind wir geborgen, getragen und gewiß in Gott.

Aber wir scheitern als religiöse Menschen. Im Unterschied zum Glauben ist Religion der Versuch des Menschen, seine eigenen, menschlichen Ziele und Pläne göttlich abzusichern. Religion ist im Gegensatz zum Glauben, der Versuch des Menschen, einen Verbündeten im Himmel zu finden, der einem hilft, das Leben erfolgreicher zu gestalten. Religion ist nicht Unterwerfung des Menschen unter den Willen Gottes, wie der Glaube, sondern Religion ist das Einspannen Gottes oder der Götter für menschliche Ziele und Zwecke. In der Religion drückt sich im Gegensatz zum Glauben die Haltung aus: Ich selber bin mit meinen Zielen und Zwecken so wichtig, daß Gott mir dabei helfen muß.

Wir sind alle von Natur aus religiös. Gläubig sind wir niemals von Natur aus. Aber wir sind von Natur aus religiös, wir verstehen Gott und den Glauben als Verbündete in unseren Kämpfen und Anstrengungen. Und wir sind aufrichtig enttäuscht, manchmal entsetzt und verzweifelt, wenn Gott sich von uns nicht einspannen und nicht instrumentalisieren ließ, wir zweifeln an der Existenz Gottes, weil er unsere Gebete nicht erhörte oder weil er uns etwas zugemutet hat, was wir nicht wollten, z. B. den Tod.

Religion ist vom Menschen, Glaube ist von Gott. Religion ist von unten, Glaube ist von oben. Religion hat man von Natur und Glaube muß man lernen und geschenkt bekommen. Niemand hat von Natur aus Glauben.

Religion müssen wir ablegen, Glauben müssen wir lernen.

Und dazu gehört nun eben genau dieses Scheitern, das die Jünger am Kreuz erleben. Ihre Hoffnungen, ihre Erwartungen, ihre Vorstellungen, ihre Wünsche, ihre Wege sind durchkreuzt worden  von Gott. Gott ist es, der uns im Scheitern unserer religiösen Vorstellungen begegnet, Gott selber bringt uns zum Scheitern und läßt uns Scheitern, damit wir lernen, die Religion abzulegen und den Glauben zu ergreifen.

„Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria von Magdala, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte.“

Eine Frau, die einiges hinter sich hat, keine im bürgerlichen Sinne vorzeigbare Frau, eine, die zu tun hatte mit Dingen, die man bestenfalls im Verborgenen zulassen möchte, eine, deren Seele und Persönlichkeit angegriffen war, verborgen hinter bösen Geistern, eine solche Frau, die das Scheitern ihrer bürgerlichen und religiösen Existenz siebenfach erlebt hatte, ist die erste, die Jesus, den Auferstandenen, sieht. Sie hatte sich und Jesus nichts vorgemacht. Sie hatte sich ihm ausgeliefert. Sie hatte geglaubt. Nicht: Ihn ausnutzen wollen für ihre Zwecke, sondern sich ihm vor die Füße gelegt, sich ihm in die Hände gegeben. Sie hatte geglaubt. Und damit wurde sie frei. Sie wurde frei, indem sie ihr ganzes Leben aufgab, abgab, Jesus überließ: Mach du, ich überlasse mich dir. Das hat sie frei gemacht. „Wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren, aber wer sein Leben verliert, der wird es gewinnen.“ Sie hatte es gewonnen, als sie es verlor.
Und nun ist sie die erste, die den Auferstandenen sehen kann.

„Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten. Und als diese hörten, daß er lebe un sei ihr erschienen, glaubten sie es nicht“.

Sie glauben nicht. So sind wir. Sie haben mit ihm gelebt, haben ihr Leben für ihn riskiert, haben auf ihn gehofft. Aber stecken doch noch ganz in den eigenen Gedanken. Haben noch ihre religiösen Vorstellungen und Vorbehalte und müssen noch Leid tragen und weinen, daß da nun nichts draus geworden ist. Sie stecken noch genau da, wo sie die Erfahrung des Scheiterns machen. Es geht nicht so, wie wir hofften. Alle Gebete haben nichts genützt. Sie sind Menschen, die diese berühmte Frage stellen: „Warum?“. Den Glauben werden sie erst noch lernen müssen.

„Danach offenbarte der Auferstandene sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie über Land gingen“.

Wir kennen die Geschichte von den Emmaus - Jüngern, die Lukas überliefert. Das sind zwei von denen, die auch nicht glauben. Die auch befangen sind in ihren eigenen Wegen. Aber denen erscheint der Herr. Die dürfen ihn sehen. Die lernen also dadurch, daß sie ihn mit eigenen Augen sehen, den Glauben.

„Und sie gingen auch hin und verkündigten es den Anderen. Aber auch denen glaubten sie nicht“.

Was muß eigentlich passieren, damit man zum Glauben kommt? Damit man von der Religion und den eigenen Vorstellungen wegkommt, damit man Gott vertraut und sich ihm ganz überläßt? Was muß passieren? Es können Leute auftreten, die können sagen: Wir haben ihn gesehen mit eigenen Augen! Wir haben ihn reden hören! Es ist wirklich war! Er ist auferstanden! Und das prallt an uns ab und das berührt uns nicht und das geht an uns vorbei. Warum? Warum glauben wir denen nicht? Warum sind wir so sicher, es besser zu wissen? Wie können wir endlich ablegen und wegwerfen, was wir alles meinen, besser zu wissen? Wie können wir Vertrauen fassen und glauben?

„Zuletzt, als die Elf am Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, daß sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen.“

Ja, ja. Sie dürfen ihn selber sehen. Sie werden damit selber zu Augenzeugen. Die haben’s gut, denn man glaubt leichter, was man sieht. Aber die Bibel sagt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“. Wir sehen ihn nicht. Wir haben aber das Wort. Das Wort dieser Augenzeugen. Und da sind wir nun genau so dran, wie die elf Jünger in den Tagen nach Ostern. Wir hören nämlich die Berichte von denen, die ihn gesehen haben. Dazu gehören jetzt diese Elf auch und bei Paulus können wir ja lesen, daß es nachher mehr als 500 Leute waren. Wir sitzen auch stumpf da in unsern Kirchenbänken wie die Elf damals an ihrem Abendbrottisch. Und wir hören: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“.

Und jetzt sind wir gefragt, wie sie. Wollen wir den ganzen Plunder unserer eigenen Einbildungen, Hoffnungen, Erwartungen, Gewißheiten, wollen wir all das, woran wir bis jetzt uns festgehalten haben, über Bord schmeißen um statt dessen uns ganz auf Gott zu verlassen? Wollen wir glauben? Wollen wir uns ausliefern dem, den wir nicht verstehen können und der so ganz anders ist, als wir ihn uns gedacht hatten? Wollen wir glauben?

Oder wollen wir bleiben bei dem, was wir zu wissen meinen, was wir gelernt haben, in der Schule, im Elternhaus, was wir uns selbst erarbeitet und zurecht gelesen haben? Wollen wir bleiben bei unserer Weisheit und unserer Religiosität, weil wir bisher doch ganz gut damit gefahren sind und weil uns das zu heikel ist, auf so etwas Unbeweisbares zu vertrauen, wie die Auferstehung Jesu? Wollen wir das Unbegreifliche und Unwahrscheinliche annehmen und glauben, gerade das sei das Göttliche? Suchen wir weiterhin nach dem Gott, der uns unsere Vorstellungen bestätigt und unsere Wünsche erfüllt? Oder wollen wir das Unbegreifliche und Unwahrscheinliche annehmen und glauben, gerade das sei das Göttliche? Wollen wir unser Herz öffnen und vertrauen auf Etwas, was es eigentlich nicht gibt? Wollen wir also mit Gott rechnen, wirklich mit Gott? Oder wollen wir bleiben bei unseres Herzens Härte und unserm Unglauben?

Wollen wir auf Nummer sicher gehen oder etwas riskieren? Die Kirche hat, jedenfalls da, wo sie wirklich Kirche war, erstaunlicherweise die unmögliche Möglichkeit gewählt und geglaubt. Laßt uns auch glauben!


Jens Lohse

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