Ev. Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen - Bremen

 

Vom reichen Mann und vom armen Lazarus

Posted by Klaus Dieter Philippsen Sunday, June 7, 2015 5:06:00 PM Categories: Sonntage nach Trinitatis

Lukas 16, 19-31

Vom reichen Mann und dem armen Lazarus, 1. Sonntag nach Trinitatis)

 Also, ich finde das immer spannend zu sehen, wie andere an den Text herangehen. Das Internet bietet dazu ja einige Möglichkeiten. Da fand ich einen, der freute sich riesig darauf, über diesen Text zu reden. Ehrlich, das hab ich nicht verstanden. Ich kriege, wenn ich das lese, ein ausgesprochen schlechtes Gewissen. Warum?

Klar, ich fühle mich nicht als ein reicher Mann, ich trage keine kostbaren Anzüge und alle Tage herrlich und in Freuden lebe ich auch nicht. Und dass ein armer Mann voll von Geschwüren vor meiner Tür liegt, na ja! Also gilt das dann doch nicht für mich?

Und dann kommt die Nachricht, Bremen sei die Stadt mit den meisten Menschen, die unter der Armutsgrenze leben müssen. Und dann kommt die Nachricht von dem Schiffsunglück im Mittelmeer, bei dem 400 oder sogar 800 Menschen ertrunken sind. Sind das die Lazarusse, die vor meiner Tür liegen?

Ich finde das alles unerträglich, aber gleichzeitig fühle ich mich so hilflos. All die Probleme lassen sich nicht so eben mal mit gutem Willen lösen, dafür spielen viel zu viele Interessen da hinein, dafür sind sie zu komplex. Und alles was ich hier dazu sagen könnte, sind die Aussagen eines hilflosen Menschen, der nicht allzu viel Ahnung hat. Aber sind das die modernen Lazarusse? Und ist es womöglich schlimm, dass ich keine Ahnung habe?

Lasst uns die Geschichte, die Lukas da aufgeschrieben hat mal genauer ansehen.

Also, da war ein reicher Mann. Der lebte gut, hatte teure Maßanzüge an und lebte nur vom Besten. Was der sonst getan oder nicht getan hat, erfahren wir nicht. Wir erfahren überhaupt nichts von ihm, nicht mal seinen Namen. Was war er für einer, was tat er. War er vielleicht ein skrupelloser Kaufmann, der so zu seinem Reichtum gekommen ist, oder war er eher sozial engagiert. Nichts erfahren wir! Oder doch? Er hat den Lazarus, der vor seinem Haus lag nicht gesehen, nicht beachtet, mindestens wird davon nichts gesagt.

Und dann ist da der Andere. Da erfahren wir immerhin den Namen: Lazarus. Ich glaube nicht, dass der Name genannt wurde, weil die Leser ihn kannten. Der Name ist Programm: „Gott hilft“. Wenn wir heute von Lazarett sprechen, das geht auf Lazarus zurück.

Der war bettelarm, hatte nichts zu essen, sein Körper war übersäht von Geschwüren. Er war so schwach, er konnte nicht mal die Hunde abwehren, die ihm seine Geschwüre ableckten. Er war furchtbar hungrig er hatte nichts zu essen, er hätte gerne die Mülltonne des Reichen durchsucht, aber man erlaubte es ihm nicht.

Kann man den Unterschied von Arm und Reich noch drastischer beschreiben?

Aber nun beginnt der Umbruch in der Geschichte. Beide sterben. Vermutlich wurde der Reiche mit einer großen Zeremonie bestattet, viele Leute nahmen daran teil, wohingegen der Arme mit einer Billigbestattung abgefertigt wurde, von Sozialamt bezahlt. Und anwesend war wohl auch niemand.

Lazarus, so erzählt Lukas weiter, wurde von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Ich sehe das vor mir, wie sie ihn vorsichtig und liebevoll aufnehmen und mit großer Sorgfalt damit sie ihm bloß nicht wehtun, davontragen. Seit diesem Gleichnis ist der Begriff „Abrahams Schoß“ schlicht der Inbegriff von sich in Sicherheit und rundherum wohlführen. „Er fühlte sich aufgehoben wie in Abrahams Schoss“ ist doch ein geläufiges Sprichwort.

Der Reiche dagegen landet in der Hölle und litt da viele Qualen. Er protestiert nicht mal dagegen. Für ihn ist das wie eine Selbstverständlichkeit. Es scheint so, als wäre das alles für alle Beteiligten einfach so und nicht anders.

Als nun der ehemals Reiche aufsieht, da entdeckt er Abraham und Lazarus. Und da entspinnt sich ein Gespräch zwischen ihm und Abraham. „Bitte schicke doch den Lazarus zu mir, dass er seinen Finger in Wasser eintauche und meine Zunge ein Bisschen kühle, denn ich leide schreckliche Pein in diesem Feuer.“ So weit lässt der Reiche sich herab! Vorher hat er Lazarus einfach übersehen, bloß nicht hinsehen, jetzt soll er ihm die Zunge berühren. Da ist ja inzwischen viel passiert.

Aber darauf sagt Abraham: „Nein, das geht nicht. Zwischen uns liegt eine Kluft, die ist nicht zu überwinden. Aber denke daran, dass Du alles in deinem Leben bekommen hast und Lazarus hat nur Böses empfangen. Nun ist Lazarus dran, dass es ihm gut geht.“

Ja, sagt der Reiche, dann schicke doch bitte wenigstens Lazarus zu meinen Brüdern, damit er sie aufklären kann. Ich möchte so gerne verhindern, dass sie in diese Qual kommen.

Nein, sagt Abraham. Sie haben Mose und die Propheten, darauf brauchen sie nur zu hören.

„Mose und die Propheten“ ist die Umschreibung der damals vorhandenen Bibel, also Teile des Alten Testaments, also der Thora.

Ach bitte Abraham, wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, der das alles erlebt und gesehen hat, auf den werden sie hören, sagt der Reiche.

Darauf antwortet Abraham: Nein! Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, wird auch ein Mensch, der aus dem Totenreich kommt kein Gehör finden. Damit endet das Gleichnis.

Soll das denn heißen, dass die Armen in den Himmel kommen, und die Reichen in die Hölle?

Ja, die Geschichte lässt mich verwirrt zurück. Jesus verstärkt das ja noch: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt, sagt er wenige Seiten später.

Die Jünger und die anderen Zuhörer erschrecken ja, als sie das mit dem Kamel hören. „Wer kann denn dann noch ins Reich Gottes kommen“ fragen sie bestürzt. Jesus darauf: „Bei Gott ist es trotzdem möglich.“ Ja, es ist ein Geschenk, Gott schenkt das, auch den Reichen! Aber natürlich weiß Jesus, dass Reichtum von Gott ablenkt. Wenn man Besitz hat, ist man damit beschäftigt und braucht den Nächsten viel weniger, man hat auch weniger Zeit für ihn, weil man sich ja um seinen Besitz kümmern muss. Und Besitz schafft Sicherheit! Ist es nicht manchmal fast grotesk, dass in so einer Einfamilienhaussiedlung selbstverständlich in jedem Haus so ein Hochdruckreiniger vorhanden ist, obwohl man den nur einmal oder zweimal im Jahr braucht? Man könnte den auch gegenseitig ausleihen! Reichtum? Sicherheit?

Nicht umsonst verzichten zum Beispiel die Brüder von Taizè auf jeden privaten Besitz. All ihr persönliches Einkommen geben sie weg. Aber sie sind auch Realisten, sie haben alle eine Rentenversicherung, die dafür sorgt, dass der Einzelne dann später der Gemeinschaft nicht mehr als nötig auf der Tasche liegt.

Aber in unserem Gleichnis geht es nicht nur um Reichtum und Armut. Der Reiche möchte, dass seine Brüder gewarnt werden, gewarnt mit dem Wunder, dass Lazarus dort auftaucht und erzählt, was er erlebt hat. Wenn ein Mensch, der schon tot war, auftaucht, dann wird der Aufmerksamkeit erregen, man bestimmt auf ihn hören. Das wäre doch ein absolut durchschlagender Beweis.

Aber Abraham denkt da anders. „Sie haben doch die Bibel! Die sollten sie lesen, darüber sollten sie miteinander reden“. Sie kann zu ganz neuen Erkenntnissen verhelfen, weil da Menschen – sicher vor langer Zeit – sich mit ihren Problemen herumgeschlagen haben. Sicher die hatten noch keine Tablets und Handys, aber ihre Probleme waren dieselben, wie wir sie heute haben. Es lohnt sich wirklich, sich damit zu befassen!“

Ich muss wohl noch was sagen zu der ganzen Geschichte. Ich glaube, viele von uns berührt das eigenartig, wenn wir jetzt erfahren, was nach unserem Tod los sein soll. Manche werden sagen, was soll ich mich jetzt darum kümmern. Ich weiß doch gar nicht was dann sein wird. Viel wichtiger sind uns doch die Probleme, mit denen wir und hier herumschlagen müssen. Zu Anfang habe ich ein paar angedeutet. Ja, und doch! Es lohnt sich manchmal, innezuhalten, und die Dinge von einer anderen Seite aus zu betrachten.

Aber zurück zu unserer Geschichte. Wenn wir glauben, dass mit dem Tod nicht alles aus ist, dann sind solche Gedanken doch wohl wichtig. Besonders deshalb, weil sie unser Leben und unsere Einstellungen dazu schon heute beeinflussen. Wir werden anders mit uns, mit unserem Leben und mit unseren Nächsten umgehen, wenn wir das im Blick haben. „Lehre und bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden“, sagt der Psalmist. Und Jesus hat diese Geschichte erzählt, weil er uns das sagen wollte.

Lasst mich abschließen mit einem Gedicht von Kurt Marti:

das könnte manchen herren so passen wenn mit dem tode alles beglichen die herrschaft der herren die knechtschaft der knechte bestätigt wäre für immer
das könnte den herren so passen wenn sie in ewigkeit herren blieben im teuren privatgrab und die knechte knechte in billigen reihengräbern
aber es kommt eine auferstehung die anders ganz anders wird als wir dachten es kommt eine auferstehung
die ist der aufstand gottes gegen die herren und gegen den herrn aller herren: den tod.

Amen.

 

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