Ev. Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen - Bremen

 

Salbung in Bethanien

Posted by Klaus Dieter Philippsen Wednesday, April 12, 2017 10:25:00 AM Categories: Palmsonntag

Mk. 14, 3-9

Salbung in Bethanien

Mk. 14, 3-9

 

Ich möchte Euch den Text jetzt noch einmal lesen. Achtet bitte darauf, was da für euch jetzt anders ist:

 3 Und als er in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.

4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?

5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

6 Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.

7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.

8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.

9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.

 

Nun sind wir wieder bei Simon dem Aussätzigen. Es muss eine sonderbare Stimmung geherrscht haben. Gerade noch war der Einzug nach Jerusalem, das Volk jubelt Jesus zu. Aber der Hohe Rat hat beschlossen, Jesus zu verhaften und zum Tode zu verurteilen. Ob das bekannt war? Der Hohe Rat hatte nur das Problem, wie man Jesus bekommen kann, ohne einen Volksaufstand zu provozieren. Aber ein paar Zeilen weiter lesen wir, dass Judas einen Plan hatte, Jesus zu verraten. Das war die Stimmungslage in Bethanien. Angst, Ungewissheit. Hoffnung. Eine Mischung aus Gefühlen, die mich stumm machen würden.

Und da geschieht es. Eine Frau, wir wissen ihren Namen nicht, kommt in den Saal. Sie wird nicht viel Aufmerksamkeit erregt haben. Ob sie unsicher durch den Raum schleicht oder ob sie zielbewusst auf Jesus zugeht? Auf jeden Fall hat sie ein Fläschchen aus Alabaster dabei. Das zerbricht sie und das Öl läuft Jesus über das Haar. Ein unbeschreiblicher Duft liegt plötzlich in dem Raum. Das ist doch Nardenöl. Das verwand man um Könige oder auch hohe geistliche Würdenträger zu salben. Das war den Anwesenden dann doch wohl schnell klar.

Jesus war für die Anwesenden wohl ein solcher Würdenträger. Trotzdem muss das für einige der Jünger die da waren auch peinlich gewesen sein. Darf die das so machen? Die Liebe, die diese Frau zeigt, das berührt die Anwesenden. Das hat was Intimes. Und immerhin ist das Öl wertvoll. Ein normaler Mensch muss dafür ein ganzes Jahr arbeiten. Hinter diesem Wert kann man der Peinlichkeit doch gut ausweichen. Man muss nicht über die peinliche Situation reden, über Geld reden ist doch einfacher! Ja man hätte das Öl doch verkaufen können, und das Geld da einsetzen, wo es nötig gebraucht wird.

Nun ist die Frau die blamierte und die Jünger und die anderen Gäste brauchen sich nicht mehr mit ihrer Peinlichkeit auseinandersetzten. So kann man das Problem zwar nicht lösen, aber auf Andere verschieben. Übrigens, die Frau muss wohl reich gewesen sein.

Jesus stand immer auf der Seite der Armen. Vielleicht haben die Jünger damit spekuliert, so ein Lob von ihm zu bekommen. Aber er war wohl für die Armen, nicht aber gegen die Reichen. „Lasst sie in Frieden, betrübt sie nicht, sie hat ein gutes Werk an mir getan.“ „Ihr habt doch immer Arme, denen könnt ihr Gutes tun, wenn ihr wollt. Aber mich habt ihr nicht mehr lange.“ „Sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.“

Wenn Jesus nun also kein Sozialrevolutionär, sondern ein jüdischer Rabbi war, was machte ihn dann so gefährlich, dass der Hohe Rat ihn beseitigen wollte? War es nicht doch seine soziale Botschaft, das Eintreten für die an den Hecken und Zäunen, für die Witwen und Waisen, die ihm so viel Zulauf brachte und als politisch gefährlich eingestuft wurde.

Fürchtete der Hohe Rat einen Sklavenaufstand? Es mag schon sein, dass Jesus auch so verstanden worden ist, aber der soziale Ausgleich war nicht das wahrhaft Neue an seiner Botschaft.

Die Menschen, die Jesus begegneten, waren auf eine ganz eigenartige Weise berührt. Sie hatten offenbar etwas gefunden, was ihr Leben völlig durchdrungen und verwandelt hatte.

Sie waren tatsächlich beglückt, nicht weil ihnen etwas geglückt war, das gerade nicht, sondern weil sie von der Begegnung mit diesem Menschen erfüllt waren.

Sie waren mit einem Glücksgefühl erfüllt, das sie sich niemals haben vorstellen können, etwas, was man unter Menschen sonst nie so rein erlebt: Ihnen war etwas zugetraut worden, sie waren ernst genommen worden, sie bekamen Vertrauen geschenkt, und es schien, als sei dieses Vertrauen unerschöpflich und unauslöschlich, das Vertrauen Gottes in die Menschen.

Wir wollen doch eher selbst reden! Ich glaube, das Gefühl gehört zu werden, ernst genommen zu werden, Vertrauen zu bekommen, begegnet uns viel zu selten. Sollte es nicht gerade das sein, was man in einer Kirchengemeinde erlebt?

Das jedenfalls war die Provokation des Rabbi aus Nazareth. Er verkündigt keine komplizierte, geheimnisvolle Lehre, er verlangt keinen Glauben an eine bestimmte Gottheit, auch keine Vorleistungen bestimmten Gesetzen zu folgen. Er behauptete ganz schlicht: Der Gott, den ich kenne, den ich als meinen Vater anrufe, der hat Vertrauen zu mir. Der hat mir mein Leben anvertraut und das sage ich allen weiter, natürlich zuerst denen, die das begierig aufnehmen.

Es gibt auch welche, die das ablehnen, die dazu keinen Zugang finden. Das kann ich nicht ändern, denn meine Einsicht, so sagt er, verpflichtet mich zum Verzicht auf jede Art von Gewalt. Meine Einsicht wird freiwillig akzeptiert, weil sie überzeugt, aber eintrichtern kann ich sie nicht. Gewalt zerstört Vertrauen.

Und die Botschaft wirkt. Einige sind bei dem Gedanken ganz glücklich. Sie werden so akzeptiert, wie sie sind, aber andere weisen Jesus als Träumer ab. Die Menschen sind nun einmal unterschiedlich und trauen darf man oft nicht mal den nächsten Angehörigen Deshalb hat Gott ja auch klare Ordnungen und Weisungen verkündet, nach denen sich alle richten sollen.

Dass diese Leitlinien und Orientierungen an klaren Wertordnungen für alle die günstig sind, die solche Ordnungen formulieren und interpretieren, versteht sich von selbst!

Deshalb sollte man heute auch nicht von christlichen Werten reden (die gibt es nämlich gar nicht!) sondern eher fragen, wer mit diesen Werten wen beherrschen will.

Die Leitlinie Jesu wirkt anders. Er lehrt, dass Gott nicht nur sein Vater sei, sondern der Vater aller Menschen, der sie alle achtet, allen traut, er hat ihnen schließlich das Leben geschenkt.

Diese Lehre hat wohl auch diese Frau für Jesus begeistert und sie davon überzeugt, dass er der beste Lehrer sei, den Israel je erlebt hat, und deshalb hat sie für ihn das heilsame, wertvolle Öl bestimmt.

Die namenlose Frau wusste also sehr genau, was sie tat. Sie fand Jesu Vorstellung von Gott befreiend, ermutigend, klärend, beruhigend und stärkend. Gott sich vorstellen, wie einen Menschen, der einen wirklich gern hat, dem man schrankenlos vertraut, in dessen Nähe man aufblüht, der einen ermutigt, auch wenn man nicht gut dran ist.

Das klang ganz anders als alles, was Menschen bis dahin öffentlich gehört hatten. Dafür wollte sie ihrem Lehrer Jeus danken

Die Hüter der Gesetze im Hohen Rat hatten das wohl nur zu gut verstanden. Deshalb beraten sie, wie sie den Störenfried mundtot machen können. Sie wollten Gehorsam gegen die Gesetze. Die sind normalerweise ja auch vernünftig. Aber es kommt darauf an, ob man sie zum Besten aller Menschen auslegt oder eher als Zwang auferlegt. Es kommt darauf an, ob man die Gebote als Zwang kontrollieren muss, oder ob man darauf vertrauen kann, dass sie aus Einsicht eingehalten werden.

Jesus möchte eine Auslegung der geltenden Gebote so, dass dadurch christliches Leben gefördert wird. Das ist viel anspruchsvoller als jede starre Regel, die schon immer weiß was zu tun ist.

Amen!

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