Totensonntag 2006, 1. Korinther 15, 35ff

Sunday, November 26, 2006 10:12:00 AM Categories: Archiv '06 - '08

„Es könnte jemand fragen.“  Na, hoffentlich. Dieser jemand könntest du selber sein. Fragen ist gut. Die Kirche, und das seid ihr, darf das Fragen nicht vernachlässigen. Wenn ihr nicht fragt, das heißt, wenn ihr nicht Dinge in Zweifel zieht, um neu ihren Grund zu finden, bleibt euer Glaube schwach und hängt in der Luft.

Denn der Glaube muß Auskunft geben können über seinen Inhalt. Wenn dich dein Kind morgen fragt: Dann kannst du ihm nur antworten, wenn du zuvor selbst gefragt hast. Und wenn du gedacht hast, diskutiert, dich gemüht hast, zu verstehen, was los ist. Es gibt keinen redlichen Glauben ohne Verstehen. Vernunft und Glauben gehören zusammen. Also laßt uns fragen- und nach Antworten suchen.

„Wie werden die Toten auferstehen?“

Natürlich können wir sagen: Das alles liegt im Bereich des Wunders. Das alles sind Dinge, die wir nicht genau begreifen können. „Irgendwie“ werden sie auferstehen. Das hat nichts mit Wissen, sondern mit Glauben zu tun. Könnten wir sagen.

Aber Paulus redet hier vom Verstehen. Er redet von Fakten, von Dingen, die wirklich passieren. Und wenn die Rede von der Auferstehung der Toten nicht nur Bildrede ist, nicht nur Symbol, nicht tröstliche Vorstellung, wie ein Märchen für Kinder, wenn sie wirklich sich ereignet, dann müssen wir sagen können, wie.
Aber das ist genau die erste Frage: Denkst du, nach dem Tod stehen die Toten wirklich auf? So wirklich, wie die Sonne morgens aufgeht oder wie du aufwachst nach dem Schlaf in der Nacht? Oder hältst du das für tröstliches Reden, so, wie viele Prediger versuchen, die Auferstehung psychologisch zu deuten oder eben symbolisch?

Der Apostel Paulus meint mit Auferstehung eine körperliche Realität.

„Es könnte jemand fragen: Wie werden die Toten auferstehen, und mit was für einem Leib werden sie kommen?“

Es geht um den Leib. Der Leib wird auferstehen. Vorgestern habe ich meine Cousine begraben. Berit Blanke. Mit 45 Jahren an Krebs gestorben. Hinterließ 3 Kinder. Wir haben sie beerdigt. Ihren toten Leib in die Erde gelegt. Dieser Leib war zu Tode erschöpft, er hatte sich verbraucht im Kampf gegen die Krankheit. Er hatte in dauernder Anspannung gestanden und war am Ende in dieser Anspannung kollabiert. Meine Cousine Berit. Wie wird ihr zu Tode erschöpfter Leib auferstehen? Wird er wiederbelebt werden? Wird er wirklich nach dem Zerfall zu Staub und Asche neu zusammengesetzt und am Tag des Gerichts, wenn die Posaune der Endzeit ertönt, mit der jetzt von ihr getrennten Seele vereint werden? Eine Wiedervereinigung von Leib und Seele, so, wie das in der Kirche traditionell gelehrt wird? Was ist mit all den verbrannten, zerrissenen, geschundenen und einfach verbrauchten Körpern?

Mit was für einem Leib werden die Toten kommen, wenn sie auferweckt werden?

„Du Narr“

So geht es weiter auf diese Frage hin. ´Aphron auf griechisch. Insipiens lateinisch. Du bist unverständig. Unvernünftig, hast keine Einsicht, wenn du so fragst. Ein Narr eben.

Und genau das ist unser Problem. Wir SIND unverständig in diesen Dingen. Was das Leben angeht, also das Diesseits, da begreifen wir manches.

Was die Auferstehung der Toten angeht, können wir das nicht. Da sind wir Narren. Es gehört nicht in unsere Erfahrungswelt, daß Tote auferstehen. Wir können das denken, wir können uns auch gut Bilder davon machen, aber wir können es nicht mit unserer Erfahrung zusammenbringen. Niemand von uns hat je einen Toten lebendig gesehen. Niemand hat gesehen, was mit den Leibern der Auferstandenen ist. Aber einige haben schon gesehen, was mit den Leibern der Toten ist. Wir wissen NICHTS in dieser Frage. Und wo wir nichts wissen, sind wir Narren. Und wo wir Narren sind, besteht die Gefahr, daß wir uns selbst nicht ernst nehmen. Wie ernst aber nehmen wir die Auferstehung des Leibes?


„Es könnte aber jemand fragen: Wie werden die Toten auferstehen, mit was für einem Leib werden sie kommen?“


Wenn Paulus uns Narren nennt, wenn wir so fragen, wenn er sagt: Ihr seid unvernünftig, wenn ihr so fragt, dann steckt dahinter ja wohl die Überzeugung: Ihr könntet auch vernünftig sein. Ihr müßt eben nicht Vernunft und Glauben für zwei verschiedene Paar Schuhe halten, sondern ihr könntet einen vernünftigen Glauben haben.

„Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt. Und was du säst, ist ja nicht der Leib, der werden soll, sondern ein bloßes Korn, sei es von Weizen oder etwas anderem.“

Paulus appelliert jetzt an unsere Vernunft. Wir kennen das doch. Wenn wir säen, legen wir ein Korn in die Erde. So habe ich also meine Cousine Berit in die Erde gelegt, wie ein Samenkorn. Aber auch Klaus Beckmann, dessen Urne wir Mittwoch begraben haben, haben wir wie ein Samenkorn in die Erde gelegt. Ok. Und wenn ich ein Samenkorn in die Erde lege, dann verwandelt es sich. Es bleibt nicht, was es ist. Paulus nennt das: Das Samenkorn stirbt. Da schießt er über unsere Sprache hinaus. Denn das Samenkorn stirbt ja gerade nicht. Im Gegenteil. Es lebt, es wächst. Was vorher ruhte, eingeschlossen in eine Hülle, das bricht jetzt auf in jeder Hinsicht und was daraus wird und wächst ist viel größer und schöner als das, was vorher war.

Wir kennen das beim Samenkorn. Aber bei den Leibern unserer Toten kennen wir das nicht. Da sind wir Narren. Wir kennen nur, was wir sehen: Die Toten vergehen in der Erde. Aber wohin sie aufbrechen kennen wir nicht.

So ist das mit Gottes Wort. Es redet eben gerade NICHT über die Welt unserer Erfahrungen. Es redet eben gerade nicht oder jedenfalls nicht in seinem Zentrum, in seinem Eigentlichen, über das, was Menschen wissen und denken und erlebt haben. Es ist kein Weisheitsbuch, wo Menschen zusammengefaßt haben, was sie wissen.

Es ist Wort Gottes. Es ist ein Wort aus dem Jenseits. Ein Wort, das von Dingen redet, die unserer Erfahrung entnommen oder entzogen sind, von der Welt, zu der wir notorisch keinen Zugang haben, mit der wir keine Erfahrung haben, für die wir auch keine denkerischen Beweise haben.

Wir wüßten nichts von Gott, wenn es die Bibel nicht gäbe. Wir hätten wohl unsere religiösen Vorstellungen, so, wie die bunten Götterwelten der verschiedensten Religionen das zeigen, aber wir wüßten nichts von Gott. Wir wären Heiden und würden selbsterdachte Götter anbeten, gäbe es die Bibel nicht. Denn sie ist die Erweiterung unseres Horizontes auf den Bereich, der uns ohne sie verschlossen ist.

Die Bibel beleuchtet Regionen, wo wir sonst nicht hinsehen könnten. Dazu gehört Gott selber. Und dazu gehört die Welt Gottes. Seine Dimension. Dazu gehört die Auferstehung der Toten. Es ist so, daß der Horizont unseres Denkens aufgerissen und erweitert wird. Eine neue Welt wird uns vorgestellt.

Keineswegs ist das, was uns da vorgestellt wird Phantasie. Keinesfalls ist es irreal. Aber es ist uns ganz fremd. Wir kennen von Natur aus diese Welt nicht.

„Du Narr“ -

sagt Paulus deshalb zu uns. Es ist keine unlogische Welt. Die Welt Gottes. Es ist kein unlogischer Vorgang, die Auferweckung der Toten. Es erscheint uns nur unlogisch, weil wir es nicht kennen.

Paulus aber meint, wir können sie kennen lernen, diese Welt und Dimension Gottes.

Er bringt als Beispiel das Weizenkorn:

„Gott gibt ihm einen Leib, wie er will. Einem jeden Samen seinen eigenen Leib“.

Weil wir diese Welt nicht kennen, Paulus aber kennt sie, bringt er Beispiele aus unserer Welt. In gewisser Weise ist das ähnlich: Wer gestorben ist, ist wie ein Samenkorn, aus dem ein neuer Leib wächst. Der Leib, den wir begraben, ist nicht derselbe, wie der Leib, mit dem wir auferstehen. Der Leib, den wir haben, wenn wir sterben, ist nur wie der Same des neuen Leibes. Wenn wir auferstehen, werden wir einen herrlicheren Leib haben, so, wie die Pflanze viel schöner ist, als das Samenkorn.

Paulus argumentiert vernünftig, bringt ein vernünftiges Beispiel, an dem wir lernen können, was mit den Dingen los ist, die wir nicht kennen. Alle Predigt, erst recht die über göttliche Dinge, von denen wir nichts wissen, muß vernünftig sein, damit wir uns Gedanken darüber machen können und lernen.

Aber das Beispiel vom Samenkorn ist eben nur ein Beispiel. Paulus macht damit für unsere Vernunft etwas deutlich. Aber zugleich macht er klar, daß das, was er meint, viel herrlicher ist, als das Beispiel das verdeutlichen kann.

„So auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät verweslich- und auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Niedrigkeit- und auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit- und wird auferstehen in Kraft. Es wird gesät ein natürlicher leib- und wird auferstehen ein geistlicher Leib.“

Das können wir von Natur aus nicht wissen. Weil: von Natur aus ist für uns der Tod die absolute, endgültige Katastrophe. Das lernen wir nur aus der Bibel, daß es genau umgekehrt ist. Der Tod ist der Anfang eines Lebens, das größer ist als das, was wir vorher geführt haben.

Paulus muß in Vergleichen und Beispielen davon reden, weil wir das eben nicht kennen. Aber er meint etwas ganz Reales. Er meint: Die Toten stehen real auf. Er kann uns nicht wörtlich sagen, wie das passiert, sondern nur in Beispielen. Aber es passiert. Die Leiber der Toten werden leben. Neuer, schöner, herrlicher, als zuvor. Amen.


Jens Lohse

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