Volkstrauertag 2008, 16. November, Simon-Petrus, Psalm 85,2-5

Sunday, November 16, 2008 10:32:00 AM Categories: Archiv '06 - '08 Volkstrauertag

„HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs; der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk und alle seine Sünde bedeckt hast; der du vormals hast all deinen Zorn weg getan und dich abgewandt von der Glut deines Zorns: Hilf uns, Gott unser Heiland, und laß ab von deiner Ungnade über uns!“

Volkstrauertag. Dieser Text erinnert an die größte Katastrophe in der Geschichte Israels bis dahin. Die „Gefangenen Jakobs“, das waren die, die verschleppt worden waren nach Babylon. Als Jerusalem, so schien es, für immer ins Elend gestossen war. Den

„König Jojachin, seine Mutter und seine Frauen, seine Hofleute und alle führenden Männer von Juda ließ König Nebukadnezar von Jerusalem nach Babylonien in die Verbannung führen, dazu 7000 wohlhabende Männer und 1000 erfahrene Handwerker.“

Das war erst der erste Schritt. 10 Jahre später wurde die Stadt endgültig eingenommen. Das 2. Buch Könige berichtet, wie der damalige König Zedekia flieht und doch gefangen genommen wird:

„Er wurde nach Ribla vor den König von Babylonien gebracht. Nebukadnezar sprach ihm selbst das Urteil. Zedekia mußte mit ansehen, wie seine Söhne abgeschlachtet wurden; dann stach man ihm die Augen aus und brachte ihn in Ketten nach Babylon. Man ließ die restliche Stadtbevölkerung gefangen wegführen...Nur ein armseliger Rest blieb zurück.“
Volkstrauertag. Gedenken an die Katastrophe. In Israel ist sie immer lebendig geblieben.

Aber  noch lebendiger war das Gedenken an die Größe Gottes, der größer ist, als die größte Katastrophe. Noch lebendiger, als das Gedenken an die Schuld der Väter, war das Denken an die Vergebung, mit der Gott alle Schuld vergeben hatte. Noch lebendiger, als das Entsetzen über die Glut des Zornes Gottes, mit dem er Gericht geübt hatte über Stadt und Volk und König, war die Freude über die große Wende, mit der Gott alles wieder gut gemacht hatte, was die Menschen verbrochen hatten.

Gott hatte ein Wunder getan und alle Verschleppten und Gefangenen zurückkehren lassen nach Jerusalem, die Stadt war aus dem Staub wieder aufgestanden, der Tempel wurde wieder aufgebaut, das Leben kehrte zurück, man hatte niemals mehr damit gerechnet.

„Du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs“

 Es war Staunen in dieser Freude und natürlich der Wille, sich diese erstaunliche Wendung aller Dinge im Nachhinein auch zu verdienen: Durch vermehrte Gehorsams-Anstrengung, durch religiösen Eifer und durch den Versuch, es zukünftig besser zu machen.

Volkstrauertag. Wir blicken zurück auf die Katastrophen unseres Volkes. Hunderte von Städten und Ortschaften zu Staub zermahlen, Millionen von Menschen vertrieben und geflüchtet, unzählige unssagbar grausame Dinge, zunächst von Deutschen ausgeübt, dann aber über uns gekommen. Am 8. Mai 1945 lag das Land buchstäblich in Trümmern. Und das Volk war moralisch, politisch, wirtschaftlich am Ende. Es gab Pläne, Deutschland für immer auszulöschen. Niemand wußte, wie es weitergehen konnte und ob es weitergehen würde.

Entsetzlich hatte der Zorn Gottes gewütet und noch nach Jahrzehnten bestimmten die Erzählungen von fürchterlichen Bombennächten, von grauenhaften Erlebnissen auf der Flucht die Zusammenkünfte bald aller deutschen Familien. Unser Land und unser Volk waren am Ende.

Das alles hatte seine Vorgeschichte gehabt im 1. Weltkrieg. Im Hitler-Wahnsinn. In der Reichskristallnacht, diesem völligen Ausverkauf der Anständigkeit mitten unter uns. In der planvollen Vernichtung von Juden und Zigeunern. Im unfassbaren Versuch, Menschen mit Behinderungen auszurotten, Andersdenkende zu töten, jeden Widerspruch unmöglich zu machen und jede Moral zu zerstören.

Volkstrauertag. Wir trauern darüber und wir werden darüber trauern, so lange es Deutsche gibt. Auch über die eigenen Opfer, die eigenen Toten trauern wir. Das Unrecht der Deutschen hat den Haß und die Rachsucht der Feinde geschürt. Am Ende ging es darum, Deutschland zu bestrafen. Das hat viele, nun ihrerseits unschuldige Opfer gefordert.

Wiedergutmachen kann man das alles nicht. Dresden kann nicht wiedergutgemacht werden. Hiroshima nicht. Erst recht nicht Auschwitz. Nicht die Ströme von Blut. Wiedergutmachen kann man gar nichts. Man kann nur sich erinnern und schwören, bei dem leisesten Verdacht unmenschlicher Gesinnung und bei Kriegstreiberei auf die Barrikaden zu gehen.

„HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs; der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk und alle seine Sünde bedeckt hast; der du vormals hast all deinen Zorn weg getan und dich abgewandt von der Glut deines Zorns.“

Israel redet so zu Gott. Und wir reden auch so. Denn es ist unbegreifliche Gnade, wie es mit unserm Volk weitergegangen ist. Wie wir herausgekommen sind aus der Ecke der Aussätzigen, in der wir saßen. Wie uns die früheren Feinde die Hand gereicht haben. Die Franzosen. Die Amerikaner. Die Polen. Die Russen. Es ist Gnade und nichts als unverdiente Gnade, wie wir mehr als 60 Jahre Frieden hatten in unsern Grenzen. Wie wir zusammenwachsen mit unserm Nachbarn zu einem einigen Europa. Wie Katholiken und Protestanten, zusammengewürfelt durch die Verwerfungen des Krieges, plötzlich die Schätze im Glauben des je Anderen anerkannten. Wie auch Juden in Deutschland wieder Synagogen bauen konnten und die Gemeinden größer wurden, wie Muslime in zweiter und dritter Generation in Freiheit bei uns ihren Glauben leben dürfen. Was ist mit uns los, daß wir, vor dem Hintergrund unserer Geschichte, nicht laut jubeln über so viel Gnade?

Es ist dies los: Der Schrecken sitzt uns noch in den Gliedern. Es ist auch dies Andere: Das alles ist nicht perfekt, nicht ohne Mühe und Auseinandersetzung, ohne Rückschritte auch und Streit. Es ist ein göttliches Geschenk, und zugleich ist es doch mühselige, manchmal harte, menschliche Anstrengung. Aber es ist wahr: „Gott hat unsere Sünde bedeckt und seinen Zorn weggetan.“

Volkstrauertag. Oh, ja. Wir trauern. Über unsere Toten zweier Weltkriege. Und über die Toten, die wir Deutschen umgebracht haben. Volkstrauertag.Mitten im Trauern staunen wir doch auch über die Gnade. Daß ausgerechnet am 9. November 1989 Deutschland wieder vereinigt wurde...

Aber nun doch: Der letzte Satz unseres Predigttextes:

„Hilf uns, Gott unser Heiland, und laß ab von deiner Ungnade über uns!“

Trauer. Freude. Und nun doch auch noch Unbehagen. An unerwarteter Stelle spüren wir bereits wieder den Zorn Gottes. Gott handelt nicht im Verborgenen. Seine Ungnade ist öffentlich. Ich rede von den mittlerweile 74 toten deutschen Soldaten. In Afghanistan ist Krieg. Dort wird geschossen. Und getötet. Im Juli 2008 hat die Bundesregierung zum 1. Mal offiziell von „Gefallenen“ gesprochen. Bei der Trauerfeier für die letzten beiden dieser 74 gefallenen deutschen Soldaten der letzten Jahre.

Ich bin Prediger. Und ich bin ehrlich gesagt kein Pazifist. Ich glaube, nach menschlichen und ethischen Maßstäben muß manchmal Krieg geführt werden. Wenn man gegen Hitler nicht Krieg geführt hätte, würden die Nazis heute wahrscheinlich einen Großteil der Welt beherrschen. Das wäre entsetzlich.

Ich bin kein Pazifist. Aber doch ist Krieg das größte menschliche Unglück. Ich möchte weder mein eigenes Leben, noch das meiner Söhne im Krieg verlieren. Nicht in Deutschland. Und auch nicht in Afghanistan, im Kosovo, am Horn von Afrika oder sonstwo, wohin sogenannte „Friedensmissionen“ deutsche Soldaten führen können. Möge Gott uns davor bewahren. Wer sonst?

Jeder tote deutsche Soldat ist ein Alarmzeichen. Ich bin Pastor. Ich halte hier keine politischen Reden. Ich merke nur, daß Gott ungnädig ist mit uns, wenn er unsere Soldaten sterben läßt. Und ich will gleich, schon an diesem Volkstrauertag, ihn anflehen. Denn von Menschen verspreche ich mir wenig. Nicht von moralischen Aufrufen und nicht von politischen Aktionen. Wir Menschen bleiben immer im Widerspruch und im Halbfertigen, und das meist bei vollem Eifer. Aber von Gott verspreche ich mir alles. Ich rate nicht zur „konkreten politischen Aktion“. Ich rate zur „konkreten christlichen Aktion“. Das konkreteste, was wir als Christen tun können, für unser Land, für unser Volk, ist das Gebet.

Deshalb will ich schon an diesem Sonntag Gott anflehen. Mit euch. Und mit allen Deutschen. Und mit der Stimme Israels aus diesem Psalter: Laß ab von deiner Ungnade über uns! Bewahre uns vor Krieg und Kriegstoten.

„HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs; der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk und alle seine Sünde bedeckt hast; der du vormals hast all deinen Zorn weg getan und dich abgewandt von der Glut deines Zorns: Hilf uns, Gott unser Heiland, und laß ab von deiner Ungnade über uns!“

Jens Lohse

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